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1 Auf der Suche nach Kohärenz

Finanzmarktkapitalismus hat Konjunktur in der deutschen Arbeits- und Industriesoziologie. Mehr und mehr dient er als heuristische Folie für die Analyse der aktuellen Entwicklungstendenzen des Kapitalismus und, damit verbunden, der Organisation und Regulierung der Erwerbsarbeit. Dies gilt häufig auch für Beiträge, die nicht unmittelbar von Finanzmarktkapitalismus sprechen. Auch in zeitdiagnostischen Konzepten wie der „Landnahme zweiter Ordnung“ (Dörre/Haubner 2012) oder der „Organisatorischen Revolution“ (Sauer 2013) spielen die Finanzmärkte und ihre Dynamik eine zentrale Rolle. So gehen Dörre und Haubner davon aus, dass die gegenwärtige kapitalistische Landnahme von Wohlfahrtsstaaten, öffentlichem Sektor oder kollektivvertraglichen Arbeitsregulierungen vor allem eine finanzkapitalistische Landnahme ist (2012, S. 76). Und in der Lesart von Nies und Sauer führt die Finanzialisierung der Ökonomie dazu, dass die produktiven Herstellungsprozesse in Unternehmen zur abhängigen Variablen der Anlageentscheidungen des globalen zinstragenden Kapitals werden und sich dadurch zu Lasten der Beschäftigten maßlose Renditeforderungen durchsetzen lassen (Nies/Sauer 2012, S. 35). Von welchem begrifflichen Ansatz auch immer kommend zeichnet sich ein breiter Konsens in der Disziplin über die neue Herrschaft der Finanzmärkte und der Logik finanzwirtschaftlicher Kalkulationen ab. Finanzmärkte, und nicht etwa Güteroder Arbeitsmärkte, bestimmen demnach Puls und Dynamik des gegenwärtigen Kapitalismus und haben damit Auswirkungen weit über die engeren organisatorischen Grenzen von Banken, Fonds, Ratingagenturen und anderen Finanzmarktakteuren hinaus.

Für die Arbeits- und Industriesoziologie hat diese begriffliche Neujustierung eine zentrale Bedeutung. Denn mit Finanzmarktkapitalismus entsteht ein Referenzpunkt, von dem aus die Entwicklungstendenzen von Arbeit, Arbeitsorganisation und Arbeitsregulierung auf neue Weise interpretiert werden können. Damit gewinnt die Disziplin eine begriffliche und theoretische Orientierung, die ihr lange Zeit fehlte. Selbst die – häufig als letzte und möglicherweise auch einzige Phase einer gemeinsamen Grundorientierung der Disziplin angeführte – Marx-Rezeption in den 1970er Jahren kannte einen solchen Konsens nicht; stattdessen eröffnete sie einen breiten Spielraum unterschiedlicher Deutungen kapitalistischer Entwicklung und ihrer Auswirkungen auf Arbeit (Brandt 1990).

