Arbeit im Finanzmarktkapitalismus: Empirische Befunde

Die erste der Fragen, in der sowohl empirischer als auch theoretischer Klärungsbedarf besteht, betrifft die Durchdringung der Unternehmen mit finanzwirtschaftlichen Kontrollkonzepten. Wie weit und in welcher Weise diese Durchdringung tatsächlich stattfindet hängt einerseits von der Kapitalmarktorientierung und der Kapitalmarktexposition der Unternehmen ab und andererseits von den Instrumenten und Mechanismen, mit deren Hilfe diese in operative Entscheidungen überführt werden. Die zentrale Frage hierzu lautet, wie und wie weit finanzwirtschaftliche Kennziffern in den Unternehmen eingeführt und als Entscheidungs- und Legitimationsgrundlage für neue Produkte, Investitionen oder Innovationen genutzt werden. Wie Gerlmaier in diesem Band am Beispiel von Unternehmen der IT-Branche ausführt, werden Kennziffern in unterschiedlicher Breite und Tiefe angewendet – mit deutlichen Hinweisen auf Zusammenhänge mit den Eigentümerstrukturen, aber auch den Geschäftsfeldern und der jeweiligen Unternehmensgeschichte. Und Latniak zeigt am Beispiel der industriellen Fertigung, dass dort klassische Produktionskennziffern eine immer wichtigere Rolle spielen, weil sie über eine moderne EDV-Infrastruktur mittlerweile nahezu in Echtzeit erhoben und schneller als je zuvor verwertet werden können. Damit entsteht zwar auch ein potenzieller Anschluss für finanzorientierte Kennziffern, doch bislang sind es im Produktionsbereich vorrangig die Produktion und die Produktmärkte, aus denen Kennziffern gewonnen werden. Haipeter und Slomka schließlich argumentieren, dass Finanzkennziffern für die Entgeltbestimmung auch im Bereich der Tarifbeschäftigung wichtiger werden. Erstaunlicherweise aber sind die treibenden Akteure dafür nicht selten die Betriebsräte, die Erfolgsentgelte als Kompensation für Konzessionen in Beschäftigungspakten aushandeln, und nicht Unternehmensleitungen, die eine kohärente Strategie der Finanzialisierung verfolgen würden. Dies zeigt, wie verbreitet die Finanzialisierung als Deutungs- und Legitimationsrahmen geworden ist, aber auch wie widersprüchlich und wenig konsistent die soziale Wirklichkeit in den Unternehmen ist und wie selten sie der Referenzfolie des Begriffs genau entspricht.

Zweitens bedürfen auch die Auswirkungen des Finanzmarktkapitalismus auf die Arbeitsregulierung einerseits und die Arbeitsorganisation andererseits weiterer Klärung. Dies zeigt sich am deutlichsten in der Frage der Arbeitsorganisation. Die Befunde, die in den Beiträgen zu diesem Band beschrieben werden, sprechen für eine differenzierte Sichtweise und einen offenen Möglichkeitsraum. Der Beitrag von Hinrichs betont die nach wie vor zentrale Rolle von Hierarchie und Führungskräften bei der Steuerung von Arbeit; die Führungskräfte sind es, und nicht der Markt, die über Arbeitsvolumen, Aufgabenzuschnitt und knappe Personalressourcen entscheiden, aus denen in vielen Fällen jener Druck entsteht, der sich in der Zunahme psychischer Erkrankungen äußert. Kümmerling zeigt, dass in der Pflegearbeit Autonomie im Sinne individueller Entscheidungsfreiheit eine sehr geringe Rolle spielt; stattdessen sind unter den Vorzeichen von Budgetzwängen und Produktmarktkonkurrenz direkte und eng getaktete Zeitvorgaben nach tayloristischem Vorbild auf dem Vormarsch. Von indirekter Steuerung kann deshalb nur unter dem Vorbehalt gesprochen werden, dass die Beschäftigten in eigener Regie mit den Restriktionen fertig werden müssen. Und Latniak weist in seinem Beitrag darauf hin, dass die Handlungsspielräume in der Arbeit und mit ihnen die Perspektiven einer innovativen Arbeitspolitik durch ein eng gewobenes Netz produktionsbezogener Kennziffern eingeschränkt werden. Autonomiegewinne sind deshalb eher untypisch für die mit Hilfe von Kennziffern gesteuerte Produktion. In einigen Tätigkeit wird den Beschäftigten zwar mehr unternehmerische Verantwortung zugewiesen, und sicherlich haben die Unternehmen ein Interesse, dass die Beschäftigten sich stärker engagieren und ihre Fähigkeiten in die Arbeit einbringen, doch auch diese neuen Spielräume gehen in vielen Fällen Hand in Hand mit mehr Druck (wie von Glissmann/Peters 2000 vermutet). Überdies sind starke Unterschiede zwischen Beschäftigtengruppen zu beobachten. Die Produktion mit ihren vielfältigen Kennziffern und arbeitspolitischen Rückschritten unterscheidet sich, ebenso wie soziale Dienstleistungen mit ihren Taylorisierungstendenzen, offensichtlich stark von jenen IT- und Entwicklungsspezialisten, die das in der Öffentlichkeit kommunizierte Bild der neuen Autonomie in der Arbeit prägen. Gemeinsam ist diesen unterschiedlichen Facetten nur ein allgemeines Entwicklungsmerkmal: der Arbeitsdruck wächst und die Arbeitsintensität steigt an, und zwar unabhängig davon, ob es sich um hochqualifizierte, mittlere oder niedrigere Qualifikationsbereiche handelt. Die Gründe, die jeweils dazu führen, sind, wie die Beiträge dieses Bandes zeigen, nach Gegenstandsbereich differenziert zu betrachten.

Mit Blick auf die Arbeitsregulierung hingegen spricht viel für die Annahme, dass renditegetriebene Standort- und Auslagerungsentscheidungen auf breiter Front als Druckmittel zur Verschlechterung der Arbeitsstandards, sei es durch Tarifabweichung, Tarifkonkurrenz, Tarifaustritt oder Prekarisierung der Beschäftigung, genutzt werden können. Bromberg und Haipeter zeigen in ihrem Beitrag, wie dadurch Betriebsräte in die Defensive geraten, Beschäftigungssicherung zu ihrem Hauptziel wird und sie Konzessionen bei Regulierungsthemen Arbeitszeiten, Entgelt oder Leistung machen, die früher undenkbar waren. Zudem setzen Unternehmen zunehmend auf externe Flexibilisierung durch Leiharbeit. Zwar gibt es, wie Hertwig in seinem Beitrag nachweist, auch Alternativen wie Beschäftigungspools zwischen Unternehmen. Doch sind die Leitbilder und Begründungsmuster, die dem Einsatz prekärer Beschäftigung zu Grunde liegen, so verbreitet und verankert, dass diese Alternativen kaum Chancen auf Verallgemeinerung haben. Dies gilt zumindest so lange billigere und flexible Leihbeschäftigung in ausreichendem Maße vorhanden ist und genutzt werden kann, selbst wenn dies bei längerfristiger Betrachtung nicht im Unternehmensinteresse liegt. Auch an diesem Beispiel wird deutlich, wie sehr sich bereits die Finanzialisierung als Legitimationsrahmen verselbstständigt hat, in dem der Einsatz prekärer Beschäftigung im konkreten Einzelfall nicht mehr für begründungsbedürftig gehalten wird.

Was bedeutet dies für die Chancen und Möglichkeiten der Arbeitsregulierung? Lehndorff zeigt in diesem Band am Beispiel Frankreichs und im Vergleich zu Deutschland, dass auch heutzutage eine staatliche Arbeitszeitregulierung durchaus effektiv bei der Begrenzung der Arbeitszeiten sein kann, und dass dabei insbesondere der Vermittlung zwischen staatlicher, tarifvertraglicher und betrieblicher Regulierungsebene eine zentrale Rolle zukommt. Kollektive Regulierung funktioniert auch unter den Bedingungen des Finanzkapitalismus, sie bedarf dafür aber neuer Formen – einer Herangehensweise, die betriebliche und tarifvertragliche Akteure „aktiviert“. Dies stellen auch Bromberg und Haipeter in ihrem Beitrag fest. Sie betonen vor allem den Aspekt neuer Formen der Beteili gung und Einbindung der Beschäftigten in betrieblichen Konflikten. Dies ist ihrer Analyse zufolge gleichermaßen wichtig bei Tarifkonflikten um Tarifabweichungen im Betrieb wie auch bei Auseinandersetzungen um Fragen der Unternehmensstrategie, die ein neues Handlungsfeld für Betriebsräte sind. Die AutorInnen sind sich darin einig, dass kollektive Arbeitsregulierung, sei sie staatlich, tariflich oder betrieblich ausgehandelt, sehr wohl eine Perspektive hat, aber neuer Konfliktformen und Vermittlungen bei der Umsetzung bedarf. Die Chancen einer nachhaltigen Regulierung von Arbeit liegen nicht nur in individueller Rebellion und im „Eigensinn“ der Beschäftigten (Sauer 2013), sondern nach wie vor auch in strategischen Neuorientierungen der klassischen Regulierungsakteure auf staatlicher, tarifvertraglicher und betrieblicher Ebene.

Die Beiträge dieses Buchs geben schließlich auch genaueren Aufschluss über die Triebkräfte der Veränderung der Arbeitswelt im Finanzmarktkapitalismus. Welche Phänomene sind auf den Finanzmarktkapitalismus zurückzuführen, und welche Phänomene stellen eigenständige Entwicklungen dar, die in komplementärem, möglicherweise aber auch widersprüchlichem Verhältnis zum Finanzmarktkapitalismus stehen?

 
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