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3 Thüringer Neonaziszene damals und heute

3.1 Der lange Schatten des „Thüringer Heimatschutzes“

Mitte der 1990er Jahre bildete sich die Organisationsstruktur „Anti-Antifa-Ostthüringen“ heraus, die sich mit zunehmender Ausbreitung „Thüringer Heimatschutz“ (THS) nannte (Deutscher Bundestag, 2013). Nach Aussagen des Zeugen im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss Tino Brandt (ehemalige Führungsfigur des THS) gehörte André Kapke als damaliger Kopf der Jenaer Kameradschaft ebenfalls zum Führungszirkel des THS. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wiederum werden als Kapkes Stellvertreter, Zschäpe als Mitglied charakterisiert (Deutscher Bundestag, 2013). In Abstufungen gehören sie alle zum Kern des zwischenzeitlich auf ca. 120 Neonazist/innen angewachsenen Kameradschaftsnetzwerks THS. Brandt sagte gegenüber dem Bundeskriminalamt (BKA) 2012 aus, dass der THS eine Vernetzungsstruktur für fast ganz Thüringen darstellte (ausgenommen Mühlhausen und Nordhausen) [1]. Der „Thüringer Heimatschutz“ hat bis heute seine Auflösung nicht erklärt, seine Kader traten Anfang der 2000er Jahre zunehmend als NPD-Funktionäre auf. Daher kann davon ausgegangen werden, dass diejenigen Neonazis, die in dieser Zeit bereits politisch aktiv waren, mit der Organisation, den Protagonisten, aber auch den damaligen politischen, wie ideologischen Positionen in Berührung gekommen sind. Einflussreiche Führungspersonen, heute zumeist mit NPD-Zugehörigkeit, entstammen in Thüringen der freien Kameradschaftsszene und somit zumindest mittelbar dem Thüringer Heimatschutz. Das NSU-Mörder-Trio und die öffentlich und legal agierenden Personen der thüringischen extrem rechten Szene haben dieselbe neonazistische Sozialisation der 1990er Jahre, gehörten denselben Strukturen an.

Die extrem rechte Szene drückt bis heute gelegentlich ihre Verbundenheit zum „Thüringer Heimatschutz“ aus. So wurde das bekannte Banner des THS beispielsweise 2006 anlässlich einer Rudolf-Heß-Gedenkdemonstration mitgeführt. Im Jahr 2012, beim 10. sogenannten „Rock für Deutschland“ (RfD), einem seit 2003 in Gera stattfindenden RechtsRock-Open-Air wurde sogar ein neu hergestelltes Transparent als Bühnenhintergrund verwendet. Auch beim 12. sogenannten „Thüringentag der nationalen Jugend“ (TdnJ) im Jahr 2013 in Kahla wurde es gezeigt (Abbildung 2).

Abbildung 2 Auf dem 12. sogenannten „Thüringentag der nationalen Jugend“ in Kahla im Jahr 2013 drückt die extrem rechte Szene ihre Verbundenheit mit dem Thüringer Heimatschutz aus. (Bildrechte: MOBIT)

Die Beispiele aus Gera und Kahla lassen den Schluss zu, dass nach dem öffentlichen Bekanntwerden des NSU durch das Zeigen dieses in Szenekreisen bekannten Transparents eine versteckte Verbundenheit zu den NSU-Mitgliedern, die zuvor auch THS-Mitglieder waren, zum Ausdruck kommt. Für diesen Schluss spricht auch, dass in Kahla, das zum ehemaligen THS-Kerngebiet gehört, auch mehrere Konzertbesucher mit „Freiheit-für-Wolle“-T-Shirts anwesend waren. Der wegen

„Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung“ verurteilte Martin Wiese (Pöhner, 2010) und ein weiterer Redner trugen dieses T-Shirt ebenfalls (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3 Zur öffentlichen Bekundung der Solidarität mit Ralf „Wolle“ Wohlleben trugen sowohl Redner als auch Helfer beim Kahlaer „Thüringentag der nationalen Jugend“ T-Shirts mit der Aufschrift „Freiheit für Wolle“. (Bildrechte: MOBIT)

Mit „Wolle“ ist Ralf Wohlleben gemeint, der Weggefährte von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt, der neben André Kapke die zweite Führungsfigur in der Kameradschaft Jena war und nun einer der Mitangeklagten im Münchner NSU-Prozess ist. Zwischen 2002 und 2010 war Ralf Wohlleben NPD-Mitglied, zeitweise sogar stellvertretender NPD-Vorsitzender in Thüringen (Gamma Redaktion Leipzig, 2012, S. 85). Wohlleben war 2002 beim ersten „Thüringentag der nationalen Jugend“ Versammlungsleiter und blieb dem TdnJ auch in den Folgejahren als Redner oder Mitorganisator verbunden. Wohlleben gehörte gemeinsam mit André Kapke und Patrick Wieschke ebenfalls zum Organisationskreis des ersten sogenannten „Fests der Völker“ 2005 in Jena (Röpke, 2005; Gensing, 2011). Dieses RechtsRock-Event hatte gegenüber dem bereits erwähnten TdnJ und dem Geraer RfD bei der Bandauswahl und den Rednern einen deutlichen Bezug zum verbotenen Blood & Honour-Netzwerk (Röpke, 2005). In der Person Ralf Wohlleben kumuliert der Facettenreichtum der Thüringer extrem rechten Szene. Er personifiziert ihre Charakteristika, wie die unscharfen Grenzen zwischen NPD und Kameradschaftsszene, die Sozialisierung im „Thüringer Heimatschutz“, die mittlerweile deutschlandweit ausgeprägtesten Fähigkeiten zur Organisation von neonazistischen Massenveranstaltungen und eben auch Ambitionen zu bzw. Verwicklungen in militante und rechtsterroristischen Aktionen.

