„Sex sells“ oder Zensurfall – Kama Sutra in der Kritik

Schon allein der Titel – Kama Sutra –, das muss der Regisseurin klar gewesen sein, würde ihrem Film ein bestimmtes Maß an Aufmerksamkeit sichern, in der westlichen Welt sowie in Indien. Hier wie dort wird man ein exotisches Spektakel beziehungsweise die Darstellung sexueller Praktiken erwartet haben. Anders als im Westen hat dies in Indien sofort die Zensurbehörde auf den Plan gerufen. Um die Behörden wenigstens während der Dreharbeiten fernzuhalten, gab Mira Nair ihrem Filmprojekt zunächst den Arbeitstitel Tara und Maya. Nach Abschluss der Dreharbeiten begann jedoch eine zähe Auseinandersetzung mit den Sittenwächtern, die den Film als pornografisch einstuften und eine massive Entschärfung forderten. Diese konservative Haltung wurde von einem Rechts-

anwalt, der dem indischen Verein zum Schutz der Konsumenten vorsitzt, auf den Punkt gebracht: Er warnte davor, der Film würde junge Menschen dazu bringen, Sex vor der Ehe zu haben, sowie Gewalt und Sexualverbrechen nach sich zie-

hen. Mira Nair ging gegen die zahlreichen Schnittauflagen der Zensurbehörde

gerichtlich vor. Sie kämpfte bis zum Obersten Gerichtshof Indiens und konnte sich schließlich größtenteils durchsetzen. Die angeprangerten Nacktszenen blieben, mussten jedoch auf Sekundenbruchteile gekürzt werden. Dazu gehört unter anderem die Szene, in der Maya von Raj Sing in dessen Hochzeitsnacht verführt wird. Mit immerhin zweihundert Kopien dieser gekürzten Fassung konnte der Film in den indischen Kinos schließlich an den Start gehen. Die Ablehnung, die der zuvor gefeierten und geehrten Nair in indischen Fachkreisen jedoch weiterhin entgegenschlug, äußerte sich zum Beispiel darin, dass Kama

Sutra nicht in das Programm des alljährlichen Indischen Internationalen Filmfestivals aufgenommen wurde. Im Ablehnungsbrief wurde dies damit begründet, dass Nair den Filmtitel ohne offizielle Genehmigung von Tara and Maya in Kama Sutra geändert habe.

In europäischen Ländern stieß Nair zwar nicht auf die Schwierigkeit der Zensur, doch löste ihr Film hier eine andere Irritation aus; die deutsche Presse reagierte überwiegend verwundert, dass auf den Titel Kama Sutra für ihre Sehgewohnheiten harmlose Darstellungen folgten und ein, wie es Harald Pauli in der Zeitschrift Focus bezeichnete, „naive(r) Charme der Erzählweise“ sowie

„unschuldige(r) Pathos“, vorherrsche. Es handele sich um einen indischen

Erzählduktus, der auf große Emotionen setze, befand Susanne Weingarten im Spiegel. Die Aufregung und heftigen Kontroversen auf dem indischen Subkontinent seien für europäische Augen nicht nachvollziehbar, so RolfRüdiger Hamacher im Film-Dienst, ihm erscheine Kama Sutra lediglich „wie ein jugendfreies erotisches Märchen aus einem exotischen Kulturkreis“. Marli Feldvoß nannte den Film in der Epd Film einen „schwülstigen Historienschinken“, einen „(…) geschmäcklerischen Bilderbogen, der letztlich nur durch seine Softporno-Einlagen das immer noch sittenstrenge ‚Bollywood'-Movie‚transzendiert'“. Pia Horlacher schrieb in der Neuen Zürcher Zeitung, Nairs Film sei ein „exotische(s) Aschenputtelmärchen“, und weiter:

Was dominiert, ist der Schmalz. Auch in der Erotik, die sich weniger als das hohe Raffinement der Liebeskunst präsentiert denn als der verschämte Soft-Sex weichgespülter Werbespots. Die Liebesschule dieses Kamasutras beschränkt sich auf ein paar weibliche Schmink- und Frisurentipps (…).767

Nairs Film demonstriere die „globalisierte Normierung der Sexualität (…) – ein Primat des attraktiven Körpers, des filmischen Body-Design“. Auch wurde mehrfach kritisiert, die Regisseurin lasse die Dramaturgie zugunsten der erotischen Schau und der Präsentierung der nackten Frauenkörper schleifen. „Kama Sutra bietet einen Rausch, der so sinnlich überwältigend ist, dass sich die Fäden einer komplizierten Dramaturgie (…) zu verlieren drohen“, so etwa Anke Sterneborg in der Süddeutschen Zeitung. Eva-Maria Lenz bezeichnet Kama Sutra in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „Ausstattungsorgie“ und meint: „Vor lauter Feiern reißen in einhundertvierzig Minuten freilich allzu oft die Erzählstränge. (…) Sex schwächt den Kontext.“ Weiter nennt sie den Film „voyeuristisch“. Simone Mahrenholz urteilte in der Epd Film schlicht, Nairs Film scheitere an seinen Ansprüchen und hinterließe „(…) kaum mehr als den Nachgeschmack fader Klischees und gepflegter Langeweile.“ Und weiter: „(…) Exotik allein ist kein Garant für Aufmerksamkeit, das Ergebnis bleibt flach.“

Die Rezensionen in den USA fielen unterschiedlich aus. Zwar reagierte die amerikanische Fachpresse weit weniger schockiert, als es offizielle indische Stellen taten. Ihre Reaktionen waren zum Teil anerkennend, zum Teil jedoch auch vernichtend. Positive Rezensionen gab es vorwiegend von männlichen Kritikern, deren Lob sich, anders als bei den deutschen Kritikerinnen, hauptsächlich aus ihrer Bewunderung für die nackten Körper der Schauspielerinnen speiste. So schwärmte etwa Kritiker Owen Gleiberman im Entertainment Weekly von Indira Varma, die er ein „erotic spectacle all by herself“ nannte:

She's like an amorous sculpture come to life (…) who radiates an almost preconscious joy in the power of her feminity (…). The film (…) has a mood of overripe sensuality (…) that hits you like opium. (…) Kama Sutra is a fairy tale keeps melting into erotic reverie.776

Mira Nairs Erzählweise bezeichnete er als von Hormonen berauscht, was auch auf seinen eigenen Zustand zugetroffen haben mag. Der in Berkeley lehrende Srini Narayanan schrieb eine im Grunde radikal vernichtende, wenn auch wenig differenzierte Kritik zu Kama Sutra, in der er etwa die Subtilität des Films mit einem Tritt gegen den Kopf verglich. Dennoch versäumte er nicht, die Vielzahl an Nacktszenen sowie die latent lesbische Begegnung zwischen Maya und Tara in einer Szene positiv zu erwähnen: „ (…) there is a good amount of female nudity and even a marginally interesting lesbian encounter (…)“. Ähnlich

bescheinigte auch Todd McCarthy in Variety dem Film im Gesamten ein Scheitern, während er einzig für die beiden weiblichen Hauptdarstellerinnen anerkennende Worte fand:

The lush surfaces (…) give the picture an exotic pull, even if Nair demonstrates little interest in the spectacle angle. But the Westernizes approach and modern feel keep erode any sense of conviction as the film pushes forward. (…) A voluptuous but sleek-looking beauty, Varma brings a helpful, impressive sense of self-confidence and strength to Maya, undoubtedly a difficult role to cast. Sarita Choudhury (…) has no trouble bringing out Tara's bitter fury. Naveen Andrews and Ramon Tikaram are serviceable in the relatively undimensional male leads.779

Die Kritikerin Janet Maslin bemängelte in der New York Times dagegen, ähnlich wie ihre europäischen Kolleginnen, dass hinter den starken Sinneseindrücken, mit denen der Film aufwartet sowie der großen Verführungskraft, die Nair gekonnt durch Farbdramaturgie, Lichtgestaltung, Musik und nicht zuletzt die Inszenierung perfekter Körper kreierte, schließlich die Substanz fehle:

In a visually lovely film that summons an alluring impression of her native India, Ms. Nair concentrates so deeply on sensual detail that the audience can almost smell the incense wafting from the sreen. Shining silks, brilliant colors, Sufi music, intricately adorned bodies and languid movements all conspire to create a seductive mood. The film's atmosphere becomes so palpably inviting, in fact, that its story seems only an afterthought. It's not only when they engage in carefully choreographed softcore sex that the film's characters seem merely to be going through the motion.780

