… mit Unschärfen

Die Industriesoziologie hat im Zusammenhang mit der Herausbildung eines postfordistischen Produktionsmodells in den vergangenen Jahren mit

„Vermarktlichung“ bzw. „indirekter Steuerung“ (z.B. Moldaschl 1998; jüngst: Sauer 2013) Konzepte diskutiert, die die Wirkungen der Finanzialisierung auf die Steuerung und Kontrolle von Unternehmen erklären sollen. „Vermarktlichung“ thematisiert Steuerungs- und Kontrollaspekte einer auf Dezentralisierung und Modularisierung gerichteten Organisationsveränderung in vielen Unternehmen: Die Koordination der in den letzten Jahren neu geschaffenen dezentralisierten Organisationseinheiten werde verstärkt über Marktprinzipien bzw. –mechanismen geleistet. Vermarktlichung als „Metapher“ (Minssen 2012, S. 25) bringt die Öffnung des (im tayloristischen Produktionsmodell) gegen die Turbulenzen des (Produkt-)Marktes abgeschotteten und nach eigenen Prinzipien rationalisierten Produktionsbereichs hin zu Produkt- und Finanzmärkten auf den Begriff. Dies bringe aber ein Kontrollproblem mit sich, denn „… das Arbeitsergebnis ist bei komplexer werdenden Aufgaben nicht vorab sicherzustellen. Vermarktlichung ist nicht nur ein Steuerungsmodell für das Management, sondern schlägt durch bis auf die Beschäftigten; es zählt […] nur, ob sie die Ziele erreichen, die mit ihnen vereinbart worden sind […]. Damit das gelingt müssen ihnen Handlungsspielräume zugestanden werden. Vermarktlichung und eine erweiterte Autonomie des Arbeitshandelns bedingen einander.“ (Minssen 2012, S. 25)

Sauer benennt (2013, S. 22) den damit verbundenen Wechsel der Kontrollformen – weg von detaillierten Anweisungen und Kontrollen (wie im Taylorismus), hin zu einer „indirekten Steuerung“, deren zentrales Instrument Kennzahlen sind: „Mit der Vermarktlichung wird in den Unternehmen ein neuer Steuerungsmodus implementiert, der als indirekte Steuerung bezeichnet wird […]. Das Neue an diesem Steuerungskonzept besteht darin, dass sich das Management darauf "beschränkt", den weiteren Rahmen (die technische Ausstattung, strategische Prioritäten etc.) festzulegen und spezifische Ziele vorzugeben (Umsatz, Erträge, Kosten, Termine u.ä.). Die konkrete Bearbeitung wird weitgehend dezentralen Einheiten und in letzter Konsequenz den Beschäftigten überlassen.

"Macht was ihr wollt, aber seid profitabel", so lautet die zugespitzte Parole.“ Bei „indirekter Steuerung“ mittels Kennzahlen würden den Beschäftigten zwar konkrete Leistungsvorgaben gemacht, deren Erfüllung sie dann aber irgendwie selbst gewährleisten müssten. Empirisch zeige sich das letztlich in unterschiedlichsten Erscheinungsformen wie etwa Kennziffernsystemen, flexiblen Organisationen oder in der Leistungspolitik. (vgl. Marrs 2010, S. 345 Fußnote 9) Indirekte Steuerung werde so zur Grundlage einer kontinuierlichen Selbstrationalisierung (vgl. Marrs 2010, S. 341-343; Minssen 2012, S. 25-28). