Brechungen im Finanzmarktkapitalismus

Der Finanzmarktkapitalismus ist ohne Zweifel eine überaus nützliche heuristische Folie für die Arbeits- und Industriesoziologie. Dies gilt aber gerade nicht deshalb, weil sich damit nun alle empirischen Phänomene rund um die Arbeit und ihre Organisation und Regulierung erklären ließen, sondern zunächst und vor allem deshalb, weil diese Folie anregend ist. Sie regt dazu an zu fragen, welche Auswirkungen der wachsende Stellenwert der Finanzmärkte auf die Steuerung von Unternehmen und die Anwendungsbedingungen von Arbeitskraft haben. Und sie regt dazu an zu fragen, welche Entwicklungen damit nicht erklärt werden und welche alternativen oder ergänzenden Erklärungsmuster stattdessen herangezogen werden könnten. Von entscheidender Bedeutung sind dabei die Vermittlungen zwischen den Ebenen des Finanzmarktkapitalismus, an denen die kausale Erklärungskraft des Modells gebrochen wird – so wie ein Lichtstrahl durch Glas oder Wasser gebrochen wird. Drei derartige „Brechungen“ wurden hier identifiziert:

Erstens die Brechung zwischen den Finanzmärkten und ihren Akteuren auf der einen und den Unternehmen und ihren Strategien auf der anderen Seite, die offenlässt, in welchem Maße und in welchen Formen Unternehmen Finanzmarkterwartungen aufnehmen und ihre Unternehmenssteuerung finanzialisieren.

Zweitens die Brechung zwischen den Unternehmensstrategien und der Unternehmenssteuerung auf der einen und der Organisation und Regulierung von Arbeit auf der anderen Seite, die offenlässt, welche Organisationsformen der Arbeit in den Unternehmen dominieren, ob indirekte Steuerung und Autonomie oder Arbeitsteilung und Taylorismus, und wie die Auswirkungen auf die Arbeitsregulierung aussehen, ob Defensiven der Interessenvertretungen und Konzessionen vorherrschen oder ob Interessenvertretungen auch neue Konfliktstrategien und neue Regulierungsformen entwickeln können.

Drittens die Vermittlung zwischen Finanzmärkten und Finanzialisierung der Unternehmen auf der einen und anderen Entwicklungstrends wie der Globalisierung der Produktion und der Arbeitsmarktpolitik oder der Steuer- und Haushaltspolitik und der wohlfahrtsstaatlichen Regulierung auf der anderen Seite, die offenlässt, ob diese Trends tatsächlich aus dem Finanzmarktkapitalismus abgeleitet oder nicht doch mit diesem verbundene, aber relativ eigenständige Trends betrachtet werden können. Ein breites Verständnis des Begriffs legt die Schlussfolgerung nahe, dass es sich um Trends im Finanzmarktkapitalismus handelt, und dass das Ausmaß ihrer Kohärenz und deshalb auch ihrer Widersprüche umso größer ist, je enger sie mit diesem verbunden sind.