Ähnlichen Einfluss gewann in den 1980er Jahren allenfalls die französische Regulationstheorie mit ihren Konzepten Fordismus und Taylorismus. Sie stellte eine Interpretationsfolie für die Vergangenheit des Nachkriegskapitalismus und seines „Golden Age“ bereit. In diesem Rahmen konnte die Entwicklung von Arbeit, Arbeitsorganisation und Arbeitsregulierung als Ausdruck einer besonderen historischen Entwicklungsphase des Kapitalismus gedeutet werden (Lipietz 1985). Im Wachstumsmodell des fordistischen Akkumulationsregimes fanden Produktion und Konsum zu einem Entsprechungsverhältnis, und sowohl die kollektive Regulierung der Lohnverhältnisse als auch die standardisierten Produktionsformen der Massenproduktion, in denen kurzzyklische und repetitive Tätigkeiten dominierten, spielten dabei eine Schlüsselrolle. Mit der Krise fordistischer Akkumulation gingen dann nicht nur die Entsprechung von Produktion und Konsum verloren, sondern auch die alten Gewissheiten über die fortschreitende Durchsetzung des Taylorismus als vorherrschender Form der Kontrolle und Organisation von Arbeit. Mehr noch, die Krise der Akkumulation konnte auch und vor allem als Krise der tayloristischen Arbeitsorganisation und ihrer Produktivitätsgrenzen gedeutet werden. Dies machte die Theorie interessant für die Arbeits- und Industriesoziologie, denn damit ließen sich neue Entwicklungen von Arbeit, Arbeitsorganisation und Arbeitsregulierung als Abweichungen von der fordistisch-tayloristischen Vergangenheit deuten und bestimmen. So konnte untersucht werden, inwieweit in den Betrieben weiterhin tayloristischen Prinzipien vertraut wurde oder inwieweit neue Wege der Organisation und Kontrolle von Arbeit beschritten wurden, sei es in Form breiterer Nutzung fachlicher Qualifikationen oder in Form einer Ausweitung von Autonomie und Handlungsspielräumen der Beschäftigten. Allerdings, und hier lag die Grenze dieses Vorgehens, gelang es nicht, die neuen Entwicklungen in eine einheitliche Interpretationsfolie wie die „neuen Produktionskonzepte“ (Kern/Schumann 1984) und ihre zentrale These einer arbeitskraftzentrierten Rationalisierung und einer Neuaufwertung der Produktionsarbeit zu integrieren. Vielmehr ließen sich vielfältige Veränderungen der Arbeit und ihrer Organisation und Regulierung und damit eine „neue Unübersichtlichkeit“ (Schumann 2001) beobachten, die für die wissenschaftliche Analyse zumindest vier Herausforderungen nach sich zog.

Erstens galt es, neue Beschäftigtengruppen in den Blick zu nehmen, die traditionell als Gegenstand der Industriesoziologie ein eher randständiges Dasein fristeten. Die bisherige Fokussierung auf Industriearbeit und darin auf Arbeit in den Produktionsbereichen erwies sich ebenso als Engführung wie auch die Ausrichtung an „normalen“, also tariflich regulierten und sozialstaatlich abgesicherten Beschäftigungsverhältnissen. Dienstleistungsarbeit musste ebenso in den Blick genommen werden wie die Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse im Rahmen von Befristungen, Leiharbeit oder Minijobs.

Zweitens mehrten sich die Uneinheitlichkeit und Widersprüche in der Entwicklung der Arbeitsorganisation und der Qualifikationsressourcen. Eine Ablösung tayloristischer Organisationsformen durch neue Produktionskonzepte oder eine innovative Arbeitspolitik fand nicht in dem Maße statt, wie dies noch in den 1980er Jahren vermutet worden war. Im Gegenteil, tayloristische Kontroll- und Organisationskonzepte lösten teilweise „modernere“ Formen von Arbeit mit höheren Autonomie- und Gestaltungsspielräumen wieder ab. Und die innovativen Arbeitsformen einer verantwortlichen Autonomie, wie sie in wenigen kapitalintensiven Produktionsbereichen, aber auch in der qualifizierten Angestellten- und Dienstleistungsarbeit weit verbreitet waren, erwiesen sich als zwiespältig. Zwar können diese Beschäftigtengruppen einerseits ihre Qualifikationen und ihr Erfahrungswissen eigenverantwortlich in ihre Arbeit einbringen, andererseits aber geschieht dies unter restriktiven Rahmenbedingungen knapper Ressourcen, hohen Zeit- und Termindrucks und langer Arbeitszeiten. Dies hat zur Folge, dass nicht mehr nur die körperlichen Belastungen der Produktionsarbeit, sondern auch die psychischen Belastungen der Wissensarbeit zu einem Gefährdungspotenzial für eine nachhaltige Beschäftigungsfähigkeit der Arbeitnehmer wird.

Drittens galt es, die Abnahme der Bindekraft kollektiver Arbeitsregulierungen, allen voran der Tarifverträge, und die wachsende Schwäche der kollektiven Akteure der Arbeitspolitik in den Blick zu nehmen. Dazu zählten der Mitgliederrückgang der Gewerkschaften ebenso wie der Mitgliederschwund der Arbeitgeberverbände und der damit verbundene Rückgang der Tarifbindung. Zudem wurden die Tarifstrukturen durch betriebliche Wettbewerbsbündnisse und Tarifabweichungen auf neue Weise dezentralisiert und damit die Normsetzung zu einem guten Teil auf die betriebliche Ebene, sei es durch die Betriebsparteien oder auch durch die Gewerkschaften als Verhandlungsakteure, verlagert. Die Normsetzungskraft der Tarifverträge wurde durchlöchert und die Entwicklung der Arbeitsnormen auch in den Kernbereichen des Tarifsystems wieder stärker an die Dynamik der Märkte, seien es Arbeitsoder Produktmärkte, gekoppelt.

