Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Psychologie arrow Stress lass nach
< Zurück   INHALT   Weiter >

6 „Steh auf, wenn du ein Schalker bist …“: Hilfsbereitschaft bei Fußballfans

Wir haben in den vielen bisher berichteten Studien gezeigt, dass die stärker identifizierten Studienteilnehmer oder berufstätigen Menschen in unseren Befragungen ganz häufig, wie wir theoretisch vermutet haben, über mehr soziale Unterstützung berichten als die weniger stark identifizierten. Aber: Ist dies vielleicht eine Illusion? Sehen identifizierte Teammitglieder ihr Team und ihre Kollegen vielleicht durch die rosarote Brille? Glauben sie nur, dass sie im Notfall unterstützt werden, oder wird in Gruppen mit stärker geteilter Identität tatsächlich mehr Unterstützung ausgetauscht? Zur Beantwortung dieser Frage wollen wir uns einige Studien ansehen, die Mark Levine durchgeführt hat (er ist allerdings Engländer, wir werden also von den im Titel angesprochenen Schalkern hier doch noch nichts erzählen …).

Levine et al. (2005) rekrutierten an einer englischen Universität ihre Teilnehmer durch einen Aushang, der für eine Studie zum englischen Fußball warb und eine Kontaktnummer angab. Die Interessenten, die dort anriefen, wurden nach einigen demografischen Daten gefragt, u. a. nach ihrem Lieblingsverein in der englischen Premier League. Anschließend wurden nur die 45 Teilnehmer einzeln ins Labor eingeladen, die vorher gesagt hatten, sie seien Fans von Manchester United. Im Labor angekommen wurde ihnen noch einmal gesagt, in der Studie würde es um Fußball gehen. Sie mussten z. B. mehrere Fragebögen zum Thema Fußball ausfüllen, u. a. eine Skala zur Identifikation mit ihrem Lieblingsverein. Dann wurden sie zu einem anderen Gebäude geschickt – angeblich, um dort ein zur Studie gehörendes Video zu sehen. Auf dem Weg dahin begegnete ihnen ein Jogger, der kurz vor ihnen ausrutschte, hinfiel und sich vor Schmerz den Knöchel hielt. Einem Drittel der Teilnehmer kam ein Jogger mit Manchester-Trikot entgegen (natürlich in Wirklichkeit ein Konföderierter, also ein Verbündeter der Versuchsleitung, der ganz gut gelernt hatte, die anschließende Notfallsituation zu schauspielern), ein Drittel traf auf einen Jogger mit einem Trikot des FC Liverpool und ein weiteres Drittel auf einen Jogger mit neutralem Laufshirt. Die Versuchsleiter hatten sich vorher hinter Bäumen und Büschen versteckt und beobachteten, wie die Versuchsperson reagierte. Eigentlich sollte man doch jedem helfen, der gestürzt ist, oder sich zumindest nach dem Befinden erkundigen, oder? Aber so einfach ist es nicht; wie Sie sich denken können, spielt die Identität der beteiligten Personen eine große Rolle. Trug der Jogger ein neutrales Shirt, wurde ihm vier Mal geholfen, doppelt so oft nicht. Trug er ein Shirt des FC Liverpool erhielt er sogar nur in drei Fällen Hilfe, sieben Mal wurde er ignoriert. Dem Träger eines ManU-Shirts dagegen wurde nur ein einziges Mal nicht geholfen. Dreizehn Versuchspersonen, die diesem Jogger begegneten, halfen ihm – das sind über 90 % gegenüber 30 % (Liverpool-Shirt) bzw. 33 % (neutrales Shirt) in den beiden anderen Szenarien. Wenn Sie das nächste Mal joggen gehen, überlegen Sie sich also vorher, welchen Fans sie im Notfall begegnen können, und wählen Sie Ihre Garderobe entsprechend!

Allerdings führten Levine et al. noch ein weiteres Experiment durch. Es verlief im Wesentlichen nach demselben Muster: Sie rekrutierten auf die gleiche Art und Weise Manchester-United-Fans, die einige Fragebögen ausfüllen und sich danach zu einem anderen Gebäude begeben sollten. Wieder kam ihnen ein stolpernder Jogger entgegen und wieder trug dieser entweder ein ManU-, Liverpooloder ein neutrales Shirt. In diesem Experiment wurde den Teilnehmern aber eine gemeinsame positive Identität aller Fußballfans suggeriert. Bei der Begrüßung im Labor und in den Instruktionen zum Fragebogen wurde ihnen nämlich gesagt, dass die meiste Forschung sich auf negatives Verhalten von Fans konzentrieren würde, z. B. auf das aggressive Verhalten einiger weniger Hooligans. Diese Studie aber stelle nunmehr die Attraktivität des Fußballsports in den Mittelpunkt und ziele darauf, herauszuarbeiten, wie schön es allgemein sei, zu den Fußballfans zu gehören. Was denken Sie, wem jetzt weniger geholfen wurde? Richtig: dem Läufer mit dem neutralen Trikot, und zwar erhielt er in nur 22 % der Fälle Hilfe. Dem Jogger mit ManU-Shirt wurde zu 80 % geholfen und dem Jogger mit Liverpool-Shirt in fast genauso häufigen 70 %. Auch hier führt also die gemeinsame Identität, dieses Mal aber die gemeinsame Identität als Fußballfans und nicht die eines speziellen Vereins, zu mehr Unterstützung.

Auch die Studien von Levine et al. (2002) zeigen, dass die Entscheidung, ob Hilfe geleistet wird, von der Gruppenmitgliedschaft beeinflusst wird. In der ersten Studie an der Universität Lancaster kamen immer jeweils zwei Studenten als Probanden ins Labor. Ihnen wurde gesagt, sie sollten zusammen mit zwei weiteren Personen kleine Videos beurteilen, die sich alle vier gemeinsam ansehen würden. Die beiden anderen Versuchsteilnehmer waren in Wirklichkeit Konföderierte der Versuchsleitung; sie gaben sich in der Hälfte der Fälle als Studenten der Universität Lancaster aus, wodurch sie also mit den echten Teilnehmern eine gemeinsame Gruppenmitgliedschaft verband. In der anderen Hälfte der Experimente stellten sich die Konföderierten als Studenten des Morecambe College vor, also als Angehörige einer anderen Gruppe. Alle Teilnehmer sahen dann ein kurzes Video, das so aufgenommen war, als stammte es von einer öffentlichen Überwachungskamera (es war in Schwarz-Weiß, von relativ schlechter Qualität usw.). Es zeigte eine kurze Gewaltszene mit einem Opfer und einem Täter. Die Teilnehmer sollten danach zuerst laut sagen, ob sie in der Szene einschreiten und dem Opfer helfen würden, und anschließend einige Fragebögen ausfüllen. Die Konföderierten gaben ihre Antworten dabei zuerst, gefolgt von den echten Versuchsteilnehmern. Wenn die Konföderierten aus der anderen Gruppe stammten, ließen sich die Versuchspersonen nicht beeinflussen. Unabhängig davon, was die Konföderierten zuvor äußerten, ob sie helfen würden oder nicht, brachten die echten Versuchspersonen mit einem Mittelwert von ca. 3,5 (auf einer Skala von 1 = würde auf keinen Fall helfen bis 7 = würde auf jeden Fall helfen) etwa mittelmäßige Hilfsbereitschaft zum Ausdruck. Ganz anders war es in den Versuchsbedingungen, in denen die Konföderierten angeblich aus der eigenen Gruppe der Lancaster-Studierenden stammten. Gaben die Konföderierten an, sie würden nicht helfen, meinten die echten Versuchspersonen im Durchschnitt mit 2,5, dass sie auch eher nicht helfen würden. Wenn die Konföderierten aber vorher sagten, dass sie in der Situation eingreifen und den Opfern helfen würden, bekundeten das auch die echten Versuchsteilnehmer mit einem Durchschnittswert von ca. 6. Wir lassen uns also sehr davon beeinflussen, was andere tun – aber nur, wenn es sich dabei um Angehörige der eigenen Gruppe handelt.

In ihrem zweiten Experiment luden Levine und Kollegen erneut Studierende der Universität Lancaster ins Labor ein und wieder sahen sie ein kurzes Video, in dem ein junger Mann (aus der Stadt Lancaster) einen anderen jungen Mann körperlich attackierte. Das Opfer wurde entweder als Mitglied der eigenen Gruppe beschrieben (ein Student der Uni Lancaster) oder nicht (ein junger Mann aus der Stadt Lancaster). Anschließend wurden die Teilnehmer wiederum gebeten anzugeben, ob sie dem Opfer helfen würden oder nicht. Dem Opfer „aus der Stadt“ wurde mit Durchschnittswerten von 3,1 eher wenig Hilfe zuteil, war das Opfer dagegen als Angehöriger der eigenen Uni ausgegeben worden, stieg die Hilfeleistung deutlich an: auf einen Mittelwert von 5,4.

Diese Studien zeigen also ganz klar, dass wir tatsächlich bereit sind, Mitgliedern der eigenen Gruppe, mit der wir eine gemeinsame Identität teilen, mehr zu helfen und dies auch tatsächlich tun. Auch wenn es sich in den letzten beiden Studien um eine recht künstliche Laborsituation handelt und in den Fußballfanstudien ebenfalls nur um eine künstlich hergestellte Situation, so sind die Ergebnisse doch sehr wichtig, weil sie die theoretische Annahme bestätigen, dass geteilte Identifikation zu mehr Unterstützung führt. Dies experimentell nachgewiesen zu haben ist wiederum wichtig für die Beleuchtung der Zusammenhänge von Ursache und Wirkung. Denn man könnte natürlich auch argumentieren, nicht die Identifikation beeinflusse die Unterstützung, sondern es verhalte sich gerade umgekehrt. Man identifiziere sich nur dann mit seinen Gruppenmitgliedern, wenn man zuvor von ihnen unterstützt worden sei. Einen Zusammenhang in dieser Richtung bei den vorher berichteten Fragebogenstudien können wir nicht ausschließen und wollen dies auch nicht. Denn vermutlich geht der Zusammenhang in echten Gruppen, die länger zusammen sind, tatsächlich in beide Richtungen: Stark identifizierte Gruppenmitglieder unterstützen sich gegenseitig mehr und diese Unterstützung führt anschließend wieder zu stärkerer Identifikation. Im Experiment zu zeigen, dass es aber eine Wirkrichtung von der Identität auf die Unterstützung gibt, ist wichtig für die Ableitung von Maßnahmen. Wenn man weiß, dass die Identität die Ursache ist, kann man davon ausgehen, dass eine Steigerung der Ursache (also eine Erhöhung der Identifikation) auch die gewünschte Wirkung hat, nämlich hier eine stärkere Unterstützung. Wir werden uns als Nächstes weitere Studien im Labor ansehen, die wiederum zum Ziel haben, uns bei der Frage nach „der Henne und dem Ei“ Antworten zu geben.

Literatur

Levine, M., Cassidy, C., Brazier, G., & Reicher, S. (2002). Selfcategorization and bystander non-intervention: Two experimental studies. Journal of Applied Social Psychology, 32, 1452–1463.

Levine, M., Prosser, A., Evans, D., & Reicher, S. (2005). Identity and emergency intervention: How social group membership and inclusiveness of group boundaries shapes helping behavior. Personality and Social Psychology Bulletin, 31, 443–453.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften