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13 Keine Rose ohne Dornen: negative Aspekte von Identifikation

Die Studien, die wir in diesem Buch zusammengetragen haben, zeigen aus den verschiedensten Perspektiven – d. h. kurz- und langfristig, mit Fragebögen und objektiven Methoden, mit Studenten im Labor oder im Feld mit den unterschiedlichsten Berufsgruppen –, dass geteilte Identität in der Gruppe bzw. hohe Identifikation mit Gruppen ein Schlüssel zu effektiverem Umgang mit Stress und zu mehr Wohlbefinden ist.

Ist Identität also das Allheilmittel? Wir werden später noch darauf eingehen, was z. B. Führungskräfte tun können, um Identität in Arbeitsgruppen zu fördern. Aber sollten Führungskräfte dieses Mittel jederzeit anwenden und die Identifikation ihrer Mitarbeiter „bis zum Anschlag“ erhöhen, um deren Belastbarkeit zu steigern – und um dadurch vielleicht den Druck auf bessere oder schnellere Arbeitsergebnisse weiter verstärken zu können? Und ist eine Identifikation mit jeder beliebigen Gruppe gleich effektiv? Oder gibt es Gruppen, deren Ziele und Normen vielleicht einer guten Gesundheit wenig zuträglich sind?

In diesem Kapitel werden wir gewissermaßen die Suppe etwas versalzen müssen, d. h., wir werden hier einige Studien darstellen, die die negativen Seiten von Identifikation beleuchten. Wir halten dies für sehr wichtig, um vor einem unkritischen Ausnutzen von Identifikationsprozessen zu warnen. Es sei aber an dieser Stelle bereits betont, dass die Mehrzahl der Studien die positiven Effekte von hoher Identifikation bestätigt. Man sollte es nur nicht übertreiben!

13.1 Identifikation bis zum Gehtnichtmehr?

Wenn ich Vorträge zu den positiven Effekten der Identifikation halte, kommt in der anschließenden Fragerunde fast immer die kritische Nachfrage, ob es nicht auch ein Zuviel an Identifikation geben kann. Lange konnte ich diese Frage nur damit beantworten, dass das theoretisch zwar vorstellbar sei, ich es in meinen Daten aber noch nicht gefunden habe. Mittlerweile haben wir allerdings auch empirische Belege dafür, dass Identifikation außerhalb eines „gesunden“ Maßes auch schädlich sein kann.

Gemeinsam mit meinen italienischen Kollegen Lorenzo Avanzi, Franco Fraccaroli und Guido Sarchielli bin ich der Frage nach möglichen negativen Effekten in zwei Studien nachgegangen (Avanzi et al. 2012). Die erste Studie führten wir mit Sachbearbeitern an Gerichten durch, die zweite mit Lehrerinnen und Lehrern. Zuerst untersuchten wir die organisationale Identifikation der Teilnehmer mit den üblichen Fragen. Außerdem ermittelten wir das Ausmaß einer möglichen Arbeitssucht (Workaholismus) mit Aussagen wie „Es fällt mir schwer abzuschalten, wenn ich nicht bei der Arbeit bin“ oder „Ich bleibe oft noch auf der Arbeit, nachdem meine Kollegen Feierabend gemacht haben“. Und schließlich erfassten wir den Gesundheitszustand der Teilnehmer mit Aussagen wie z. B. „Ich fühle mich unglücklich und deprimiert“. In beiden Studien verwendeten wir Fragebögen mit standardisierten Skalen, die bereits in vielen anderen Studien zum Einsatz kamen. Die Aussagen waren in beiden Studien gleich. Studie 1 war eine Querschnittsbefragung, d. h., alle Variablen wurden zeitgleich gemessen. Studie 2 war eine Längsschnittbefragung, d. h., zum ersten Zeitpunkt wurden die Studienteilnehmer nach ihrer Identifikation gefragt und sieben Monate später nach ihrer Arbeitssucht und ihrem Gesundheitszustand.

Mit den gewonnenen Daten konnten wir zwei Hypothesen testen, nämlich einmal, ob es einen sogenannten U-förmigen Zusammenhang zwischen Identifikation und Arbeitssucht gibt, und zum anderen ob dieser Zusammenhang dazu führt, dass Mitarbeiter mit besonders starker Identifikation einen schlechteren Gesundheitszustand haben. In der Regel denken wir Menschen eher in linearen Zusammenhängen – z. B. „je mehr Identifikation, desto geringer das Burnout“. Wie bislang dargestellt, testen – und bestätigen – die meisten unserer Studien solche Zusammenhänge auch empirisch. Identifikation wirkt also positiv auf die Gesundheit. Wie wir ganz zu Beginn dieses Buches gesagt haben, erhöht Identifikation in der Regel auch die Motivation und die Leistung. Nun kann man annehmen, dass ein Zuviel an Identifikation auch zu einem Zuviel an Motivation führt, also dazu, dass sich der Mitarbeiter nur noch mit der Arbeit identifiziert und nichts anderes mehr hat, was ihm wichtig ist. Genau dies wird durch das Konzept der Arbeitssucht beschrieben: Arbeitssüchtige arbeiten immer hart, die Arbeit ist ihr zentraler Lebensinhalt, sie stellen die Ziele ihrer Organisation über ihre eigenen Bedürfnisse und nehmen sich nicht die nötige Zeit zur Erholung.

