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Problematische Entlastung

Der Verweis auf die „braunen Ursprünge“ des Rechtsextremismus im DDR-System fungiert diskursiv entlastend gegenüber den aktuellen Ungleichheitsmechanismen, welche heute die Entstehung des Rechtsextremismus begünstigen. Die Bedeutung spezifischer, in der DDR vermittelter politischer Mentalitäten prägte die Sozialisation der Jugendgeneration, zu der Mitglieder und Unterstützer der NSU-Gewaltgruppe gehörten. Für die Generation der heute unter 25-Jährigen hat sie dagegen allenfalls Bedeutung durch die Vermittlung und Weitergabe von Erfahrungen und Werten der Elternund Großelterngeneration. Dies bedeutet allerdings nicht, dass jene gesellschaftlichen Momente, die Rechtsextremismus als individuelle Bewältigungsstrategie begünstigen, ebenfalls verschwunden sind:

„Wahrgenommene Desintegration, Deprivation und Anerkennungsprobleme bilden den Nährboden für eine Ideologie der Ungleichwertigkeit, in deren Folge Angehörige schwacher Gruppen abgewertet und/oder in diskriminierender Weise behandelt werden“ (Mansel & Spaiser, 2010, S. 74).

Diese objektiv erfahrenen oder subjektiv erlebten Gefährdungen des eigenen sozialen Status haben in den vergangenen 20 Jahren nicht an Bedeutung verloren: Die Differenz der höheren Arbeitslosenquote im Osten nimmt im Zeitverlauf gegenüber dem Westen kaum ab, vielmehr sind Parallelentwicklungen zu beobachten. Es zeichnet sich ein erhöhtes Risiko dafür ab, dass sich auch Menschen in den westlichen Bundesländern nicht mehr als geachtete und wertvolle Mitglieder der Gesellschaft erfahren oder wahrnehmen. Sowohl in Ostals auch in Westdeutschland und innerhalb der Landesteile hat sich die soziale Ungleichheit zwischen 1993 und 2004 deutlich verschärft (Heitmeyer, 2009, S. 26). Neuere Ansätze plädieren daher für eine mikroregionale Differenzierung, beispielsweise zwischen abgehängten und prosperierenden Regionen, welche in Ostund Westdeutschland anzutreffen sind. Deren sozioökonomische Lage wirkt sich auf die Virulenz rechtsextremer Einstellungen, Wahlergebnisse rechtsextremer Parteien sowie Geländegewinne informeller rechtsextremer Gruppen aus (Grau & Heitmeyer, 2013; Legge, Reinecke & Klein, 2009; Marth, Grau & Legge, 2010; Quent, 2012a).

Weder die Wendenoch die DDR-Sozialisationserfahrungen können als maßgeblich für die Eskalation der Gewalt des NSU im Untergrund ab 2000 angesehen werden. Die Mitglieder und Unterstützer der Gewaltgruppe teilen ihre Transformationsund Desintegrationserfahrungen mit zehntausenden Jugendlichen, von denen sich zwar zahlreiche der rechtsextremen Szene angeschlossen haben, aber niemand eine vergleichbare Mordserie zu verantworten hat. Tausende Rechtsextreme gibt es noch heute – in Ost und West. Eine Neuauflage rechtsextremen Terrors kann nicht ausgeschlossen werden. Umso essenzieller ist es deshalb, die wirklichen Faktoren für die Eskalation und Rechtsradikalisierung bis zum Kulminationspunkt Terrorismus zu erforschen und zu problematisieren.

 
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