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5.5 My Own Country (1998)

5.5.1 Zum Inhalt des Films

Abraham Verghese (Naveen Andrews) wuchs in Äthiopien auf. Seine Eltern stammen aus Indien und waren nach Afrika gekommen, um als Lehrer zu arbeiten. Bürgerkrieg und Militärregierung zwangen die Familie im Jahr 1974, das Land zu verlassen. Sie emigrierten in die USA, doch kurz darauf ging Abraham nach Madras, Indien, um Medizin zu studieren. Hier fand er nicht nur seine Berufung als Arzt, sondern auch seine zukünftige Ehefrau, Rajani (Ellora Patnaik). Nach ihrer Hochzeit kehrten sie zusammen in die USA zurück, wo er zunächst in einer Klinik in der Kleinstadt Johnson City in Tennesse eine Anstellung fand. Nach ein paar Jahren ging er nach Boston, um seine Ausbildung dort fortzusetzen. Hier in der Großstadt traten die ersten Fälle von Aids auf und Abraham entdeckte Infektionskrankheiten als sein Fachgebiet. Rajani und er bekamen einen Sohn, Steven (Kabir Mahjoori), und zogen schließlich nach Johnson City zurück. Nach kurzen Rückblenden beginnt der Film mit ihrem Umzug in die Kleinstadt, in der man mittlerweile auch mit den ersten Fällen von Aids konfrontiert worden ist und dringend einen Spezialisten wie Abraham benötigt. Vorwiegend junge, homosexuelle Männer werden bereits im Endstadium der Krankheit in die Klinik eingeliefert. Meist lebten sie in New York oder Boston und kehren nun von der Krankheit gezeichnet in ihre Heimatstadt zurück. In Johnson City wird Abraham nicht nur von den Ärzten freudig empfangen, auch Allen (Peter MacNeill), ein kerniger Südstaatler und Mechaniker aus der Nachbarschaft, heißt sie willkommen und hilft ihnen beim Umzug. Zu ihm hat Abraham ein besonders herzliches Verhältnis; sie teilen eine Liebe für Bluesmusik, Dosenbier und Motorräder. Als Willkommensgeschenk hat Allen Abraham eine Oldtimermaschine instand gesetzt. Rajani fällt die Eingewöhnung wesentlich schwerer. Sie vermisst Indien und ihre Familie, beneidet ihren Mann um die Leichtigkeit, mit der er neue Freunde findet und um die Selbstverständlichkeit, mit der er sich als Amerikaner fühlt. Sie hingegen pflegt bewusst ihre Traditionen: Zuhause, in ihrem Wohnzimmer, übt sie regelmäßig klassischen indischen Tanz; ebenso kümmert sie sich um die Kontakte zu den anderen Mitgliedern der örtlichen indischen Gemeinde, mit denen sie traditionelle Feste feiert und Tipps zu ayurvedischer Ernährung austauscht.

Sich als Arzt mit Aids zu befassen, sei seine einzige Chance, ein Held zu sein, erklärt Abraham seinen Assistenten einmal scherzhaft. Tatsächlich entwickelt er sich schnell zu einer wichtigen Figur in der Klinik; er wird zu einem Pionier, der unermüdlich für Aufklärung und gegen Vorurteile und Diskriminierung kämpft. Er begegnet den Patientinnen und Patienten und ihren Familien mit großer Einfühlsamkeit und sie offenbaren ihm ihre intimsten Geschichten. Anders als viele andere Bürger der Südstaatenkleinstadt verurteilt er sie nicht für ihre sexuelle Orientierung, ihren Lebenswandel oder ihre unkonventionellen Lebensgeschichten, sondern geht neugierig und offen auf sie zu. Gemeinsam mit einer Kollegin vom Roten Kreuz besucht er den Schwulenclub der Stadt, um einen Film über die Verbreitung von Aids zu zeigen und sich allen Fragen zu stellen. Aber auch in Kirchen und anderen Orten hält er seine Vorträge zu diesem Thema. In seinem eigenen familiären Umfeld stößt er dagegen auf großen Unwillen, sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen; Rajani ist sein Arbeits- und Forschungsgebiet suspekt. Sie hat nicht nur Angst vor einer Ansteckung, sondern ist auch eifersüchtig auf das enge Verhältnis Abrahams zu seinen Patientinnen und Patienten und deren Angehörigen. Sie fühlt sich oft alleingelassen, zumal sie ihr zweites Kind erwartet. Auch ist sie über den freien Umgang ihres Mannes mit Homosexuellen irritiert. Sie ist der Missbilligung der Frauen aus der indischen Gemeinde ausgesetzt, die Unverständnis für Abrahams Interesse und Einsatz zeigen.

Besonders viel Zeit verbringt Abraham mit Mattie Vines (Marisa Tomei), deren Zwillingsbruder Gordo Vines (Adam Tomei) an Aids erkrankt ist und die einst als Krankenschwester in der Klinik arbeitete. Abraham besucht sie Zuhause. Sie sprechen über Gordo, der vor dem Ausbruch der Krankheit ein lebensfroher, charmanter und gutaussehender junger Mann war und alle mit seinem Talent als Sänger und Entertainer verzauberte. Auch er lebte in New York, ist homosexuell und kehrte erst mit Ausbruch seiner Krankheit zurück in sein Elternhaus. Wie so viele Eltern von Erkrankten wollen auch Mr. (David Fox) und Mrs. Vines Sharon Dyer) nicht wissen, wie er sich infiziert hat; seine Homosexualität ist für sie ein Tabuthema. Gordo sieht seinem Tod gelassen entgegen, nachdem er in den letzten Tagen seines Lebens einen tiefen Glauben zu Jesus entwickelt hat. Er lässt sich taufen, Abraham begleitete ihn und seine Familie bei der Zeremonie. Als Gordo gestorben ist, besucht er gemeinsam mit Mattie das Grab. Eine weitere Patientin, die Abraham ins Herz schließt, ist Vickie (Glenne Headly). Ihr Mann Clyde (Oliver Becker) hatte stets Affären, sowohl mit Frauen als auch mit Männern und sogar mit Vickies Schwester. Nun sind sie alle drei mit HIV infiziert und Clyde liegt bereits im Sterben. Obwohl er vor versammelter Kirchengemeinde als Infizierter bloßgestellt wurde und ihm seitens der Gemeinde eine Betreuung für Zuhause verweigert wurde, entdeckt er, ähnlich wie Gordo in den letzten Tagen seines Lebens die Religion für sich. Auch das bereits betagte Ehepaar Hope (Swoosie Kurtz) und Lloyd Flenders (Hal Holbrook) lernt Abraham näher kennen und schätzen. Sie sind beide erkrankt, nachdem sich Lloyd an einer Blutkonserve infiziert hat. Wie viele andere Patienten sind auch die Flenders tief religiös. Lloyd ist davon überzeugt, dass die Krankheit aus der Hölle kommt. Abraham hält er für einen Gesandten aus einer anderen Welt, der gekommen sei, um ihm beizustehen – eine Vorstellung, die diesen zutiefst berührt. Ein weiteres Paar, um das sich Abraham besonders kümmert, sind Chester (Sean Hewitt) und Langdon (William Webster). Die beiden Männer lieben sich, seit sie Kinder sind. Die Leiden des bereits schwer an Aids erkrankten Chesters zerreißt seinem Partner Langdon das Herz. Auch mit Chester trifft sich Abraham privat, sie gehen Kaffee trinken. Chester betont, dass er auf ein erfülltes Leben zurückblicke, besonders in sexueller Hinsicht. Er erzählt ihm von dem befreienden Gefühl, als er nach New York ging, endlich zu seiner Homosexualität stehen konnte und Teil einer revolutionären Bewegung wurde. Er bereue nichts und er glaube auch nicht an die religiöse Vorstellung einer Bestrafung, die ihm nun widerfahre. Als Chester kurze Zeit später ins Koma fällt, bittet Langdon ihn darum, keine lebensverlängernden Maßnahmen anzuwenden, das habe dieser ausdrücklich gewünscht. Doch dann tauchen Chesters Brüder auf und bestimmen als Familienangehörige das Gegenteil. Langdon ist voller Verzweiflung, aber er muss sich der Situation fügen; als homosexueller Partner stehen ihm keine Rechte zu.

