Zur Eingangssequenz: Verratene Tugend

Der Film beginnt mit der Ankunft einer prachtvollen Kutsche, vor die zwei Vollblüter gespannt sind. Sie hält in dem offensichtlich ärmlichen Viertel einer Stadt. Um welche Stadt es sich handelt und zu welchem Zeitpunkt die Geschichte spielt, erfährt die Zuschauerin beziehungsweise der Zuschauer unmittelbar mit dem ersten Bild, durch die Einblendung „London, 1802“. Diese knappe örtliche und zeitliche Verortung durch ein Insert ist ein typisches Mittel, das in vielen Filmen Mira Nairs auftaucht. Wäre der Ortsname London in dieser ersten Einstellung des Films nicht eingeblendet, so würde man tatsächlich nicht erkennen, wo man sich befindet: Die beiden Pferde füllen einen Großteil des Bildkaders aus; lediglich ein Backsteinhaus ist im Hintergrund ersichtlich. Am linken Bildrand steht ein Mann, der eindeutig aus Asien stammt. Ein exotisch anmutender Teppich, der hinter ihm hängt, ein langer, geflochtener Zopf und eine typische Kopfbedeckung deuten seine Abstammung aus China an. Außerdem trägt er einen großen Korb auf dem Arm, was auf seine Tätigkeit als Händler schließen lässt. Die folgenden Einstellungen zeigen ihn als Teil einer Gruppe von Asiaten. Dann wechselt die Kameraperspektive in eine Aufsicht, wodurch die Sicht auf das Straßenbild erweitert wird. Zu sehen ist eine enge Gasse, über die fetzenartige Kleidung zum Trocknen quer hinüber gespannt wurde, und einige Passanten, die den Weg bevölkern. Die Kameraposition wechselt erneut und befindet sich nun inmitten einer Menschenschar, vor der die Kutsche unmittelbar vorbei rauscht. Ihr Blick ist staunend, einige von ihnen laufen ein Stück neben ihr her. Ihre Kleidung ist einfach, praktisch und schmutzig.

Im Folgenden kommt das Gefährt zum Stehen. Ein auffallend vornehmer Herr steigt aus, nachdem ihm von einem Bediensteten die Tür geöffnet wurde. Die Kamera fährt an ihm hoch und zeigt den Prunk und die Extravaganz seiner Kleidung: Er trägt glänzende Stiefel, eine seidene Hose und einen leuchtend blauen Seidenmantel, eine Weste aus Brokatstoff, einen Pelzkragen und einen silbernen Stock in der Hand. Sichtbar hebt er sich von den ihn umgeben Menschen auf der Straße ab. Sein Blick wandert suchend umher, offenbar ist er hier fremd, hat aber ein bestimmtes Ziel. Eine Gruppe von Kindern, deren Verwahrlosung nicht zu übersehen ist, umringen ihn bald darauf. Ein Junge bietet geschäftstüchtig an, auf seine Kutsche aufzupassen. In einer Geste der Herablassung wirft der Herr den Kindern einige Geldmünzen auf den Boden, worauf diese sich sofort darauf stürzen und darum ringen. Damit endet die gesamte Straßenszene, während der die Credits gelaufen sind und die Titelmelodie des Films gespielt wurde.

Der genaue Blick auf die ersten Szenen des Films lässt bereits Wesentliches erkennen. Das erste Bild, das die Stadt London durch die Anwesenheit der Einwanderer charakterisiert, enthält das Thema der Kolonialisierung. Die anschließenden Bilder lenken den Blick auf den starken Kontrast zwischen arm und reich sowie im Besonderen auf eine regelrechte Zurschaustellung von Reichtum. Bemerkenswert ist, dass die Eingangsszene nicht etwa zeigt, wie Menschen ohne Wohlstand versuchen, in die Welt der Reichen einzudringen und dort zu bestehen, sondern dass die umgekehrte Perspektive eingenommen wird. Es ist der wohlhabende Mann, der in die Welt der einfach lebenden Menschen kommt. Ihre Welt wird damit zur Ausgangsbasis der Geschichte. Dennoch ist die Unsicherheit nicht auf der Seite des einzelnen Mannes mit Reichtum, sondern auf der Seite der Vielzahl derer, die in dem Armenviertel Zuhause sind. Die gesamte Szene endet, indem der Fokus auf eine Gruppe Kinder gerichtet wird. Das Bild, das hier von ihnen gezeichnet wird, lässt unmittelbar an eine andere Gruppe von Kindern denken, die in einem Film Mira Nairs in der Großstadt um ihre Existenz kämpfen: Die Kinder aus Salaam Bombay!.

