Ausgangslagen und Entwicklungen rechtsextremer Einstellungen bei jungen Menschen (Neumann, 2001)

Table of Contents:
3.2.1 Methodische Vorbemerkungen

Es handelt sich um eine Regionalstudie, die 1998/1999 im Auftrag des Thüringer Ministeriums für Soziales und Gesundheit und in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozialpädagogik und Sozialarbeit Frankfurt/Main durchgeführt wurde. Im Rahmen dieser Studie wurden mittels standardisierter Befragung fremdenfeindliche und rechtsextreme Einstellungen von Jugendlichen untersucht. Insgesamt gingen in die Analyse 1.033 verwertbare Fragebögen ein. Das Alter der Befragten lag zwischen 12 und 23 Jahren mit einer Häufung bei 15 und 16 Jahren (M = 15.55; SD = 1.77). Von den 1.033 Befragten waren 533 (52,0 %) weiblich und 492 (48,0 %) männlich (bei 8 fehlenden Angaben). 460 (44,5 %) Befragte gingen in eine Regelschule, 401 (38,8 %) in ein Gymnasium und 172 (16,7 %) in eine Berufsschule.

Der in der Befragung eingesetzte standardisierte Fragebogen war zuvor bereits in einer deutschlandweiten Studie (Frindte, 1999) getestet und erfolgreich eingesetzt worden. Dieser Fragebogen enthielt u. a. folgende Skalen:

• „Fundamentalistische Ideologie der Ungleichwertigkeit mit den Subskalen

„Manifester Antisemitismus“, „Ausländerfeindlichkeit“, „Führer-GefolgschaftIdeologien“, „Nationalistische Orientierungen“ (die Items der Subskalen sind identisch mit jenen, die auch in der o. g. Studie mit den fremdenfeindlichen Gewalttätern eingesetzt wurden). Für die Reliabilität der Gesamtskala ergab sich in der Regionalstudie ein Cronbach's Alpha = .86.

• „Gewaltbereitschaft“ (Cronbach's Alpha = .70). [1]

• „Allgemeine Gewaltbewertung“ (Cronbach's Alpha = .89), bestehend aus einem fünfstufigen semantischem Differential. [2]

• „Gewalthandeln“ (Cronbach's Alpha = .61). [3]

• „Mangelnde emotionale Handlungskontrolle (in gewalthaltigen Situationen)“ mit zwei Items (r = .61), die aus der Copingskala von Carver, Scheier und Weintraub (1989) entnommen wurden. [4]

• „Autoritäre Überzeugungen“ – angelehnt an Funke (2005), Cronbach's Alpha

= .72. [5]

• „Ablehnung der Demokratie“ (zwei Items; r = .67). [6]

• „Zufriedenheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung“ (Single-Item).

• „Zufriedenheit mit sich selbst“ (als Aspekt des Selbstbildes, Single-Item).

• „Einschätzung der finanziellen Situation der eigenen Familie“ (Single-Item; 1 = „viel schlechter als der Durchschnitt“; 5 = „viel besser als der Durchschnitt“).

• „Links-Rechts-Orientierung“ (Single-Item: „Würden Sie sich eher als links oder rechts bezeichnen?“, 1 = „links“, 5 = „rechts“).

• Außerdem wurden diverse soziodemografische Merkmale (z. B. Alter, angestrebter Schulabschluss, Arbeitslosigkeit der Eltern) erhoben.

Für die Sekundäranalyse wurden aus den vorliegenden Items der Originalstudie zwei weitere Skalen erstellt:

• Eine Skala zur Erfassung der „Identifikation mit rechten Subkulturen und Milieus“ wurde gebildet, indem zunächst danach gefragt wurde, inwieweit sich die befragten Personen mit „rechten Subkulturen“ (Faschos, Neonazis, Skinheads, Hooligans, Nazi-Skins) identifizieren und zum anderen anzugeben war, inwieweit die Mitgliedschaft in solchen Subkulturen wichtig für die eigene Identität ist („Mitgliedschaft spiegelt gut wieder, wer ich bin“). Aus diesen Angaben wurde ein Index als Operationalisierung für die Skala „Identifikation mit rechten Subkulturen und Milieus“ gebildet.

