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Box 9.1 Was tun, wenn wir in der „schlechten“ Gruppe sind?

Stellen Sie sich vor, Sie gehören einer Gruppe mit vergleichsweise niedrigem Status an. Sie sind z. B. in vielen beruflichen Kontexten als Frau gegenüber Männern benachteiligt, weil diese mehr verdienen und in der Regel auch die einflussreicheren Positionen haben. Oder Sie fühlen sich als Ostdeutscher gegenüber den Westdeutschen benachteiligt (weil diese im Durchschnitt z. B. ebenfalls mehr verdienen). Insbesondere dieses Thema wurde von Mummendey und Kollegen relativ kurz nach der Wiedervereinigung in Untersuchungen mit Bürgern aus den neuen Bundesländern ganz gut erforscht (Mummendey et al. 1999). Zunächst kommt es darauf an, ob der Betroffene die Gruppengrenzen als durchlässig (permeabel) erlebt. Dies kann objektiv nur schwer möglich sein (Frauen können schlecht zu Männern werden). Aber auch dort, wo ein Wechsel in die andere Gruppe objektiv möglich wäre (ein Dresdener könnte nach Köln ziehen, sich dort Arbeit suchen und seinen Trabbi – wir sprechen von Studien Anfang der 90er-Jahre! – in einen Golf tauschen), kann man die Gruppengrenzen subjektiv als nicht permeabel wahrnehmen, weil man bspw. Angst hat, in Westdeutschland keine Arbeit zu finden, aufgrund des (sächsischen) Dialekts diskriminiert zu werden usw. Jemand, der die Gruppengrenzen aber als permeabel wahrnimmt, kann am ehesten einfach die Gruppe wechseln und erhöht so seinen Selbstwert, weil er dann einer statushöheren Gruppe angehört.

Als Nächstes kommt es darauf an, ob man die Unterschiede als legitim und stabil wahrnimmt. Ein Ostdeutscher kann es z. B. schon als irgendwie gerecht empfinden, dass die Westdeutschen mehr verdienen, und überzeugt sein, dass sich daran auch lange nichts ändern wird. In diesem Fall wird er nicht viel gegen die Ungleichheit tun, sondern seinen niedrigen Status (im Vergleich zu den Westdeutschen) akzeptieren. Um darunter aber nicht permanent zu leiden und um seinen Selbstwert zu stärken, wird er aber, das hat die Forschung auch bestätigt, kreative Lösungen finden. Er kann etwa die Vergleichsgruppe wechseln („im Vergleich zu den Westdeutschen geht es uns schlecht, doch gegenüber den Polen stehen wir blendend da“) oder die Vergleichsdimension ändern („ja, die Westdeutschen haben mehr Geld, aber dafür sind wir im Osten sozialer eingestellt und helfen uns gegenseitig“). Schließlich jedoch wird man, wenn man die Gruppengrenzen als nicht durchlässig wahrnimmt, die Unterschiede als illegitim empfindet und meint, dass sich daran auch etwas ändern könnte, aktiv versuchen, etwas zu tun. Man könnte sich, um ein Beispiel zu nennen, in politischen Parteien engagieren, die für die Rechte der ehemaligen Bürger der DDR eintreten. Diese Vorhersagen möglicher Reaktionen haben sich in den Studien von Mummendey und Kollegen auch bestätigt.

Kommen wir nun zurück zur BBC-Studie. Haslam und Reicher (2012a, b) wollten zeigen, dass nicht automatisch alle Menschen entsprechend ihrer sozialen Rolle handeln müssen und die überlegenen Wärter automatisch zu grausamen Autoritäten und alle Gefangenen zu willenlosen Befehlsempfängern werden. Deshalb manipulierten sie gezielt die in Box 9.1 genannten Bedingungen. Auch sie rekrutierten gesunde, psychisch unauffällige Männer und teilten sie nach Zufall in die beiden Gruppen der Wärter und Gefangenen ein. Auch in der BBC-Studie hatten die Wärter viele Privilegien (z. B. gutes Essen, die Möglichkeit, im Schichtbetrieb zu „arbeiten“), während die Gefangenen einfache Kleidung trugen, schlechteres Essen bekamen, in engen Zellen schlafen mussten und nur mit Nummern angesprochen wurden. Im Vergleich zu dem Experiment der Stanford University änderten Haslam und Reicher nun aber gezielt wichtige Faktoren. Ganz zu Beginn wurde den Gefangenen mitgeteilt, dass sie bei guter Führung in die Gruppe der Wärter wechseln könnten. Die Gruppengrenzen waren also zu Beginn durchlässig und jeder Gefangene versuchte, sich möglichst vorbildlich zu verhalten. Es kam in dieser Phase erwartungsgemäß nicht zur Bildung einer gemeinsamen Identität, also einem „Wir-Gefühl“ unter den Gefangenen. Am dritten Tag wurde dann tatsächlich ein Gefangener „befördert“ und den übrigen gleichzeitig mitgeteilt, dass weitere Wechsel in die Wärtergruppe nun ausgeschlossen seien. Ab jetzt begannen die Gefangenen, sich mit ihrer Gruppe zu identifizieren (es wurden täglich Fragebögen verteilt, mit denen man die Identifikation messen konnte). Am fünften Tag schließlich wurde ein weiterer Gefangener in das „Gefängnis“ gebracht. Dabei handelte es sich um einen ehemaligen Gewerkschaftsaktivisten, der gewohnt war, ungerechte Zustände nicht einfach hinzunehmen, sondern dagegen zu protestieren. So verhielt er sich auch im Experiment und stachelte dabei die anderen Gefangenen auf. Die Situation wurde dadurch also illegitim und instabil. Wieder entwickelten die Gefangenen entsprechend der Vorhersagen eine starke Identität und begannen, gegen die Wärter zu revoltieren. Zuletzt bildete sich eine gemeinsame „Kommune“ gegen die Versuchsleiter und

