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3 Empirische Belege

Bei den folgenden Auswertungen handelt es sich um Sekundäranalysen von Studien, die im Zeitraum von 1998 bis 2011 durchgeführt wurden. Insofern stehen die diesen Studien ursprünglich zugrundeliegenden theoretischen Annahmen, die darauf aufbauenden Operationalisierungen und die methodischen Realisierungen nicht im direkten Zusammenhang mit der Konzeptualisierung der TIF und der o. g. Kernhypothese. Dennoch enthalten die Datensätze dieser Studien Variablen, deren Operationalisierung genutzt werden kann, um diese Kernhypothese zu prüfen.

In den Studien wird die soziale Identität, die in der Kernhypothese der TIF als Mediator zwischen den Kontextbedingungen und der fundamentalistischen Ideologie (der Ungleichwertigkeit) konzeptualisiert ist, in drei unterschiedlich abstrakten Operationalisierungen genutzt: a) als Identifikation mit rechten Cliquen als unmittelbare Bezugsgruppe, b) als Identifikation mit rechten Subkulturen und Milieus als übergeordnete soziale Kategorie und c) als Identifikation mit der eigenen Nation.

In dieser Reihenfolge werden die Studien auch vorgestellt.

3.1 Fremdenfeindliche Gewalttäter (Frindte & Neumann, 2002)

Um empirische Belege und Illustrationen der Kernhypothese der TIF zu finden, haben wir in einem ersten Schritt Interviews mit fremdenfeindlichen Straftätern, die wir in den Jahren 1999/2001 bundesweit durchgeführt haben, einer Sekundäranalyse unterzogen. Interviewt wurden 105 fremdenfeindliche männliche Straftäter. Diese Interviews wurden als qualitative, leitfadenorientierte und als standardisierte Befragungen durchgeführt (gemeinsam mit H. Willems und K. Wahl vom Deutschen Jugendinstitut e.V., München; vgl. auch Frindte & Neumann, 2002).

3.1.1 Eine Auswahl aus den ursprüngliche Befunden

Die individuellen Sozialisationen der Straftäter bis zur eigentlichen fremdenfeindlichen Gewalttat verlaufen in der Regel mehrphasig: In der familiären Sozialisation (meist typische broken-home-Konstellationen, Heimerfahrungen) wird Gewalt als Hauptmittel zur Regulation alltäglicher Situationen erlebt und angeeignet. Eindeutige ideologische Einstellungsund Wertaneignungen passieren in diesem Kontext kaum. Die schulische Sozialisation zeichnet sich durch zunehmendes Leistungsversagen, Schulabbruch und delinquentes Verhalten aus (86 % der Interviewten fielen bereits bis zur mittleren Schulzeit durch Gewaltanwendung auf; multiple Delinquenz bei ca. 95 % der Interviewten vor der Strafmündigkeit). Eine Gruppensozialisation in jugendlichen Cliquen beginnt relativ frühzeitig und nimmt eine zentrale Rolle ein. Durch die Integration in jugendliche Cliquen beginnt eine zunehmende, ideologisch rechtsextreme Sozialisation. Die Identifikation mit der Clique wird zum entscheidenden Bezugssystem für die individuelle Übernahme fundamentalistischer Ideologien der Ungleichwertigkeit und die darauf basierende Gewaltbereitschaft. Für die Sekundäranalyse greifen wir zunächst auf die quantitativen Daten der standardisierten Befragung zurück.

3.1.2 Methodische Vorbemerkungen

Die Interviews wurden in der Mehrzahl in den Justizvollzugsanstalten durchgeführt und dauerten zwischen 3,5 und 8 Stunden. Für die nachfolgende Sekundäranalyse relevant sind drei Variablen, die im standardisierten Fragebogen im Originaldatensatz bereits als Operationalisierungen vorliegen, und zwar:

• Die Links-Rechts-Orientierung als politische Selbstkategorisierung auf einer 9-stufigen Skala (von 1 = linksradikal bis 9 = rechtsradikal).

• Fundamentalistische Ideologie der Ungleichwertigkeit (mit den Subskalen „Manifester Antisemitismus“[1] (Cronbach's Alpha [2] = .87), „Ausländerfeindlichkeit“[3] (Cronbach's Alpha = .83), „Führer-Gefolgschaft-Ideologien“[4] (Cronbach's Alpha = .61), „Nationalistische Orientierungen“[5] (Cronbach's Alpha = .72). Mit den insgesamt 24 Items aus diesen vier Subskalen wurde zunächst eine exploratorische Faktoranalyse mit Hauptkomponentenanalyse und VarimaxRotation gerechnet. Die Faktoranalyse extrahierte entsprechend dem KaiserGuttman-Kriterium b>1 einen Faktor, der 76,33 % Varianz aufklärt (Guttman, 1954), so dass eine eindimensionale Gesamtskala gebildet wurde (Cronbach's Alpha = .89).

• Identifikation mit rechter Clique: Es handelt sich ebenfalls um eine eindimensionale Skala, die nach Faktoranalyse (63,27 % Varianzaufklärung) aus den Variablen „Die Clique bietet mir emotionale Unterstützung“, „Die Clique bietet mir praktische Unterstützung“ und „Ich bin gut in der Clique integriert“ gebildet wurde (Cronbach's Alpha = .71).

Für die folgenden Berechnungen wurden die so operationalisierten Variablen erfolgreich auf Normalverteilung geprüft und anschließend z-transformiert.

3.1.3 Mediatoranalysen

Der Datensatz, der in der Interviewstudie mit fremdenfeindlichen Gewalttätern erstellt wurde, ist insofern relevant, weil es sich um eine sehr exklusive Stichprobe erwachsener fremdenfeindlicher Straftäter handelt. Die zwar begrenzte Anzahl relevanter Variablen und deren Beziehungen zueinander sind im Hinblick auf die Kernhypothese der TIF aus folgendem Grunde von Bedeutung: Sie erlauben die Möglichkeit, mit der Variable Identifikation mit der rechten Clique eine Mediatorvariable einzuführen, mit der der Einfluss der Gruppen-Identifikation als Teil der sozialen Identität auf die Beziehung zwischen Links-Rechts-Orientierung und Ideologie der Ungleichwertigkeit geprüft werden kann.

Vor dem Hintergrund dieser Frage haben wir folgende Ausgangsthese formuliert: Die Links-Rechts-Orientierung beeinflusst/fördert Ideologien der Ungleichwertigkeit vor allem, wenn es identitätsfördernd ist, wenn also dadurch die Identifikation (mit rechten Cliquen) gestützt wird. Die Identifikation mit rechten Cliquen wird somit zum Vermittler, Mediator für die Beziehung zwischen Links-RechtsOrientierungen und Ideologien der Ungleichwertigkeit. Gerechnet wurde mit dem Statistikprogramm SPSS und dem Skript „PROCESS“ von Andrew Hayes (2013; afhayes.com).

Die Ergebnisse sind in der folgenden Tabelle und der anschließen Abbildung wiedergegeben. Der Sobel-Z-Test ergab einen signifikanten indirekten Effekt der Links-Rechts-Orientierung über Identifikation mit Clique auf die Ideologie der Ungleichwertigkeit, Z = 1.94, p < .05.

Abbildung 3 Mediation der Beziehung zwischen Links-Rechts-Orientierung und fundamentalistischer Ideologie der Ungleichwertigkeit über die Identifikation mit rechter Clique (Anmerkung: Links-Rechts-Orientierung von 1 = „linksradikal“ bis 9 = „rechtsradikal“).

Tabelle 1 Test auf indirekte Effekte und Bootstrapanalyse

Prädiktorvariable

Z

p

BootLLCI

BootULCI

Links-Rechts-Orientierung

1.9402

.05

.0161

.2031

Anmerkungen: Z = Z-Wert der Bootstrap-Analyse; p = Signifikanzniveau, BootLLCI = untere Grenze des Konfidenzintervalls (lower level confidence interval); BootULCI = obere Grenze des Konfidenzintervalls (upper level confidence interval)

3.1.4 Fazit

Die direkte Wirkung des Prädiktors (hier die Links-Rechts-Orientierung) bleibt auch in der Mediatoranalyse erhalten. Die Analyse macht aber auch auf den signifikanten indirekten Wirkungspfad über den Mediator aufmerksam. Die Links-Rechts-Orientierung beeinflusst in der Stichprobe der fremdenfeindlichen Gewalttäter die Ideologie der Ungleichwertigkeit vor allem dann, wenn es identitätsfördernd ist, wenn also dadurch die Identifikation (mit rechten Cliquen) gestützt wird. Die Identifikation mit rechten Cliquen fungiert somit als Vermittler für die Beziehung zwischen Links-Rechts-Orientierungen und Ideologien der Ungleichwertigkeit.

Auch in den qualitativen Interviews, die wir mit den fremdenfeindlichen Gewalttätern geführt haben, stießen wir immer wieder auf die herausragende Rolle der Identifikation mit der eigenen rechten Clique: So geben fast 80 % der Befragten im Interview an, dass sie durch ihre Clique ideologisch beeinflusst wurden. Dass diese Ideologisierung eine solche Wirksamkeit hat, könnte vor allem damit zusammenhängen, dass die befragten Täter etwas erfahren, was sie bislang nur eingeschränkt erlebt hatten: soziale Unterstützung und dies vor allem im emotionalen Bereich. Zwei Drittel geben an, durch ihre Clique emotionale Unterstützung zu erhalten, womit überwiegend ein Gefühl der Zugehörigkeit, der Akzeptanz und Anerkennung verbunden ist. Somit schätzen auch 88 % der Täter ein, dass die Clique eine große Bedeutung für ihr Leben habe (zum Vergleich: Mutter knapp 50 %, Väter: 30 %).

Auch die Taten waren überwiegend Gruppentaten. Die Mittäter entstammten zumeist der eigenen Clique und nahmen aktiv an der Gewalttat teil. Für eine hohe gruppeninterne Normierung spricht die hohe Identifikation mit der Gruppe während des Tatverlaufs. Tatbegünstigend wirkte weiterhin, dass sich die Täter von den Opfern zumeist als anonyme Cliquenmitglieder wahrgenommen fühlten.

Die Interviewergebnisse unterstreichen somit die Bedeutung, die die Clique, aber auch übergeordnete soziale Kategorien (Skinhead, Rechter, Nazi etc.) für das Verhalten der Täter besitzen. Diese Identifikation mit der Clique und den übergeordneten sozialen Kategorien scheint sich zumindest auf zwei Prozesse auszuwirken: Einerseits fundiert sie die Übernahme gruppeninterner Normen und andererseits fördert sie einen Zustand von Anonymität (Depersonalisation), der es dem Gruppenmitglied leichter ermöglicht, ohne Rücksicht auf eventuelle personale Einwände der Gruppenmeinung und -handlung zu folgen (vgl. dazu Reicher, Spears & Postmes, 1995).

  • [1] Itembeispiel: „Es wäre besser für Deutschland, keine Juden im Land zu haben“.
  • [2] Cronbach's Alpha ist ein statistisches Maß für die Reliabilität (d. h. die Zuverlässigkeit) einer Skala aus verschiedenen Items, das Werte zwischen 0 und 1 annehmen kann. Es gibt an, inwiefern die verwendeten Items das gleiche dahinterliegende Konstrukt messen, wobei hohe Werte (nahe 1) eine zuverlässige Messung signalisieren.
  • [3] Itembeispiel: „In Deutschland sollten nur Deutsche leben“.
  • [4] Itembeispiel: „Die Unterordnung unter eine Gemeinschaft ist wichtiger als die Entfaltung der Individualität“.
  • [5] Itembeispiel: „Ein guter Deutscher muss bereit sein, alles für sein Vaterland zu geben“.
 
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