Kunst und Bildung öffnen Türen

Die Bedeutung von Kunst als ein besonderes Erbe Beckys wird in der Vorgeschichte deutlich, als sie mit dem Marquis um den Preis des Gemäldes verhandelt. Dabei tritt sie ihm als ebenbürtige Partnerin gegenüber. Auch wenn es sich im Grunde um ein Verlustgeschäft für sie handelt, weil der emotionale Wert des Mutterportraits nicht aufzuwiegen ist, gelingt ihr in diesem Moment eine Überwindung der Standesgrenze und sogar der Alters- und Geschlechtergrenzen; schließlich ist sie noch ein kleines Mädchen. Sie ist im Besitz von etwas, das für den Lord ein Objekt der Begierde ist. Ihr Kapital ist die Kunst. Dieses Prinzip gestaltet auch ihre Beziehung, als sie sich Jahrzehnte später wieder begegnen. Zunächst sehen sie sich auf einer Auktion wieder, auf der das Hab und Gut der verarmten Familie Sedley versteigert wird. Unter den Objekten befindet sich ein kleinformatiges Landschaftsgemälde von Beckys Vater. Dieses Gemälde hatte sie einst ihrer Freundin Amelia geschenkt. Rawdon möchte seiner Frau einen Gefallen tun, indem er ihr das Bild zurückkauft. Doch ein anderer Käufer ist schneller: Es ist der Marquis von Steyne, den Becky hier als Sammler der Bilder ihres Vaters wiedererkennt.

Neben der Kunst ist es die Bildung, die ihr einen Zugang zu der oberen Gesellschaftsklasse ermöglicht. So kann sie Rawdon und Matilda Crawley, reiche und kultivierte Adelige aus London, mit ihren Französischkenntnissen sowie mit ihrer Bildung über Geschichte und politisches Weltgeschehen beeindrucken und für sich gewinnen. Was für eine Freude es sei, in diesem Haus einen kultivierten Menschen anzutreffen, ruft die reiche Dame einmal aus und gibt die Anweisung, die Gouvernante Becky möge zum Abendessen mit den Herrschaften am Tisch sitzen und zwar direkt neben ihr. Auch wenn sich das Blatt später wenden wird, wird Becky von Matilda zumindest in diesem Augenblick als ihresgleichen anerkannt und mehr: Sie hat für sie eine bestimmte Attraktivität, sie erscheint ihr als eine Bereicherung.

