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1.1 Ist Stress für jeden gleich? Frühe Stresstheorien und das

Stressmodell von Richard Lazarus

Zu Beginn der wissenschaftlichen Stressforschung in den 1930er-Jahren ging der österreichisch-kanadische Arzt Hans Selye (1936) davon aus, dass jeder Mensch nur bis zu einer bestimmten Grenze mit Stress und Belastungen umgehen kann. Auf eine Belastung folgt automatisch eine Alarmreaktion wie Gänsehaut oder erhöhter Blutdruck. Daran schließt sich die Widerstandsphase an, die durch Anpassungsreaktionen des Organismus gekennzeichnet ist. Beim Menschen werden z. B. die Verdauungsprozesse mit den gesteigerten Anforderungen besser umgehen kann. Dauert die Belastung zu lange an, kommt es zur Erschöpfungsphase. Das Immunsystem bricht zusammen und der Mensch wird krank. Obwohl bereits Selye forderte, Stress differenziert zu betrachten, und zwischen „gutem“ (Eu-)Stress und schlechtem (Dis-)Stress trennte, wurde sehr lange nicht wirklich zwischen den Formen von Belastungen unterschieden. So entwickelten in den 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts die Psychiater Holmes und Rahe (1967) eine Stressskala, die bestimmten Lebensereignissen Belastungswerte zuordnet. Danach ist der Tod des Lebenspartners mit 100 Punkten das am meisten belastende Ereignis. Auch eine Scheidung (65 Punkte) oder der Tod eines Angehörigen (63 Punkte) sind eindeutig negative und belastende Ereignisse. Allerdings erreichen auch eigentlich positive Ereignisse wie eine Heirat (50 Punkte) oder ein Familienzuwachs (39 Punkte) durchaus hohe Stresswerte auf der Skala, weil sie nach Holmes und Rahe das bisherige Leben einschneidend verändern und vom Organismus ebenfalls Anpassungsleistungen an die neue Situation fordern.

Bahnbrechend war die Veröffentlichung des transaktionalen Stressmodells des Psychologen Richard Lazarus (1991; Lazarus und Folkman 1984). Lazarus und seine Mitarbeiter haben eine im Grunde recht einfache Theorie entwickelt, die in Abb. 1.1 dargestellt ist; seine Thesen besitzen bis heute Gültigkeit (z. B. Blascovich et al. 2011). Gegenüber den vorangegangenen Ansätzen wird Stress zum ersten Mal als eine Wechselwirkung zwischen der Person und der Situation betrachtet. Ob eine bestimmte Situation dann tatsächlich Stress auslöst, hängt nach Lazarus weniger von den objektiven Merkmalen der Situation ab, sondern vielmehr von der subjektiven Einschätzung der Person. Konkret hängt nach dieser Theorie die Auswirkung einer potenziell belastenden Situation von der Beantwortung zweier Fragen ab. Die erste Frage, das primary appraisal bzw. die erste Bewertung, ist, ob der Stressor als irrelevant oder potenziell gefährlich eingeschätzt wird. Wird eine Situation als potenziell gefährlich eingestuft, kann sie als eine mehr oder weniger positive Herausforderung angesehen oder aber als Bedrohung interpretiert werden.

In der nächsten Stufe, der zweiten Bewertung (secondary appraisal ), fragt sich das Individuum, ob es mit der potenziell bedrohlichen Situation umgehen kann. Dazu muss der Betreffende für sich klären, ob er über die notwendigen Ressourcen verfügt oder solche aktivieren kann, um die Situation zu bewältigen – diese Bewältigung wird Coping (von engl. to cope) genannt. Man könnte der Situation z. B. ausweichen und sich ihr durch Flucht entziehen oder versuchen, sie aktiv anzugehen und zu lösen.

Eine Lehrerin, die eine Klasse unkonzentrierter Kinder unterrichtet, wird dies vielleicht in der ersten Bewertungsstufe als Herausforderung ansehen und ihren Unterricht interessanter gestalten, ohne darunter körperlich zu leiden. Dagegen wird sie eine Gruppe sehr aggressiver Schüler

Abb. 1.1 Das transaktionale Stressmodell

vielleicht eher als potenziell bedrohlich einschätzen. Ob sie aber Stressreaktionen zeigt, hängt zum einen davon ab, wie sie in der zweiten Bewertungsphase ihre Bewältigung ähnlicher Situationen in der Vergangenheit einschätzt (gut oder schlecht) und zum anderen davon, ob sie über Handlungsalternativen verfügt, die ihr jetzt helfen, die Lage zu meistern (oder nicht). Ein und dieselbe Situation – die aggressiven Schüler – wird also je nach Vorerfahrungen und Ressourcen von dem einen Lehrer als bedrohlich und nicht zu bewältigen wahrgenommen, von einem anderen Lehrer als weniger bedrohlich und gut beherrschbar. Der erste Lehrer wird, wenn die Situation regelmäßig vorkommt, eher darunter leiden und krank werden, der letztgenannte wird vielleicht sogar daran wachsen, indem er z. B. ständig innovative Methoden entwickelt, die seinen Unterricht bereichern.