Eine andere amerikanische Kritikerin, Amy Laly, befand, dass Nair mit ihrem Film einer typischen Doppelmoral erliegen würde; wieder einmal würde durch das Kino der weibliche Körper als erotisches Objekt ausgebeutet:

There is also this uneasy perception that the film succumbs to cinema's double standards on gender sexuality when Nair imposes a tacit ban on male frontal nudity while women's naked bodies are once again exploited as erotic objects.781

Ein weiterer Vorwurf an Nair war, sie habe vor allem um der Provokation willen das kontroverse Sujet gewählt. Doch diese Einschätzung verfehlt den Punkt, dass Nairs Wahl des Sujets auf einer dezidierten Intension beruht. So erklärte sie

in einem Interview, dass der Film dazu dienen sollte, mit dem falschen Mythos um das berühmte Erotikbuch aufzuräumen; ihr Film solle dazu beitragen, auch die philosophischen Dimensionen des Kamasutras bekannt zu machen, er solle dessen Bedeutung als lebendiges Kulturgut Indiens würdigen:

Während den Dreharbeiten kamen wir jeden Morgen an einem Dorf vorbei, wo man die Männer und Frauen zu den Statuen von Lingam und Yoni beten sah, den sich verschmelzenden Symbolen von Penis und Vagina. Und das hat ganz bewusst mit Sexualität zu tun. Sie erheben den Akt zu etwas Heiligem, und er ist es ja auch. Und das gilt für 90 Prozent von Indien. Das ist kein musealer Kult, es ist ein ernstgemeinter Ausdruck.783

Auch betonte die Regisseurin verschiedentlich, dass sie in der Beschäftigung mit dem Kamasutra den Wert einer Anknüpfung an die ureigene, vom Kolonialismus unbelastete indische Identität und damit die Chance sah, die Bedeutung des Werks vor allem auch in das Bewusstsein indischer Zuschauerinnen und Zuschauer zurückzubringen:

Ich bin keine Historikerin, aber ich mache im Zweifelsfall gern die Briten verantwortlich. Wie sollte diese rigide, viktorianische Gesellschaft Indiens erotisches Erbe verstehen? Sie waren es, die diese strikten moralischen Regeln aufstellten. In meinem Kampf mit der Zensur habe ich auch immer betont, dass wir nach 50 Jahren Unabhängigkeit doch unser eigenes Verständnis von Identität aufbauen müssen. Aber sie argumentieren, es geht ihnen nur um Nacktheit.784

I wanted to (…) recall an era when sexuality was not taboo and just part of everyday life. This kind of direct celebration of sexuality can be very easily confused in their minds with pornography, which is certainly the opposite of what it is in our view.785

Mehrfach erklärte Nair in Interviews außerdem die Absicht, dass ihr Film auf die Prüderie in ihrem Ursprungsland abzielen solle. „Was erwarten die Zensoren eigentlich, dass ein Volk von fast einer Milliarde Menschen nichts von Sex weiß?“ lautet ein viel zitierter Satz von ihr. Es ist ein ganzes System aus Doppelmoral und Heuchelei, das ihr Film angreift, nicht zuletzt auch die Dominanz des männlichen Blicks in der indischen Filmindustrie, die die Darstellung von Küssen und nackten Körpern auf den Index stellt, gleichzeitig aber von sexuellen Inhalten durchdrungen ist:

Im indischen Kino werden Frauen auf kranke, perverse Weise dargestellt, LeinwandVergewaltigungen sind an der Tagesordnung. Mit meinem Film will ich ein Gegengewicht zu dieser Missachtung des weiblichen Geschlechts schaffen.787

This film was made as a direct reaction to the sick and perverse way in which sexuality is treated in India, especially on our screens. In the usual Indian film, sex is shown always in a hypocritical and subversive manner – usually through rape and violence, and overtly vulgar romantic songs that are about copulation and not much else. I really wanted to counter that (…).788

So war es primär das weibliche Publikum in Indien, als Opfer des Systems der Doppelmoral, für das der Film ein Befreiungsschlag sein sollte. Eben diese Frauen jedoch konnten ihn offenbar nicht einhellig als Gefallen empfinden. Als Hinweis auf ihre Sichtweise lässt sich werten, was sich auf den Webseiten der Frauenvereinigung SAWNET (The South Asian Women's Network) lesen lässt: Hier findet sich in der Besprechung des Films wiederholt die Kritik, die Darstellung der weiblichen Nacktheit stünde in keinem ausgeglichenen Verhältnis zu der Darstellung männlicher Nacktheit; anders als bei den mehrfach frontal gefilmten Darstellerinnen, würde nicht ein einziges Mal ein männliches Ge-schlechtsteil gezeigt. Auch taucht in den Rezensionen die Befürchtung auf, der Film könne dazu führen, dass indische Frauen als sogenannte Sexgöttinnen stigmatisiert würden, und es wird bemerkt, dass die im Vergleich zu Sarita Choudhury hellhäutigere Indira Varma in der Rolle derjenigen besetzt worden sei, die als attraktiver gelte. Damit würde eine in Indien weit verbreitete rassistisch gefärbte Sichtweise bedient. Tatsächlich hatte Nair ursprünglich geplant, Varma in der Rolle Taras und Choudhury als Maya zu besetzen, sich dann aber umentschieden. Dieser Punkt wurde auch in der Kritik von Amy Laly thematisiert; hätte Nair sich für die umgekehrte Besetzung entschieden, hätte dies ihrer Meinung dazu beitragen können, auf die sozialen Diskriminierungen in Indien hinzuweisen:

„Their characters would have been more authentic and believable of the roles had been reversed since they would have more accurately depicted the social apartheid of the caste system in India.“791

Dass Choudhury und Varma selbst im Nachhinein ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrem Mitwirken in dem Film entwickelt haben, zeigen zwei Interviews. Sie machen deutlich, dass sich beide Darstellerinnen, wenn auch in unterschiedlichem Maß, von ihren Rollen distanzieren. Sarita Choudhury sprach in einem Interview mit The Times of India im Jahr 2010 davon, dass sie nach Abschluss der Dreharbeiten zu Kama Sutra im Stillen gebetet habe, der Film möge nie erscheinen. Der Grund hierfür sei, dass sie dank der strengen Erziehung ihres indischen Vaters eine ausgeprägt konservative Seite habe. Um der Aufregung und dem Zensurstreit, die schließlich durch ihre Nacktheit ausgelöst wurden, aus dem Weg zu gehen, habe sie Indien nach der Veröffentlichung des Films für eine Weile gemieden. Filme gedreht habe sie in den folgenden Jahren vorwiegend in den USA. Gleichzeitig spricht Choudhury von ihrer inneren Zerrissenheit, das heißt auch von ihrer Faszination für das Indien, das das Kamasutra hervorgebracht und sie einst dazu bewogen hatte, den Film zu drehen:

I'm so conservative about some things and then I'll do something that people will be like, how could you do that? The two are very strong in me. I did Kama Sutra and then I was praying it never came out! I can't even put the two of them together in me.793

Indira Varma sprach in einem Interview im Jahr 2008 darüber, dass sie sich vor Drehbeginn zunächst nicht über das Ausmaß der Nackt- und Sexszenen bewusst gewesen sei. Die Erkenntnis, welche Aufgaben sie eigentlich in diesem Film würde bewältigen müssen, habe sie damals zum Weinen gebracht:

It wasn't called Kama Sutra when we were filming it. It was untitled. And then it says in the script, 'They make love', when you're young and naïve and stupid you don't process the idea that it will take one day with your kit off to shoot that sentence. I remember phoning home crying and my dad saying 'Don't worry, at least there's no sex in it'.794

Am Ende habe sie ihren Vater nie darüber aufgeklärt, wovon Kama Sutra eigentlich handelt und er habe den Film schließlich nie gesehen, berichtete Varma weiter. Auch glaube sie, dass der Film, mit dem sie ihr Leinwanddebüt gab, für ihre Karriere letztlich eher hemmend, als förderlich gewesen sei, wobei sie diesen Verdacht weniger an den Nacktszenen festmachte. Vielmehr läge es an der Tatsache, dass sie sich für ihre Rolle als Maya einen indischen Akzent habe antrainieren müssen. Obwohl sie eine britisch-indische Herkunft habe, sei sie nach Kama Sutra auf den Typus einer Inderin festgelegt worden, was die Mög-lichkeiten ihrer internationalen Besetzung einschränkt habe.

 
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