• Eine einfaktorielle Skala „Gewalttendenzen gegenüber Ausländern“ wurde mit den folgenden Items erstellt: „Durch Gewalt kann man zeigen, dass deutsche Jugendliche besser kämpfen können als Ausländer“, „Durch Gewalt kann man Gerechtigkeit herstellen dafür, dass viele Deutsche arbeitslos sind, während Ausländer nicht arbeitslos sind“, „Haben Sie in den letzten zwölf Monaten Ausländer vorsätzlich geschlagen oder verprügelt?“ (Cronbach's Alpha = .66).

3.2.2 Eine Auswahl aus den ursprünglichen Befunden

Rechtsextremistische Orientierungen setzen sich nach Heitmeyer et al. (1992) aus einer Ideologie der Ungleichheit bzw. Ungleichwertigkeit und der Gewaltaffinität (bis hin zu gewalttätigem Handeln) zusammen. Beide Dimensionen wurden in einschlägigen Publikationen durch Subdimensionen mit verschiedenen Facetten untergliedert und operationalisiert. Nach anfänglicher Euphorie und umfangreicher Rezeption gerieten in den 1990er Jahren sowohl die Heitmeyersche Rechtsextremismus-Definition als auch der von ihm und Kollegen vorgelegte Erklärungsansatz in die Kritik (vgl. den Abschnitt von Frindte et al. in diesem Buch).

Die von Neumann (2001) ermittelten Befunde verweisen darauf, dass die ursprüngliche Annahme von zwei Dimensionen, durch die sich rechtsextreme Tendenzen auszeichnen, durchaus empirisch gehaltvoll und begründbar ist. Im Ergebnis einer konfirmatorischen Faktoranalyse [7]zeigte sich ein Zweifaktormodell mit korrelierten Faktoren als das Modell, das den empirischen Daten am besten angepasst ist (Abbildung; siehe Neumann, 2001, S. 127).

Abbildung 4 Statistisches Modell „Rechtsextremismus – korrelierte Zweifaktorstruktur“ (X2= 73,386; df=13; p=.000; NFI=.995; RMSEA=.067; CFI=.996).

Es handelt sich – wie weiter oben erwähnt – um eine normale Stichprobe von Schuljugendlichen, so dass auch wir der Neumannschen Interpretation folgen wollen und seine Befunde als empirischen Beleg für die zweidimensionale Rechtsextremismus-Definition von Heitmeyer und Kollegen ansehen. In dieser Regionalstudie finden sich leider keine Variablen, die sich nutzen ließen, um auch die von uns angenommene dritte Facette rechtsextremer Tendenzen zu operationalisieren – die negativen Intergruppen-Emotionen (s. o.).

Dass die Akzeptanz und die Orientierung an fundamentalistischen Ideologien der Ungleichwertigkeit und den damit verbundenen Gewaltpotentialen auch mit starkem emotionalen Involvement einhergehen, lässt sich aber nicht bestreiten. Zumindest finden sich im besagten Datensatz dafür gewisse Hinweise. Auf der Basis der Copingskala von Carver et al. (1989) wurde nämlich eine Variable spezifiziert, mit der die „mangelnde emotionale Handlungskontrolle“ im Fragebogen abgefragt werden sollte. Wie die folgende Tabelle zeigt, korreliert diese Variable signifikant positiv sowohl mit der Gesamtskala zur Erfassung der fundamentalistischen Ideologie der Ungleichwertigkeit, mit den entsprechenden Subskalen „Manifester Antisemitismus“, „Ausländerfeindlichkeit“, „Nationalistische Orientierungen“ und „Führer-Gefolgschaft-Ideologien“ als auch mit den Gewaltfacetten (Gewaltbewertung, -bereitschaft und -handeln).

Tabelle 2 Korrelationen zwischen Ideologie der Ungleichwertigkeit, den dazugehörigen Facetten und emotionaler Handlungskontrolle

Mangelnde emotionale Handlungskontrolle

Ideologie der Ungleichwertigkeit

Ausländerfeindlichkeit

Antisemitismus

Nationalismus

FührerGefolgschaft

Gewaltbereitschaft

Gewaltbewertung

Ideologie der Ungleichwertigkeit

.20**

Ausländerfeindlichkeit

.15**

.89**

Antisemitismus

.17**

.89**

.76**

Nationalismus

.17**

.85**

.69**

.65**

FührerGefolgschaft

.20**

.705**

.48**

.53**

.50**

Gewaltbereit-schaft

.22**

.36**

.30**

.33**

.32**

.23**

Gewaltbewertung

.25**

.56**

.47**

.50**

.49**

.40**

.61**

Gewalthandeln

.24**

.30**

.23**

.26**

.27**

.23**

.56**

.48**

Anmerkung: Die Korrelationen sind auf dem Niveau von 0,01 (2-seitig) signifikant.