Abbildung 13.1 zeigt beispielhaft den in beiden Studien gefundenen Zusammenhang zwischen Identifikation und Arbeitssucht. Dieser folgt wie angenommen tatsächlich einer Kurve: Zunächst wirkt sich Identifikation leicht negativ auf die Arbeitssucht aus. Bis zu einem bestimmten Niveau führt mehr Identifikation also zu weniger Arbeitssucht – d. h., Menschen, die sich stark identifizieren, sind allgemein zufriedener, sie werden von den Kollegen unterstützt, können aber offensichtlich auch abschalten. Ab einem bestimmten Niveau, das etwa bei 80 % des Maximums der Skala liegt, steigt jedoch mit zunehmender Identifikation die Arbeitssucht deutlich an. (Übrigens: Wenn

Abb. 13.1 Der kurvenförmige Zusammenhang zwischen Identifikation und Arbeitssucht

Sie sich die gestrichelte Linie mit etwas Fantasie ansehen, wissen Sie, warum wir Wissenschaftler bei solchen Zusammenhängen von einer U-Kurve sprechen).

Zur Überprüfung, ob diese U-förmigen, d. h. kurvilinearen Zusammenhänge auch statistisch bedeutsam sind, haben wir Regressionsanalysen gerechnet. Im ersten Schritt haben wir einige Variablen aufgenommen, um auszuschließen, dass die Zusammenhänge vielleicht in Wirklichkeit auf das Geschlecht oder Alter der Befragten zurückgehen. Anschließend gaben wir die Identifikation als linearen Faktor und dann als quadrierten Faktor (also einfach: die Identifikation zum Quadrat) in die Regression ein. Wie erwartet war dieser quadratische Faktor in beiden Studien statistisch signifikant. Dies bedeutet, dass der Zusammenhang zwischen Identifikation und Arbeitssucht tatsächlich kurvenförmig und nicht linear verläuft und zunächst einen positiven, dann aber negativen Effekt auf die Arbeitssucht hat. Im nächsten Schritt rechneten wir wieder die schon mehrfach angesprochenen Mediationsanalysen, um die Unterschiede im Gesundheitszustand der Studienteilnehmer zu erklären. Wieder berücksichtigten wir zuerst Geschlecht, Alter und Arbeitszufriedenheit, dann nahmen wir die Identifikation in das Modell auf und schließlich die Arbeitssucht. Erwartungsgemäß war die Vorhersage der Gesundheit durch die Arbeitssucht in beiden Studien statistisch signifikant. Dies bedeutet, dass die Studienteilnehmer, je mehr sie von Workaholismus berichten, ihren eigenen Gesundheitszustand umso schlechter bewerten. Noch einmal zur Erinnerung: In Studie 1 haben wir die Teilnehmer gleichzeitig nach beiden Aspekten gefragt, in Studie 2 im Abstand von sieben Monaten. Teilnehmer, die zum ersten Zeitpunkt angaben, stärker von Arbeitssucht betroffen zu sein, klagten also sieben Monate später über eine schlechtere Gesundheit. Ein weiterer Analyseschritt zeigt, dass Arbeitssucht dann besonders stark negativ mit dem Gesundheitszustand zusammenhängt, wenn die Identifikation besonders hoch ausgeprägt ist; bei niedriger oder mittelhoher Identifikation dagegen korrelieren Arbeitssucht und Gesundheit kaum miteinander. Dies bedeutet, dass die Arbeitssucht nur dann negative Wirkungen auf die Gesundheit hat, wenn die Studienteilnehmer sich besonders stark identifizieren.

Unsere Ergebnisse sind eindeutig: Überidentifikation führt zu mehr Arbeitssucht und diese beeinträchtigt langfristig die Gesundheit. Die Befunde der beiden Studien sind annähernd identisch, obwohl es sich um Angehörige von zwei sehr unterschiedlichen Berufsgruppen handelt. Hervorzuheben ist außerdem, dass in der zweiten Studie zwischen der Messung von Identifikation, Arbeitssucht und Gesundheit ein Abstand von über einem halben Jahr lag und sich die Ergebnisse der ersten Studie bestätigten. Einschränkend muss aber gesagt werden, dass die Art der Befragung keine objektiven Daten zur Gesundheit wiedergibt. Wir wissen also streng genommen nicht, ob sich die Teilnehmer nur gesund bzw. krank fühlen oder ob sie es tatsächlich sind. Warum die Identifikation im Extrembereich zu deutlich stärkerer Arbeitssucht mit negativen Folgen für die Gesundheit führen kann, erklärt vielleicht auch ein Aspekt, den wir im nächsten Abschnitt diskutieren wollen: die Wirkung der jeweiligen Normen in der Gruppe. Möglicherweise arbeiteten die „bis zum Anschlag“ identifizierten Teilnehmer in unseren beiden Studien ja an Gerichten oder in Schulen, in denen Gesundheitsaspekte systematisch vernachlässigt werden, während andere in Einrichtungen beschäftigt sind, in denen Gesundheit eine Rolle spielt – und in denen man sich gegenseitig vielleicht eher darauf aufmerksam macht, wenn es auch mal genug mit der Arbeit ist!

 
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