< Zurück   INHALT   Weiter >

2.4 Vermittlungsinstanzen oder Mediatoren

Ob und inwieweit die Prädiktoren fundamentalistische Ideologien (der Ungleichwertigkeit) beeinflussen, hängt ganz entschieden davon ab, ob sich Personen mit fundamentalistischen Gruppen, Gemeinschaften oder Bewegungen identifizieren und mit diesen sozialen Gruppen, Gemeinschaften oder Bewegungen relevante soziale Vorstellungen teilen.

Die damit angesprochenen sozialen Konstruktionen definiert Klandermans folgendermaßen (2014):

Social identity concerns the socially constructed cognitions of an individual about his membership in one or more groups. Collective identity concerns cognitions shared by members of a single group about the group of which they are a member” (Klandermans, 2014, S. 3; Hervorh. Im Original).

Das heißt, wir haben es theoretisch zumindest mit zwei „Entitäten“, Beschaffenheiten oder Konstruktionen zu tun, deren Differenzierung in der klassischen Theorie der sozialen Identität (Tajfel & Turner, 1986) so explizit noch nicht vorgenommen wurde, aber in neueren Arbeiten (vor allem im Kontext politischer Aktionen und sozialer Bewegungen) eine wichtige Rolle spielt (z. B. Aroopala, 2012; Klandermans, Sabucedo, Rodriguez & Weerd, 2002): a) die Identifikation einer Person mit relevanten sozialen Bezugsgruppen und b) die interindividuell mehr oder weniger übereinstimmenden sozialen Konstruktionen der Mitglieder dieser Bezugsgruppen. Die empirische Differenzierung beider Konstruktionen dürfte allerdings – nicht zuletzt wegen den sehr unterschiedlichen Operationalisierungen – nicht leicht sein (vgl. Ashmore, Deaux & McLaughlin-Volpe, 2004; Jackson & Smith, 1999). Von diesen methodischen Schwierigkeiten und begrifflichen Unterschieden sehen wir zunächst ab:

Ad 1. Unter sozialer Identität einer Person verstehen wir – im Sinne der Theorie der sozialen Identität (SIT, Tajfel & Turner, 1986) – die Summe der Identifikationen mit bestimmten sozialen Kategorien (Gruppen, Gemeinschaften, Milieus oder sozialen Bewegungen) und die mit diesen Kategorien assoziierten Werte und Eigenschaften. Die soziale Identität einer Person konstituiert mit der personalen Identität (die Summe der persönlichen Fähigkeiten und Charaktereigenschaften) das Selbstkonzept einer Person. Identifikation mit sozialen Kategorien bedeutet hier die subjektive Bedeutsamkeit diese Kategorien für die soziale Identität.

Ad 2. Entsprechend der SIT ist davon auszugehen, dass Menschen bestrebt sind, eine positive soziale Identität zu erlangen. In Abhängigkeit vom sozialen Kontext (und den Erfahrungen im Umgang mit den Kontextbedingungen) kann sich eine Person mit unterschiedlichen sozialen Kategorien identifizieren und auf unterschiedlichen Abstraktionsniveaus selbst kategorisieren. Im Ergebnis der Identifizierungsund Kategorisierungsprozesse wird eine positive Abgrenzung der Eigengruppen (der relevanten Bezugsgruppen) zu relevanten Fremdgruppen angestrebt. Die soziale Identität ist einerseits Ergebnis der Interaktion mit den sozialen Kontextbedingungen und fungiert andererseits als individuelles Bezugssystem, um die soziale Umwelt (und die damit verbundenen Kontextbedingungen) danach zu beurteilen und zu bewerten, inwieweit sie selbstwertdienlich oder selbstwertbeeinträchtigend sind.

Ad 3. Die soziale Identität, die als Folge derartiger Identifizierungsund Kategorisierungsprozesse konstruiert wird, fungiert als Vermittler bzw. Mediator zwischen den wahrgenommenen (selbstwertdienlichen bzw. selbstwertbeeinträchtigenden) Kontextbedingungen und den Bewertungsund Handlungsstrategien im Umgang mit diesen Kontextbedingungen (z. B. dann, wenn die Kontextbedingungen die soziale Identität und somit auch das Selbstkonzept einer Person zu beeinträchtigen bedrohen; vgl. auch Amiot, Terry & McKimmie, 2012).

Ad 4. Rechtsextremismus als fundamentalistische Ideologie (der Ungleichwertigkeit), durch die Gewaltpotentiale (Gewaltakzeptanz, -bereitschaft und –handeln) und negative Gruppenemotionen legitimiert werden können, betrachten wir in diesem Sinne als eine funktionale Ideologie. Funktional ist diese Ideologie deshalb, weil sie (sozial geteilte) Bewertungsund Handlungsstrategien im Umgang mit den selbstwertdienlichen bzw. selbstwertbeeinträchtigenden Kontextbedingungen nahelegt (die Prädiktoren auf makro-, mesound mikrosozialer Ebene). Die soziale Identität fungiert als Vermittler bzw. Mediator zwischen den wahrgenommenen Kontextbedingungen und der fundamentalistischen Ideologie der Ungleichwertigkeit, den Gewaltpotentialen und den Gruppenemotionen. Das heißt, welchen Einfluss die (in zahlreichen Studien nachgewiesenen) Prädiktoren auf die fundamentalistische Ideologie der Ungleichwertigkeit, die Gewaltpotentiale und negative Gruppenemotionen haben, hängt nicht ausschließlich, aber im hohen Maße von der Identifikation mit relevanten Bezugsgruppen (und damit von Aspekten der sozialen Identität) ab.

Abbildung 2 illustriert diese Annahmen – ergänzt um mögliche Variablen, durch die die Prädiktoren und das Explanandum operationalisiert werden können (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Die starken schwarzen Linien sollen die angenommenen Mediatorprozesse verdeutlichen und die schwachen Linien zwischen den Prädiktoren und dem Explanandum die durchaus ebenfalls zu vermutenden direkten Relationen.

Abbildung 2 Theorie eines identitätsstiftenden politischen bzw. religiösen Fundamentalismus (TIF) mit Operationalisierungsmöglichkeiten.

Dass die soziale Identität als Prädiktor z. B. für kollektive Aktionen zu wirken scheint, lässt sich empirisch ziemlich gut belegen (vgl. z. B. Cakal, Hewstone, Schwär & Heath, 2011). Auch dass makro-soziale Belastungen (z. B. gruppenbezogene relative Deprivation in Folge gravierender gesellschaftlicher Veränderungen) das individuelle Erleben in Abhängigkeit von der sozialen Identität beeinflussen, ist empirisch nachweisbar (z. B. Grant, 2008). Problematisch dürfte unsere Kernhypothese aber dann sein, wenn – wie wir es tun – angenommen wird, auch der Einfluss mikro-sozialer Bedingungen (wie autoritäre oder sozial-dominante Überzeugungen) auf das Ausmaß rechtsextremer Tendenzen (fundamentalistische Ideologie der Ungleichwertigkeit, Gewaltpotentiale und Gruppenemotionen) werde über die Identifikation mit relevanten Bezugsgruppen mediiert. Die empirischen Befunde scheinen eher dafür zu sprechen, dass die Identifikation mit relevanten Bezugsgruppen (z. B. die Identifikation mit der eigenen Nation als nationale Identität) individuelle Variablen, wie autoritäre Überzeugungen oder soziale Dominanzorientierung, beeinflusst (z. B. Liu, Huang & McFedries, 2008) bzw. die nationale Identität nicht als Mediator-, sondern als Moderatorvariable [1] wirkt.

Die Kernhypothese ist somit noch teilweise empirisch unbestimmt. Deshalb werden im folgenden Abschnitt die Datensätze eigener Studien genutzt, um empirische Belege zu präsentieren, mit denen die TIF fundiert werden kann.

  • [1] Eine Mediatorvariable vermittelt den statistischen Zusammenhang zwischen zwei anderen Variablen, und repräsentiert dabei den ablaufenden Prozess. Zum Beispiel: Man nimmt an, dass Menschen mit zunehmendem Alter autoritärer werden, weil sie nach und nach mehr Verantwortung übernehmen müssen. Eine weitere Annahme lautet, dass höherer Autoritarismus mit höherer Ausländer-Ablehnung einhergeht. Somit müsste höheres Alter (Prädiktor X) zu höherer Ausländer-Ablehnung führen (Kriterium Y), vermittelt über den ansteigenden Autoritarismus (Mediator Z) (vgl. Riepl, 29.06.2012). Eine Moderatorvariable beeinflusst die Art des Zusammenhangs zwischen einer unabhängigen und einer abhängigen Variablen.
 
< Zurück   INHALT   Weiter >