Aus diesen Befunden zu schließen, dass die Zustimmungen zur Ideologie der Ungleichwertigkeit und zu ihren Facetten sowie zu den Gewaltdimensionen offenbar mit geringerer emotionaler Handlungskontrolle einhergehen und somit emotional negativ aufgeladen sind, ist sicher nicht unangebracht. Und vielleicht ist dieser Befund auch ein zaghafter Hinweis auf die Verknüpfung der Ideologieund der Gewaltdimension mit den von uns vermuteten negativen Emotionen.

3.2.3 Mediatoranalyse – eine Prüfung der Kernhypothese der TIF

Um die Kernhypothese der TIF noch einmal in Erinnerung zu rufen: Die soziale Identität als Identifikation mit relevanten Bezugsgruppen fungiert als Mediator zwischen den Kontextbedingungen und der fundamentalistischen Ideologie der Ungleichwertigkeit, den Gewaltpotentialen und den Gruppenemotionen.

Um diese Hypothese am Datensatz der Regionalstudie aus den Jahren 1998/1999 zu prüfen, wurden zunächst die Variablen, die mit den o. g. Skalen bzw. Items operationalisiert wurden, z-transformiert und auf Normalverteilung geprüft. Anschließend wurden Mediatoranalysen gerechnet, auf die noch einzugehen sein wird. Als unabhängige bzw. Prädiktorvariablen wurden dafür zunächst folgende ausgewählt: Links-Rechts-Orientierung, autoritäre Überzeugungen, Ablehnung der Demokratie, Unzufriedenheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung, Zufriedenheit mit sich selbst, finanzielle Situation der eigenen Familie, Alter, angestrebter Schulabschluss (Regelschule, Gymnasium, Berufsschule) und Arbeitslosigkeit der Eltern. Die folgende Tabelle zeigt die Korrelationen zwischen den ausgewählten Prädiktoren und der Kriteriumsvariable Ideologie der Ungleichwertigkeit.

Tabelle 3 Korrelationen zwischen Ideologie der Ungleichwertigkeit und potentiellen Prädiktoren

Ideologie der Ungleichwertigkeit

LinksRechtsOrientierung (je

höher desto rechter)

Autoritarismus

Ablehnung der Demokratie

Unzufriedenheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung

Zufriedenheit mit sich selbst

Finanzielle Situation der Familie

Identifikation mit rechten Subkulturen

Alter

Angestrebter Schulabschluss

Links-RechtsOrientierung (je höher desto rechter)

.59**

Autoritarismus

.69**

.37**

Ablehnung der Demokratie

.14**

.08*

.10**

Unzufriedenheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung

-.06

-.02

-.10**

.03

Zufriedenheit mit sich selbst

.11**

.13**

.11**

-.03

-.09*

Finanzielle Situation der Familie

.06

.04

.04

.00

-,06

,09*

Tabelle 3 (Fortsetzung)

Ideologie der Ungleichwertigkeit

LinksRechtsOrientierung (je

höher desto rechter)

Autoritarismus

Ablehnung der Demokratie

Unzufriedenheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung

Zufriedenheit mit sich selbst

Finanzielle Situation der Familie

Identifikation mit rechten Subkulturen

Alter

Angestrebter Schulabschluss

Identifikation mit rechten Subkulturen

.52**

,47**

.30**

.16**

.09*

.15**

.04

Alter

-.17**

.02

-.14**

-.02

.09*

.03

-.03

.00

Angestrebter Schulabschluss

-.37**

-.17**

-.24**

.11**

.08*

-.10*

-.02

-.25**

.18**

Arbeitslosigkeit der Eltern

.05

.00

.10**

.02

-.02

-.01

-.24**

.00

.05

.05

Anmerkungen: ** Die Korrelationen sind auf dem Niveau von 0,01 (2-seitig) signifikant; * Die Korrelationen sind auf dem Niveau von 0,05 (2-seitig) signifikant.

Zur Vorprüfung wurde eine schrittweise Regressionsanalyse gerechnet, um die Vorhersagekraft der ausgewählten Prädiktoren abschätzen zu können. Dabei erwiesen sich – siehe Tabelle 4 – nur ein Teil der ausgewählten Prädiktoren als signifikante Vorhersager für die fundamentalistische Ideologie der Ungleichwertigkeit.

Tabelle 4 Ergebnisse der Regressionsanalyse

R2 = .68

Standardisierte Koeffizienten Beta

Signifikanzniveau

Autoritäre Überzeugungen

.522

.000

Links-Rechts-Orientierung (je höher desto rechter)

.364

.000

Angestrebter Schulabschluss

-.167

.000

Lebensalter der Befragten

-.070

.001

Ablehnung der Demokratie

.058

.006

Anmerkungen: Abhängige Variable: Ideologie der Ungleichwertigkeit

Die Zustimmung zu fundamentalistischen Ideologien der Ungleichwertigkeit nimmt in der untersuchten Schülerstichprobe mit der Stärke autoritärer Überzeugungen, der Demokratieablehnung und mit zunehmender Rechts-Orientierung zu und mit der Höhe des angestrebten Schulabschlusses und dem Lebensalter ab.

Diese fünf Variablen wurden anschließend als Prädiktoren in die schon erwähnten Mediatoranalysen eingeführt. Die oben genannte Variable „Identifikation mit rechten Subkulturen und Milieus“ fungierte dabei als Mediatorvariable; die Ideologie der Ungleichwertigkeit (Gesamtskala) bildete die abhängige bzw. Kriteriumsvariable. Gerechnet wurde wiederum mit dem Statistikprogramm SPSS und dem Skript „PROCESS“ von Andrew Hayes (2013; afhayes.com).[8] Die folgende Abbildung und die anschließende Tabelle geben die Ergebnisse zusammenfassend wieder.

Abbildung 5 Mediation der Beziehungen zwischen fünf potentiellen Prädiktoren und fundamentalistischer Ideologie der Ungleichwertigkeit über die Identifikation mit rechten Subkulturen.

Tabelle 5 Test auf indirekte Effekte und Bootstrapanalyse

Prädiktorvariable

Z

p

BootLLCI

BootULCI

Links-Rechts-Orientierung

5.8754

.0000

.2832

.3815

Autoritäre Überzeugungen

2.9184

.0035

.4070

.5052

Ablehnung der Demokratie

-2.4193

.0155

-.0325

-.0048

Angestrebter Schultyp

-3.4171

.0006

-.2899

-.1441

Alter

1.8907

.0687

-.0703

.0043

Anmerkungen: Z = Z-Wert der Bootstrap-Analyse; p = Signifikanzniveau, BootLLCI = untere Grenze des Konfidenzintervalls (lower level confidence interval); BootULCI = obere Grenze des Konfidenzintervalls (upper level confidence interval)

Die Ergebnisse scheinen durchaus geeignet zu sein, die o. g. Kernhypothese der TIF zu stützen. Der vermutete vermittelnde Einfluss der Mediatorvariable „Identifikation mit rechten Subkulturen“ ist als indirekter Effekt nachweisbar. Die direkten Pfade zwischen den Prädiktoren (bis auf die Altersvariable) und der fundamentalistischen Ideologie der Ungleichwertigkeit werden schwächer, bleiben aber noch signifikant.

Wie lassen sich diese indirekten Effekte erklären und einordnen?

• Die politische Selbsteinordnung im Links-Rechts-Spektrum ist in zahlreichen Studien zum Rechtsextremismus als wichtige Erklärungsvariable genutzt und bestätigt worden (z. B. Bauer-Kaase, 2001; Decker, Brähler & Geißler, 2006; Weiss, Mibs & Brauer, 2002). Diese Selbsteinordnung wird aber offenbar in ihrem Einfluss auf die Zustimmung zu Ideologien der Ungleichwertigkeit teilweise durch die Identifikation mit rechten Subkulturen oder Milieus vermittelt. Zumindest legen das unsere Befunde nahe.

