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3.3 Identifikation mit Deutschland – Sekundäranalyse einer Teilstichprobe aus dem Projekt „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“

3.3.1 Hintergrund

Der Titel dieses Abschnitts ist etwas irreführend. Es geht im Folgenden nicht um junge Muslime, sondern um junge Deutsche und deren Vorurteile und Ideologien der Ungleichwertigkeit im Umgang mit Muslimen. Die Grundlage der folgenden und letzten Sekundäranalyse bildet ein Projekt, in dem junge Muslime in Deutschland in einer Panelstudie zu zwei Zeitpunkten interviewt und befragt wurden (vgl. Frindte, 2013). Die Ergebnisse wurden mit den Befunden einer parallel durchgeführten Panelstudie mit deutschen Nichtmuslimen im Alter zwischen 14 und 32 Jahren (erste Welle mit N = 200; zweite Welle mit N = 98) verglichen. Auf den Datensatz dieser deutschen, nichtmuslimischen Teilstichprobe bezieht sich die folgende Sekundäranalyse.

3.3.2 Methodische und empirische Vorbemerkungen

In der Panelstudie wurden auch Vorurteile von Nicht-Muslimen gegenüber Muslimen, Juden und Ausländern analysiert. Dies geschah mit einer einfaktoriellen Skala, die aus folgenden Subskalen bestand: „Vorurteile gegenüber Juden und Israel“ [1], „Vorurteile gegen Ausländer“[2] und „Vorurteile gegenüber Muslimen“[3]. In einer Faktoranalyse (Hauptkomponentenanalyse mit Varimax-Rotation) zeigte sich, dass diese drei Subskalen (erhoben in Welle 1) mit einer Varianzaufklärung von 69,81% auf einem Faktor laden. Deshalb wurden alle drei Subskalen zu einer Gesamtskala zusammengefasst und für die Operationalisierung der fundamentalistischen Ideologie der Ungleichwertigkeit genutzt (Cronbach's Alpha = .74). Die mit dieser Skala operationalisierte Variable „Fundamentalistische Ideologie der Ungleichwertigkeit“ ist das Kriterium, also die abhängige Variable, in den nachfolgenden Mediatoranalysen. Als mögliche Prädiktoren für die Ideologie der Ungleichwertigkeit wurden die in folgender Tabelle aufgeführten Variablen mit den angegebenen Items bzw. Skalen operationalisiert.

Tabelle 7 Reliabilität der Variablen

Variable

Items

fünfstufige Likertskala

Retest-Stabilität [4] zwischen

Welle 1 &

Welle 2 bzw. Cronbachs alpha

Mediennutzung – Einzelitems

„In welchem Ausmaß nutzen Sie die folgenden deutschen Fernsehsender, um sich über aktuelle Ereignisse zu informieren (z. B. Nachrichten oder Magazine)?“ Mit vier Unteritems: ARD, ZDF, RTL, Sat.1; Antwortmöglichkeiten: 1 =

„gar nicht“, …, 5 = „sehr häufig“)

ARD: .71**

ZDF: .75**

RTL: .72**

Sat.1: .59**

Präferenzen für deutsches öffentliches Fernsehen (ARD, ZDF)

.76**

Präferenzen für privates Fernsehen (RTL, Sat.1)

.71**

Autoritäre Überzeugungen – Skala mit sechs Items (gekürzte RWA3D-Skala; Funke, 2002) [5]

„Die Abkehr von der Tradition wird sich eines Tages als fataler Fehler herausstellen.“

Cronbachs Alpha:

.79

„Gehorsam und Achtung vor der Autorität sind die wichtigsten Tugenden, die Kinder lernen sollten.“

„Was wir in unserem Lande anstelle von mehr

„Bürgerrechten“ wirklich brauchen, ist eine anständige Portion Recht und Ordnung.“

„Tugendhaftigkeit und Gesetzestreue bringen uns auf lange Sicht weiter, als das ständige Infragestellen der Grundfesten unserer Gesellschaft.“

