Distanzierung von den USA

Mira Nair und ihre Drehbuchautorin Sabrina Dhawan zeigen ihre Protagonistin Talat Hamdani als eine traditionelle und fromme Frau, die täglich einen Salwar Kameez, einen Schleier um ihr Haar geschwungen und Schmuckstücke aus

ihrem Ursprungsland trägt. Regelmäßig besucht sie die Moschee und betet auch Zuhause. Außerdem plant sie eine Reise nach Mekka, was jedoch mit der besonderen Situation ihrer Sorge um den Sohn zusammenhängt. Im Fernsehprogramm scheint sie Filme aus ihrer alten Heimat zu bevorzugen. Gleichzeitig wird Talat als eine integrierte und moderne Frau inszeniert: Sie lebt bereits ihr halbes Leben in den USA, unterrichtet Englisch an einer Schule und pflegt eigentlich ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren amerikanischen Nachbarn. Die Suche nach dem Sohn nimmt sie allein in die Hand, ihr Mann spielt dabei nur eine passive Rolle. Es geht auch auf ihre Initiative zurück, sich mit Briefen an den Bürgermeister der Stadt zu wenden. Talats Verhältnis zu den USA wird seit dem 11. September jedoch zunehmend distanzierter. Plötzlich spricht sie von „uns“ und „wir“ und meint damit die Gemeinde der Moslems, denen die andere Seite, die Amerikaner, feindlich gegenüberstehen. Am Ende, als ihr toter Sohn in die amerikanische Flagge gehüllt vor ihr liegt, ist ihre einstige Verbundenheit mit den USA einer Verbitterung gewichen. Sie ist wütend über die Vorverurteilung; Freude über die Ehrung ihres Sohnes als Held kann sie nicht empfinden. Seine Hinwendung zu allem Amerikanischen, die sie gegenüber den F.B.I.-Agenten einst so betont hatte, erscheint ihr jetzt als ein Fluch. Neben den Agenten, die sich wie entmenschlichte Maschinen durch die Privatsphäre der Einwandererfamilie wühlen und auf professionelle Weise Verständnis heucheln, sind es die Fernsehberichte, die manipulativen Bilderfluten, die Hetzjagden und immer wieder George W. Bush in seinen Fernsehansprachen ans Volk, die in diesem Film als Ausdrucksmittel einer kalten, rigorosen Regierungsmacht erscheinen und die in das Leben der Familie eindringen.

Immer wieder geht Talat zu einer nahegelegenen, überirdischen U-Bahnstation. Dort wirft sie ihre Briefe an den Bürgermeister in den Briefkasten und beobachtet von einer Brücke aus die an- und abfahrenden U-Bahnzüge. In einer Totalen wird sichtbar, dass ein überdimensionales Graffiti die Brücke ziert: Es ist die amerikanische Flagge, der Sternenbanner. In der nächsten Einstellung befindet sich Talat an den Gleisen. Sie beobachtet eine Gruppe junger Männer und plötzlich glaubt sie, Salman in einem Wagon entdeckt zu haben. Als sie den Irrtum bemerkt, bricht sie weinend auf dem U-Bahnsteig zusammen. Diese Szenenfolge, die durch das Bild des Sternenbanners eingeleitet wird, ließe sich ebenso dem Grundgefühl der Enttäuschung, das die Protagonistin gegenüber ihrer neuen Heimat hegt, zuordnen. Beinahe scheint es, als gäbe Talat den USA die Schuld am Verschwinden ihres Sohns. In einem Interview im Pressetext zu dem Omnibus-Film erklärte Mira Nair, sie habe sich mit ihrem Filmbeitrag gegen die „augenblickliche Welle der Islamophobie aussprechen“ wollen, die auf den 11. September gefolgt war. Tatsächlich werden die USA in ihrem Film als Aggressor, dem Unschuldige zum Opfer fallen, inszeniert. Dabei ist der Blick der Regisseurin, wie es ihr entspricht, auf Randfiguren eines Geschehens gerichtet, auf Ungerechtigkeiten, die ihnen alltäglich, wie nebenbei widerfahren und auf eine Wirklichkeit, die jenseits des Offiziellen liegt und nur von wenigen gesehen wird.

So distanziert sich Nair mit ihrem Filmbeitrag selbst von den USA. Ihre amerikakritische Haltung hat sie bei diesem Projekt mit vielen anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern gemein. Was sie jedoch unterscheidet ist, dass sie ihren Film ganz aus der Warte einer Zuwanderin erzählt. Diese Perspektive ist ihre eigene, subjektive Sicht. Er sei für sie eine Möglichkeit gewesen, „filmisch den Zustand aus der Sicht südasiatischer Augen in New York zu vermitteln“, erklärte sie. So scheint es konsequent, dass sie innerhalb des Episodenprojekts nicht die USA, sondern Indien vertritt.

 
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