Arbeit im Finanzmarktkapitalismus: Die Debatte

Welche Auswirkungen hat der Finanzmarktkapitalismus nun auf die Entwicklungstendenzen von Arbeit? Ist mit dem Finanzmarktkapitalismus ein ähnlich kohärentes Modell der Entwicklung von Arbeitsorganisation und Arbeitsregulierung verbunden, wie dies für die Hochzeit des Fordismus gezeichnet werden konnte? Oder beschränken sich die institutionellen Kohärenzen möglicherweise auf Finanzmarktinstitutionen und die Unternehmenssteuerung und erstrecken sich nicht oder zumindest nicht durchgängig auf die Entwicklung von Arbeit? Wie also steht es um die Vermittlung zwischen den Ebenen des Finanzmarktkapitalismus? Und welche Rolle spielen möglicherweise andere Einflussfaktoren wie die Deregulierung der Arbeitsmarktpolitik oder die Globalisierung der Produktion, die zwar unter den Bedingungen des Finanzmarktkapitalismus zur Geltung kommen oder gar zur Blüte gelangen können, die aber in ihrer Entstehung nicht unmittelbar auf den Finanzmarktkapitalismus zurückzuführen sind?

Ähnlich wie in der Frage der Innovationseffekte des Finanzmarktkapitalismus lassen sich auch mit Blick auf die Entwicklung von Arbeit und ihre Organisation und Regulierung zwei Hypothesen in der Literatur identifizieren. Auch hierbei können starke und lockere Koppelungen unterschieden werden. Ein Beispiel für die Lesart starker Koppelungen findet sich bei Minssen (2012). Demnach liefert die Globalisierung der Produktion keine hinreichende Folie für die Analyse der Veränderungen der Arbeitswelt; erst als Globalisierung des Finanzkapitals ergeben sich eindeutige Folgen für die Entwicklung von Arbeit, weil sich die in den börsennotierten Unternehmen unter dem Druck von Anteilseignern verfolgten neuen Leitlinien der finanzwirtschaftlichen Unternehmenssteuerung auch auf Unternehmen mit geringer Kapitalmarktexposition ausbreiten und weil in diesem Leitbild der Vermarktlichung eine entscheidende Rolle zukommt. Vermarktlichung meint bei Minssen sowohl die Öffnung der Unternehmen für die Anforderungen von Finanz- und Gütermärkten als auch die Steuerung der Unternehmen mit Hilfe finanzwirtschaftlicher Kennziffern und die Etablierung von Konkurrenzprozessen zwischen Unternehmenseinheiten und -bereichen. Die Vermarktlichung zielt demnach darauf, Management und Beschäftigte zu unternehmerischem Handeln zu bewegen. Damit sind nach Minssen einschneidende Konsequenzen für die Arbeit verbunden: Arbeit wird an den Ergebnissen und nicht anhand des Aufwands bewertet, Entgeltbestandteile werden an den Markterfolg gebunden, Arbeitseinsatz und Arbeitszeit werden flexibilisiert. Zugleich erhalten die Beschäftigten mehr Autonomie in der Arbeitsorganisation, um ökonomisch eigenverantwortlich handeln zu können, und die Beschäftigten werden stärker in kommunikativen Verfahren an der Entwicklung von Zielen beteiligt. Die Beschäftigten können ihre individuellen Eigenschaften und Potenziale als Subjekte besser in ihre Arbeit einbringen, werden dazu aber auch mehr von den Unternehmen gefordert. Vermarktlichung, Selbstorganisation und Subjektivierung führen zudem zu Entgrenzungen sowohl der Arbeitszeiten als auch des Arbeitsorts oder des Verhältnisses von Arbeit und Freizeit. Zugleich setzt der Finanzmarktkapitalismus in dieser Lesart die Arbeitsregulierung und das System der Mitbestimmung unter Druck: Selbstorganisation und Partizipation senken die Attraktivität von kollektiven Interessenvertretungen bei den Beschäftigten; Renditedruck und interne Konkurrenz erleichtern den Unternehmen die betriebliche Absenkung von Arbeitsstandards und eine Verbetrieblichung der Arbeitsbeziehungen; und Betriebsräte schließlich werden zu Co-Managern, die vielfältige Regelungsthemen behandeln und dabei sowohl ihre Gestaltungsfähigkeit verbessern können als auch das ökonomische Wohl des Betriebs im Auge behalten müssen.