„Die wahren Schlüssel zum „guten Leben“ sind Gehorsam, Disziplin und Tugend.“

„Was unser Land wirklich braucht, ist ein starker, entschlossener Führer, der das Übel zerschlagen und uns wieder auf den rechten Weg bringen wird.“

Mit Hilfe von Cross-Lagged-Regression Analysen (Cook & Campell, 1979) wurde zunächst nach Wirkungszusammenhängen (Kausalitäten) zwischen diesen Prädiktoren und der Ideologie der Ungleichwertigkeit gefahndet. Die Befunde zeigten, je ausgeprägter die „Autoritären Überzeugungen“ sind und je häufiger RTL und Sat.1 zur politischen Information genutzt werden, umso negativer sind die Einstellungen gegenüber Muslimen.

Abbildung 8 Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse der einzelnen Cross-Lagged-Panel-Analysen für deutsche Nicht-Muslime. Anmerkungen: Es sind nur signifikante Pfade dargestellt. Umgekehrte Pfade wurden der Übersichtlichkeit halber nicht aufgeführt.

Autoritäre Überzeugungen werden im Umgang mit unsicheren, ambivalenten Situationen gelernt (siehe auch Abschnitt 3.2.). In solchen Situationen orientieren sich Menschen an sozialen Bezugssystemen bzw. Ideologien, die – nach Oesterreich (1996) – Sicherheit bieten können. Oesterreich nennt diese Orientierung „Flucht in die Sicherheit“. Hinter dieser Orientierung steht – psychologisch betrachtet – das Grundmotiv nach Ordnung, Struktur und nach Vermeidung von Unsicherheit und in zugespitzter Weise die Intoleranz gegenüber ambivalenten Situationen. Sicherheit in diesem Sinne können die Familie, die Freundesgruppe, die Religion, eine (rechtsextreme) Partei oder eine Herrschaftsund Machtideologie bieten. Ob diese oder andere soziale Instanzen als Schutz bietende Bezugssysteme in Frage kommen, hängt allerdings auch davon ab, ob und inwieweit sich eine einzelne Person über jene Schutz gewährenden Instanzen informieren kann, die nicht zum sozialen Nahraum dieser Person gehören. Und an dieser Stelle kommt der zweite Prädiktor für Ideologien der Ungleichwertigkeit ins Spiel: die Mediennutzung, hier: die Präferenzen für die deutschen, privaten Fernsehsender, um sich politisch zu informieren.

Diese beiden Variablen, autoritäre Überzeugungen und Präferenzen für deutsches Privatfernsehen, wurden als Prädiktoren für die anschließenden Mediatoranalysen ausgewählt. Um Aspekte der sozialen Identität, als Mediator bzw. Vermittler, zu operationalisieren, und somit erneut die Kernhypothese der TIF zu prüfen, nutzten wir das Item „Deutscher/Deutsche sein, ist ein wichtiger Teil, von dem, was ich bin“ (erhoben nur in Welle 2). Mit diesem Item sollte die Identifikation mit den Deutschen erhoben werden. Außerdem nutzten wir das folgende Item zur Erfassung der Gewaltbereitschaft gegenüber dem Islam (erhoben nur in Welle 2): „Die Bedrohung der westlichen Welt durch den Islam rechtfertigt, dass sich die westliche Welt mit Gewalt verteidigt“.

3.3.3 Mediatoranalyse

Gerechnet wurde wiederum mit dem Statistikprogramm SPSS und dem Skript

„PROCESS“ von Andrew Hayes (2013). Die Prädiktor-, Mediatorund Kriteriumsvariablen wurden zuvor z-transformiert. Die Ergebnisse finden sich in Abbildung 9 und Tabelle 8; auf die möglichen Interpretationen gehen wir weiter unten ein.

Abbildung 9 Mediation der Beziehung zwischen autoritären Überzeugungen und Präferenz für deutsches Privatfernsehen und fundamentalistischer Ideologie der Ungleichwertigkeit über Identifikation mit Deutschland.

