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14.3 Sie sind selbstständig, immer allein im Vertrieb unterwegs oder arbeiten im Home-Office? Oder Sie sind nicht (mehr) berufstätig?

Im vorangegangenen Abschnitt habe ich einige einfache Techniken beschrieben, wie Teams durch gemeinsame Aktivitäten eine Identität entwickeln können. Heute wird aber zunehmend im Home-Office gearbeitet bzw. es gibt Teammitglieder, die durch ihre Tätigkeit im Vertrieb fast nie oder nie gleichzeitig im Büro sind oder die geographisch weit voneinander getrennt sind (vielleicht sogar durch verschiedene Zeitzonen). Manches Unternehmen nutzt überdies die Strategie des „Hotdesking“, um Kosten zu senken. Dies bedeutet, dass Mitarbeiter im Wesentlichen von zuhause aus oder von unterwegs arbeiten. Und wenn sie doch ins Büro kommen, schnappen sie sich einen freien Schreibtisch und schließen dort ihr Notebook an. So kann man Raum und Kosten sparen. Aber welche Auswirkungen hat es auf die Identifikation, wenn man nur unregelmäßig im Unternehmen ist und dort kein eigenes Büro oder noch nicht einmal einen eigenen Arbeitsplatz hat? Kann man die Nachteile solcher Arbeitsarrangements durch die neuen Möglichkeiten der elektronischen Kommunikation ausgleichen?

Millward et al. (2007) haben diese Fragen in einer Stichprobe von 140 Angestellten in der Finanzbranche untersucht. Alle Mitarbeiter waren einen beträchtlichen Teil ihrer Arbeitszeit außerhalb des Büros tätig, z. B. zuhause oder vor Ort bei Klienten. Etwa die Hälfte der Befragten hatte im Büro feste Schreibtische, die andere Hälfte arbeitete in einem „Hotdesking“-Arrangement, d. h., sie hatten keine eigenen Schreibtische, sondern nahmen sich jeweils einen freien Schreibtisch in einer dafür vorgesehenen Zone. Zunächst zeigte sich, dass die Mitarbeiter, die keine festen Schreibtische hatten, sich zwar stärker mit der Organisation als Ganzer identifizierten als die Mitarbeiter mit festen Schreibtischen. Allerdings ging dies auf Kosten der Identifikation mit dem Team – hier gab es deutlich geringere Werte für die Mitarbeiter ohne feste Schreibtische. Man kann nun nicht einfach sagen, dass es ja gleichgültig ist, ob man sich mit dem Team oder der Organisation identifiziert. Denn obwohl Identifikation mit der Organisation natürlich auch gut ist, erweist sich für den tatsächlichen Umgang mit Stress und Belastungen doch die Teamidentifikation als wichtiger: Das Team ist schließlich der Ort, an dem man sich die Unterstützung und den Rat der Kollegen holen kann. Anschließende qualitative Analysen der Kommentare, die die Befragten machen konnten, bestätigten dieses Ergebnis. 92 % der positiven Kommentare in Bezug auf die Schreibtische (z. B. „ich habe ein Zuhause in der Firma“, „einen Anker haben“, „hält das Team zusammen“) kamen von Mitarbeitern mit festen Schreibtischen; wie man an den Beispielen sieht, haben gerade die positiven Kommentare durchaus etwas mit der Identität zu tun. In weiteren Analysen konnten Millward und Kollegen zeigen, dass elektronische Kommunikation zumindest für die Identifikation mit der Organisation wichtig ist. Mitarbeiter ohne festen Schreibtisch wissen die Möglichkeit, elektronisch mit ihren Kollegen zu kommunizieren, mehr zu schätzen als Mitarbeiter mit festen Schreibtischen und je mehr sie elektronische Kommunikation wertschätzen, umso mehr identifizieren sie sich mit der Organisation. Elektronische Hilfsmittel wie E-Mail, SMS und Messenger-Systeme können also bei solchen Arbeitsarrangements durchaus nützlich sein.

In diesem Kapitel habe ich vor allem dargestellt, was wir bei der Arbeit tun können, um Gruppenidentitäten aufzubauen, zu erhalten oder besser zu nutzen. Dass ich mich auf die Arbeitswelt konzentriert habe, hat mehrere Gründe: Zum einen verbringen die meisten von uns dort einen sehr großen Teil des Lebens. Marie Jahoda (1983) hat bereits vor langer Zeit festgestellt, dass die Arbeit nicht nur wichtig ist, um unseren Lebensunterhalt sicherzustellen, sondern dass sie eine Reihe weiterer Funktionen erfüllt: Sie verleiht unserem Tagesablauf Struktur, sie gibt unserem Leben Sinn und sie ermöglicht uns, Erfahrungen zu machen und Kontakte zu knüpfen, die über den privaten Bereich hinausgehen. Neuere Studien bestätigten diese Funktionen (Paul und Batinic 2010) und stellten fest, dass Arbeitslosigkeit gerade aufgrund des Verlustes dieser zusätzlichen Funktionen mit schlechterer physischer und psychischer Gesundheit einhergeht (Paul und Moser 2009).

Ich möchte aber hier zum Schluss noch hervorheben, dass die Theorie der sozialen Identität selbstverständlich nicht auf Arbeitskontexte beschränkt ist. Im Gegenteil, wir gehören alle jederzeit auch im Privat- und Freizeitbereich einer Vielzahl von Gruppen an. Wie die Studien z. B. von Haslam oder Baumann und ihren jeweiligen Kollegen an Herzinfarktpatienten oder Leberspendern gezeigt haben, kann eine starke Identifikation mit dem Familienoder Freundeskreis enorm positive Wirkungen haben. Die meisten Menschen haben die Möglichkeit, sich im engeren oder weiteren Familienkreis Gesprächspartner zu suchen – man muss aber aktiv in diese Beziehungen investieren. Frauen tun dies gewöhnlich mehr als Männer. Sie haben sozusagen ein „eingebautes Facebook“ und kümmern sich seit Urzeiten mehr um ihre sozialen Netzwerke, was ein Grund dafür sein könnte, dass sie nach dem Tod ihrer Partner in der Regel länger leben als Männer, deren Partnerinnen sterben (Stroebe et al. 2001). Stirbt der Partner, bleibt den Frauen ihr soziales Netzwerk – stirbt dagegen die Partnerin, verliert der Mann häufig auch das soziale Netzwerk, um dessen aktive Pflege sich immer die Frau kümmerte.

Aber auch außerhalb der Familie gibt es Möglichkeiten für soziale Kontakte. Sind Sie Mitglied in einem Sportverein oder haben Sie andere Hobbies, die Sie gemeinsam mit anderen Menschen pflegen können? Sind Sie neugierig und haben Spaß, neue Sprachen zu lernen – dann kaufen Sie sich keine CDs, die Sie allein zuhause hören, sondern lernen Sie die Sprache in der Volkshochschule und schließen Sie dabei gleichzeitig neue Bekanntschaften. Wie steht es um Ihre Nachbarschaft? Haben Sie dort Kontakte? Wenn nicht, ist es vielleicht mal wieder Zeit, ein Hausoder Straßenfest zu organisieren.

In Kap. 4 haben wir z. B. davon berichtet, dass die Identifikation mit einer religiösen Gruppe ebenfalls positiv mit Gesundheit zusammenhängt; auch hier gibt es also Möglichkeiten. Tewari et al. (2012) konnten bspw. zeigen, dass die Teilnahme an religiösen Ritualen positive Gesundheitseffekte haben kann. Ihre Studie fand im Kontext des Magh Mela statt, einem religiösen Treffen der Hindus am Zusammenfluss der Flüsse Ganges und Yamuna; jährlich nehmen daran mehrere Millionen Menschen teil. Tewari und Kollegen verglichen 400 Teilnehmer einer Pilgerreise mit 130 nicht an dem Fest teilnehmenden Hindus, die hinsichtlich Alter, Bildung usw. sehr vergleichbar waren. Während des Events leben die Pilger für einen ganzen Monat in engen Zelten und unter schlechten hygienischen Bedingungen, bei denen man eher von Gefahren für die Gesundheit ausgehen könnte. Daher ist es nicht trivial, dass die Pilger, die einen Monat vor und einen Monat nach der Veranstaltung einen Fragebogen zu ihrem Gesundheitszustand ausfüllen mussten, bei der zweiten Erhebung ihre körperliche Verfassung als deutlich verbessert einschätzten, während es in der Kontrollgruppe keine Veränderungen gab. Also: Auch ein religiöses Event bietet die Möglichkeit, etwas gemeinsam mit (vielen) anderen zu unternehmen und dabei die Identität der Gruppe zu stärken.

Sie sehen, es gibt viele Möglichkeiten, mit anderen gemeinsam etwas zu unternehmen. Man muss nur beginnen und dann sind diese Gruppen eine reiche Quelle für Identifikation und Unterstützung. Nutzen Sie sie!

Auch für Verantwortliche im Gesundheitsbereich – seien es Politiker, Führungskräfte im betrieblichen Gesundheitsmanagement, Gesundheitsbeauftragte usw. – bietet die Theorie der sozialen Identität eine gute Grundlage. Jetten et al. (2014) beschreiben eine ganze Reihe von Interventionen, etwa zur Überwindung von Alkoholkrankheit, bei denen die Bildung von Gruppen mehr brachte, als wenn der oder die Einzelne etwas zu ändern versucht. Bei jeder Intervention können sich die Verantwortlichen fragen, ob es bereits Gruppen oder Teams gibt, auf denen man aufbauen kann. Wenn ja, sollte man deren Zusammenhalt und Identität stärken (z. B. durch Teambuilding, wie oben beschrieben). Wenn nein, dann lautet die nächste Frage, welche Gruppen man aktivieren oder welche man ganz neu aufbauen könnte – aber die Gruppe ist die Lösung, nicht der oder die Einzelne!

 
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