Mit diesen Veränderungen einher ging als vierte Herausforderung die theoretische Einordnung der vielfältigen Entwicklungen von Arbeit. Mit der neuen Unübersichtlichkeit war das einheitliche regulationstheoretische Referenzmodell verlorengegangen, dass es der Soziologie erlaubte, Kontroll- und Organisationsformen von Arbeit entweder als Ausdruck der Durchsetzung des Taylorismus oder als Ansatzpunkte seiner Überwindung zu deuten. Die neue Unübersichtlichkeit fügte sich nicht ein in die Dualität schlechter tayloristischer und guter post-tayloristischer Arbeitsformen.

Diese Herausforderungen sind auch Anlass, eine in der deutschen Industriesoziologie häufig anzutreffende begriffliche Engführung in der Rezeption der Regulationstheorie zu überwinden. Arbeits- und Industriesoziologien interessieren sich naturgemäß vornehmlich für Entwicklungstendenzen von Arbeit im Betrieb und für ihre betriebliche Regulierung. Deshalb wurde die Regulationstheorie vor allem wegen ihrer Taylorismusanalyse und teilweise auch wegen ihrer Analyse von Produktionsmodellen aus Managementkonzepten, Arbeitsorganisation und Arbeitsbeziehungen rezipiert (Boyer/Freyssenet 2003). Das breitere Konzept der Regulationsweise als umfassendes Netz von Institutionen sowohl der Regulierung des Lohnverhältnisses als auch des Geldes oder staatlicher Fiskal- und Wirtschaftspolitik und wohlfahrtsstaatlicher Institutionen wurde zumindest in der Industriesoziologie kaum in den Blick genommen. Die zentrale These der Regulationstheoretiker lautete, dass sich auf allen diesen institutionellen Feldern, sei es durch Zufall, sei es durch soziale Konflikte, Entsprechungsverhältnisse herausgebildet hatten, die eine stabile und wachsende Nachfrage in Form von Löhnen oder Lohnersatzleistungen garantierten, die wiederum den Absatz der in Massen produzierten Waren ermöglichte. Kritik am Konzept bezog sich zumeist aber nur auf die Frage der empirischen Reichweite und Geltungskraft der Taylorismusanalyse in der Produktion. Hierzu wurde festgestellt, dass der Taylorismus auch in der Hochphase des Fordismus nie zwischen und in allen Branchen so verbreitet war, wie die Theorie dies suggeriert; als typische Beispiele dafür gelten der deutsche Maschinenbau (Wittke 1993) oder auch die höher qualifizierte Angestelltenarbeit (Littek/Heisig 1987). Das Problem an diesen Einwänden ist nicht in erster Linie, dass – was sicherlich unbestritten ist – auch in Deutschland zentrale und für die Wachstumsdynamik der Volkswirtschaft entscheidende Wirtschaftszweige wie die Automobilindustrie in ihren großen Produktionsbereichen eindeutig dem Muster der Massenproduktion und der standardisierten Arbeitsteilung folgten. Sondern bedauerlich ist vor allem, dass in dieser Diskussion der Kern der Analyse verloren zu gehen droht: Fordismus war konzipiert als ein breiterer Begriff zur Kennzeichnung einer Entwicklungsphase des Kapitalismus und der diese typischerweise prägenden institutionellen Formen, und dem kann sinnvollerweise nicht mit Verweisen auf Abweichungen vom Taylorismus begegnet werden. Der Wert des weiten Fordismus-Begriffs zeigt sich auch an den Überlegungen der Regulationstheorie, dass mit der Stärkung der Gewerkschaften und des Erkämpfens produktivitätsorientierter Tarifverträge oder der Ausweitung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen eine wirksame Massennachfrage geschaffen wurde, die schließlich die Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglicht hat. Gerade für die kollektive Arbeitsregulierung durch Tarifverträge steht außer Frage, dass sie das Lohnverhältnis in allen Branchen der Wirtschaft prägte und entscheidend dazu beitrug, dass die Massenproduktion auch von einem Massenkonsum begleitet werden konnte.

