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1. Einleitung

Lebenswelten und Lebensbedingungen der Menschen in den erfolgreichen Entwicklungsländern haben sich in den vergangenen Jahrzehnten nachhaltig verändert. Erfolgreiche Armutsbekämpfung, Einkommenssteigerungen, Bildungsexpansion, Urbanisierung, das Entstehen neuer sozialer Schichten und kultureller Wandel waren Ergebnis erfolgreicher Industrialisierungsund Modernisierungspolitik. Politische Auswirkungen des ökonomischen, sozialstrukturellen und sozialen Wandels blieben nicht aus. Mitte der 1980er Jahre wurde die Region durchgängig autokratisch regiert. In den folgenden Jahren kam es in den Philippinen, Thailand und Indonesien zu demokratischen Regimewechseln. Die autoritären Regierungen in Malaysia und Singapur sahen sich Kritik von Seiten der Bürger an ihrer Regierungsführung ausgesetzt, die sie durch den Verweis auf „asiatische Werte“ zu legitimieren versuchten. Auch in Kambodscha und Osttimor fanden in den 1990er Jahren unter der Ägide der Vereinten Nationen demokratische Transitionen statt.

Hoffnungen auf einen Siegeszug der Demokratie in Südostasien, die von der Entwicklung in den 1990er Jahren genährt worden waren, haben sich allerdings nicht erfüllt. Das Scheitern der Demokratie in Kambodscha in den späten 1990er Jahren, die Erosion demokratischer Standards in den Philippinen, der Kollaps ziviler Herrschaft in Thailand (2006, 2014) sowie das Ausbleiben demokratischer Regimewechsel in den bestehenden Autokratien lassen den Schluss zu, dass die Demokratieentwicklung in Südostasien zu Beginn des 21. Jahrhunderts ins Stocken geraten ist. Die Chancen auf weitere Demokratisierungen scheinen überwiegend gering und die Erfolgsaussichten der aktuellen Transformationsprozesse – etwa in Myanmar[1] – sind höchst unsicher.

Abb. 1.1 Politische Landkarte Südostasiens

Die skizzierten Entwicklungen und Prozesse haben das Interesse an Südostasien und damit den Bedarf an kompetenten Informationen über die bestehenden politischen Strukturen, Prozesse und Akteure in den vergangenen zwei Jahrzehnten erheblich gestärkt. Dieser Entwicklung steht ein Mangel an aktuellen Monographien gegenüber, die sich aus politikwissenschaftlich-komparativer Perspektive systematisch mit den politischen Systemen auseinandersetzen. Um diese Lücke zu füllen, liefert diese Schrift eine Analyse der politischen Systeme in Timor Leste (auch: Ost-Timor) und den zehn Mitgliedsstaaten der „Association of Southeast Asian Nations“ (ASEAN): Brunei Darussalam (im Weiteren: Brunei), Burma (Myanmar), Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, die Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam (vgl. Abb. 1.1).

  • [1] Burma war seit 1948 der allgemein akzeptierte Landesname in englischer Sprache. Die regierende Militärjunta änderte 1989 den Namen in Myanmar, eine Transliteration des offiziellen Staatsnamens aus dem Birmanischen. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden im Folgenden die Bezeichnungen synonym verwendet. Die Föderation Malaya wurde nach dem Beitritt von Singapur, Sarawak und Sabah (Britisch-Nordborneo) im Jahre 1963 in Malaysia umbenannt.
 
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