hnlich argumentiert Sauer (2013) in seinem Konzept der organisatorischen Revolution. Er betont, dass im Kontext von Vermarktlichung, Subjektivierung und Entgrenzung der indirekten Steuerung eine Schlüsselrolle zukommt: Demnach ist es die Konfrontation der Beschäftigten mit den vom Unternehmen geschaffenen Marktbedingungen z.B. in Form von finanzwirtschaftlichen Kennziffern oder Budgets, die eine Herrschaft durch Autonomie ermöglicht. Mit Hilfe der indirekten Steuerung können maßlose finanzwirtschaftliche Forderungen über einen ergebnisbezogenen Leistungsbegriff in individuelle Probleme der Beschäftigten transformiert werden. Anders als Minssen wertet Sauer die Verbetrieblichung der Arbeitsregulierung jedoch nicht als Chance für ein gestaltungsorientiertes Co-Management, sondern als Ausdruck einer tiefgreifenden Krise der Arbeitspolitik. Zum einen führen maßlose wirtschaftliche Forderungen der Unternehmen zur Schrumpfung von Kompromissspielräumen der Arbeitspolitik, und zum anderen sendet die indirekte Steuerung Anreize an die Beschäftigten, ihre Arbeitsstandards in eigener Regie zu unterlaufen. Aus diesen Gründen können nach Sauer Arbeitsnormen nicht mehr nach dem alten Stellvertretermodell ausgehandelt werden, sondern nur noch unter Nutzung des Eigensinns der Beschäftigten in direkten Beteiligungsformen. Als zentrale Politikfelder dafür werden die Leistungs- und Gesundheitspolitik benannt. Widerstand entsteht aus der individuellen Rebellion der Beschäftigten und ihrem Eigensinn, nicht aber aus den alten kollektiven Interessenvertretungsorganisationen.

Weniger eng ist die Koppelung von Finanzmarkt und Arbeit in Dörres Landnahmekonzept (Dörre 2009). Hier werden starke Vermittlungseffekte zwischen der finanzgetriebenen Landnahme und der Arbeitsregulierung vermutet, nicht aber zwischen der Landnahme und der Organisation der Arbeit; ein neuer Best Way der Arbeitsorganisation sei damit nicht verbunden. Die Veränderung der Arbeitsregulierung zeigt sich in vielen Facetten: in betrieblichen Beschäftigungsbündnissen, in denen Konzessionen bei übertariflichen Arbeitsstandards gemacht werden, in temporären Unterschreitungen der Tariflöhne in Tarifabweichungen oder in der Prekarisierung von Arbeit und der damit verbundenen Lohnfragmentierung, wie sie im Zuge des strategischen Einsatzes von Leiharbeit zu beobachten ist. Straffe Renditesteuerung und marktzentrierte Kontrollformen erzeugen einen Sachzwang des Marktes, der als Druckmittel gegen Interessenvertretungen und Arbeitsstandards unter den Vorzeichen der Standortsicherung eingesetzt werden kann. Dabei spielt die Prekarisierung eine entscheidende Rolle, weil damit Druck auf die Stammbelegschaften verbunden ist, im Zeichen der eigenen Ersetzbarkeit nicht für die Arbeitsnormen zu kämpfen. Dörre betont, dass die finanzkapitalistische Landnahme entscheidend durch Staat und Politik vorangetrieben wird, sei es durch die Deregulierung der Finanzmärkte, die Privatisierung von Unternehmen oder die Aktivierung (und Deregulierung) der Arbeitsmarktpolitik. Anders als der Fordismus aber gründet sich nach Dörre der Finanzmarktkapitalismus nicht auf ein effizienteres und wirtschaftlich überlegenes Produktionsmodell, mit dem eine neue Form der Arbeitsorganisation verbunden wäre (Dörre 2009, S. 59). Vielmehr wird durch finanzwirtschaftliche Steuerungsformen ein Möglichkeitsraum geschaffen: Rendite- und Kostenziele werden vorgegeben, nicht aber eine Best Practice der Arbeitsorganisation (Dörre/Hauber 2012). Der Renditedruck erzeugt allerdings Anreize, keine Experimente einzugehen, deren Wirtschaftlichkeit nicht kalkulierbar ist oder die langfristige Lernprozesse erfordern und damit kurzfristige Finanzziele gefährden. Zudem fördert die externe Flexibilisierung beispielsweise durch Leiharbeit arbeitsteilige und standardisierte Formen der Arbeitsorganisation.

