Welche Methoden stellen aber eine breite Teilnahme sicher?

In der post-politischen Situation scheinen keine Alternativen zur herrschenden Ordnung zu existieren (Siehe auch: Mouffe 2005, Harvey 2000). Werden urbane Themen in den Medien, in der Forschung oder in der Planung diskutiert, zielt die Rhetorik oft darauf ab, einen Konsens zu bilden über die „richtige“ oder

„falsche“ Art, unsere Städte zu machen. Diese Tendenz zu konsensgesteuerter moralischer Beurteilung instanziiert den Irrglauben, es gäbe keine Alternativen, anstatt uns auf die Suche nach Alternativen zu schicken.

Übrigens wird auch die gängige urbane Kunstpraxis unserer Ansicht nach mehr und mehr Teil dieses moralischen Beurteilungssystems, indem sie nicht mehr in erster Linie kritische Fragen stellt, sondern hauptsächlich Antworten auf im Raum stehende Ja-Nein-Fragen gibt – also die bestehende Richtig-FalschDichotomie höchstens kommentiert, aber nicht mehr hinterfragt. Auch die Kunst instanziiert somit zunehmend den Irrglauben, es gäbe keine Alternativen. Ausserdem besorgt uns, wie gängige Implementation von Kunst im urbanen Kontext dieses kritische Potential von Kunst verneint und stattdessen unter dem Diktat einer ökonomischen Standortförderung in Form Eventization oder Artivism instrumentalisiert wird. Brauchen wir in der vorherrschenden Konsenskultur nicht erst eine kritische epistemische Kunstpraxis, im Sinne von Rancières Konzept von Kunst, die Raum schafft für Brüche, Konflikt und Ambivalenz, für ein Befragen und Hinterfragen der Gegenwart, für ein Imaginieren von Alternativen zur herrschenden Ordnung (Rancière 2004)?

Die Schweizer Basisdemokratie bietet einzigartige Möglichkeiten zur Mitsprache und Mitwirkung, die weit darüber hinausgehen können, bei Abstimmungen Ja oder Nein zu sagen. Und doch beschränken sich die demokratischpolitischen öffentlichen Debatten und Entscheidungsprozesse allzu oft auf die moralische Beurteilung einer Situation, anstatt eine echte Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Realitäten und möglichen Alternativen zu wagen. Anstatt Fragen aufzuwerfen und zum Mitdenken anzuregen, werden uns oft von Anfang an Antworten geliefert. Es wird uns eine Problemlösung vorgeschlagen, die von den unterschiedlichen Akteuren und Akteurinnen als gut oder schlecht taxiert wird. Natürlich sind sich die Parteien nicht einig – aber doch sehr einig darüber, dass es ein Richtig und ein Falsch gibt. Damit dies auch der/die unbedarfte oder eiligste Bürger/Bürgerin versteht, beschränken sich Abstimmungen auch in hochkomplexen Fragestellungen auf die Auswahl zwischen einem Ja und Nein. Es wird in der Propaganda so viel Energie auf die Polarisierung aufgewendet, bis alle glauben, es gäbe von zwei Lösungen nur eine gute, richtige. Verlockende Alternativen werden ausgesiebt.

Müssen wir also anpeilen, dass Partizipation viel früher stattfindet? Nicht erst, wenn die Pläne schon gemacht sind, auch nicht einfach, indem erst einmal Bedürfnisse gesammelt werden, sondern noch früher? Müsste die Bevölkerung schon da miteinbezogen werden, wo Situationen noch offen sind, wo politische Entscheidungsprozesse noch nicht festgefahren sind in Ja versus Nein? Müssten Partizipationsprozesse vor allem darauf fokussieren, lokales Wissen zu sammeln? Oder sogar als erstes: lokales Wissen überhaupt zu generieren? Und was ist denn überhaupt dieses lokale Wissen? Wo und wie entsteht es? Wie können wir es einfangen? Und wie können wir es übersetzen?

Aufgrund solch offener Fragen haben wir unser sozial-artistisches Stadtlabor zURBS gegründet, um in partizipativen Projekten mittels kreativer und imaginativer Prozesse lokales Wissen hervorzubringen und nach Alternativen und Visionen für das Zusammenleben in unseren Städten zu suchen: ein Zusammenleben nicht in Konsens, sondern in Koexistenz.

Unsere Arbeit basiert auf den Thesen, dass Raum nie eine fixe Gegebenheit ist, dass Wissen immer partiell ist, dass die Kunstpraxis ein grosses Potenzial zur kollektiven Stadtforschung aufweist, und dass Methoden aus der Kunstpraxis – allen voran die Imagination, also die Vorstellungskraft – uns dabei helfen werden, eine Vielheit von Raum und eine Vielheit von Wissen sichtbar zu machen und daraus den Raum für alle möglichen Zukünfte offen zu halten.

Diese Thesen werden wir nun ausführlicher besprechen und dann durch Projektbeispiele illustrieren.

 
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