3.2 Die Bedeutung von Blood & Honour in Thüringen

Auf eine vollständige Darstellung des Blood & Honour-Netzwerkes, seine Aktivitäten, Protagonisten etc. wird hier verzichtet. Da dieses Neonazi-Netzwerk jedoch einerseits beim Abtauchen des Jenaer Nazi-Trios eine entscheidende Rolle spielte und andererseits auch ein zentraler Bestandteil der Geschichte der Thüringer extrem rechten Szene darstellt, sollen dennoch einige Informationen einfließen.

Thüringen hatte seit dem Jahr 1997 bis zum Verbot des Blood & Honour-Netzwerkes im Jahr 2000 ebenso wie Sachsen eine aktive eigene Sektion. Der Sektionsleiter Thüringens Marcel Degner aus Gera fungierte auch als Kassenwart der Blood & Honour-Division Deutschland (Haskala Jugendund Wahlkreisbüro Katharina König (MdL), 2010; Schäfer, Wache & Meiborg, 2012, S. 35f). Auch die Jugendorganisation der Blood & Honour-Division Deutschland „White Youth“ wurde in Gera gegründet (Haskala, 2010). Bereits Mitte der 1990er Jahre bewegte sich Uwe Mundlos in der Sächsischen Neonaziszene und knüpfte Blood & Honour-Kontakte (Wellsow, 2012, S. 32f). Uwe Mundlos stellte die sächsischen Blood & Honour-Aktivisten André Kapke und Ralf Wohlleben vor (Schäfer et al., 2012, S. 35).

Abgesehen davon, dass mit Marcel Degner eine für die bundesdeutsche Struktur Blood & Honour zentrale Figur aus Thüringen stammte, spielte das international agierende (Skinhead)-Musik-Netzwerk innerhalb der Thüringer Neonaziszene eine bedeutende Rolle. Da schon der britische Gründer von Blood & Honour, Ian Stuart Donaldson in Musik das ideale Mittel sah, um Jugendlichen den Nationalsozialismus näherzubringen (Langebach & Raabe, 2013, S. 8), verwundert es nicht, dass auch die thüringische Sektion Konzerte veranstaltete und die Szene mit Tonträgern versorgte (ebd., S. 8). Auch nach dem Verbot von Blood & Honour in Deutschland am 12. September 2000 waren seine Strukturen in Thüringen weiter aktiv. Beispielsweise steuerten thüringische RechtsRock-Bands über die Hälfte der Beiträge auf dem im Jahr 2003 erschienenen Blood & Honour-Sampler „Trotz Verbot nicht tot“ bei. Auch kam es am 25. November 2003 und am 07. März 2006 zu Hausdurchsuchungen wegen des illegalen Fortführens von Blood & Honour in verschiedenen Orten in ganz Thüringen. Die Strategie, über das Medium Musik für Interessent/innen attraktiv zu sein und Zulauf für die thüringische extrem rechte Szene zu organisieren, wird in Thüringen weiterhin unter Verzicht auf allzu deutliche Hinweise auf Blood & Honour betrieben. Die Mobile Beratung in Thüringen verzeichnet seit 2007 jährlich zwischen 18 und 28 RechtsRock-Konzerte (MOBIT e.V., 2014). Darunter fallen auch Veranstaltungen im öffentlichen Raum wie die bereits oben benannten Großveranstaltungen. Sympathiebekundungen für das verbotene Netzwerk können sich Besucher des Geraer „Rock für Deutschland“ zuweilen nicht verkneifen. Sie erscheinen mit T-Shirts auf denen oberflächlich betrachtet das typische Blood & Honour-Logo gedruckt ist. Erst beim genauen Lesen merkt man, dass dort „Bart & Homer“ zu lesen ist. Auch ein vom Veranstalter, dem NPD-Kreisverband Gera, eingesetzter Ordner trug im Jahr 2012 dieses TShirt (siehe Abbildung 4).

Abbildung 4 Zwölf Jahre nach dessen Verbot bekundet ein Ordner beim neonazistischen sogenannten „Rock für Deutschland“ in Gera seine Sympathie für das international agierende Musik-Netzwerk „Blood & Honour – Division Deutschland“. (Bildrechte: MOBIT)

  • [1] Brandt berichtet gegenüber dem BKA von den Mittwochsstammtischen im Gasthaus „Zum Goldenen Löwen“ in Rudolstadt-Schwarza, zu dem nach und nach bis zu 100 Neonazist/innen zusammen kamen.
 
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