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7 Im psychologischen Labor: Wie man (nicht nur) Studenten unter Stress setzt

Bislang haben wir uns vor allem Studien „im Feld“ angesehen, also solche Studien, die mit Menschen in verschiedenen realen Kontexten – z. B. in Bezug auf eine Berufsgruppe wie Lehrer oder Bombenentschärfer oder eine Organisation wie Krankenhäuser oder Unternehmen – durchgeführt wurden. In diesen Studien wurden die betreffenden Personen nach ihren ganz konkreten Einstellungen bzw. Verhaltens weisen im Hinblick auf diese Kontexte untersucht. Wenn ich bspw. einen Bankkaufmann nach seiner Identifikation mit der Bank, bei der er angestellt ist, frage und dann prüfe, ob sich diese Identifikation positiv auf seine Gesundheit und negativ auf sein Erleben von Stress bei der Arbeit auswirkt, handelt es sich dabei um eine Feldstudie. Sie hat das große Plus, dass die Ergebnisse eine hohe sog. ökologische oder externe Validität haben; das bedeutet, man kann sie leicht auf Mitarbeiter ähnlicher Unternehmen oder Berufsgruppen übertragen. Diesen Vorteil besitzen Laborstudien in aller Regel nicht.

Ich werde im Folgenden von verschiedenen Untersuchungen berichten, die meist mit Studierenden als Versuchsteilnehmern durchgeführt wurden. Studien mit Studenten sind nicht unbedingt weniger valide, solange ich die Studenten z. B. zu ihrer Identifikation mit der Universität und ihrem allgemeinen Gesundheitszustand befrage. Die Ergebnisse könnte man dann sehr wohl verallgemeinern und auf Studierende, vielleicht auch Schüler und Auszubildende, übertragen. In der Regel sprechen wir bei Untersuchungen mit Studierenden aber von Laborstudien. Diese lassen sich nicht gut auf Situationen außerhalb des Labors übertragen, sie haben jedoch ganz entscheidende Vorteile, die in Box 7.1 dargestellt sind.

Box 7.1 Der Universität zu kommen.

In psychologischen Experimenten handelt es sich dabei in der Regel um Psychologiestudierende aus den ersten Semestern. Den Probanden wird zuerst mitgeteilt, dass ihre Teilnahme freiwillig ist und sie das Experiment jederzeit abbrechen können. Danach wird ihnen grob erklärt, worum es geht – wobei sie manchmal freilich über den wahren Zweck des Experiments bewusst im Unklaren gelassen und erst am Ende des Experiments vollständig darüber aufgeklärt werden, was wirklich Inhalt und Ziel der Studie ist. Anschließend werden die Versuchspersonen zufällig einer der Bedingungen zugeordnet (das kann auch schon vorher, z. B. per Los oder Würfel geschehen); diese zufällige Zuteilung der Probanden ist eines der wichtigsten Merkmale eines Experimentes. Wenn ich etwa überprüfen möchte, ob sich negatives Feedback auf die Stimmung auswirkt, lose ich eine Hälfte der Versuchspersonen einer Bedingung zu, in der sie einen kurzen Aufsatz schreiben müssen, für den sie dann vom Versuchsleiter eine schlechte Beurteilung bekommen. Die andere Hälfte der Versuchsteilnehmer muss einen Aufsatz zum gleichen Thema schreiben, erhält dafür jedoch ein neutrales oder positives Feedback. Diese Manipulation von Feedback in den beiden Bedingungen nennt man die unabhängige Variable. Sie ist in dem Fall zweifach gestuft, in neutral und negativ. Ein Experiment kann aber auch eine mehrfach gestufte unabhängige Variable (z. B. neutral – positiv – negativ – gar kein Feedback) oder sogar mehrere unabhängige Variablen enthalten, die miteinander kombiniert werden. Im Anschluss daran findet die Messung des Kriteriums statt, anhand dessen man seine Hypothese überprüfen möchte. Beispielsweise könnte man Stimmung mit einer entsprechenden Skala verschiedener Adjektive erfassen (wie fühlen Sie sich jetzt im Moment? Sicher – unsicher; stark – schwach; aktiv – passiv usw.).

Entscheidend bei einem Experiment sind zwei Dinge: Erstens muss die Zuordnung der Versuchspersonen zu einer der Bedingungen tatsächlich zufällig erfolgen und dabei dürfen keine Fehler passieren. Wenn ich z. B. immer sechs Personen gleichzeitig in mein Labor zum Versuch einlade und aus Bequemlichkeit stets alle sechs der gleichen Bedingung zuordne, könnte es sein, dass die erste Sechsergruppe aus engen Freunden besteht, die sich vorher zu diesem Termin verabredet hatten, die zweite Sechsergruppe dagegen aus Fremden, die sich nicht kennen. Finde ich hinterher Unterschiede bei der Stimmung, könnte dies auf meine unabhängige Variable (also die Bedingung) zurückgehen, aber auch darauf, dass ich Freunde mit Fremden vergleiche – das Experiment wäre daher wertlos. Oder: Ich teste in der ersten Wochenhälfte alle Personen in der Bedingung mit negativem Feedback; in der zweiten Wochenhälfte führe ich die Versuche der anderen Bedingung durch. Bekomme ich nun Unterschiede in der Stimmung heraus und nehme dies als Beleg für meine Hypothese, mache ich einen großen Fehler, denn fast alle Menschen sind in der ersten Wochenhälfte im Durchschnitt in etwas schlechterer Stimmung als später in der Woche (am meisten positiv gelaunt ist man am Freitag und Samstag). Die tatsächlich zufällige Zuordnung ist also ganz wichtig. Der andere wesentliche Aspekt bei einem Experiment ist die Standardisierung der Untersuchungsmaterialien. Alle Versuchspersonen bekommen das gleiche Material, arbeiten unter gleichen oder zumindest sehr ähnlichen Bedingungen (z. B. hinsichtlich der Lichtverhältnisse usw.). Dadurch kann ich ausschließen, dass Unterschiede in meiner Kriteriumsmessung darauf zurückgehen, dass manche Versuchspersonen in einem leisen Raum, andere unter Lärm etc. gearbeitet haben.

Wenn ich die genannten Aspekte berücksichtige, haben die Ergebnisse einer Laborstudie einen ganz entscheidenden Vorteil gegenüber einer Feldstudie: Ich kann ganz genau sagen, dass Unterschiede in der abhängigen Variablen (der Stimmung) auf Unterschiede in der unabhängigen Variablen (dem Feedback) zurückgehen. Ich habe also gezeigt, dass das Feedback die Ursache für die Stimmung ist und nicht umgekehrt. Durch die zufällige Aufteilung und die Kontrolle von störenden Einflüssen kann es keinen anderen Grund geben und es kann auch nicht sein, dass die Stimmung auf das Feedback gewirkt hat. Würde ich allerdings beides in einer Gruppe von Studenten gleichzeitig messen (z. B. indem ich in einem Fragebogen ermittle, ob man ein gerade erhaltenes Feedback als positiv oder negativ wahrnimmt und wie die Stimmung ist), könnte es auch sein, dass der Teilnehmer schon morgens missgelaunt war, daher schlechtere Leistungen erbracht hat und deshalb ein negatives Feedback bekam. Ich kann also nicht auseinanderhalten, was die Henne und was das Ei ist. Zu wissen, was die Ursache und was die Wirkung ist, ist aber entscheidend dafьr, dass ich mit den Ergebnissen meiner Studie Lehrer oder Manager beraten kann. Denn nur wenn ich klar erkenne, was die Ursachen sind, kann ich auch Empfehlungen geben, wie man sie дndert.

Im Idealfall wird zu einer Thematik nicht nur eine Studie durchgefьhrt, sondern man kombiniert Feld- und Laborforschung. Dann kann man aufgrund der Feldstudien z. B. sagen, dass Identifikation und Unterstьtzung zusammenhдngen, und anhand eines Experimentes zeigen, dass eine hohe Identifikation ursдchlich fьr mehr Unterstьtzung ist.

Kommen wir nun zu einer ersten Laborstudie, die Jan Häusser, Maren Kattenstroth, Andreas Mojzisch und ich (2012) an der Universität Hildesheim durchgeführt haben. Um bei den Teilnehmern Stress auszulösen, benutzten wir ein Standardverfahren, den Trier Social Stress Test (TSST), den wir in Box 7.2 kurz vorstellen.

 
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