Einige Zeit später erweisen sich Beckys Fähigkeiten, diesmal ihre künstlerischen, ein zweites Mal als Eintrittskarte in eine Welt, die ihr zuvor verschlossen war. Becky ist hier zu einer besonders vornehmen Abendgesellschaft eingeladen, deren Gastgeber der Marquis von Steyne ist. Die Szene beginnt mit einer Einstellung auf die festlich geschmückte Außenfassade seines Hauses. Edel gekleidete Menschen steigen aus ihren Kutschen und flanieren zur Eingangspforte. Die nächste Einstellung zeigt aus einer Aufsicht das Innere des Festsaals. Es ist ein prächtiger Raum, der von großem Reichtum zeugt: Ein großer Kronenleuchter ziert die Decke, ein Kamin lodert im Hintergrund, das Parkett glänzt, ein Diener steht allzeit bereit zur Seite, ein brokatbezogenes Sofa und volle Bücherregale säumen die Wände. Der Innenraum dagegen ist vor allem eine freie Fläche. Lediglich ein Flügel und ein runder Tisch, auf dem ein großer Blumenstrauß steht und einige Papierbögen mit Zeichnungen liegen, befinden sich in seiner Mitte. Plötzlich strömt eine Gruppe von Frauen auf den Tisch zu. Sie alle sind ähnlich gekleidet, tragen weiße Kleider, rote Schleifen und Handschuhe. Auch ihr Kopfschmuck ist in weiß und rot gehalten. Sie versammeln sich um den Tisch und bewundern die Zeichnungen. Die nächste Einstellung zeigt Becky in Normalsicht, wie sie von Steyne in den Saal hineingeführt wird. Dass sie sich von den Frauen unterscheidet, ist unmittelbar ersichtlich: Sie trägt ein schwarzes Kleid, silbernen Schmuck sowie Kopfschmuck aus schwarzen und roten Federn. Während sie mit ernstem Gesichtsausdruck den Raum betritt, gibt ihr der Lord eine Warnung mit auf den Weg: „Bedenken sie, sie haben keine Freunde jenseits dieser Tür!“ Auf Beckys Gesicht spiegelt sich Unsicherheit. Sie schreitet zaghaft voran. Der Diener schließt die Tür hinter ihr. Die Kameraposition wechselt wieder in die Aufsicht und zeigt die Gruppe der Frauen, die geschlossen um den Tisch herum gruppiert ist. Zunächst scheint keine von ihnen Becky zu bemerken. Ihr dichtes Beisammensein und ihre Kleidung lassen sie als eine homogene Einheit erscheinen. In der Aufsicht wird Beckys Position als Außenstehende besonders deutlich. In Nah zeigt die Kamera schließlich ihren Versuch, Zugang zu ihnen zu finden, indem sie eine der Frauen direkt anspricht. Wie ihr die neuste Figaroaufführung gefallen habe, erkundigt sie sich bei ihr. Die angesprochene Dame dreht sich daraufhin wortlos um und entfernt sich von Becky. Ihre Bewegung löst eine Dynamik in der Gruppe aus: Die Frauen drehen sich gesammelt auf dem Absatz um und lassen Becky alleine an dem Tisch zurück. Dennoch wagt sie erneut eine Annäherung und gesellt sich zu einigen Frauen, die sich auf eines der Sofas niedergelassen haben. Aber auch dieser Versuch scheitert. Die Frauen stehen auf und gehen ihr erneut aus dem Weg. Gesprächsfetzen sind zu hören: Nirgendwo sei man vor solchen Leuten sicher. Becky wird also nicht nur nonverbal gemieden; die Ablehnung ihr gegenüber wird offen ausgesprochen. So befindet sie sich in einer zutiefst demütigenden Situation. Gerade als sie aufsteht und es scheint, als wolle sie resigniert den Saal verlassen, wird sie von der Ehefrau des Marquis, Lady Steyne, mit freundlicher Stimme angesprochen. Sie habe gehört, dass sie wunderschön Klavier spielen und singen könne, ob sie für sie singen würde, fragt sie Becky. „Es wäre mir ein Vergnügen“, lautet deren Antwort. Die große Erleichterung, einen Ausweg aus der Situation gefunden zu haben, ist in Beckys Stimme und in ihrem Blick erkennbar. Auf die Einwände ihrer pikierten Schwiegertöchter, antwortet Lady Steyne mit entschiedener Stimme, sie habe in diesem Haus schon zu viele Grausamkeiten erlebt, es reiche nun. Und so begeben sie und Becky sich zum Flügel. Becky schlägt ein Lied namens Now Sleeps the Crimson Petal vor. Ruhig und konzentriert beginnt sie zu singen. Doch trotz ihrer Konzentration und Präzision im Gesang ist ihr Blick auf das Geschehen im Raum gerichtet. Er wandelt von einer potentiellen Zuhörerin zur nächsten. So fängt die Kamera, Beckys Perspektive nachempfindend, wiederum die Blicke der Frauen ein. Auf ihren Gesichtern und in ihrem Verhalten spiegelt sich der Prozess einer Wandlung: Nach offenkundiger Ablehnung, verstummen sie zunehmend und widmen Becky ihre Aufmerksamkeit. Sie kommen ihr näher und versammeln sich kreisförmig um sie. Schließlich lauschen sie ihr voller Rührung.

Auf dem Hintergrund der Szene, in der das kleine Mädchen Becky allein in dem großen Saal des Erziehungsheims stand, kann man hier feststellen, dass Becky als Erwachsene ihr Erbe, das heißt ihr Potential nun nutzt, um den Raum um sich herum zu gestalten. Auf der formalen Ebene wird eine Verbindung zwischen den beiden Szenen deutlich, indem sie beide aus einer Aufsicht aufgenommen sind. In beiden Fällen drückt diese Einstellung Beckys Einsamkeit, aber auch ihre Handlungsfreiheit aus. Im Unterschied zu der Szene ihrer Kindheit ist sie jetzt in der Lage, in eine Interaktion zu treten. Denn der Raum, der sie jetzt umgibt, ist nicht mehr vollkommen leer; er ist mit Dingen bestückt, die ihr dazu dienen, ihre Gaben umzusetzen. Das Piano, die Bücher und die Zeichnungen sprechen dafür, dass in diesem Umfeld Kunst und Bildung wertgeschätzt werden. Tatsächlich hat man sich mit diesen Gegenständen regelrecht ausstaffiert. Für Becky bedeuten sie eine Gelegenheit, mit den Anderen in Kontakt zu treten. In der Szene ihrer Kindheit hatten sich die beiden Erzieherinnen in abfälligem Ton darüber unterhalten, dass ihre Mutter eine Opernsängerin sei und dass dies besser geheim gehalten werden solle. Eben dieser angebliche Makel ist es nun, der Becky dazu dient, die Menschen für sich zu gewinnen und sich einen Platz in ihrer Mitte zu erobern. Über das Mittel von Gesang und Musik gelingt es ihr, die ehemals feindselig gestimmten Frauen zu erweichen. Lady Steyne wird zu Tränen gerührt. Auch Lord Steyne, Rawdon und einige andere männliche Zuhörer gesellen sich während ihres Gesangs zu den Zuhörerinnen und lauschen andächtig. Als das Lied beendet ist, ernten Becky und Lady Steyne großen Applaus. Dass dieser ganz offensichtlich in erster Linie Becky gilt, wird daran deutlich, dass alle Blicke auf ihr ruhen. Nur ihr Ehemann beäugt sie kritisch. Der Marquis lässt sich in der Atmosphäre der Rührung gar zu einer zärtlichen Geste seiner Frau gegenüber hinreißen, indem er ihr für einen kurzen Moment besänftigend den Arm auf die Schulter legt. Dann flüstert er Becky zu, was bereits deutlich zu erkennen war: „Sie haben die Tür geöffnet.“

Für den Moment erlebt Becky einen Triumph. Doch nach ihrem zweiten großen Auftritt bei Steyne, an einem Abend, an dem sie in seinem Haus einen Tanz vorgeführt hatte, spricht dieser zu ihr, es sei doch alles bloß ein schäbiges Marionettenspiel. Damit greift er das Motiv des Puppentheaters auf, das in der Eingangssequenz auftauchte. Becky hatte geglaubt, sie würde das Marionettenspiel ihrer Kindheit in der realen Welt ihres Erwachsenendaseins fortführen, in ihrem Spiel der Verführung die Menschen zu Objekten machen können. Indem Steyne die Welt, nach der sie strebt, nun selbst als Marionettenspiel bezeichnet, entlarvt er ihre Vorstellung als Illusion. Der weitere Verlauf der Geschichte zeigt, dass Beckys Beziehung zur Welt der Reichen und Mächtigen vor allem aus ihrer verhängnisvoll verstrickten Beziehung zu Steyne besteht und dass sie wie schon in dem Moment ihrer ersten Begegnung dabei mehr verliert als gewinnt. Das Portrait ihrer Mutter dient als Symbol für diesen Verlust, als Becky es eines Tages an der Wand im Haus des Marquis entdeckt. Der Preis sei nicht hoch genug gewesen, sinniert sie. Nun sei es zu spät, er sei bereits verhandelt und die Ware genommen worden, antwortet der Marquis. Die Metaphorik des verkauften Bildes lässt den Verdacht anklingen, dass Becky nicht nur ein Gemälde mit dem Titel „Verratene Tugend“ verkauft hat, sondern auch einen Teil ihrer Identität und Geschichte.

 
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