Vorwort

Der vorliegende Sammelband ist das dritte gemeinsame Buch, das aus der Arbeit der Forschungsabteilung Arbeitszeit und Arbeitsorganisation am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen hervorgegangen ist. In dem ersten, vor zehn Jahren unter dem Titel „Das Politische in der Arbeitspolitik“ erschienenen Buch entwickelten wir in verschiedenen Facetten das Konzept einer nachhaltigen Arbeits- und Arbeitszeitgestaltung als Leitbild der wissenschaftlichen Forschungen unserer kurz zuvor gebildeten Abteilung. Vier Jahre später veröffentlichten wir unter dem Titel „Abriss, Umbau, Renovierung?“ Überblicks- und Branchen-Studien zum Wandel des deutschen Kapitalismusmodells, die aus unserer Mitarbeit in einem vergleichenden europäischen Projekt hervorgegangen waren. Ähnlich wie unser erstes Buch beruht unser nun vorgelegtes drittes Gemeinschaftswerk nicht auf einem gemeinsamen Projekt, sondern versammelt Arbeiten aus verschiedenen und teilweise sehr unterschiedlichen Forschungsvorhaben der zurückliegenden Jahre, deren Querverbindungen und Zusammenhänge unter einer gemeinsamen Diskussionsperspektive herausgearbeitet werden.

Wir machen dies für uns und für andere: Für uns, weil wir so der Gefahr entgegenwirken möchten, in einer häufig kleinteiligen, nur durch Drittmittel ermöglichten, aber auch von der Suche nach Drittmitteln getriebenen sozialwissenschaftlichen Forschungsrealität vereinzelt und nebeneinander zu arbeiten, statt miteinander gemeinsame und übergreifende Fragestellungen zu entwickeln und zu analysieren. Durch die Scheuklappen der Spezialisierung, die in einem solchen Nebeneinander im Forschungsalltag entstehen können, geht allzu leicht das verloren, was Forschung eigentlich ausmacht: das neu-gierig Sein. Zugleich aber wird erst durch das Reflektieren von Zusammenhängen eine zunächst spezialisierte Forschung in den weiteren Bedeutungskontext gestellt und über jeweils kleine Kreise von Fachleuten hinaus auch für Andere interessant.

Der Zusammenhang, dem wir im vorliegenden Buch nachgehen, ist der zwischen verschiedenen Facetten der Arbeitsforschung und einem tieferen Verständnis typischer Merkmale des gegenwärtigen Kapitalismus. Um dieses Verständnis bemüht sich eine wissenschaftliche Diskussion, in der der Kern der kapitalistischen Entwicklungstendenz in den letzten Jahrzehnten auf den Begriff einer finanzmarktdominierten Kapitalakkumulation, kurz: des Finanzmarktkapi talismus gebracht wird. Man mag einwenden, dass der Versuch, zwischen einer anwendungsorientierten Arbeitsforschung und dieser Diskussion Brücken zu schlagen, recht ambitioniert ist – zugegeben, wir haben es uns damit nicht leicht gemacht. In dem zeitaufwändigen Prozess, zusätzlich zu unserer alltäglichen Drittmittelforschung ein derartiges Buchprojekt zu realisieren, gab es gelegentlich Momente des Zweifels an diesem Anspruch. Aber das Reizvolle an der selbst gestellten Herausforderung bestand ja gerade darin herauszufinden, wie erkenntnis- und verständnisrelevant unsere eigene Forschung und zugleich wie praxisrelevant die sozialwissenschaftliche Diskussion über den Finanzmarktkapitalismus ist. Denn gerade anwendungsorientierte Forschung bietet die Chance zum notwendigen Realitäts-Check, zur ‚Nagelprobe'. Wenn die Literatur über Finanzmarktkapitalismus eine praktische Bedeutung hat, dann muss dies in den Fragestellungen und Ergebnissen anwendungsorientierter Arbeitsforschung erkennbar werden.

Und das wird es. Mehr noch: Aus anwendungsorientierter Arbeitsforschung ergeben sich auch neue Anregungen für die theoretische Debatte über den Finanzmarktkapitalismus. So hoffen wir es jedenfalls. Die Entscheidung darüber, ob diese Hoffnung berechtigt ist, liegt nun bei den Leserinnen und Lesern des vorliegenden Buchs. Wir haben die Beiträge in drei Themenblöcke gegliedert. Die drei Beiträge des ersten Themenblocks widmen sich den Fragen, wie weit das heuristische Konstrukt des Finanzmarktkapitalismus für die Analyse des Wandels der Arbeit und der Arbeitsregulierung im zeitgenössischen Kapitalismus trägt und welche Relevanz ihm in den Kontroll-, Steuerungs-, und Personalstrategien der Unternehmen zukommt. Die vier Beiträge des zweiten Blocks analysieren anhand konkreter Fälle und Problemlagen die Auswirkungen finanzmarktorientierter Steuerungsformen auf die Arbeit und die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten. Die drei Beiträge des dritten Abschnitts schließlich diskutieren die Herausforderungen und die Handlungschancen, die sich für die Akteure der Arbeitsbeziehungen im Finanzmarktkapitalismus stellen, und sie loten die Perspektiven für die kollektivvertragliche Regulierung von Arbeit und Arbeitsbedingungen aus. Zu den wichtigen Akteuren zählen neben den Interessenvertretungen der abhängig Beschäftigten wie Betriebsräten und Gewerkschaften auch die Arbeitgeberverbände und der Staat.

Der Dank der Herausgeber geht an alle Autorinnen und Autoren, die sich dieser Aufgabe gestellt und sie in mehreren produktiven Diskussions- und Arbeitszyklen realisiert haben, an Lisa Schlänger für ihre Unterstützung bei der editorischen Fertigstellung des Bandes und nicht zuletzt an den Springer VS Verlag für die gute Kooperation und die Unterstützung unseres Buchprojekts.

 
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