Tabelle 8 Test auf indirekte Effekte und Bootstrapanalyse

Mediatoren

Z

p

BootLLCI

BootULCI

Autoritäre Überzeugungen

1.5960

.0500

.0101

.1148

Präferenz für deutsches Privatfernsehen

1.0458

.0504

.0093

.1878

Anmerkungen: Z = Z-Wert der Bootstrap-Analyse; p = Signifikanzniveau, BootLLCI = untere Grenze des Konfidenzintervalls (lower level confidence interval); BootULCI = obere Grenze des Konfidenzintervalls (upper level confidence interval)

In einer weiteren Mediatoranalyse prüften wir, ob sich auch in diesem Fall der indirekte Pfad von der Identifikation mit Deutschland über die Ideologie der Ungleichwertigkeit weiter bis zur Gewaltbereitschaft verfolgen lässt?

In dieser Analyse (mit z-transformierten Werten aus der 2. Erhebungswelle) fungierte die Identifikation mit Deutschland als Prädiktor (UV) und die Ideologie der Ungleichwertigkeit als Mediator, um die Gewaltbereitschaft gegenüber dem Islam vorauszusagen (AV; Kriterium; siehe die Abbildung 10 und Tabelle 9).

Abbildung 10 Vollständige Mediation der Beziehung zwischen Identifikation mit Deutschland und Gewaltbereitschaft gegen den Islam über fundamentalistische Ideologie der Ungleichwertigkeit.

Tabelle 9 Test auf indirekte Effekte und Bootstrapanalyse

Mediatorvariable

Z

p

BootLLCI

BootULCI

Ideologie der Ungleichwertigkeit

2.1636

.0305

.0210

.2058

Anmerkungen: Z = Z-Wert der Bootstrap-Analyse; p = Signifikanzniveau, BootLLCI = untere Grenze des Konfidenzintervalls (lower level confidence interval); BootULCI = obere Grenze des Konfidenzintervalls (upper level confidence interval)

Interpretation:

Auch in dieser dritten Sekundäranalyse finden wir empirische Hinweise, die die Kernhypothese der Theorie eines identitätsstiftenden politischen Fundamentalismus (TIF) zu stützen vermögen. Nicht nur die Identifikation mit rechten Cliquen oder mit rechten Subkulturen bzw. Milieus, auch die starke Identifikation mit Deutschland (im Sinne von „Deutschsein ist ein wichtiger Teil von mir“) spiegelt zum einen wichtige Aspekte der sozialen Identität wider und wirkt zum anderen als Mediator zwischen den potentiellen Prädiktoren (hier den autoritären Überzeugungen und spezifischen Fernsehpräferenzen) und der fundamentalistischen Ideologie der Ungleichwertigkeit. Außerdem lässt sich auch in dieser Sekundäranalyse ein Pfad von der Identifikation mit Deutschland mediiert über die Ideologie der Ungleichwertigkeit zur Gewaltbereitschaft gegenüber dem Islam nachweisen.

Dass die nationale Identität (als Deutsche bzw. Deutscher) Teil der sozialen Identität sein kann, ist in verschiedenen Studien ausgiebig empirisch überprüft worden (z. B. Esses, Wagner, Wolf, Preiser & Wilbur, 2006; Koschate, Hofmann & Schmitt, 2012). Der Einfluss der nationalen Identität auf Vorurteile gegenüber Muslimen (z. B. Tausch, Spears & Christ, 2009) lässt sich ebenso nachweisen wie der positive Zusammenhang zwischen starker Identifikation mit der deutschen Nation (im Sinne eines Nationalismus) und fremdenfeindlichen Vorurteilen (Schnöckel, Dollase & Rutz, 1999). Auch im Thüringen-Monitor aus dem Jahre 2013 (Best et al., 2013, S. 105) erwies sich der Ethnozentrismus, also die Abwertung des „Fremden“ bei gleichzeitiger Überhöhung der eigenen nationalen und ethnischen Identität, als ein wichtiger Faktor für rechtsextreme Orientierungen.