Nach Faust et al. schließlich ist Koppelung zwischen Finanzmarkt und Arbeit nur schwach ausgeprägt (2011). Dabei treffen sie die zentrale Unterscheidung zwischen Kapitalmarktorientierung und Kapitalmarktexposition. Kapitalmarktorientierung liegt dann vor, wenn Unternehmensleitungen sich als Ergebnis einer strategischen Wahlentscheidung an den (Rendite-)Erwartungen von Aktionären und anderen Kapitalmarktakteuren orientieren, die Kapitalmarktexposition beschreibt den Grad der Abhängigkeit von externer Kapitalzufuhr und wirkt damit als Beschränkung der strategischen Wahlfreiheit der Unternehmen. Ein direkter Einfluss der Kapitalmärkte auf die Organisation von Unternehmen und Arbeit hingegen besteht aus Sicht der AutorInnen nicht. Wertorientierte Steuerung oder Shareholder Value sind Managementkonzepte, die zur Orientierung und Legitimierung des Handelns genutzt werden können, und nicht Ausdruck der Zwänge des Kapitalmarktes. Das Management entscheidet, ob und in welcher Form finanzwirtschaftliche Kennziffern in den Unternehmen genutzt werden. Dazu gehört sowohl die Frage, auf welchen Unternehmensebenen welche Kennziffern zur Zielsetzung und Messung der Performance genutzt werden als auch und vor allem, in welchem Maße die Zielerreichung ausschlaggebend wird für strategische Entscheidungen über Produkte, Investitionen, Beschäftigung, den Kauf und Verkauf von Unternehmensteilen oder auch für variable Vergütungskomponenten. Kennziffern, Ziele und daran ausdrücklich geknüpfte strategische Unternehmensentscheidungen sind die zentralen Mechanismen, mit deren Hilfe Kapitalmarktorientierungen in die Unternehmen getragen und zu relevanten Steuerungsprinzipien gemacht werden. Dazu beobachten die AutorInnen in ihren Fallunternehmen sehr unterschiedliche Praktiken, die sie wiederum auf die Stärke oder Schwäche der Kapitalmarktexposition zurückführen.