Während Abraham im OP-Saal um Chesters Leben kämpft, treten bei Rajani die Wehen ein. Sie wird in Abrahams Krankenhaus gebracht, doch er kann nicht rechtzeitig bei ihr sein. So ist sie bei der Geburt ihres zweiten Sohns Jakob allein. Als er endlich zu ihnen kommt, ist sie voller Trauer und Bitterkeit über seine Abwesenheit. Er beteuert ihr, dass er in Zukunft mehr für sie und die Kinder da sein werde. Doch genau in diesem Augenblick wird er erneut zu Chester gerufen und muss sie wieder alleinlassen. Weinend bleibt Rajani zurück. Chester stirbt in dem Augenblick, in dem Abraham den OP-Saal betritt. Von diesem Moment an wird immer deutlicher, dass die doppelte Belastung der Nähe zu den Patienten und deren Schicksalen auf der einen Seite und den Verpflichtungen in der eigenen Familie auf der anderen Seite für ihn zu einer kaum mehr auszuhaltenden inneren Zerreißprobe wird. Seine Überforderung offenbart sich in quälenden Alpträumen und in einem vertrauten Gespräch mit seinem Patienten Lloyd Flenders, dem er unter Tränen von seiner Not erzählt. Während Abraham ihm schildert, dass die Entfremdung zu seiner Frau immer größer werde, weil er seine Eindrücke und Ängste nicht mit ihr teilen könne, tröstet ihn Lloyd mit väterlicher Geste. Abraham spricht außerdem darüber, dass er geglaubt habe, an diesem Ort sein „eigenes Land“ gefunden zu haben, woran er nun zweifle.

Für Abraham spitzt sich die Situation weiter zu, als die Krankenhausdirektion ihn auf die hohen Kosten hinweist, die die Aidspatienten für sie verursachen würden und die letzten Endes auf seine Arbeit zurückzuführen seien. Erkrankte aus mehreren Staaten kämen nur wegen ihm zu dem kleinen Krankenhaus in die Provinz. Zuflucht und Zerstreuung findet Abraham schließlich bei seinem Kumpel Allen. Sie betrinken sich in dessen Werkstatt, spielen Bluessongs auf der Gitarre und singt lauthals dazu. Als Rajani und die Kinder kurze Zeit später in die Weihnachtsferien zu Verwandten fahren, beginnt Abraham beinahe eine Affäre mit einer seiner Krankenschwestern. Außerdem stürzt er sich in die Arbeit. Anhand einer Landkarte und den Daten der Aidserkrankten versucht er, etwas über die Verbreitungswege der Infektion herauszufinden. Doch dann fasst er plötzlich einen Entschluss: Er will Johnson City wieder verlassen und an einem anderen Ort von Neuem beginnen. Damit wird seine Krise zum Wendepunkt. In letzter Sekunde gelingt es ihm, seine Ehe zu retten. Seine Kollegen, die Patientinnen und Patienten und die Schwulengemeinde bereiten ihm einen herzlichen Abschied. Sie schenken ihm eine Torte, die der Schriftzug „Good Old Boy“ ziert. Anschließend fährt die Familie in ihrem voll bepacktem Wagen davon. Trotz des freiwilligen Entschlusses verlässt Abraham Tennessee nur mit schwerem Herzen. Aus dem Off spricht seine Stimme, die seine Gedanken wider gibt. Er sinniert darüber, dass er nun sein eigenes Land, sein geliebtes Tennessee verlassen würde und stellt sich selbst die Frage, ob sein andauerndes Umherziehen vielleicht sein Weg sei, einen Verlust zu umgehen. Er erinnert sich noch einmal an einzelne Momente der letzten Jahre und stellt fest, dass er nie zuvor so intensiv Gefühle der Freude sowie des Schmerzes empfunden und sich nie zuvor so sehr mit Menschen verbunden gefühlt habe, wie in Johnson City.

 
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