Deshalb geht auch die Erklärung der Krise des Fordismus über den Verweis auf die Erschöpfung der Rationalisierungsreserven des Taylorismus und die Inflexibilität bürokratischer Hierarchien im globalisierten Wettbewerb hinaus. Dazu gehören auch die Erosion der Organisationsmacht der Gewerkschaften, der Hinwendung der staatlichen Wirtschaftspolitik zur neoliberalen Angebotspolitik, der Rückbau der Wohlfahrtsstaaten und schließlich die Liberalisierung des internationalen Kapitalverkehrs. Zwar unterschieden sich die westlichen politischen Ökonomien in Zeitpunkt und Form dieser Entwicklungen, doch ist ihnen die Richtung gemeinsam.

Zunächst haben die Soziologen diese Entwicklung als Postfordismus bezeichnet. Dieses Analysekonzept blieb aber unbefriedigend, weil sich darunter eine Vielzahl unterschiedlicher Entwicklungsrichtungen verbargen, die von einem „humanisierten“ Kapitalismus skandinavischer Prägung bis hin zu einer Entbettung der Marktbeziehungen in den angelsächsischen Ländern reichte. Und, noch unbefriedigender, in dieser Vielfalt der Entwicklungen waren Konturen eines einheitlichen neuen Akkumulationsregimes nicht erkennbar (Lipietz 1997). Damit aber fehlte auch ein integrierendes Theoriemodell, das es nach dem Vorbild der Fordismusanalyse erlaubt hätte, die Entwicklung der Arbeit und ihrer Organisation und Regulierung in ein kohärentes Ensemble institutioneller Entsprechungsverhältnisse einzuordnen, mit den allgemeinen Entwicklungslinien des Kapitalismus zu verknüpfen und damit Erklärungen aus einem Guss zu ermöglichen.

War dies nun eher ein Problem der Theorie oder der Empirie? Lag das Fehlen eines Theoriemodells daran, dass es der Soziologie nicht gelungen war, ähnlich innovativ wie die Regulationstheorie neue soziale Entsprechungsverhältnisse zu identifizieren und in eine Theorie zu gießen, mit deren Hilfe sich die aktuellen Entwicklungstendenzen auf einen Begriff bringen ließen? Oder war die Ursache dafür vielmehr, dass sich einfach in der sozialen Wirklichkeit solche Entsprechungsverhältnisse nicht vorfanden und deshalb die Suche der Soziologie nach Kohärenzen – und mit ihnen nach kohärenten Erklärungen – vergeblich bleiben musste? Die Regulationstheoretiker selber hatten die Frage weitgehend offengelassen, ob auf ein Akkumulationsregime nach einer großen Krise unbedingt ein neues folgt oder sogar folgen muss. Wenn man zum Beispiel der Auffassung von Lipietz (1985) folgt, dass es sich bei Akkumulationsregimes um historische Fundsachen und soziale Zufälle handele, dann sind „regimefreie“ Phasen ohne Entsprechungsverhältnisse nicht unwahrscheinlich, und vielleicht bilden sie sogar eher die Regel als die Ausnahme.

Mit dem Konzept des Finanzmarktkapitalismus scheint nun die Phase der theoretischen „Unübersichtlichkeit“ überwunden zu sein. Nicht nur lässt sich mit diesem Begriff ein neuer Motor der Dynamik kapitalistischer Entwicklung bestimmen, sondern auch ein neues Ensemble institutioneller Entsprechungsverhältnisse und, entscheidend für die Arbeits- und Industriesoziologie, eine neue Referenzfolie für die Interpretation der aktuellen Entwicklungen von Arbeit, Arbeitsorganisation und Arbeitsregulierung (Minssen 2012). Doch was genau wird unter Finanzmarktkapitalismus verstanden? Welche Entwicklungen von Arbeit, Arbeitsorganisation und Arbeitsregulierung werden damit verbunden? Und eröffnet das Konzept tatsächlich eine kohärente Interpretationsfolie nach dem Vorbild des Fordismus auch für die Entwicklungstendenzen von Arbeit?

 
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