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2 Zur Biografie

2.1 Kleines Mädchen mit großem Willen

Mira Nair wurde 1957, in dem Jahr, in dem die indische Nation zehn Jahre Unabhängigkeit feierte, in Bhubaneshwar, der Provinzhauptstadt Orissas, in eine Punjabi-Familie hinein geboren. Der ostindische Staat ist bekannt für seine unberührten, idyllischen Naturlandschaften und für seine zahlreichen antiken Tempelbauten, deren eindrucksvolle Schönheit man in Nairs Kama Sutra (1996) bewundern kann. Tatsächlich wurde der Film in dieser Gegend gedreht. Orissa ist zudem ein relativ gering besiedeltes Land. Die Regisseurin beschreibt ihren Geburtsort als klein und ruhig, was sie stets dazu angeregt hätte, von der großen, weiten Welt zu träumen: „I grew up in a very small town which is remote even by Indian standards. I always dreamed of the world. I read a lot and wrote quite a

bit.“ Abgesehen von dem Zeitraum zwischen ihrem zwölften und ihrem vier-

zehnten Lebensjahr, in dem ihr Vater beruflich nach Neu Delhi versetzt wurde, verbrachte sie hier ihre gesamte Kindheit und Jugend.

Als Jüngstes von drei Kindern und als einziges Mädchen der Familie wuchs Mira Nair in Verhältnissen der oberen Mittelschicht auf. Ihr Großvater väterlicherseits war Anwalt, die Großeltern mütterlicherseits waren Kaufleute; sie kamen aus Amritsar, einer Stadt im nordindischen Staat Punjab. Nairs Vater, Amrit Nair, arbeitete als hochrangiger Regierungsbeamter in verschiedenen

Ministerien des Staates Orissa. Er schickte seine Tochter auf eine irisch-

katholische Missionsschule, wo sie die englische Literatur für sich entdeckte. William Makepeace Thackeray etwa zählte zu ihren Lieblingsautoren; seinen Roman Vanity Fair griff sie 2004 schließlich als Filmstoff auf. Neben der Ausbildung in einem westlichen Kulturkanon legten ihre Eltern Wert auf die Ver- mittlung traditioneller indischer Kultur. So spielte Amrit seinen Kindern Lieder auf Urdu vor, der vom Persischen beeinflussten Sprache der Dichtkunst, und übersetzte die Texte für sie. Zugewandtheit zur Kunst und Kreativität zeigten sich beim Vater ebenso in seiner steten Beschäftigung mit Poesie, auch im Verfassen eigener Gedichte. Dennoch beschrieb ihn Mira Nair als einen nüchternen und sachlichen Mann, dessen väterliches Interesse und dessen Fürsorge eher in der intellektuellen Förderung seiner Kinder, als in einer emotionalen Zuwendung ihren Ausdruck fanden. So berichtet sie von Unnahbarkeit und Strenge im Umgang mit ihr und ihren Geschwistern. Dass seine Autorität mit einer großen Leistungserwartung verknüpft war, zeigt sich auch darin, dass er seinen Kindern in ihren Schulferien Aufgaben stellte, so etwa das Einüben von Passagen aus Stücken von Shakespeare.

Das Schulkind Mira entwickelte sich zur Klassenbesten. Auch später in ihrem Soziologiestudium in Neu-Delhi erbrachte sie überdurchschnittliche Leistungen, was dazu führte, dass sie ein Stipendium für ein Studium in Harvard

erhielt. Mit ihren schulischen Erfolgen hatte sie ihren beiden Brüdern Vikram und Gautam etwas voraus. Doch trotz ihrer sehr guten Noten und trotz des intellektuellen Anspruchs ihres Vaters an alle seine Kinder, wurde Mira zunächst nur auf eine Mittelschule geschickt, während ihre Brüder höhere Schulen besuchen durften. Offenbar galt sie als Mädchen nicht in demselben Maß als förderungswürdig wie die männlichen Mitglieder der Familie. Auf hartnäckige Weise erkämpfte sie sich jedoch schließlich die Erlaubnis des Vaters, auf das irischkatholischen Konvent zu wechseln. Im Gegensatz zu ihrer kleinen Schwester gingen Vikram und Gautam später weder einen akademischen, noch einen künstlerischen Weg. Beide arbeiten heute als Fabrikanten in der Bekleidungs- industrie. Anders als von Seiten ihres Vaters, erlebte das Mädchen Mira in dem Verhältnis zu ihrer Mutter Praveen Nair einen größeren Freiraum. Von ihr ging weniger eine Erwartungshaltung aus, als vielmehr die Ermunterung, ihren Leidenschaften zu folgen und ihren Ehrgeiz auszuleben. Dazu gehörte, sich nicht automatisch auf die traditionelle Rolle der Hausfrau und Mutter zu beschrän- ken. Sie selbst entfaltete ihre Eigenständigkeit zwar nicht in einer Berufstätig- keit, jedoch in einem ständigen, zum Teil ehrenamtlichen Engagement in verschiedenen sozialen Projekten, so zum Beispiel im Unterrichten von Kindern leprakranker Menschen. Darin kommt ein Bewusstsein zum Ausdruck, das von ihrer Tochter erkennbar übernommen wurde. Praveen Nair ist heute Vorsitzende der Salaam Baalak-Stiftung, die sich indienweit um die Belange von Straßenkin- dern kümmert. Mira Nair hatte sie nach ihrem Film Salaam Bombay! (1988) gegründet.

Es gibt eine Episode aus der Familiengeschichte der Regisseurin, die von der Durchsetzungsfähigkeit Praveen Nairs und von der besonderen Solidarität zwischen Mutter und Tochter erzählt. Zudem wirft sie ein Licht auf die damalige gesellschaftliche Realität, die sich im Mikrokosmos der Familie Nair spiegelte: Im Jahr 1956, als Praveen mit Mira schwanger war, wurde der extreme Bevölkerungswachstum in Indien zu einem ernstzunehmendem Problem. Mit dem Werbespruch Two or Three, That's Enough warb die Regierung für Geburtenkontrolle. Zusätzliche Brisanz erfuhr die Situation der Familie Nair, indem ausgerechnet der Vater in seiner Funktion als Regierungsbeamter mit der Aufgabe betraut worden war, dieses Thema in seinem Verwaltungsbezirk publik zu machen. Amrit Nair vertrat die Einstellung, dass man die Empfehlung strikt auf Make it just two einschränken sollte. Also insistierte er, dass seine Frau den Fötus abtreiben lassen solle. Unmittelbar vor dem Eingriff entschied sich Praveen Nair anders: Sie wollte dieses Kind auf die Welt bringen. Hinzu kam, dass sie nach zwei Söhnen auf die Geburt einer Tochter hoffte. Dieser Wunsch ist auch im heutigen Indien nicht selbstverständlich. Die traditionelle Auffassung, nach der die Geburt eines Mädchens im Vergleich zu der eines Jungen einem Unglück gleichkommt, befindet sich innerhalb der städtischen Mittelschicht zwar im Prozess des Wandels. Dennoch ist es in der patriarchalen Gesellschaft Indiens nach wie vor ein allgegenwärtiges Phänomen, dass weibliche Föten wesentlich häufiger abgetrieben werden als männliche. Eine Studie der Thomson Reuters Foundation aus dem Jahr 2012 stellte gar heraus, dass Indien das zurzeit frauenfeindlichste Land unter den großen Nationen der Welt, den G 20, ist. Nirgendwo sonst herrsche ein solches Ausmaß an Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen, obwohl 2005 ein eigenes Frauenschutzgesetz auf den Weg gebracht wurde.