Grob unterscheiden kann man drei Arten von Bewältigung, nämlich das problemorientierte, das emotionsorientierte und das bewertungsorientierte Coping. Am wirkungsvollsten ist das problemorientierte Coping. Dabei versucht man, sich neue Informationen zu beschaffen, um das Problem zu lösen; man geht das Problem aktiv an, sucht sich ggf. Hilfe von außen usw. Gelingt dies nicht oder ist es nicht möglich (z. B. wenn ein Angehöriger gestorben ist), kann auch das emotionsorientierte Coping wirkungsvoll sein, indem man versucht, mit den traurigen Gedanken fertig zu werden oder die durch die Situation hervorgerufene Erregung abzubauen. Das bewertungsorientierte Coping, das Lazarus auch als dritte Bewertungsstufe (re-appraisal oder Neubewertung) bezeichnet, kann z. B. dadurch erfolgen, dass eine zunächst als potenziell gefährlich eingeschätzte Situation („ich muss vor dem Vorstand eine Präsentation halten und wenn ich versage, bin ich meinen Job los“) uminterpretiert wird in eine Herausforderung („ich darf vor dem Vorstand präsentieren und auch wenn es in die Hose geht, wird das eine ganz wichtige Erfahrung, aus der ich nur lernen kann“).

Wir werden später auf das Stressmodell noch einmal zurückkommen und es um eine soziale Komponente erweitern. Einen Hinweis auf die Rolle einer solchen sozialen Komponente und darauf, warum zwar viele Befragte stressige Arbeitsanforderungen erleben, sich aber davon nicht gleich belastet fühlen, liefert wieder der schon oben zitierte Stressreport: Die Hälfte aller Befragten erlebt immer oder fast immer Unterstützung durch den unmittelbaren Vorgesetzten und 70 % fühlen sich gut durch die Kolleginnen und Kollegen unterstützt.

Ein gutes Miteinander und gegenseitige Unterstützung im Team, das werde ich in diesem Buch immer wieder zeigen, ist eine ganz wichtige Ressource, um mit den Anforderungen, die die moderne Arbeitswelt mit sich bringt, umzugehen. Aber was ist die Voraussetzung für das Geben, das Nehmen und auch die richtige Interpretation von Unterstützung am Arbeitsplatz? Eine starke Identität. Einen großen Teil unserer Identität beziehen wir aus den Gruppen, denen wir angehören; sie bestimmen unser Denken, Fühlen und Verhalten.

Und in diesem Sinne kann je nach Gruppe ein und dasselbe Phänomen völlig anders erlebt werden. Nehmen Sie die Freizeit-Volleyballmannschaft, die sich am Dienstagabend zum Training trifft. Die Spieler beginnen mit einem kleinen Waldlauf, üben dann etwas Technik, diskutieren Strategien für das nächste Spiel und powern sich anschließend bei einem Spielchen vier gegen vier völlig aus. Nass geschwitzt und erschöpft sitzen sie danach noch bei einem Glas Bier zusammen. Glauben Sie, dass einer der Spieler das gerade Erlebte als Stress bezeichnen würde? Vermutlich nicht – Sie werden eher sagen, dass das eine sehr gesunde Form ist, körperliche Bewegung und soziale Aktivität in idealer Weise zu kombinieren.

Stellen Sie sich nun eine der erwähnten Personen am nächsten Morgen vor. Die Person hat etwas verschlafen, schmiert sich hektisch ein Frühstücksbrot und eilt im Laufschritt zur Bushaltestelle. Der Bus braucht ein wenig länger und wieder muss unsere Person fast rennen, um es noch pünktlich zur Arbeit zu schaffen. Nass geschwitzt und bereits am Morgen erschöpft sitzt sie in der ersten Besprechung und trinkt mit den Kollegen eine Tasse Kaffee. Die gleiche physiologische Erregung (vom Laufen), den Schweiß und das Gefühl, ausgepowert zu sein, würden wir in diesem Fall wahrscheinlich eher als Stresserlebnis und weniger als gesunde Bewegung bezeichnen.

In ähnlicher Weise können wir auch Teams und Gruppen bei der Arbeit vergleichen. Die eine Gruppe ist ein echtes Team von Kollegen, die sich gegenseitig unterstützen und absichern – die andere Gruppe ist eine Ansammlung von Individuen, die nur das Erreichen ihrer jeweiligen Einzelziele im Sinn haben. Welche dieser beiden Gruppen würde wohl den Verlust eines Projektes, einen unangenehmen Kunden oder einen neuen Wettbewerber als bedrohlich und stressend erleben und welche Gruppe würde dies als Herausforderung ansehen, aus deren Bewältigung man lernen und daran wachsen kann? Um diese Frage gut beantworten zu können, wollen wir uns im folgenden Kapitel die Theorie der sozialen Identität anschauen.

Literatur

Blascovich, J., Mendes, W. B., Vanman, E., & Dickerson, S. (2011). Social psychophysiology for social and personality psychology. London: Sage.

Freudenberger, H. J. (1974). Staff-burn-out. Journal of Social Issues, 30, 159–165.

Holmes, T. H., & Rahe, R. H. (1967). The social readjustment rating scale. Journal of Psychosomatic Research, 11, 213–218.

Lazarus, R. S. (1991). Emotion and adaptation. New York: Oxford University Press.

Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal, and coping.

New York: Springer.

Lohmann-Haislah, A. (2012). Der Stressreport Deutschland 2012. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Maslach, C. (1982). Burnout – The cost of caring. Englewood Cliffs: Prentice Hall.

Maslach, C., & Jackson, S. E. (1981). The measurement of experienced burnout. Journal of Occupational Behaviour, 2, 99–113. Selye, H. (1936). A syndrome produced by diverse nocuous agents.

Nature, 138, 32.

 
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