Die Eingangssequenz setzt sich mit einem Umschnitt ins Innere einer Wohnung fort, wobei man genauer von einer „Wohnung in der Wohnung“ sprechen müsste: Das erste Bild zeigt ein Handpuppenspiel, das vor einer kleinen Puppenbühne stattfindet. Es ist eine männliche Puppe, in der standesgemäßen Kleidung eines reichen Herrn, und eine weibliche Puppe, die simpler gekleidet ist. „Ist dies ihre Tochter Madame?“ erklingt dazu eine helle Stimme, die, wie das nächste Bild offenbart, einem Mädchen von etwa zehn Jahren gehört. Ihr Schauspiel geht weiter. Es dreht sich darum, dass eine Mutter, wohl die weibliche Puppe, ihre Tochter an einen Lord, wohl die männliche Puppe, verkaufen will. Bei der Bezahlung solle „die eine Hälfte in bar und die andere Hälfte in Staatsanleihen“ geleistet werden. Die imaginäre Tochter, die nicht in der Verkörperung einer Puppe vorhanden ist, beschwert sich bei ihrer Mutter, sie wolle nicht an den meistbietenden verkauft werden, selbst wenn er ein Lord sei. Man könne sich nicht über die Regeln der feinen Gesellschaft hinwegsetzen, lautet die Antwort der Mutter. Zwischendurch sind die Zuschauer des Puppenspiels zu sehen, nämlich eine Gruppe von zeichnenden Männern. Einen von ihnen amüsiert das Spiel des Mädchens besonders. Es ist ihr Vater, wie man kurz darauf erfährt. Dann wechselt die Szene zurück zur Straße. Gezeigt wird erneut der vornehme Herr, der nun eine Treppe hinab schreitet und offensichtlich mit jedem Schritt näher an einen Abgrund gerät: Betrunken herumliegende Männer säumen seinen Weg, bis er schließlich umgeben von Schweinen durch einen Schlammgrund watet. Dann hat er seinen Zielort erreicht: Ohne Anzuklopfen betritt er die Wohnung, in der das kleine Mädchen spielt. Überrascht von der Störung verstummt das Mädchen sofort und taxiert ihn dann mit kritischem Blick. Ihr Vater dagegen bemerkt ihn erst einen Augenblick später. Noch in das Schauspiel seiner Tochter versunken, lacht er vor sich hin, was ihn in gewisser Weise hilflos erscheinen lässt. Sein Verhalten gegenüber dem Lord, wie er den vornehmen Herrn später nennt, wirkt tendenziell devot. Der Lord ist gekommen, um ein Bild von ihm zu kaufen, dessen Titel Verratene Tugend lautet. Der Preis sei der gleiche, wie er für alle anderen seiner Bilder auch gelte, erklärt der Vater dem Lord. In diesem Moment schreitet das Mädchen ein. Dieses Bild sei teurer, ruft sie aus und nennt einen mehr als doppelt so hohen Preis. Es sei ein Portrait ihrer verstorbenen Mutter, erklärt der Vater daraufhin beschwichtigend, sie könne sich deshalb nur schwer davon trennen. Doch das Mädchen kann sich durchsetzen, der Lord zahlt den höheren Preis. Zwar könne sie sich immer noch nur schweren Herzens von dem Gemälde trennen, doch der Preis sei zu hoch, um abzulehnen, erklärt sie. Als der Lord das Portraitbild ihrer Mutter hinausträgt, schaut sie traurig hinterher. Während dieser Szenen läuft der Vorspann mit den Credits ebenfalls weiter.

Auch dieser zweite Teil der Eingangssequenz, der Becky als Protagonistin im Kindesalter einführt, legt wesentliche Sinnstrukturen offen, aus denen sich die weitere Filmhandlung zusammensetzen wird. Zunächst fällt auf, dass sich das kleine Mädchen in verschiedener Hinsicht von den anderen Kindern unterscheidet, die unmittelbar zuvor erschienen waren. Diese Kinder ringen miteinander um die Münzen. Das Mädchen jedoch ist augenscheinlich in keinen verzweifelten Kampf verwickelt, sondern sie spielt. Sie ist dabei ruhig, konzentriert und steht im doppelten Sinn über den Dingen; anders als die anderen Kinder kriecht sie nicht auf Bodenhöhe. Auch ist sie in einer überlegenen Position, indem sie die Puppen führt. Sie sind ihre imaginären Gefährten, die auf ihr Wort und ihren Willen reagieren. Ihre Vorführung scheint keinen reinen Selbstzweck zu erfüllen, sondern ist an Erwachsene gerichtet, die sie damit zum Lachen bringt. Auch fällt auf, dass sie die Sprache der Erwachsenen beherrscht. Schließlich erscheint sie sogar ihrem eigenen Vater überlegen, als sie dem Lord die Stirn bietet und einen höheren Preis mit ihm aushandelt. Der Inhalt ihres kleinen Theaterstücks dreht sich um die Trennung einer Mutter von ihrer Tochter. Das Motiv der Mutter, sich von der Tochter zu trennen, ist Armut. Auffallend ist aber auch, dass ausschließlich die Finanzkraft oder gesellschaftliche Stellung des Käufers für sie entscheidend ist. Dass sie zum Beispiel nicht nach menschlichen Eigenschaften wie Güte oder Freundlichkeit bei einem potentiellen Käufer sucht, rechtfertigt sie mit ihrer eigenen Machtlosigkeit gegenüber den unumstößlichen Gesetzen der Gesellschaft. Da die Tochter nicht als Puppe vorhanden ist, scheint das Mädchen diese Rolle selbst zu verkörpern. Als der leibhaftige Lord den Raum betritt, geschieht eine Wiederholung ihres Spiels, jedoch mit umgedrehten Vorzeichen. Nun ist sie diejenige, die ihre Mutter, in Form des Gemäldes, an den Lord verkauft. Im Gegensatz zu ihrer imaginierten Mutter und auch ihres realen Vaters ordnet sich das Mädchen, also Becky, nicht einfach unter, sondern stellt eigene Regeln auf und handelt einen Preis aus. Und doch bleibt sie nicht wirklich als Siegerin zurück, denn sie muss den Schmerz der Trennung ertragen. Dass dieser Verkauf stattfinden konnte, ist der künstlerischen Begabung des Vaters zu verdanken. Diese Kunst ist das Gegenstück zur Macht des Geldes. Der Lord muss sich Kunst käuflich erwerben, ihretwegen steigt er die Stufen hinab in die Welt der Unterschicht. Auch das kleine Mädchen besitzt eine künstlerische Gabe: Sie ist in der Lage, Geschichten zu erzählen und zu inszenieren. Außerdem besitzt sie offensichtlich einen festen Willen, Ehrgeiz, Selbstbewusstsein und Mut.

Auf der Ebene ihres Puppenspiels, auf der Ebene der Realität, wie auch auf der Ebene des Portraits der Mutter, wird ein Grundmotiv variiert, bei dem es stets um eine Gefährdung des Guten und Tugendhaften geht. In Beckys Spiel muss die Tochter aus Not verkauft werden, in der Film immanenten Realität das Bild der Mutter. Die Tugend der Mutter, als Inhalt des Bildes, wird als verraten bezeichnet. In jeder Hinsicht wird die Idylle aufgehoben: Die Idylle der Familie, in der sich eine Mutter um ihr Kind sorgt und die Idylle des Malers, der seine Kunst nicht unter Wert verkaufen muss. Offenbar ist auch die Tugend der Mutter, wie das Gemälde durch seinen Titel dokumentiert, nicht von Bestand gewesen.

 
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