Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Psychologie arrow Stress lass nach
< Zurück   INHALT   Weiter >

9.2 Im echten Gefängnis

Natürlich wäre es schön, wenn man eine ähnliche Studie in einer echten Strafvollzugsanstalt durchführen könnte. Dass echte Gefangene bei Befragungen oder Stressmessungen ungünstiger abschneiden als Vollzugsbeamte, dürfte bei einer Studie herauskommen und wäre nicht weiter überraschend. Aber Manipulationen wie in der BBC-Studie darf man aus rechtlichen und ethischen Gründen natürlich nicht vornehmen – wie will man rechtfertigen, dass ein Gefangener in die Wärtergruppe wechseln darf?

Gemeinsam mit Mona Wolff und Sonja Rohrmann von der Goethe-Universität Frankfurt hatte ich aber die Möglichkeit, echte Häftlinge im Rahmen eines besonderen Programms zu untersuchen. In einer Vollzugsanstalt im Frankfurter Raum wurde unter Leitung einer Theaterpädagogin einer Fachhochschule und ihren Studierenden gemeinsam mit Häftlingen ein Musicalprojekt erarbeitet. Insgesamt nahmen 27 Häftlinge an dem Projekt teil, in dem sie über insgesamt acht Monate in drei verschiedenen Gruppen arbeiteten. Dabei baute eine Gruppe einen ausgedienten Schubleichter (eine Art Frachtschiff ohne eigenen Antrieb) zu einem Theaterboot mit Bühne, Zuschauerrängen und Lobby um. Zwei weitere Gruppen (eine Musikgruppe und eine Schauspielgruppe) studierten ein an die Oper „Carmen“ angelehntes Musical ein, das dann an mehreren Abenden mit viel Erfolg aufgeführt wurde.

Wir hatten die Möglichkeit, diese 27 Häftlinge mit einer Kontrollgruppe von 19 Häftlingen, die nicht an diesem und auch keinem ähnlichen Projekt teilnahmen, zu vergleichen (Wolff et al. 2013). Die Teilnehmer des Projektes unterschieden sich nicht von den Häftlingen in der Kontrollgruppe, was ihr Alter, ihre Schulbildung und die Gründe für die Verurteilung betraf. Die meisten Häftlinge waren wegen Betruges verurteilt, andere Gründe waren Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz oder wiederholte Körperverletzung. Zu Beginn des Projektes und kurz nach den Aufführungen befragten wir diese insgesamt 51 Personen mit Fragebögen nach ihrer Selbstbeurteilung (engl. core selfevaluation), d. h., wir wollten wissen, wie sehr sie sich selbst für ihr Leben verantwortlich sahen, wie sehr sie glaubten, Schwierigkeiten meistern zu können und wie stark ihr Selbstbewusstsein war. Außerdem befragten wir sie nach ihrer Stimmung mit den schon mehrfach erwähnten PANAS-Skalen (Box 7.3) und nach ihrer Überzeugung, nach Verbüßen der Haft wieder ein gutes Leben führen zu können. Am Ende des Projektes hatten die Projektteilnehmer weniger negative Emotionen, bei den positiven Emotionen gab es allerdings keine Unterschiede. Die Ergebnisse für die Selbstbeurteilung zeigt Abb. 9.4.

Wie man sieht, waren die Teilnehmer vor Beginn des Projektes leicht unter den Werten der Kontrollgruppe, d. h., sie waren weniger selbstbewusst und zuversichtlich – vielleicht war das auch ein Grund, warum sie sich freiwillig für das Projekt gemeldet hatten. Am Ende des Projektes allerdings hatte die Projektgruppe die Kontrollgruppe sogar überholt und war zuversichtlicher und weniger ängstlich – ein Erfolg des Projektes! Gemeinsam ein anspruchsvolles Ziel verfolgen und dann sehen, dass man mit harter, zielgerichteter Arbeit Erfolg haben kann, ist gerade für Insassen einer Vollzugsanstalt eine nicht unbedingt alltägliche Erfahrung.

In der Projektgruppe haben wir die Insassen außerdem – sonst würde ich diese Studie auch kaum hier beschrei-

Abb. 9.4 Selbstbeurteilung der Insassen zu Beginn und nach der Studie

ben – ganz ähnlich wie Haslam und Kollegen im BBCExperiment und in der Theaterstudie (s. Kap. 8) nach ihrer Identifikation mit dem Musicalprojekt gefragt. Zunächst muss man festhalten, dass sich die Teilnehmer fast alle sehr stark mit dem Projekt identifizierten; auf einer 4-stufigen Skala beantworteten sie die Identifikationsitems im Durchschnitt mit 3,4, also mit etwa 85 % des Maximalwertes. Wenn man dies vergleicht mit den Durchschnittswerten von etwa 1–2 auf der 7-stufigen Skala (also weniger als 30 % des Maximalwertes; s. Abb. 9.1) im BBC-Experiment, wird noch einmal deutlich, wie wenig sich sowohl die Gefange nen als auch die Wärter im Experiment identifizierten und wie stark dagegen die Identifikation der wirklichen Gefangenen mit dem Projektteam war. Aber auch im Musicalprojekt gab es Unterschiede zwischen den Teilnehmern. Wenn wir die Korrelation zwischen der Identifikation und anderen Variablen betrachten, spielen diese Unterschiede offensichtlich eine große Rolle: Je stärker sich die Projektteilnehmer mit der Gruppe identifizierten, umso positiver war ihre Stimmung, umso besser war ihre Selbstbeurteilung und umso größer war ihre Überzeugung, nach Verbüßen der Haft wieder ein normales Leben führen zu können.

Literatur

Ellemers, N. (1993). The influence of socio-structural variables on identity enhancement strategies. European Review of Social Psychology, 4, 27–57.

Haney, C., Banks, C., & Zimbardo, P. (1973). A study of prisoners and guards in a simulated prison. Naval Research Review, 9, 1–17.

Haslam, S. A., & Reicher, S. D. (2006). Stressing the group: Social identity and the unfolding dynamics of responses to stress. Journal of Applied Psychology, 91, 1037–1052.

Haslam, S. A., & Reicher, S. D. (2012a). When prisoners take over the prison: A social psychology of resistance. Personality and Social Psychology Review, 16, 154–179.

Haslam, S. A., & Reicher, S. D. (2012b). Contesting the „nature“ of conformity: What Milgram and Zimbardo's studies really show. PLoS Biology, 10(11), e1001426.

Milgram, S. (1974). Obedience to authority: An experimental view.

New York: Harper and Row.

Mummendey, A., Klink, A., Mielke, R., Wenzel, M., & Blanz, M. (1999). Socio-structural characteristics of intergroup relations and identity management strategies: Results from a field study in East Germany. European Journal of Social Psychology, 29, 259– 285.

Reicher, S. D., & Haslam, S. A. (2006). Tyranny revisited: Groups, psychological well-being and the health of societies. The Psychologist, 19, 46–50.

Wolff, M., Rohrmann, S., & Van Dick, R. (2013). Quantifying the effects of a resocialization project for prisoners – The resocialization project „MS Carmen“. British Journal of Arts and Social Sciences, 14, 83–92.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften