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3.1 Intellektueller Ausgangspunkt: Cinéma Vérité, Direct Cinema und D. A. Pennebaker

3.1.1 Cinéma Vérité – Das Wahrheits-Kino

Das Kino der Wahrheit, so die deutsche Übersetzung des französischen Begriffs Cinéma Vérité, entstand Anfang der sechziger Jahre in Frankreich. Die Bezeichnung ist programmatisch zu verstehen: „Wahrhaftigkeit und Lebensechtheit (…) mit größtmöglicher Spontaneität und Unmittelbarkeit auf Film einzufangen“ ist das Grundziel dieses Dokumentarstils. Vorangetrieben werden soll die Wahrheitsfindung durch eine bewusste Konfrontation der Filmemacherin beziehungsweise des Filmemachers mit den gefilmten Personen. Interviews und Diskussionen, die er mit den Protagonistinnen und Protagonisten führt, sollen der Gewinnung authentischer Berichte dienen. Das Interesse der Filmemacherin oder des Filmemachers gilt also immer einer sozialen Wirklichkeit; häufig ist sein Ansatz sozialkritisch. Indem er aus der Mitte des Geschehens heraus agiert, kommt er den Portraitierten nicht nur räumlich nahe, sondern bewirkt im Idealfall auch ihre emotionale Öffnung. Trotz der engen Einbindung der Filmemacherin oder des Filmemachers ist ihre oder seine Rolle als Beobachterin oder Beobachter maßgeblich, was bedeutet, dass sie oder er möglichst innerlich distanziert bleiben und keinen Einfluss auf die Protagonistinnen und Protagonisten ausüben soll.

Weitere Merkmale des Cinéma Vérité sind zum einen der Verzicht auf umfang- reiches Equipment, zum anderen die hohe Beweglichkeit der Kamera. Sie erst ermöglicht es, die Nähe zu den Protagonistinnen und Protagonisten herzustellen, spontan auf Entwicklungen zu reagieren und wahrhaftige Momente einzufangen. Ein Ziel ist dabei auch, „die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf den Prozess

des Filmens zu lenken“, wodurch technische Perfektion zweitrangig wird. Um

eine künstliche Emotionalisierung zu verhindern, wird auch Musik als filmisches Mittel typischerweise nur spärlich eingesetzt oder fehlt gänzlich. Als erster Film des Cinéma Vérité gilt Chronique d'un été von Jean Rouch und Edgar Morin aus dem Jahr 1960. Dieser und die folgenden Filme des neuen, wahrhaftigen Kinos hatten auch maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der filmischen Epoche der Nouvelle Vague. Der Ethnologe Rouch und der Soziologe Morin begleiteten für ihren Film einen Sommer lang eine Gruppe junger Franzosen sowie Ausländer in Paris. Häufig heften sie sich regelrecht an ihre Fersen und zeigen sie auf ihren alltäglichen Wegen, an ihren Arbeitsstellen oder in der Ferienzeit. Zu Beginn des Films geben sie einen kurzen Kommentar aus dem Off, ansonsten tauchen sie selbst wiederholt im Bild auf und integrieren sich ins Geschehen. Zu Beginn beispielsweise erklären sie einer Mitwirkenden ihr filmisches Vorhaben und fragen sie, ob sie sich wirklich an dem Projekt beteiligen möchte. Auf eine sehr französische Art treffen sie mit ihren Protagonistinnen und Protagonisten zusammen, um mit ihnen zu essen, zu trinken und ausgiebig über das Leben, das aktuelle Zeitgeschehen, etwa den Algerienkrieg, sowie über diesen Film zu diskutieren. Als ein wichtiger Leitfaden dient ihnen die simple und doch schwierige Frage: Sind sie glücklich? Dabei bewirken sie, ganz wie es das Konzept verlangt, eine auffällige seelische Öffnung bei den Gefilmten. Neben den Szenen, in denen Rouch und Morin mit den Protagonistinnen und Protagonisten wie eine Gruppe von Freunden zusammensitzen, entstehen Momente, die an das Setting einer Therapiesitzung erinnern: Sie befinden sich nur zu zweit, wobei die Portraitierten ihre Gefühle offenbaren und von traumatischen Erlebnissen erzählen, eine junge Jüdin etwa von ihren Erfahrungen im Holocaust. Die Filmemacher reagieren verständnisvoll, vorsichtig und sogar ermutigend, jeder Satz ihres Gegenübers ist offensichtlich für sie von Wert. Ihre eigenen Persönlichkeiten und Befindlichkeiten halten sie den Regeln gemäß weitgehend zurück. Insgesamt fällt eine große Ernsthaftigkeit auf, die in der Nouvelle Vague so nicht fortdauert – hier dominieren viel mehr Leichtigkeit, Witz und Ironie. Rouch und Morin gehen ihren Film eindeutig wie ein Forschungsprojekt an, wofür auch die Schlussszene spricht, in der sie resümierend durch das Pariser Musée de l'Homme, auf deutsch: Museum des Menschen wandeln.

 
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