< Zurück   INHALT   Weiter >

2 Was ist Finanzmarktkapitalismus?

Als entscheidendes Entwicklungsmoment für die Durchsetzung des Finanzmarktkapitalismus gilt das rapide Wachstum der internationalen Finanzmärkte in den 1990er Jahren sowie eine Reihe institutioneller Reformen zu ihrer weitergehenden Liberalisierung, die in den meisten Industrieländern eingeleitet wurden, in Europa nicht zuletzt vorangetrieben durch die Liberalisierungspolitik der EU (Eichengreen 2007). Das erste Analysekonzept dieser Entwicklung, das „Akkumulationsregime des Vermögensbesitzes“ (Aglietta 2000), kam wiederum aus der Regulationstheorie. Im Unterschied zum Fordismus beruht nach Aglietta in diesem Akkumulationsregime das Entsprechungsverhältnis von Produktion und Konsum nicht auf einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik, die das Wachstum von Angebot und Nachfrage bei stabilen Profitraten ermöglicht, sondern auf einer Maximierung der Profite zugunsten der Aktionäre. Die Lohnkosten sind nur mehr eine abhängige Variable des globalen Wettbewerbsdrucks. Entscheidendes Moment der Stabilisierung der Nachfrage sind in diesem Regime Wertsteigerungen und Dividendenausschüttungen an die Haushalte als Aktionäre, die bei wachsender Kapitalbeteiligung der Arbeitnehmer auch den Lohnempfängern zugutekommen (Aglietta 2000, S. 140 ff.). Agliettas Konzept ist indes nicht unproblematisch. Empirisch ist eine Umverteilung der Aktienvermögen zugunsten der Arbeitnehmer ebenso wenig erkennbar wie eine Ersetzung geringerer Lohnanstiege der Beschäftigten durch Aktieneinkommen. Stattdessen schwächten sich mit der Umverteilung zugunsten der Profiteinkommen und der Fragmentierung der Entgelte in Ländern mit Exportüberschüssen wie Deutschland die Steigerungsraten des volkswirtschaftlichen Konsums wegen der größeren Sparneigung höherer Einkommen ab (Lehndorff 2014), während in den angelsächsischen Ländern das Defizit in der Handelsbilanz vor allem durch Kapitalimport und Verschuldung der privaten Haushalte im Sinne eines „privatisierten Keynesianismus“ (Crouch 2011) finanziert wurde. Umverteilung und Anhäufung finanzieller Vermögen haben wirtschaftliches Wachstum behindert, nicht zuletzt, weil im Interesse der Geldvermögensbesitzer lange Zeit eine restriktive Geld- und Finanzpolitik verfolgt wurde, die sich dem Ziel der Geldwertstabilität verpflichtet sieht (Deutschmann 2005). Insofern stellt sich die Frage, wie und ob das Regime des Vermögensbesitzes wirklich auf einem tragfähigen Entsprechungsverhältnis von Produktion und Konsum beruht. In jedem Fall aber bedeutsam für die Analyse der Entwicklung von Arbeit an Agliettas Konzept sind drei Einschätzungen: Dass das Lohnverhältnis und seine Regulierung an Bedeutung für die Entsprechung von Produktion und Konsum verloren haben (sofern man annimmt, dass es eine solche Entsprechung im Finanzmarktkapitalismus überhaupt gibt); dass Löhne zu einer abhängigen Variablen in der globalen Standortkonkurrenz werden; und dass schließlich ein homogenes Produktionssystem wie die Massenproduktion im Fordismus und eine daran anschließende dominante Form der Kontrolle und Organisation von Arbeit nicht mit dem Akkumulationsregime verbunden zu sein scheint. Viel spricht dafür, dass der Finanzmarktkapitalismus тin diesem Punkt deutlich widersprüchlicher als sein Vorgänger, der Fordismus, ist. Eine Entsprechung von Angebot und Nachfrage scheint hier nur um den Preis wachsender internationaler Ungleichgewichte und privater Verschuldung möglich zu sein. Beides aber sind Entwicklungen, die die Krisenanfälligkeit der Volkswirtschaften und der Weltwirtschaft deutlich erhöhen.