Aus Nairs vorgeburtlicher Geschichte lassen sich verschiedene Erkenntnisse ziehen. Zunächst wird deutlich, dass ihr Dokumentarfilm Children of Desired Sex aus dem Jahr 1987 auf diesem Hintergrund eine persönliche Komponente erhält. Der Film thematisiert eben dieses Phänomen der Abtreibung von Föten, bei denen das weibliche Geschlecht festgestellt wurde. Die Geschichte zeigt außerdem die emanzipierte Haltung Praveen Nairs, die prägenden Einfluss auf die Entwicklung der Tochter gehabt haben mag. In ihren Filmen kommt schließlich nicht nur eine besondere Sensibilität für die schwierigen Situationen von Frauen zum Ausdruck, sondern wird immer auch ihr Zusammenhalt thematisiert. Mira Nair lebt das Prinzip von Frauensolidarität in der Realität selbst: Es gehört zu ihrer gewohnten Arbeitsweise, dass sie ihr Produktion- und Filmteam zu großen Teilen aus Mitarbeiterinnen zusammensetzt.

Die Umstände ihres Starts ins Leben mögen in einem Zusammenhang mit der besonderen Energie stehen, für die die Regisseurin bekannt ist. Praveen Nair

erklärte die Vitalität und Entschlossenheit ihrer Tochter einmal mit folgenden Worten: „She was determined to be born“. Dass Mira Nair eine willensstarke Person ist – davon zeugen ihre herausfordernden Projekte und deren Umsetzung

entgegen aller Hindernisse – mag auch mit ihrer Familienkonstellation zusammenhängen, die sie selbst mit folgenden Worten beschrieb: „I had two brothers – so not a lot attention fell on me, the girl.“ Die Hauptaufmerksamkeit, die Hoffnungen und Ängste ihrer Eltern, so berichtet sie an anderer Stelle, lagen auf ihren beiden Brüdern. Es spricht vieles dafür, dass sie als jüngstes Kind und als Mädchen stets darum kämpfen musste, wahrgenommen zu werden; bereits in jungem Alter wird sie sich ihre Durchsetzungskraft hat aneignen müssen. Eine Anekdote besagt, dass sie beim gemeinsamen Spiel mit ihren Brüdern in der Regel die Wortführerin war sowie diejenige, die das Geschehen mit besonderem Einfallsreichtum dirigierte.

Auch der weitere Lebensweg der heranwachsenden Mira beweist eine außergewöhnliche Zähigkeit und lässt das Bedürfnis erkennen, einen inneren Reichtum an Geschichten nach außen zu kehren. Er zeugt zudem von dem Wunsch, eine genuine Form für ihre Fähigkeiten zu finden. Ehrgeizig und zum Teil sehr erfolgreich probierte sie sich in verschiedenen Künsten aus. Als Jugendliche malte sie, spielte Sitar, schrieb Gedichte und begann das Schauspielen in Theaterstücken. Besonders bei dieser Kunstform, erklärte sie einmal, habe sie einen Ausdruck für ihre große Liebe zum geschriebenen Wort finden kön-

nen. Als Schülerin engagierte sie sich vor allem im politischen Straßentheater

des bengalischen Dramatikers Badal Sarkar in Kalkutta. Schon früh, so wird hier deutlich, zeichneten sich ihre Aktivitäten durch eine gesellschaftspolitische Wachsamkeit und durch ein Interesse an sozialer Wirklichkeit aus. Dies lässt auch ihre Wahl für das Studienfach Soziologie plausibel erscheinen – wobei das Fach selbst im Nachhinein betrachtet eine eher nebensächliche Rolle gespielt zu haben scheint. Mira Nair hat sich in Interviews dazu nie detailliert geäußert. Bedeutsamer waren offenbar die Interessensgebiete, in denen sie sich parallel zum Studium entfaltete, wofür dieses aber dennoch den Rahmen bot: Das Theater und die Fotografie.

 
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