Allerdings ist in diesem Kontext auch der häufig betonte Unterschied zwischen nationalistischer und patriotischer Identifikation mit der eigenen Nation nicht zu vernachlässigen (vgl. z. B. Blank & Schmidt, 2003; Heyder & Schmidt, 2002). So konnten Heyder und Schmidt (2002) in einer Erhebung im Rahmen des Projekts „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ empirisch belegen, dass durch nationalistische Identifizierungen auch antisemitische, fremdenfeindliche und islamfeindliche Einstellungen verstärkt werden. Patriotische Einstellungen hingegen reduzieren in dieser Studie die Abwertung von „Fremdgruppen“. Mummendey, Klink und Brown (2001) sehen im Patriotismus und im Nationalismus ebenfalls unterschiedliche Formen der kollektiven Selbstbewertung. Soziale Vergleiche mit anderen Nationen seien eng mit Nationalismus oder „blindem“ Patriotismus verknüpft. Temporale Vergleiche der eigenen Nation zu unterschiedlichen Zeitpunkten hingegen würden eher dem Muster eines „konstruktiven“ Patriotismus entsprechen. In Kommentaren zur Arbeit von Mummendey et al. (2001) bezweifeln z. B. Hopkins (2001) und Condor (2001) allerdings die Angemessenheit der Unterscheidung von Patriotismus und Nationalismus auf der Basis der untersuchten sozialen und temporalen Vergleichsprozesse. In Anlehnung an Billig (1995) können sowohl der Patriotismus als auch der Nationalismus als ideologisch aufgeladene soziale Konstruktionen betrachtet werden. Manchmal fördere – so Billig (1995) – eine solche Konstruktion die soziale Diskriminierung, manchmal verhindere sie derartige Ablehnungen aber auch, je nachdem wie und zu welchem Zwecke sie von politischen Eliten eingesetzt werden. Identifikation mit der Nation schließe sowohl temporale wie soziale (also Intergruppen-)Vergleiche ein und es sei fraglich, ob eine Trennung zwischen beiden Vergleichsprozessen ökologisch valide sei, das heißt, außerhalb eines sozialpsychologischen Experiments überhaupt anzutreffen ist. Letztlich habe jedes Verweisen auf eine nationale Zugehörigkeit das Potential, als nationalistisch oder patriotisch interpretiert zu werden.

Vielleicht, so ließe sich auf der Basis unserer Befunde vermuten, hängen Vorurteile gegenüber Fremden (also Ideologien der Ungleichwertigkeit) nicht primär von der (nationalistischen versus patriotischen) Identifikation mit der eigenen (deutschen) Nation ab, sondern von anderen Prädiktoren (z. B. autoritären Überzeugungen) und deren Mediation bzw. Vermittlung durch die nationale Identität.

  • [1] Beispielitem: „Es wäre besser, wenn die Juden den Nahen Osten verlassen würden“.
  • [2] Beispielitem: „Es leben zu viele Ausländer in Deutschland.“
  • [3] Beispielitem: „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“.
  • [4] Damit sind die Korrelationen zwischen den jeweils identischen Items oder Skalen von Welle 1 und 2 gemeint (*: p < .05; **: p < .01).
  • [5] Aus forschungspraktischen (zeitlichen) Gründen konnten die Items zur Erfassung autoritärer Überzeugungen den Befragten nur in der zweiten Erhebungswelle vorgelegt werden. Allerdings gehen wir davon aus, dass die damit gemessenen autoritären Überzeugungen als generalisierte Einstellungen nicht nur persönlichkeitsnahe, sondern auch relativ zeitstabile Dispositionen darstellen (vgl. auch Duckitt, 2001; Frindte, 2013; Frindte & Haußecker, 2010; Six, 1996).
 
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