Was aber macht nun konkret den Finanzmarktkapitalismus aus? Im Überblick der Literatur lassen sich zumindest fünf Merkmale dieser neuen historischen Entwicklungsphase des Kapitalismus ausmachen. Erstes Merkmal ist das Übersparen, also der strukturelle Überschuss des Sparens gegenüber den Investitionen. Es lässt sich mit Huffschmid (2007, S. 23) auf drei Quellen zurückführen: Die Umverteilung zwischen Löhnen und Profiten, die sich in den westlichen Industrieländern in sinkenden Lohnquoten und einer Zunahme der Ungleichheit in der Einkommens- und Vermögensverteilung ausdrückt; die Verlangsamung des Wachstums wegen nachlassender Gesamtnachfrage, die zu sinkenden Investitionsquoten und verstärktem Druck auf die Lohneinkommen führt; und die Privatisierung der Alterssicherung, die ihrerseits mit zusätzlichen Aufwendungen für die Lohneinkommen und rückläufiger Konsumquote verbunden ist. In der Summe dieser Entwicklungen steigt das anlagesuchende Finanzvermögen auf den internationalen Finanzmärkten an, sei es als überschüssiges Einkommen der hohen Einkommensbezieher, als nicht reinvestierte Gewinne der Unternehmen oder als Lohnelemente, die für die Alterssicherung angespart werden. Das Übersparen führt unmittelbar auch zu einem Wachstum des Finanzsektors, der sich nicht nur in relativ wachsenden Beschäftigungsanteilen widerspiegelt, sondern auch darin, dass der Finanzsektor – zumindest vor der Krise der Jahre 2008 und 2009 – einen zunehmenden Anteil der volkswirtschaftlich erzeugten Profite absorbiert hat (Krippner 2005) und dass es zu einem Umverteilungsprozess zugunsten der Shareholder gekommen ist (Epstein/Jayadev 2005).

Das zweite Merkmal des Finanzmarktkapitalismus sind neue Akteure (Windolf 2005). Das Finanzvermögen wird nicht mehr in erster Linie über das klassische Bankgeschäft angelegt, also in der Form von Einlagen der Sparer bei Banken als Intermediäre, die dafür (und durch weitere Geldschöpfung) Kredite an Kreditnehmer vergeben. An seine Stelle sind neben Direktanlagen der Investoren vor allem Finanzinvestoren getreten, die Finanzvermögen sammeln und dafür Wertpapiere kaufen oder verkaufen. Zu diesen Intermediären der „institutionellen Verwaltung“ (Huffschmid 2007) gehören Investitions- und Pensionsfonds sowie Versicherungen. Daneben existieren zudem Finanzintermediäre als

„Alternativverwaltung“ (ebenda), zu denen Private Equity Unternehmen und Hedge Fonds als weitere Akteure der neuen „Dienstklasse des Finanzmarktkapitalismus“ (Windolf 2008) zu zählen sind. Der Unterschied zwischen diesen neuen Finanzintermediären besteht darin, dass die institutionellen Investoren, strate gisch gestaffelt nach Risiko und Sicherheit, Anteile kaufen und verkaufen, ohne unmittelbaren Einfluss auf die Geschäftspolitik der Unternehmen zu nehmen, während die meist geschlossenen Gesellschaften der Alternativverwaltungen aktiv in die Geschäftspolitik der Unternehmen eingreifen, in die sie investieren (Huffschmid 2007, S. 26 ff.). Die Banken sind übrigens nicht Opfer dieser Entwicklung, sondern haben sie aktiv gefördert. In Deutschland haben die privaten Großbanken Anfang der 1990er Jahre eine Kampagne zur Modernisierung des Finanzplatzes Deutschland gestartet, in deren Zentrum eine Neuregulierung der Börsen nach amerikanischem Vorbild stand. Das zentrale Ziel, das sie dabei verfolgten, war der Aufbau des Investment Banking als neuem Geschäftsfeld; als Investmentbanken wollten auch die Banken zu den neuen Akteuren der Finanzmärkte gehören. Im Zentrum des Investmentbanking stehen die Zeichnung von Wertpapieren, die Beratung von Unternehmen bei Mergers and Acquisitions, die Anlageberatung für Vermögende und das Wertpapierbrokerage (Davis 2009). Dieses Geschäft hatte mit der Übernahmewelle der 1980er Jahre in den USA einen starken Boom erlebt und versprach weit höhere Profitmargen als das herkömmliche Bankgeschäft und die langfristigen Industriebeteiligungen, die von den deutschen Großbanken traditionell gehalten wurden (Vitols 2002). Die deutschen Großbanken sind dann in den 1990er Jahren durch internationale Akquisitionen in das Investmentbanking eingestiegen. Zeitgleich haben in Deutschland mehrere Finanzmarktgesetze Börsen und Börsenaufsicht grundlegend neu geregelt und in diesem Rahmen Informationspflichten geschaffen, institutionelle und alternative Investoren als Akteure zugelassen und neue Geschäftspraktiken wie Aktienoptionspläne oder Aktienrückkäufe erlaubt. Eine große Bedeutung erlangte dabei auch die Steuerbefreiung von Anteilsverkäufen, die von den Großbanken zur Auflösung ihrer langfristigen Unternehmensbeteiligungen genutzt wurden. Es waren gerade diese Beteiligungen, die als Kernmerkmal des deutschen

