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2 Postulate einer Theorie eines identitätsstiftenden politischen bzw. religiösen Fundamentalismus (TIF)

2.1 Absichten

Vorgestellt wird im Folgenden eine sozialpsychologische Theorie, mit der eine neue und u. U. erweiterte empirische Perspektive auf rechtsextreme Tendenzen verbunden ist. Mit dieser Theorie wird allerdings nicht der Anspruch erhoben, generelle und über die sozialwissenschaftlichen Grenzen hinausgehende Erklärungen des Rechtsextremismus finden zu wollen. Interdisziplinäre Anknüpfungspunkte und Anschlüsse sind indes erwünscht und angestrebt. Abbildung 1 illustriert die Grundstruktur der Theorie, die im Folgenden erklärt wird.

Abbildung 1 Grundstruktur der Theorie eines identitätsstiftenden politischen bzw. religiösen Fundamentalismus (TIF).

2.2 Das Explanandum: Rechtsextremismus

Die potentiellen Kriterien des Problemraums, also die zu erklärenden Variablen, bilden rechtsextreme Tendenzen. Damit sind fundamentalistische Ideologien (der Ungleichwertigkeit) in Verbindung mit Gewaltpotentialen und negativen Gruppenemotionen gemeint.

Rechtsextremismus ist eine Ideologie

Ideologien werden nach wie vor produziert und konstruiert. Ihre Lebendigkeit verdanken sie der aktuellen Relevanz des Globalen und dem vielstimmigen Reden über die Globalisierung. Ideologien im nachideologischen Zeitalter weisen zumindest folgende Merkmale auf: Sie sind gruppenspezifische soziale Bezugssysteme, um Vergangenes zu analysieren, Diagnosen über Gegenwärtiges zu formulieren und Prognosen über Zukünftiges zu entwerfen. Ideologien stellen somit Konstruktionen bereit, um die Unvorhersagbarkeit von Welt zu reduzieren.

Ideologien eignen sich offenbar als „Feste Punkte“, als übergreifende Bezugssysteme zur Orientierung in einer komplexen Welt (vgl. auch Jost, 2006). Auch der Rechtsextremismus scheint in diesem Sinne geeignet zu sein, als übergreifendes und gruppenspezifisches Bezugssystem zur Orientierung in einer komplexen Welt zu fungieren.

Rechtsextremismus ist eine fundamentalistische Ideologie

Ideologien wirken in den jeweiligen Gruppierungen und Gemeinschaften als Facetten des kulturellen Systems. Diverse Gruppierungen und Gemeinschaften gehen hausieren mit ihren Ideologien, die dem gemeinschaftsinternen Konsens und/oder den Vorstellungen ihrer Wortführer entsprechend als normative Leitlinien von Weltund Lebensbegründungen zu gelten haben. In diesem Sinne versuchen Gruppierungen und Gemeinschaften u. U., konkurrierende Ideologien zu unterdrücken und/oder aus dem gesamtgesellschaftlichen Diskurs zu vertreiben, um an deren Stelle ihre eigenen Weltund Lebensbegründungen zu etablieren.

Aus dieser Perspektive macht es durchaus Sinn vom „falschen Bewusstsein“ (Marx & Engels, MEW, Band 39, S. 97) [1] zu sprechen, das durch Ideologie konstruiert wird. Falsches Bewusstsein spiegelt eine Ideologie dann wider, wenn eine soziale Gemeinschaft a) die eigenen Leitideen oder Ideologien für allgemein gültig auch für andere, oder alle anderen sozialen Gemeinschaften erklärt, b) die Leitideen oder Ideologien anderer Gemeinschaften abwertet und c) unter Umständen zu bekämpfen versucht. Dann wird Ideologie zum politischen Fundamentalismus.

Rechtsextremismus ist eine fundamentalistische Ideologie im mehrfachen Sinne: a) Rechtsextremismus richtet sich gegen die „Fundamente“, „die den Kern der Moderne ausmachen und in den universellen Grundrechten ihren Ausdruck finden“ (Meyer, 2011, S. 28). b) Rechtsextremismus tritt mit dem Anspruch auf, die eigene Ideologie für allgemein gültig zu erklären. c) Diejenigen Gemeinschaften, die sich nicht der rechtsextremen Ideologie unterordnen und die nicht den rechtsextremen Normund Wertvorstellungen entsprechen, werden abgewertet, diskriminiert und u. U. mit Gewalt bekämpft.

Rechtsextremismus ist eine militante Ideologie

Die militante fundamentalistische Ideologie des Rechtsextremismus dient – ebenso wie andere Fundamentalismen – als grundlegendes Bezugssystem, mit dem sich die Anhänger identifizieren (im Sinne der sozialen Identität; Tajfel & Turner, 1986) und als soziale Bewegung (Rucht, 2002) bzw. soziale Milieus organisieren. Über den Zusammenhang zwischen rechtsextremer fundamentalistischer Ideologie (operationalisiert im Sinne der Ideologie der Ungleichwertigkeit, nach Heitmeyer und Kollegen, Heitmeyer et al., 1992) und der Gewaltdimension gibt es in der Literatur nach wie vor unterschiedliche Auffassungen und empirische Befunde (z. B. Fischer, 2006; Fuchs, 2003; Giddens, 1997). Möglicherweise – so ist auf der Basis bisheriger Studien zu vermuten – wirken rechtsextreme fundamentalistische Ideologien im Sinne der Ideologien der Ungleichwertigkeit einerseits als Legitimationsinstanzen für Gewalttendenzen; andererseits entfalten sie ihre Wirkung vor allem dann, wenn sie funktional für die Identifikation mit relevanten Bezugsgruppen sind.

Rechtsextremismus ist eine fundamentalistische und militante Ideologie und legitimierendes Bezugssystem für Gruppenemotionen

Dass rechtsextreme Aktionen, Tendenzen und Ideologien auf der Seite der Akteure mit starken Emotionen verknüpft sein können, lässt sich nicht bezweifeln (Frindte & Neumann, 2002; Möller & Schuhmacher, 2007; Willems, Eckert, Würtz & Steinmetz, 1993; u. v. a.). Auch die „Hate-Crime“-Forschung macht auf die Verknüpfung von rechtsextremen Gewaltaffinitäten und emotionale Beteiligung aufmerksam (vgl. z. B. Disha, Cavendish & King, 2011).

Frindte und Neumann (2002) fanden in ihren Interviews mit fremdenfeindlichen Gewalttätern Hinweise, dass die Gewalttaten der Interviewten von starken Emotionen begleitet werden. Quantitativ überwiegen in den Schilderungen der Interviewten eher negative Emotionen (57 %), während ein Viertel der Befragten eher positive Emotionen berichteten. Auch in der Benennung von Einzelemotionen steht Hass an erster Stelle. In der Rangreihe folgen nach Spaß und Glück Wut, Ärger und Angst. Auffällig ist auch ein signifikanter Unterschied zwischen ostund westdeutschen Tätern. In neun von zehn westdeutschen Ta ten lassen sich Aussagen negativer Emotionen finden, aber nur in weniger als der Hälfte der ostdeutschen Fälle. Knapp 30 % der ostdeutschen Täter äußern dagegen einen mit der Tat verbundenen positiven Affekt, während dies nur jeder zehnte Westdeutsche beschreibt.

Wenn Emotionen Begleiterscheinungen rechtsextremer Aktionen und rechtsextremer Ideologien sind und solche Aktionen und Ideologien in der Regel durch Gruppen oder Gemeinschaften ausgeübt bzw. vertreten werden, so ist zu vermuten, dass die beteiligten Akteure sich mit diesen Gruppenaktionen und -ideologien identifizieren. Smith (1993) hat darauf aufmerksam gemacht, dass unter solchen oder ähnlichen Umständen die Akteure weitgehend ähnliche Emotionen („social emotions“ oder Intergruppengefühle) teilen. Intergruppengefühle sind Emotionen, die in Intergruppenkontexten ausgelöst, von den Mitgliedern einer Ingroup geteilt und gegenüber den Mitgliedern einer Fremdgruppe geäußert werden. Dazu gehören nach Smith (1993, S. 306) sowohl mildere Gefühle, wie Furcht und Ekel, als auch starke negative Gefühle, wie Verachtung, Neid, Wut oder Hass.

Zwischenfazit:

In der Konsequenz von Ad 1 bis Ad 4 wird Rechtsextremismus als Triple-Phänomen (Dreikomponenten-Ansatz) konzipiert: als fundamentalistische Ideologie (der Ungleichwertigkeit), durch die Gewaltpotentiale (Gewaltakzeptanz, -bereitschaft und -handeln) und negative Gruppenemotionen legitimiert werden können.

  • [1] Fälschlicher Weise wird häufig angenommen, die Aussage von der Ideologie als „falsches Bewusstsein“ sei von Marx und Engels bereits in der „Deutschen Ideologie“ (MEW, Bd. 3) getroffen worden. Tatsächlich taucht die Aussage vom „falschen Bewusstsein“ aber erst in einem Brief auf, den Engels am 14. Juli 1893 an Franz Mehring geschrieben hat.
 
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