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„Matching concepts“? Zum Verhältnis von Finanzialisierung, indirekter Steuerung und Kontrolle

1 Ein neuer Kontrollmodus…

Die sozialwissenschaftliche Diskussion über Finanzmarktkapitalismus und Finanzialisierung lenkte die Aufmerksamkeit der kritischen Arbeitsforschung auf die veränderte Bedeutung dieser Faktoren für Regulierung und Gestaltung der Prozesse in den Unternehmen. Grundsätzlich kann mit Kädtler (2009) Finanzialisierung als neues Begründungsmuster ökonomischer Entscheidungen verstanden werden, das auf der Übertragung vergleichsweise abstrakter Kategorien und Erfolgsmaßstäbe aus dem Finanzmarkt auf die Realwirtschaft beruht. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass die vom Finanzmarkt ausgehenden Zwänge und Renditevorgaben tief in die Organisationen hineinwirken und damit einen neuen Modus der Kontrolle bis hin zu den konkreten Bedingungen am einzelnen Arbeitsplatz durchsetzen. Das Management übersetzt dabei die finanzmarktbezogenen Renditevorgaben in entsprechende Ziele der Unternehmen mittels Kennziffern. Boes/Bultemeier (2008, S. 73) stellten z. B. am Beispiel der IT-Industrie fest, dass der „… Ausgangspunkt des neuen Kontrollmodus […] die Bewertung des Unternehmens auf den Kapitalmärkten“ sei und dies für eine entsprechende Wertorientierung und Marktkonformität der Unternehmensaktivitäten sorge. So vollziehe sich eine Öffnung der Unternehmen gegenüber den Märkten („Vermarktlichung“). Zentral ist für die betriebliche Umsetzung eine Veränderung der Steuerungs- und Kontrollformen gegenüber tayloristischen Mustern: Bei der sich jetzt entwickelnden „indirekten Steuerung“ werden systematisch finanzwirtschaftliche Kennziffern eingesetzt, bei der die vorgegebenen Leistungsziele von den Beschäftigten quasi in eigener Verantwortung zu erbringen sind. Kennzahlen sind in diesem Verständnis nicht nur ein Kernelement der Finanzialisierung, sondern in ihrer betrieblichen Umsetzung zentral für die Art und Weise, wie Leistungsverausgabung am einzelnen Arbeitsplatz geregelt und kontrolliert wird, d.h. für die Arbeits- und Leistungsbedingungen. Finanzialisierung, Vermarktlichung und „indirekte Steuerung“ als deren organisationsinterne Umsetzung wirken in diesem Verständnis also zusammen und bilden so die Elemente eines neuen homogenen Kontrollmodus.

Die empirische Basis dieser Argumentation bilden bisher vor allem Beispiele aus (hoch-)qualifizierten Angestellten- und Dienstleistungstätigkeiten. (vgl.

u.a. Boes/Bultemeier 2008; Boes 2003; Boes et al. 2006) Es stellt sich allerdings die Frage, ob die skizzierte Beschreibung in gleicher Weise auch für den Produktionsbereich gilt bzw. dort analog anzutreffen ist. Produktbezogene Indikatoren (z.B. für die Materialversorgung oder Produktqualität) stehen möglicherweise in einem Spannungsverhältnis zu den Finanzmarktvorgaben. Offen ist deshalb zunächst, wie sich das Verhältnis der unterschiedlichen Kennziffern und Indikatoren für die Steuerung im Produktionsbereich gestaltet und ob sich auch dort systematische Anhaltspunkte für die konzeptionell unterstellte Dominanz der finanzwirtschaftlichen Leitgrößen finden lassen.

Im Folgenden sollen deshalb einige der Annahmen und Implikationen des skizzierten und sich entwickelnden „neuen Kontrollmodus“ für den Produktionsbereich diskutiert und überprüft werden. Damit soll vorschnellen Verallgemeinerungen und Fehlschlüssen vorgebeugt werden: War es früher so, dass sich insbesondere die industriesoziologische Forschung zu Kontroll-Themen weitgehend auf Produktion und produktionsnahe Bereiche fokussierte1 und die dort gewonnenen Ergebnisse zur Deutungsfolie für alle anderen Wirtschaftsbereiche dienten, so entsteht heute eher der Eindruck, als würde ein großer Teil der Literatur gerade die Spezifika des Produktionsbereichs außer Acht lassen, so dass die unzulässigen Verallgemeinerungen quasi ‚in die andere Richtung' wirken.

Nach einer kurzen Skizze der sozialwissenschaftlichen Erklärungsangebote, die den Zusammenhang zwischen Finanzialisierung und den organisatorischen Veränderungen im Produktionsbereich mit Hilfe der Konzepte2 „Vermarktlichung“ und „indirekte Steuerung“ thematisieren, werden einige Unschärfen dieser Vorstellungen diskutiert (Kap. 2), die die Wirkungsebenen der finanzmarktbezogenen Anforderungen in den Unternehmen betreffen. Im Anschluss daran werden empirische Befunde zur Nutzung von Kennzahlen in der Unternehmens- und Produktionssteuerung dargestellt (Kap. 3), die einen Eindruck von der Verbreitung finanzialisierter Steuerungsindikatoren in den Unternehmen geben und zeigen, dass die Finanzkennziffern zumindest für die operative Ebene der Produktionssteuerung aktuell eher eine untergeordnete Rolle spielen. Auf Grundlage der sich verändernden (daten-)technischen Infrastruktur (Kap. 4.1) entstehen allerdings weitreichende Steuerungs- und Kontrollpotenziale. Um diese in weiteren Forschungen angemessen thematisieren zu können, werden –anknüpfend an die industriesoziologische Diskussion über „systemische Kontrolle“ (Hildebrandt/Seltz 1989) im Produktionsbereich (Kap. 4.2) – Überlegungen für empirische Arbeiten vorgestellt, die für die weitere arbeitspolitische Diskussion dieser Zusammenhänge berücksichtigt werden sollten.

 
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