Finanzmarktkapitalismus: Analytische Perspektiven und praktischeUmsetzung

Finanzmarktkapitalismus und Arbeit

Die Beiträge dieses Buches geben Einblicke in aktuelle Entwicklungen der Erwerbsarbeit. Sie handeln von den vielfältigen Phänomenen und Veränderungen, die derzeit in der Arbeitswelt beobachtbar sind. Einige Schlaglichter mögen hier genügen. In der IT-Branche und anderswo verdichtet sich die Arbeit der Beschäftigten, Stress und psychische Belastungen bis hin zum Burnout nehmen zu. Arbeitszeiten werden länger und steigen mit zunehmendem Qualifikationsniveau der Beschäftigten. Unternehmen operieren zunehmend mit Kennziffern, um Arbeit besser kontrollieren und steuern zu können. Die Maßnahmen der Unternehmen zur Gesundheitsförderung der Beschäftigten, die als Ausgleich für steigende Belastungen dienen könnten, scheinen eher kosmetischer als substanzieller Natur zu sein. Zugleich nutzen Unternehmen mehr und mehr prekäre Beschäftigungsformen wie die Leiharbeit und neuerdings Werkverträge zur Erhöhung ihrer Flexibilität und zur Stärkung der Rendite. In der Pflege herrscht Fachkräftemangel bei gleichzeitiger Verengung von Zeitvorgaben, Zunahme der Arbeitsintensität und schlechter Entlohnung. Arbeitsentgelte werden verstärkt an den Unternehmenserfolg geknüpft und damit volatiler und marktabhängiger. Betriebsräte werden zunehmend mit Aus- und Verlagerungen konfrontiert und müssen Konzessionen machen bei dem Versuch, Beschäftigung und Standorte zu sichern. Arbeitgeberverbände nehmen unter dem Eindruck des Mitgliederschwunds bestehende Tarifvertragsnormen nicht mehr als Mindeststandards wahr, sondern drängen auf Unterschreitungen für Unternehmen oder Beschäftigtengruppen.

Zugleich aber werden in den Beiträgen dieses Buches auch Versuche beschrieben, den Problemen mit Regulierungen zu begegnen, die darauf abzielen, Verschlechterungen einzudämmen und die Nachhaltigkeit der Arbeit zu erhöhen. Nachhaltige Arbeitsbedingungen zeichnen sich aus Sicht der AutorInnen dadurch aus, dass sie den Beschäftigten Instrumente und Haltegriffe bieten, ihr Arbeitsvermögen, ihre Qualifikationen und Kompetenzen möglichst breit in ihrer Arbeit zu nutzen und zugleich erhalten und langfristig weiterentwickeln zu können (vgl. Lehndorff 2006). Dabei werden teilweise neue Wege der Regulierung entwickelt und beschritten, die möglicherweise das Gesicht der Arbeitsregulierung gründlich verändern werden. In den Beiträgen dieses Buches wird dabei das Augenmerk auf Aspekte gerichtet wie die Stärkung staatlicher Regulierung unter Einbeziehung und Entfaltung der betrieblichen Regulierungsebene; die Einbindung von Beschäftigten in betriebliche Konflikte um Beschäftigungssicherung; die Versuche von Gewerkschaften und Betriebsräten, in den Betrieben offensive Beschäftigungskonzepte zu entwickeln und Einfluss auf strategische Entscheidungen zu nehmen oder auch neue Wege der Entgeltpolitik zur Steigerung ihrer Legitimation als Interessenvertretungen zu gehen.

Diese Liste der behandelten Aspekte ist bei weitem nicht vollständig, und mit dem Buch wird auch kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Dennoch sind die Phänomene so breit gestreut, dass sie einen recht guten Überblick über die aktuellen Entwicklungstrends von Arbeit und Arbeitsregulierung in Deutschland geben und zugleich vertiefende Einsichten in einzelne Problembereiche gewähren. Neben der Bestandsaufnahme aber haben die Aufsätze dieses Buches ein zweites Ziel. Sie wollen zur Erklärung des aktuellen Wandels von Arbeit und Arbeitsregulierung beitragen. Wie lassen sich die gegenwärtigen Probleme der Arbeit und der Arbeitsbedingungen erklären? Und welche Perspektiven lassen sich dabei für die Entwicklung der Arbeit bestimmen?

Eine besondere Rolle spielt dabei der Begriff Finanzmarktkapitalismus. Die Beiträge versuchen auszuloten, wie weit dieser Begriff zum Verständnis des Wandels von Arbeit und Arbeitsregulierung beitragen kann, wo seine Grenzen liegen und an welchen Stellen er präzisiert werden muss, um als zentraler Erklärungsansatz tragen zu können. In diesem einleitenden Beitrag werden die Facetten des Begriffs eingehender beleuchtet. Dabei werden Kapitalismustheorie und die aktuelle Debatte um die Zusammenhänge von Finanzmarktkapitalismus und Arbeit verknüpft, und es wird für ein breites Verständnis des Finanzmarktkapitalismus als historische Entwicklungsphase des Kapitalismus geworben. Der Nutzen des Begriffs für die Arbeitsforschung besteht weniger darin, ein konsistentes Theoriegebäude zu entwickeln, aus dem sich soziale Entwicklungen ableiten lassen. Vielmehr kann der Begriff der Industrie- und Arbeitssoziologie helfen, im Rahmen finanzmarktgeprägter Macht- und Legitimationsstrukturen ein Gespür für unterschiedliche Ebenen und Brechungen zu entwickeln, die Ansatzpunkte für soziales Handeln eröffnen, das Arbeit und Arbeitsregulierung prägen und damit auch verändern und gestalten kann.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >