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Ausblicke auf neue Strategien und Methoden

Quartiermanagement in der post-politischen Stadt

Samuel Mössner

1 Einleitung

Ende der 1990er Jahre rückte die Quartiersebene (wieder) in den Blick von Politik und Wissenschaft. Diese (Neu-)Ausrichtung war bedingt durch die Erkenntnis, dass „die Folgen der ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen am Übergang ins 21. Jahrhundert“ (Kronauer/Vogel 2002: 1) vor allem in den Quartieren „wie in einem Brennglas“ (ebenda) bündelten. Nicht alle Menschen konnten von den Restrukturierungen städtischer Arbeitsmärkte gleichermassen profitieren. Und durch die nicht-Integration in den (lokalen und geregelten) Arbeitsmarkt, nicht-Eingliederung in stabile, soziale Beziehungen und die Ausgrenzung gegenüber politischen Beteiligungsstrukturen verstärkten sich Exklusionsprozesse, in deren Folge Personen nicht nur räumlich an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden (Böhnke 2006). Die sozialen und räumlichen Disparitäten äusserten sich in den Städten durch die Herausbildung von Wohnumfeldern und Quartieren, die von strukturellen Benachteiligungen geprägt sind und deren Bewohnerinnen und Bewohner sich mit einer „in vielfacher Hinsicht benachteiligende[n] soziale[n] Lage“ (Kronauer/Vogel 2002: 1) konfrontiert sehen. Durch den vor allem in den Sozialwissenschaften vollzogenen „spatial turn“ (Lossau/Lippuner 2004) wurden diese Quartiere und ihre Effekte in den Blick genommen, um die Rolle des Quartiers im Kontext von sozialer Exklusion und Ausgrenzung zu verstehen. In den Studien wurde zum einen deutlich, dass Quartiere die soziale Lage verstärken können, zum anderen aber auch eine zentrale Ressource für politische Ansätze der Reintegration darstellen (Fried-

richs/Nonnenmacher 2010, Kronauer/Vogel 2002, Nieszery 2014).

Im Jahr 1999 legte die Bundesregierung ein politisches Programm auf, dessen Entsprechungen in den europäischen Nachbarländern bereits seit einiger Zeit Erfolg versprachen, negative Quartierseffekte zu relativieren und positive Wirkmechanismen des nachbarschaftlichen Kontexts konstruktiv zu fördern. Bereits seit einigen Jahren waren diese Ansätze in den europäischen Nachbarländern diskutiert und erprobt und hielten nun als mobile Politiken (McCann 2011, McCann/Ward 2011) Einzug auf unterschiedlichen Skalen, Ebenen und Räumen. Kern dieses Politikansatzes ist es, Sozialpolitiken zu bündeln und im Rahmen eines zeitlich determinierten Förderprogramms auf einen räumlich begrenzten Kontext zu fokussieren. Dieses Förderprogramm nimmt dabei speziell jene Quartiere in den Fokus, deren Quartiersstrukturen als Ressourcen für die Integration und Kohäsion der Bewohnerinnen und Bewohner vermeintlich brach liegen und genutzt werden können.

Seit nunmehr zwei Dekaden wird das Bund-Länderprogramm „Soziale Stadt – Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf“ (kurz: die Soziale Stadt) in Deutschland umgesetzt und damit lange genug, um zu reflektieren, was sich neben den vielen positiven Effekten, die das Programm zweifelsfrei für Bewohnerinnen und Bewohner der Quartiere hat, entwickelte. Ziel dieses Beitrags ist es, einen kritischen Blick auf den politischen Hintergrund des Programms zu werfen, nicht etwa um eine Evaluierung des Programms vorzulegen, sondern um zu verstehen, aus welcher stadtpolitischen Tradition heraus das Programm entworfen wurde und wie es in die unternehmerische Stadt integriert ist. Im Zentrum des Beitrags steht dabei das Quartiersmanagement, das als zentrale Steuerungsebene für die Umsetzung eines sogenannten integrierten Handlungsansatzes im Programm von Relevanz ist.

Durch das Quartiersmanagement sollen neue Governanceformen auf Quartiersebene konzentriert und kommunale sowie zivilgesellschaftliche Akteure/Akteurinnen miteinander vernetzt werden. Damit leistet das Quartiersmanagement einen wesentlichen Beitrag für die Institutionalisierung eines partizipativen Instrumentariums auf der Quartiersebene. Quartiersmanagement und Partizipation werfen allerdings auch Fragen nach dem lokalen Demokratieverständnis auf, welches im Zusammenhang mit der Umsetzung des Programms Soziale Stadt steht. Dazu bedient sich der vorliegende Beitrag einer postpolitischen Perspektive, in deren Mittelpunkt Fragen des politischen Ausschlusses, der Umsetzung demokratischer Strukturen und der (De-)Politisierung von Quartierspolitik stehen (Valentine 2005, Krasmann 2010, Rancière 2008, Rancière

2004, Gill et al 2012, Allmendinger/Haughton 2012, Gomes de Matos 2013).

 
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