Becky betritt die Bühne des Lebens

Während das letzte Bild dieser Szene zeigt, wie der Lord das Atelier zur Tür hinaus verlässt, sehen wir in der ersten Einstellung der nun folgenden Szene, wie das Mädchen von außen kommend auf eine andere Tür zu geht. Sie bewegt sich nicht freiwillig; von beiden Seiten wird sie von Gouvernanten geleitet. Die Frauen, beide vollkommen in schwarz gekleidet und mit strengen Frisuren, unterhalten sich über den Kopf des stummen und gefügigen Mädchens hinweg darüber, dass es eigentlich in ein Waisenhaus gehöre. Offenbar hat das Kind nun auch seinen Vater verloren. Weiter sprechen die Gouvernanten darüber, dass sie sie jedoch lieber in ihrer Erziehungsanstalt behalten wollen, da sie ihnen noch von Nutzen sein könnte. Ihre Mutter sei Französin, eine Opernsängerin, wird verachtend hinzugefügt. So spreche das Kind jedenfalls perfekt französisch. Man könne zudem mit ihr machen, was man wolle; als Waise würde niemand großes Aufsehen um sie machen. Das Mädchen ist ihnen also ausgeliefert. Sie führen sie schließlich einige Treppenstufen hinauf durch eine prunkvolle Tür in einen großen Saal hinein. Die Kamera folgt ihnen. Der Raum ist fast vollkommen leer: Lediglich einige wenige, mit Polstern bezogene Stühle säumen den Rand. Zwei Säulen und Kerzenleuchter unterstreichen eine gewisse Vornehmheit. Der Boden besteht aus einem gepflegten Parkett. Durch große Fenster und eine Terrassentür blickt man auf das saftige Grün eines weitläufigen Gartens. Ganz im Gegensatz zu den Frauen, von denen in ihrem Aussehen und ihrem Gebärden etwas Bedrohliches und Bösartiges ausgeht, strahlt dieser Saal eine freundliche Atmosphäre aus. Und obwohl die beiden Frauen in ihrem Gespräch planen, das Mädchen unter ihre Kontrolle zu bringen, verlieren sie sie in dieser konkreten Situation aus den Augen. Es hat sich von ihnen losgelöst, wandert im Raum umher und blickt sich ausgiebig um. Schließlich verlassen die beiden Frauen den Saal. Das Mädchen bleibt alleine darin zurück. In diesem Augenblick fährt die Kamera in die Höhe und zeigt es aus der Vogelperspektive.

Diese Szene, die den Schlussteil der Eingangssequenz des Films bildet, ist in verschiedener Hinsicht bemerkenswert. Der Umzug des Mädchens beruht auf einem traurigen Grund: Sie ist nun ganz ohne Eltern. Die Erwachsenen, die sie umgeben, sind ihr nicht wohl gesonnen. Sie verhalten sich nicht fürsorglich, sondern sind eigennützig und behandeln sie wie eine Ware, über deren Wert offen diskutiert wird. Jedoch zeigt diese Szene kein ängstliches oder verzweifeltes, sondern ein neugieriges und autonomes Kind. Indem die Kamera die Szene aus der Höhe aufnimmt, betont sie auf der einen Seite zwar eine gewisse Verlorenheit. Auf der anderen Seite wird durch die besondere Sicht auch betont, dass das Kind von einem Freiraum umgeben ist. Ruhig schaut es sich um und registriert die neue Umgebung. Es scheint von einem Willen ausgefüllt zu sein, diesen neuen Raum für sich zu entdecken und zu gestalten. Das Bild von Becky auf der freien Fläche des Parketts weckt eine weitere Assoziation: Es wirkt, als befinde sie sich nun selbst auf einer Bühne. Die Szene endet mit dem letzten Credit des Vorspanns: „directed by Mira Nair“. Auf diese Weise bringt sich die Regisseurin in einen direkten Zusammenhang mit ihrer Hauptprotagonistin Becky Sharp. Vergleichbare Verknüpfungen gibt es bei Kama Sutra sowie bei Salaam Bombay!; auch in diesen Filmen enden die Credits mit der Einblendung des Namens der Regisseurin auf dem Bild der kindlichen Hauptfigur. So wie Becky wird auch Krishna aus Salaam Bombay! allein zurückgelassen und ist plötzlich von einer Weite und Leere umgeben. Und so wie Becky verzweifelt auch er nicht daran, sondern hält für einen Moment inne und schaut sich um, bevor er schließlich zu handeln beginnt.