• Auch die autoritären Überzeugungen sind in zahlreichen Studien als robuste Prädiktoren für rechtsextreme und fremdenfeindliche Tendenzen nachgewiesen worden (s. o. und z. B. Frindte & Zachariae, 2005; Seipel et al., 1995; Van Hiel & Mervielde, 2005; u. v. a.). Dass die autoritären Überzeugungen, wie unsere Befunde zeigen, ebenfalls mit der Identifikation mit rechten Subkulturen zusammenhängen und von diesen teilweise in ihrer Wirkung auf die Ideologie der Ungleichwertigkeit mediiert werden, scheint auf ähnliche Prozesse zu verweisen, wie sie etwa von Feldman (2003), Oesterreich (1996) oder Stellmacher (2004) beschrieben und empirisch nachgewiesen wurden. Autoritäre Überzeugungen werden in diesen Arbeiten nicht ausschließlich als stabile Persönlichkeitsvariablen, sondern als situationsbzw. gruppenspezifische Reaktionen konzipiert. Stellmachers (2004) Modell eines Autoritarismus als Gruppenphänomen scheint dabei unseren Annahmen am nächsten zu kommen. Die Grundannahme dieses Modells ist, dass dann, wenn sich Personen stark mit relevanten Bezugsgruppen identifizieren und diese Identifikation für den Einzelnen bedrohlich sein kann (z. B. durch damit verbundene Abwertungen, Stigmatisierungen etc.), vor allem Personen mit autoritären Prädispositionen autoritäre Reaktionen zeigen. Stellmacher geht also von bedrohlichen Situationen und von einer Interaktion zwischen autoritären Reaktionen und der Identifikation mit sozialen Bezugsgruppen aus. Auch wir meinen, dass die autoritären Überzeugungen in ihrem Einfluss auf die Ideologie der Ungleichwertigkeit dann bedeutsam und funktional sind, wenn dadurch wichtige Aspekte der sozialen Identität (hier: die Identifikation mit rechten Subkulturen und Milieus) gefördert, unterstützt bzw. geschützt werden können.

• Die Ablehnung der demokratischen Grundordnung und der Demokratie insgesamt ist Teil (und u. U. auch Bedingung oder Folge) rechtsextremer und fremdenfeindlicher Bestrebungen (vgl. z. B. Best, et al., 2013; Klein & Heitmeyer, 2012). Im Datensatz der vorliegenden Regionalstudie erweist sich die Demokratieablehnung zum einen als Prädiktor für die Zustimmung zu Ideologien der Ungleichwertigkeit; zum anderen scheint die Demokratieablehnung über die Identifikation mit rechten Subkulturen die Akzeptanz von Ideologien der Ungleichwertigkeit zu befördern.

• Der angestrebte Schulabschluss spiegelt eine wichtige Bedingung in den Erklärungen von Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Ideologien der Ungleichwertigkeit wider. Die zahlreichen empirischen Befunde weisen darauf hin, dass Personen mit Hauptschulabschluss offenbar eher Ideologien der Ungleichwertigkeit zustimmen als Personen mit gymnasialem Schulabschluss (vgl. z. B. Hefler & Boehnke, 1995; Sturzbecher, 1997). Die Ergebnisse der Mediatoranalyse zeigen aber auch, dass der Einfluss des (angestrebten) Schulabschlusses auf derartige Ideologien kein ausschließlicher ist, sondern durch die Identifikation mit rechten Subkulturen vermittelt wird.

• Das Alter der Befragten hat indes keinen Effekt.

Bevor wir zu einem Zwischenfazit kommen, wollen wir aber noch eine zusätzliche Frage stellen und nach empirischen Antworten suchen. Die naheliegende Frage lautet: Lässt sich der indirekte Pfad von der Identifikation mit rechten Subkulturen über die Ideologie der Ungleichwertigkeit weiter verfolgen bis zur Gewaltbereitschaft?

Um diese Frage zu beantworten, wurde eine zweite Mediatoranalyse gerechnet. In diese Analyse gingen die Identifikation mit rechten Subkulturen (Index) nun als Prädiktor (UV) und die Ideologie der Ungleichwertigkeit als Mediator ein, um die Gewaltbereitschaft gegenüber Ausländern vorauszusagen (AV; Kriterium). Die Analyse erfolgte wieder mit z-standardisierten Werten mit dem Statistikprogramm SPSS und dem Skript „PROCESS“ von Andrew Hayes (2013; afhayes.com). Die Ergebnisse der statistischen Prüfungen sind in folgender Abbildung und der anschließenden Tabelle dargestellt.

Abbildung 6 Mediation der Beziehung zwischen Identifikation mit rechten Subkulturen und Gewaltbereitschaft gegenüber Ausländern über die fundamentalistische Ideologie der Ungleichwertigkeit

Tabelle 6 Test auf indirekte Effekte und Bootstrapanalyse

Mediatorvariable

Z

p

BootLLCI

BootULCI

Ideologie der Ungleichwertigkeit

12.67

.0000

.2696

.3535

Anmerkungen: Z = Z-Wertder Bootstrap-Analyse; p = Signifikanzniveau, BootLLCI = untere Grenze des Konfidenzintervalls (lower level confidence interval); BootULCI = obere Grenze des Konfidenzintervalls (upper level confidence interval)

Die Ideologie der Ungleichwertigkeit fungiert als Mediator zwischen der Identifikation mit rechten Subkulturen und der Gewaltbereitschaft gegenüber Ausländern.

3.2.4 Fazit

Die nachfolgende Abbildung fasst die berichteten (signifikanten) Befunde der Sekundäranalyse aus dem Datensatz der Regionalstudie von 1998/1999 noch einmal zusammen. Die als Prädiktoren für die Zustimmung zu Ideologien der Ungleichwertigkeit ausgewählten Variablen illustrieren ansatzweise die im eigentlichen Modell der TIF konzipierten potentiellen Prädiktoren für fundamentalistische Ideologien der Ungleichwertigkeit (vgl. Abbildung 2). Die Operationalisierung der sozialen Identität als Identifikation mit relevanten Bezugsgruppen (im Sinne eines potentiellen Mediators) mag man kritisieren; deutlich wird aber die postulierte Vermittlungsund Mediatorfunktion dieser operationalisierten Variable. Die soziale Identität als Identifikation mit rechten Subkulturen bzw. Milieus fungiert zwar nicht als ausschließlicher Mediator zwischen den ausgewählten Prädiktoren und der fundamentalistischen Ideologie der Ungleichwertigkeit, sondern vor allem als partieller Mediator. Das heißt, neben dem vermittelnden Prozess über die Identifikation mit rechten Subkulturen finden möglicherweise noch andere mediierende Prozesse statt, die hier nicht betrachtet wurden.

Abbildung 7 Zusammenfassung der Mediatoranalysen

Wir nehmen aber an, dass diese partiellen Mediationen Hinweise darauf sind, dass die geprüften Prädiktoren zunächst einmal in einem funktionalen oder instrumentellen Verhältnis zu den operationalisierten Aspekten der sozialen Identität stehen und über dieses Verhältnis die Zustimmung zu Ideologien der Ungleichwertigkeit befördern. Die Identifikation mit rechten Subkulturen fungiert darüber hinaus über die Ideologie der Ungleichwertigkeit verstärkend auf die Gewaltbereitschaft gegenüber Ausländern.

  • [1] Beispielitem: „Wenn es notwendig wäre, würde ich Gewalt anwenden“.
  • [2] Beispiel: „Die Anwendung von Gewalt ist meiner Meinung nach… gut oder schlecht“.
  • [3] Beispiel: „Haben Sie in den letzten 12 Monaten ... jemanden geschlagen oder verprügelt?“.
  • [4] Beispiel: „Ich gehöre zu denen, die sich vor Wut häufig nicht beherrschen können.“
  • [5] Beispielitems: „Gehorsam und Achtung vor der Autorität sind die wichtigsten Tugenden, die Kinder lernen sollten“; „Die wahren Schlüssel zum guten Leben sind Gehorsam, Disziplin und Prinzipienfestigkeit“; „Was unser Land wirklich braucht, ist eine starke, entschlossene Autorität, die uns sagt, was wir zu machen haben und wo es langgehen muss“; „Was wir in unserem Land wirklich brauchen, ist eine anständige Portion Recht und Ordnung anstatt mehr Bürgerrechte“.
  • [6] Beispiel: „Die Idee der Demokratie ist gut.“ (umgekehrt codiert)
  • [7] Für diese konfirmatorische Faktoranalyse wurde eine Second-Order-Analyse auf der Basis von Strukturgleichungsmodellen mit dem Programm LISREL 8.30 durchgeführt. Es wurden drei Modelle spezifiziert, deren Passfähigkeit mit den empirischen Daten getestet wurde: eine Einfaktorlösung, eine Zweifaktorlösung mit unabhängigen Faktoren und eine Zweifaktorlösung mit korrelierten Faktoren.
  • [8] In der Berechnung folgten wir dem Hinweis von Hayes „If your IV has k categories, construct k-1 dummy variables and then run INDIRECT or PROCESS k-1 times. With each run, make one dummy variable the IV and the other one(s) the covariate(s)” (afhayes.com/macrofaq.html; 22.9.2014).
 
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