„koordinierten Kapitalismus“ galten (Hall/Soskice 2001), weil sie den großen Industrieunternehmen eine Versorgung mit „geduldigem Kapital“ ermöglichten, auf dessen Grundlage diese langfristigen Wachstumsstrategien entwickelt werden konnten (Streeck/Höpner 2003).

Das dritte Merkmal des Finanzmarktkapitalismus ist der Wandel der Kontrollformen für Investoren. In „bankbasierten Systemen“ (Deeg 1999) wie dem deutschen erfolgt die Unternehmenskontrolle intern über die Mitgliedschaft der großen Investoren auf den Kapitalbänken der Aufsichtsräte. In diesem Rahmen erhalten die Investoren interne Informationen, können ihre Interessen artikulieren und Einfluss auf die Geschäfts- und Strategieentwicklung nehmen. Den institutionellen Investoren auf den Finanzmärkten ist dieser Kontrollweg versperrt, weil ihre Unternehmensanteile zumeist zu klein sind, um eine Mitgliedschaft im Aufsichtsrat zu erhalten. Aktiven Einfluss auf die Geschäftsentwicklung könnten institutionelle Investoren nur auf Hauptversammlungen und dann zumeist nur in Absprache mit anderen Investoren entwickeln, indem sie öffentliche Kritik üben oder dem Vorstand die Entlastung verweigern. Effizienter sind für sie externe Kontrollformen. Dazu gehört die möglichst umfassende Information durch periodische Quartalsberichte oder die Bewertungen von Ratingagenturen und Analysten, die es den Investoren erleichtern, Erwartungen und Erwartungserwartungen über das Markthandeln anderer zu bilden und auf diese Weise – zumindest scheinbar – Unsicherheit in kalkulierbares Risiko zu transformieren (Ganßmann 2012; Windolf 2005). Externe Kontrolle heißt auch, dass die Investoreninteressen vorrangig durch den Kauf oder Verkauf von Unternehmensanteilen durchgesetzt werden: Exit-Strategien dominieren gegenüber Voice-Strategien.

Der Wandel der Kontrollformen für Investoren steht in unmittelbarer Beziehung zur Veränderung der Corporate Governance der Unternehmen. Als zentrales Kontrollproblem in kapitalmarktfinanzierten Unternehmen gilt seit der Analyse des Managerkapitalismus bei Berle und Means (1932) und ihrer Weiterentwicklung in der Agency-Theorie (Jensen/Meckling 1976) die Trennung von Eigentum und Kontrolle. Danach haben die Principals (die Eigentümer) mit dem strukturellen Problem zu kämpfen, wie sie die Agents (die Manager) kontrollieren können. Denn die Manager tendieren dazu, ihre eigenen Interessen an Reputation, Karriere oder Einkommen über die Interessen der Anteilseigner – der Shareholder – an Steigerung des Unternehmenswertes oder Dividendenausschüttungen zu stellen. Die Lösung für dieses Problem besteht aus Sicht dieser Theorie in drei Punkten: erstens eine möglichst intensive Kontrolle der Manager, die an Finanzmärkten nur über umfassende Informationspflichten zu erzielen ist; zweitens die Einführung finanzieller Anreize für die Manager, die sie veranlassen, die Interessen der Anteilseigner auch wirkungsvoll zu vertreten; und drittens die Entwicklung eines Marktes für Unternehmenskontrolle, auf dem den Managern die Ablösung bei feindlichen Übernahmen droht, falls es ihnen nicht gelingt, den Wert ihres Unternehmens zu steigern. Der Boom feindlicher Übernahmen und Unternehmenszerlegungen in den USA der 1980er Jahre wurden nicht von ungefähr von den Vertretern der Agency Theorie mit dem Argument begrüßt, dass die Kapitalmärkte auf diese Weise für eine effiziente Verteilung des anlagesuchenden Kapitals sorgen. Diese Erfahrungen wurden prägend für das neue Unternehmensleitbild der Maximierung des Shareholder Value in den USA (Lazonick/O'Sullivan 2000). Nicht mehr Wachstum durch Einbehaltung und Reinvestition der Unternehmensgewinne prägen seitdem die Unternehmensstrategien, sondern Kostensenkung durch Abbau von Beschäftigung und die Neuverteilung der Gewinne zugunsten der Anteilseigner.

Das Leitbild der Maximierung des Shareholder Value konnte sich in den USA deshalb so rasch ausbreiten, weil die Großunternehmen bereits seit den 1950er Jahren ein finanzwirtschaftliches Kontrollkonzept entwickelt hatten. Zwar war dieses Kontrollkonzept zunächst unabhängig vom Wachstum der Kapitalmärkte entstanden, aber es war mit der Zielsetzung der Steigerung des Unternehmenswertes gut vereinbar. Fligstein (1990) hebt drei Merkmale des finanzwirtschaftlichen Kontrollkonzepts hervor: erstens die Dezentralisierung operativer Managemententscheidungen in Geschäftsbereichen oder Divisionen; zweitens die Bewertung dieser Einheiten nach ihrer finanziellen Performance als entscheidendem Kriterium für ihren Kauf oder Verkauf; und drittens der Bedeutungsgewinn der Finanzmanager gegenüber den Managern aus dem Produktionsbereich oder dem Vertrieb. Im finanzwirtschaftlichen Kontrollkonzept wird das Unternehmen als laufend zu optimierendes Vermögensportfolio mit dem Ziel kurzfristiger Profitrealisierung betrachtet. In den 1970er Jahren diente das finanzwirtschaftliche Kontrollkonzept nach Fligstein zwar vor allem der Steuerung von Diversifizierungs- und Wachstumsstrategien. In den 1980er Jahren konnten sich die feindlichen Übernahmen aber auf die Instrumente des finanzwirtschaftlichen Kontrollkonzepts stützen. Dazu gehörten zum einen innovative Finanztechniken wie sog. Leveraged Buyouts, mit hohem Fremdkapital ausgestattete Unternehmensübernahmen, die zunächst in der Diversifizierungswelle entwickelt worden waren und dann zum Aufkauf und zur Zerschlagung von Unternehmen genutzt wurden, zum anderen aber auch die finanzwirtschaftliche Durchdringung der Unternehmen, die auf der finanziellen Bewertung operativ eigenständiger Unternehmenseinheiten beruhte.

Seitdem lässt sich als viertes Merkmal des Finanzmarktkapitalismus eine Finanzialisierung der Unternehmenssteuerung als neues Leitbild der Unternehmensführung (Dörre/Haubner 2012) beobachten. Die Finanzialisierung schafft eine neue Begründungsordnung, mit deren Hilfe Managementhandeln neu ausgerichtet und legitimiert werden kann (Kädtler 2009). Diese Begründungsordnung gilt einerseits nach außen gegenüber der Finanzmarktöffentlichkeit; hier spielen

„Erzählungen“ des Managements eine große Rolle, die Investoren, Analysten und Ratingagenturen von der Kohärenz und Klarheit der strategischen Zielsetzungen des Managements überzeugen sollen (Froud et al. 2006). Sie wird aber auch nach innen gegenüber den Beschäftigten und ihren Interessenvertretungen eingesetzt, um finanzwirtschaftliche Vorgaben als Sachzwänge der Märkte darzustellen.

Dabei spielt der Shareholder Value allerdings eine untergeordnete Rolle. Anders als in den USA sind Beispiele für einen expliziten Bezug der Unternehmenssteuerung zu den Einkommensinteressen der Anteilseigner selten (Daimler und Siemens mit ihren Vorstandsvorsitzenden Schrempp und von Pierer bildeten in den späten 1990er Jahren Ausnahmen). Zumeist steht die Wertorientierung resp. die wertorientierte Unternehmensführung (Stern et al. 2002) im Vorder Weise die ausdrückliche Ausrichtung an den wirtschaftlichen Partikularinteressen der Eigentümer vermieden, die in den Unternehmen zu offenen Verteilungskonflikten mit anderen Anspruchsgruppen – den Beschäftigten – führen könnte (Kädtler 2009, S. 14). Und zweitens wird damit eine Orientierung auch auf langfristige Steigerungen des Unternehmenswerts und auf die Interessen anderer Stakeholder konzeptionell anschlussfähig (Chahed et al. 2004, S. 53 f.). Das Konzept der Wertorientierung ist deutungsoffener und deshalb unverbindlicher und weniger konfliktanfällig. Anstelle der Shareholderinteressen konzentrieren sich die Begründungsmuster wirtschaftlichen Handelns typischerweise auf die Produktmarktkonkurrenz und die Notwendigkeit, durch Wertsteigerung die kurz- und langfristige Konkurrenz-, Investitions- und Innovationsfähigkeit erhalten zu müssen (Faust et al. 2011, S. 183 ff.). Dadurch eröffnet die Wertorientierung zugleich Deutungsanschlüsse für die langfristig ausgerichteten Beschäftigungsinteressen der Arbeitnehmervertretungen und liefert Begründungsoptionen für die Notwendigkeit von Lohnverzicht und materiellen Konzessionen. Denn wenn Beschäftigung nur durch die Steigerung des Unternehmenswerts erhalten werden kann, dürfen die Löhne diese Wertsteigerung nicht gefährden.

Zum Kernbestand der wertorientierten Unternehmensführung gehört deshalb die Messung des Unternehmenswertes. Dies ist das fünfte Merkmal eines Finanzmarktkapitalismus. Die Messung soll die Beurteilung der vergangenen Performance ermöglichen und zugleich die Grundlage für zukunftsbezogene strategische Entscheidungen über Auslagerungen, Zukäufe und Investitionen liefern (Faust et al. 2011, S. 190). Die zentrale Größe dafür ist die Mindestrendite, die vom Unternehmen und seinen Geschäftseinheiten erzielt werden muss. Die Mindestrendite ergibt sich aus den Opportunitätskosten des Kapitals – der Verzinsung also, die der Investor bei vergleichbarem Risiko mit anderen Investments durchschnittlich verdienen könnte. Unterhalb dieser Rendite findet Wertverlust statt, oberhalb Wertaufbau. Werterhalt bedeutet, dass das Unternehmen aus seinem Geschäft genau die Kapitalkosten decken kann, die ihm aus den Ansprüchen der Eigentümer des Eigenkapitals und der Fremdkapitalgeber entstehen.

Mindestrenditen können erhebliche Auswirkungen auf strategische Investitions-, Auslagerungs- und Akquisitionsentscheidungen haben. Je schärfer die Einhaltung der Mindestrenditen kontrolliert wird, umso eher werden Investitionen nur dann vorgenommen, wenn für sie eine Rendite oberhalb der geforderten Mindestverzinsung nachgewiesen werden kann. Ist das nicht der Fall oder wird das Risiko dafür als zu groß eingeschätzt, werden Investitionen unterlassen. Auch von den Geschäftseinheiten der Unternehmen – resp. den operativen Einheiten, bis zu denen Verzinsungsansprüche heruntergebrochen werden – wird erwartet, dass sie die Verzinsungsansprüche erfüllen, die dem Unternehmen insgesamt auf der Ebene der Spitzenkennziffer vorgegeben werden. Erreichen sie die Anforderungen nicht, bestehen zwei Möglichkeiten: Reorganisation, Rationalisierung und Kostensenkung auf der einen oder Verkauf auf der anderen Seite. Typischerweise ist die erste der zweiten Möglichkeit als Stufe vorgeschaltet, es sei denn, die Unternehmensleitung hat im Vorhinein keine Hoffnung auf langfristige Wertsteigerung in diesem Bereich, definiert ihn deshalb nicht als Kernkompetenz und schließt oder verkauft ihn. Die Kehrseite der Wertorientierung ist damit die „permanente Umstrukturierung“ (Kädtler 2009, S. 19) der Unternehmen.