Die Sichtweise macht auf die gemeinsame Wurzel der aufgezeigten Brechungen im Finanzmarktkapitalismus aufmerksam. Die Entwicklungsphase des Finanzkapitalismus ist nicht gleichzusetzen mit der Dominanz des Finanzkapitals, also der Banken, Investmentfonds oder Ratingagenturen. Dass diese Akteure wirkungsmächtig sind, steht außer Frage; davon zeugt ihre Fähigkeit, sich wachsende Anteile an den volkswirtschaftlichen Gewinnen zu sichern (Krippner 2005) oder auch die staatliche Gesetzgebung zu beeinflussen. Aber sie sind nicht die einzigen Akteure, und andere Akteure aus der Vergangenheit des Fordismus wie die Gewerkschaften oder auch Arbeitgeberverbände haben teilweise Handlungsmacht erhalten oder sogar erneuern können. Deshalb gibt es keine naturgesetzliche Vermittlung von Systemimpulsen und -imperativen auf der einen und den Handlungen der sozialen Akteure auf der anderen Seite. Nicht selten aber dominiert in den industriesoziologischen Analysen die Systemlogik. Sie legen eine Zwangsläufigkeit der Entwicklung nahe, und zwar je mehr, desto enger die Vermittlungen zwischen den Ebenen gefasst werden. Bei Windolf (2005) können sich die Unternehmen dem Druck der Fonds und Analysten nicht entziehen, bei Sauer (2013) und Minssen (2012) schlagen Kapitalmarktorientierung und Vermarktlichung automatisch und umfassend in Subjektivierung und Entgrenzung um, bei Streeck (2013) erscheint die historische Entwicklung vom „Steuerstaat“ über den „Schuldenstaat“ hin zum „Konsolidierungsstaat“ unausweichlich. In diesen Szenarien bleiben den Akteuren gar keine anderen Optionen, als die angezeigten Entwicklungstrends quasi zu exekutieren oder, im Falle kollektiver Interessenvertretungen, zu erleiden und die Erosion der Arbeitsregulierung und der eigenen Verhandlungsfähigkeit hinzunehmen. Auf diese Weise wird die Entwicklung alternativlos; nicht zufällig ist dies auch genau die Formel, mit der neoliberale Politik typischerweise den Wählern verkauft wird. Der einzige verbleibende Rettungsanker, der noch in Sichtweite scheint, ist der von Sauer (2013) benannte individuelle Widerstand von Beschäftigten, die individuelle Rebellion gegen die sozialen Verhältnisse, die sie vor immer maßlosere Anforderungen stellen. Kollektive Akteure können nur noch bestehen, sofern sie an diesen Eigensinn anschließen. In ungewohnter Übereinstimmung hält auch Streeck (2013) eine „konstruktive Opposition“ auf absehbare Zeit nicht für möglich und nur noch Basisbewegungen wie Occupy für fähig, „Sand ins Getriebe“ des Finanzmarktkapitalismus zu streuen.

Unstrittig zwischen den hier analysierten Autoren und den Beiträgen im vorliegenden Buch ist hingegen die Anerkennung sowohl der wirtschaftlichen als auch der politischen Machtkonstellationen im Finanzmarktkapitalismus als auch des Gewichts der „(Finanz-)Marktkonformität“ als Legitimationsrahmen staatlicher Fiskal- und Arbeitsmarktpolitik. Doch durch den Blick auf soziale Akteure werden in der Analyseperspektive der folgenden Kapitel deutlich andere Akzente gesetzt. Die Beiträge betonen die Brechungen im Finanzmarktkapitalismus und gewinnen dabei zugleich Ansatzpunkte für wirksames soziales Handeln der individuellen und kollektiven Akteure der Arbeitsregulierung. Wenn Unternehmen, abhängig von ihrer Kapitalmarktexposition, relativ autonom in der Übernahme von Finanzmarktsignalen und in der Anwendung finanzialisierter Steuerungsformen und Begründungsmuster sind, dann ist ihre Unternehmensstrategie auch gestalt- und damit verhandelbar. Hier könnte ein neuer Ansatzpunkt für eine Mitbestimmung der Betriebsräte liegen, Kennziffern und Renditeziele in betrieblichen Konflikten zu politisieren. Darauf weisen Bromberg und Haipeter in ihrem Beitrag hin. Gleiches gilt für die Arbeitsorganisation, die sich in einem Möglichkeitstraum von verantwortlicher Autonomie und Taylorismus aufspannt. Diese Gestaltungsoffenheit eröffnet Betriebsräten die Chance, im Zusammenspiel mit den Beschäftigten eigene arbeitspolitische Konzepte zu entwerfen und mit Nachdruck zu verhandeln. Auf diese Weise könnten neue und beteiligungsorientierte Konflikt- und Regulierungsformen ausgebaut werden, die bereits in Tarifabweichungen und anderen Konflikten entwickelt wurden. Schließlich könnte sich, wie Lehndorff in seinem Beitrag zeigt, staatliche Politik als Instrument der Eindämmung quasi überschießender Vermarktlichung erweisen. Dann wäre es für Arbeitnehmer und Gewerkschaften keinesfalls aussichtslos, auf eine solche Politik hinzuwirken. Die erfolgreiche Kampagne für einen gesetzlichen Mindestlohn in Deutschland ist dafür ein ebenso instruktives Beispiel wie die Arbeitszeitregulierung in Frankreich. Bei allen Schwächen und Grenzen zeigen solche Gegenbewegungen die Möglichkeit auf, dem Finanzmarktkapitalismus durch das Handeln sozialer Akteure Fremdkörper einzupflanzen. Gerade weil es Fremdkörper sind, werden sie für längere Zeit umkämpft bleiben; doch zugleich lassen sie die Widersprüche dieser Entwicklungsphase des Kapitalismus deutlicher zu Tage treten.

 
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