Nur unter den Bedingungen einer hohen Kapitalmarktorientierung und umgesetzt durch entsprechende Instrumente (finanzwirtschaftliche Kennziffern) und Mechanismen (Bindung von strategischen Entscheidungen an finanzwirtschaftliche Entwicklungen) lässt sich mithin von einer kapitalmarktorientierten Unternehmensführung sprechen. Je stärker die Kapitalmarktorientierung, desto gravierendere Auswirkungen sind auf die Arbeitsregulierung zu erwarten. Zum einen verlieren in der finanzwirtschaftlichen Reorganisation die Mitbestimmungsakteure häufig ihre Verhandlungsgegenüber auf der Unternehmensseite, weil das Personalwesen abgewertet und vor Ort ausgedünnt wird oder mit der Dezentralisierung der Unternehmen neue Entscheidungsebenen geschaffen werden, die nicht in der Struktur des Personalwesens abgebildet sind. Zum anderen, und noch gravierender, steigt die Erpressbarkeit von Interessenvertretungen gegenüber den Unternehmen, weil diese mit Verweis auf Renditeziele und die Option der Ausoder Verlagerung unter Druck gesetzt werden können, Tarifnormen zu unterschreiten, andere und günstigere Tarifverträge zuzulassen, mehr Leiharbeit zu erlauben oder aus den Tarifverträgen ganz auszusteigen. Dies wiederum kann von den Unternehmensleitungen als Erfolg der kapitalmarktorientierten Unternehmensführung zum Zweck der Legitimationssteigerung gegenüber externen Kapitalmarktakteuren beworben werden. Anders als mit Blick auf die Regulierung sind eindeutige Auswirkungen der Kapitalmarktorientierung auf die Organisation von Arbeit nach Aussage der AutorInnen nicht zu erwarten. Auch hier kommt es demnach auf die Strategiefindung im Unternehmen und den Unternehmenseinheiten an. Das heißt nicht, dass arbeitsorganisatorische und arbeitspolitische Änderungen ausgeschlossen sind; wohl aber ist ihr Zusammenhang zu einer kapitalmarktorientierten Unternehmensführung – wie diese auch – in ihren kausalen Mechanismen empirisch nachzuweisen. Außerdem, so betonen die AutorInnen, ist der Zusammenhang zu anderen und nicht direkt mit dem Finanzmarktkapitalismus verbundenen Entwicklungen wie der staatlichen Arbeitsmarktpolitik in Rechnung zu stellen.

Der Überblick über den Stand der Forschung zeigt: Der Zusammenhang zwischen Finanzmarktkapitalismus und der Entwicklung von Arbeit und ihrer Organisation und Regulierung ist empirisch – und damit auch theoretisch, denn eine Theorie, die im Widerspruch zur Empirie steht, hat wenig Erklärungsgehalt

en jeweils, welche Annahmen über die Vermittlungen zwischen den Ebenen des Finanzmarktkapitalismus getroffen werden: der neuen institutionellen Prägung der Finanzmärkte, die auf Übersparen, freiem und globalisiertem Kapitalverkehr und neuen Finanzmarktakteuren fußt; den neuen Kontrollkonzepten der Corporate Governance in den Unternehmen, die darauf beruhen, die Unternehmen in profitverantwortliche Einheiten aufzugliedern und diese mit Hilfe finanzwirtschaftlicher Zielsetzungen und Kennziffern mehr oder weniger kompromisslos zu steuern; und neuen Produktionssystemen und Methoden der Arbeitsorganisation, die auf der Konfrontation der Beschäftigten mit Kennziffern beruhen und mit Begriffen wie „Vermarktlichung“, „indirekte Steuerung“, „Selbstorganisation“, „Subjektivierung“ und „Entgrenzung“ diskutiert werden.

Wenig Zweifel dürfte über die Bedeutung der Finanzmärkte im aktuellen Kapitalismus, bestehen, gerade nach der Finanzmarktkrise seit 2008. Dass der Crash der Spekulationsblasen auf dem US-Immobilienmarkt in eine globale Rezession der Realwirtschaft münden konnte, ist ein starker Beleg dafür, dass die Institutionen der Finanzmärkte die Wachstumsdynamik der entwickelten kapitalistischen Volkswirtschaften inzwischen wesentlich prägen. Zusammengenommen mit der Globalisierung der Produktion oder der Deregulierung der Arbeitsmärkte ist offensichtlich ein Netz institutioneller Formen entstanden, die für die aktuelle Entwicklungsphase des Kapitalismus prägend sind.

Weniger eindeutig ist dagegen der Stand der Erkenntnis zur praktischen Bedeutung des Finanzmarktkapitalismus für die Steuerung von Unternehmen und von Arbeit. Die im vorliegenden Buch versammelten Beiträge werfen Schlaglichter auf verschiedene Aspekte dieses weiten Feldes. Sie sind aus empirischer Forschung entstandene Puzzlesteine, die helfen können, unser Verständnis der Zusammenhänge von Finanzmarktkapitalismus und Arbeitswelt zu ergänzen, zu vertiefen oder auch in Frage zu stellen. Damit können sie zugleich, wie wir hoffen, einen Beitrag zur Diskussion über die Gestaltbarkeit und Regulierbarkeit von Arbeit leisten.

 
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