Gruppe macht glücklich: Hypothesen für das Erleben von Stress

Unsere Hypothese ist also folgende: Je mehr sich Menschen als Gruppenmitglieder definieren, umso mehr sollten sie soziale Unterstützung geben, nehmen und auch von ihr profitieren. Dass soziale Unterstützung positiv wirkt, scheint fast trivial. Wenn ich behaupte, dass Menschen, die sich sozial unterstützen, gesünder sind, dann wird kaum jemand widersprechen. Oder?

Denken Sie einmal an die letzten Gelegenheiten, bei denen eine Arbeitskollegin Ihnen Hilfe angeboten hat. Tat sie dies vielleicht mit einem Unterton des „Na gut, ich helfe dir, aber du weißt schon, dass ich dadurch selbst länger arbeiten muss …“, oder „Wenn ich dir jetzt mit dem Patienten helfe, erwarte ich aber von dir, dass du den nächsten Bereitschaftsdienst von mir übernimmst“. Oder denken Sie an eine Situation, in der Sie sich überwinden mussten, einen Kollegen um Hilfe zu bitten, weil dieser seine Hilfe oft mit einem „Okay, ich helfe dir, du hast es eben nicht so drauf“-Kommentar versieht. Dies sind Beispiele für die mittlerweile in einigen Studien gefundenen dysfunktionalen Aspekte sozialer Unterstützung (Beehr et al. 2010). Insgesamt ist der Effekt von sozialer Unterstützung in der Tat nicht sehr stark. So finden Schwarzer und Leppin in einer Metaanalyse bereits 1991 über mehr als 100 Studien hinweg nur einen kleinen positiven Effekt sozialer Unterstützung von r = 0,07 (das r bezeichnet wieder unsere Korrelation, die wir im vorangegangenen Kapitel schon eingeführt hatten – sie geht von − 1 bis + 1 und entsprechend liegt die 0,07 recht nahe bei null, also ein nur sehr geringer Wert) und bei der Mehrzahl der untersuchten Studien lediglich Effekte um null herum. Dies mag in verschiedenen Faktoren begründet sein, wie der ungenauen Messung von Unterstützung, aber es hängt unserer Meinung nach vor allem damit zusammen, dass Unterstützung eben häufig auch Misstrauen auslöst und zu Minderwertigkeitsgefühlen führen kann. Auch Semmer et al. (2008) betonen, dass soziale Unterstützung nur dann positive Auswirkungen hat, wenn sie mit einer wertschätzenden Haltung erbracht wird.

Unser Argument, der Theorie der sozialen Identität folgend, ist, dass sozialer Unterstützung vor allem dann mit Misstrauen begegnet wird, wenn Geber und Nehmer nicht der gleichen Gruppe angehören oder sich zumindest nicht als Angehörige einer gemeinsamen Gruppe wahrnehmen. Sehe ich meinen Chef in erster Linie als Mitglied der Gruppe der „Manager“ und mich selbst als „Arbeiter“ oder „Angestellten“, werde ich sein Unterstützungsangebot weniger positiv aufnehmen, als wenn ich mich und meinen Chef als gemeinsame Mitglieder eines Teams sehe.

Die Forschung zeigt also, dass die Frage, ob soziale Unterstützung immer gut ist, überhaupt nicht trivial ist. Es kommt darauf an, wie die soziale Unterstützung interpretiert wird. Und unsere im Grunde sehr einfache Hypothese, die mittlerweile in vielen Studien überprüft wurde, ist, dass eine starke Identifikation mit der Gruppe, also z. B. der Firma oder dem Team, deshalb hilft, Stress zu reduzieren oder besser mit Belastungen umzugehen, weil man sich in einer Gruppe mit starker geteilter Identität mehr unterstützt, die Unterstützung eher annimmt und dadurch alle mehr von der Unterstützung profitieren (Haslam und van Dick 2011; van Dick und Haslam 2012).

In diesem Buch werde ich eine ganze Reihe von Studien präsentieren, die mit verschiedenen Methoden und in ganz unterschiedlichen Arbeits- und Lebensbereichen letztlich immer wieder drei Grundannahmen untersuchen. Die erste Annahme ist, dass eine geteilte soziale Identität hilft, mit Stress besser umzugehen, weil die Belastungen dadurch weniger negativ bewertet werden (die erste Bewertung im Sinne von Lazarus' Modell).

Zweitens kann man aus der Theorie ableiten, dass eine geteilte Identität hilft, besser mit Stress umzugehen, weil man sich stärker unterstützt fühlt und dadurch zuversichtlicher ist, die Belastungen bewältigen zu können (die zweite Bewertungsstufe bei Lazarus).

Drittens kann man annehmen, dass eine geteilte Identität nicht nur das individuelle Gefühl, mit den Belastungen selbst fertig zu werden, stärkt, sondern auch die sog. kollektive Selbstwirksamkeit gefördert wird. Wenn man sich gemeinsam mit anderen einer Belastung ausgesetzt sieht (z. B. ein Team einem herumschreienden Vorgesetzten) und die Teammitglieder eine gemeinsame Identität entwickelt haben, hat man auch stärker das Gefühl, gemeinsam etwas bewirken zu können im Sinne des „Wir schaffen das!“.

Als Erstes werde ich zur Überprüfung der Grundannahmen einige Studien zeigen, in denen wir Identifikation gemessen und das Ergebnis mit verschiedenen Kriteriumsvariablen aus dem Gesundheitsbereich korreliert haben.

Literatur

Beehr, T. A., Bowling, N. A., & Bennett, M. M. (2010). Occupational stress and failures of social support: When helping hurts. Journal of Occupational Health Psychology, 15, 45–59.

Van Dick, R., & Haslam, S. A. (2012). Stress and well-being in the workplace: Support for key propositions from the social identity approach. In: J. Jetten, C. Haslam, & S. A. Haslam (Hrsg.), The social cure: Identity, health, and well-being (S. 175–194). Hove: Psychology Press.

Haslam, S. A., & Van Dick, R. (2011). A social identity analysis of organizational well-being. In D. De Cremer, R. Van Dick, & K. Murnighan (Hrsg.), Social psychology and organizations (S. 325– 352). New York: Taylor & Francis.

Schwarzer, R., & Leppin, A. (1991). Social support and health: A theoretical and empirical overview. Journal of Personal and Social Relationships, 8, 99–127.

Semmer, N. K., Elfering, A., Jacobshagen, N., Perrot, T., Boos, N.,

& Beehr, T. (2008). The emotional meaning of instrumental social support. International Journal of Stress Management, 15, 235–251.

 
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