Abb. 9.1 Verlauf der Identifikation der Gefangenen und Wärter im BBC-Experiment

auch dieses Experiment wurde nach neun Tagen vorzeitig abgebrochen. Es hat gezeigt, dass nicht automatisch jeder Mensch Böses tut und entsprechend seiner Rolle handeln muss, sondern dass es auf die Umstände und die sich daraus entwickelnden Identitäten ankommt. Abbildung 9.1 zeigt die Entwicklung der Identifikation in den beiden Gruppen. Wie man sieht, nimmt die Identifikation der Gefangenen im Durchschnitt zu – vor allem an den kritischen Tagen 3 und 5 –, während sie bei den Wärtern nur an den ersten beiden Tagen relativ hoch ist, dann auf ein geringes Niveau sinkt und dort bleibt.

Während der Studie wurden insgesamt mehr als 800 h Videoaufzeichnungen gemacht, es wurden mit Fragebögen mehr als 60 verschiedene psychologische Faktoren gemessen und von den Teilnehmern regelmäßig physiologische Daten gesammelt, u. a. auch Cortisolproben zur Stressbestimmung. Haslam und Reicher (2006; Reicher und Haslam 2006) haben sich nämlich unter anderem für die Wirkung der Situation und der Manipulationen auf die Gesundheit und den Stress interessiert. Abbildung 9.2 zeigt die Verläufe der Depressionswerte von der Messung vor Beginn des Experimentes bis zu Tag 6 (danach wurde keine Messung mehr gemacht).

Wie entsprechend der Veränderung in den Identifikationswerten (s. Abb. 9.1) zu erwarten war, zeigten sich gegenläufige Verläufe der Depression bei Gefangenen und Wärtern. Während die Gefangenen insbesondere zu Beginn und sogar schon vor dem eigentlichen Experiment stärker

Abb. 9.2 Depressionswerte der Gefangenen und Wärter im BBCExperiment

Abb. 9.3 Stresswerte der Gefangenen und Wärter im BBC-Experiment

depressiv waren als die Wärter (d. h., es reicht schon zu wissen, dass man am nächsten Tag als Gefangener an einer Studie teilnehmen muss), drehte sich das Verhältnis nach zwei Tagen. Die Gefangenen wurden zusehends weniger depressiv, während das Depressionsniveau bei den Wärtern anstieg und dann auch bis zum Ende des Experiments höher war als das der Gefangenen. Nun wurden diese Depressionswerte mithilfe von Fragebögen erfasst und spiegeln wieder nur das subjektive Befinden der Teilnehmer wider. Wie aber Abb. 9.3 zeigt, werden die subjektiven Eindrücke auch durch die objektiv anhand von Cortisol gemessenen Stresswerte bestätigt. Am Vortag und zu Beginn der Studie sind die Stresswerte der Gefangenen höher als die der Wärter. Am Ende der Studie ist es umgekehrt und die Wärter zeigen objektiv mehr Stresssymptome. Die Fragebögen enthielten außerdem die drei Skalen zur Messung von Burnout (emotionale Erschöpfung, reduzierte Leistungsfähigkeit, Depersonalisierung – vgl. Box 1.1). Auf diesen Skalen ergaben sich für die Gefangenen zwischen Beginn und Ende der Studie kaum Unterschiede, während das Burnoutniveau bei den Wärtern deutlich anstieg, vor allem empfanden sie sich als weniger leistungsfähig und äußerten mehr Depersonalisierungsgefühle.

Schließlich sei noch erwähnt, wie das Videomaterial genutzt wurde. Haslam und Reicher schnitten es zusammen und produzierten zwei Videos der Tage 2 und 6, die sie ohne weitere Kommentierung 20 Versuchspersonen zeigten. Diese sollten anhand von Ratingskalen einschätzen, wie depressiv die beiden Gruppen seien und wie viel Stress sie hätten. Dabei bestätigten sich die Muster aus den Selbstberichten der Wärter und der Gefangenen: Auch die Beobachter nahmen wahr, dass es den Gefangenen zusehends besser ging, während die Wärter am Ende der Studie mehr unter Depression und Stress litten als zu Beginn.

Insgesamt ist diese Studie ein weiterer schöner Beleg für die These, dass gemeinsame Identität zu besserem Wohlbefinden beiträgt. Obwohl es sich um eine künstliche Situation handelte und die Teilnehmer das Gefängnis (und damit die Studie) jederzeit hätten verlassen können, haben die manipulierten Faktoren (also Permeabilität, Legitimität und Stabilität) deutliche Auswirkungen auf die Identifikation mit der jeweiligen Gruppe. Die Identifikation wirkt sich dabei auf wichtige Gesundheitsaspekte aus. Dass es den Gefangenen mit gesteigerter Identifikation subjektiv besser geht und den Wärtern mit Absinken der Identifikation schlechter, bestätigt sich nicht nur anhand objektiver Daten (dem Cortisol), sondern wird auch von unbeteiligten Zuschauern so wahrgenommen.

 
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