Ebenfalls bemerkenswert ist die Bewegung, mit der die beiden Szenen verbunden sind: Der Weg des Marquis nach dem Kauf des Gemäldes führt ihn hinaus ins Freie. Er geht die Treppen wieder hinauf, lässt die im Dreck wühlenden Schweine und die Betrunkenen hinter sich, steigt in seine Kutsche und kehrt in die Welt des Luxus zurück. Auch Becky verlässt kurze Zeit später diesen ärmlichen Ort. Ihre erste Station als Waise ist wesentlich vornehmer, als es ihr Zuhause im Atelier des Vaters gewesen war. Versinnbildlicht wird ihr kleiner Aufstieg dadurch, dass sie ebenfalls einige Treppenstufen hinauf geht, bevor sie ihr neues Zuhause betritt. Dass sie den Rest ihrer Kindheit nicht mehr in Armut leben muss, hat sie in gewisser Weise ihren Wurzeln, nämlich ihrer Fähigkeit, fließend französisch zu sprechen, zu verdanken. Becky verfügt damit über etwas, dass sie aus ihrem angestammten Milieu heraushebt. Auch wenn sie zunächst in der Abhängigkeit einer Vormundschaft lebt, die ihr feindlich gesinnt ist, bedeutet für sie der Verlust des Elternhauses ein erster Schritt in ein selbstbestimmtes Dasein. Sie betritt die Bühne des Lebens.

Die gesamte Eingangssequenz stellt eine ins sich geschlossene, dramaturgische Einheit dar. Es ist eine Vorgeschichte, die der eigentlichen Filmhandlung vorangestellt ist. Sie spielt zu einem früheren Zeitpunkt, nämlich zu der Zeit der Kindheit der Hauptfigur Becky Sharp. Es geschehen Ereignisse, die den weiteren Handlungsverlauf maßgeblich bestimmen. Indem die Zuschauerin beziehungsweise der Zuschauer Becky in ihrer Ursprungssituation kennenlernt, dient die Geschichte vor der Geschichte ebenso dazu, ein Bild ihres Charakters zu entwerfen. Zusammenfassend kann man feststellen, dass sich diese Ursprungssituation aus Kontrasten zusammensetzt: Es herrscht große Armut und großer Reichtum und es gibt vielfältige multikulturelle Einflüsse; England war zu dieser Zeit einer der größten Kolonialmächte der Welt. Becky stammt aus der Unterschicht und doch ist sie in ihrer persönlichen Situation herausgehoben, von der Masse isoliert. Tatsächlich befindet sie sich an einer Schnittstelle zur Oberschicht. Es ist die Kunst, die die Verbindung zu der Welt der Privilegierten herstellt. Kunst als Wert, als konkrete Begabung und in materieller Form, ist neben ihrer Bildung in Form ihrer Mehrsprachigkeit ihr einziges Erbe. So setzt sich Beckys grundsätzliche Lebenserfahrung nicht nur aus ihrer Armut und ihrer gesellschaftlichen Unter-legenheit sowie dem Verlust beider Elternteile und ihres Zuhauses zusammen. Weitere wichtige Charakteristika sind ihre Fantasie und ihre Fähigkeit zur Inszenierung, was ihr Puppenspiel zeigt. Deutlich wird hier auch ihre Orientierung an der Welt, die ihrer eigenen fern liegt. In ihrem Spiel imaginiert sie sich in die Welt der Reichen. Zuletzt ist es ihre Fähigkeit, zähe Verhandlungen zu führen, die ihren großen Willen und ihre Durchsetzungskraft deutlich machen. Becky verzagt nicht und sie will hoch hinaus.

 
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