Der Überblick zeigt, dass im Konzept des Finanzmarktkapitalismus mehrere Ebenen der Vergesellschaftung enthalten sind. Man tut deshalb gut daran, diese unterschiedlichen Ebenen analytisch zu trennen. Dabei sind vor allem drei Ebenen von Bedeutung: Erstens die Ebene der globalen und nationalen Finanzmärkte, die die Interaktionen zwischen Finanzakteuren, alten und neuen, sowie die Institutionen umfasst, die es zur Regulierung der Finanzmärkte gibt; zweitens die wartungen aufnehmen, finanzwirtschaftliche Kontrollformen einführen und wertorientierte Kennziffern und Begründungsordnungen zur Steuerung der Unternehmen und zur Legitimierung des Managementhandelns entwickeln; und schließlich die Ebene der Produktionsmodelle und der Arbeitsorganisation, die – was ebenfalls

tschaftliche Kontroll- und Legitimationsformen beeinflusst und in bestimmte Richtungen entwickelt oder gedrängt werden.

Der wichtigste Grund dafür, diese Ebenen differenziert zu untersuchen, ist die Rolle, die sie für die gesellschaftliche Entwicklungsdynamik haben und die Frage ihrer Vermittlungen. Im Konzept des Finanzmarktkapitalismus werden starke Koppelungen zwischen den Ebenen unterstellt (so bei Windolf 2005): Finanzmarktakteure definieren kurzfristige Renditeerwartungen, die von den Unternehmensleitungen unter dem Druck der Kapitalmärkte aufgenommen werden; Unternehmen entwickeln darauf aufbauend finanzialisierte Kontrollkonzepte, die sie konsequent umsetzen und zur Steuerung nutzen; und auf der Ebene der Arbeit schließlich führen Kennziffernsteuerung und Renditeziele zu einheitlichen Veränderungen der Arbeit und ihrer Regulierung wie „indirekter Steuerung“ oder „Subjektivierung von Arbeit“. Auf diese Aspekte wird noch näher eingegangen.

Dass diese Vermittlungen in der angenommenen Weise funktionieren, ist hingegen nicht selbstverständlich. Dies zeigt sich zum Beispiel in der Frage der Auswirkungen des Finanzmarktkapitalismus auf Innovationen. Wie HirschKreinsen (2011) zeigt, ist das Innovationsverhalten von Unternehmen teilweiseeng, teilweise aber auch nur lose an eine finanzmarktkapitalistische Ratio gebunden und unterscheidet sich nach der Finanzierungs- und Eigentümerstruktur der Unternehmen. Diese Unterschiede betreffen nicht nur die Enge der Koppelung, sondern auch die Art der Wirkungen dieses Zusammenhangs. Bei enger Koppelung von Finanzmarktkapitalismus und Innovationen kann es nämlich zwei unterschiedliche und zudem gegenläufige Effekte geben. Der eine mögliche Effekt ist die Beschneidung oder Blockade von Innovationen unter dem Druck hoher Rentabilitätserwartungen und ausgeprägter Kurzfristorientierungen. Hier werden Investitionen in Innovationsprojekte an kurzfristig zu realisierende Renditeziele gekoppelt und damit nur noch Innovationen gefördert, die sich kalkulieren und planen lassen. Wo immer möglich werden Kosten für Innovationen externalisiert und auf andere Unternehmen der Wertschöpfungskette abgewälzt. Die Automobilindustrie wird von Hirsch-Kreinsen als Beispiel für diese Praxis herangezogen. Zugleich aber besteht ein anderer möglicher Effekt darin, dass Unternehmen besser als zuvor mit Risikokapital für unsichere Investitionen versorgt werden können, weil es Fonds und Akteure gibt, die sich auf dieses Geschäftsfeld spezialisieren. Auf diese Weise können sogar neue Spielräume für Innovationen geschaffen werden. In den Unternehmen schließlich, in denen Investitionen in Innovationen vor allem aus dem Eigenkapital gespeist werden können, ist die Koppelung mit Finanzmarktakteuren und Erwartungen allenfalls lose. Hier entscheiden die Orientierungen und Begründungsordnungen der Unternehmensleitungen über die Verwendung der Mittel. Damit ist weder auszuschließen, dass unter dem Eindruck einer wertorientierten Steuerung externer Finanzmarktdruck intern simuliert wird, noch dass Unternehmen langfristig ausgerichtete Produktmarkt- und Innovationstrategien verfolgen.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >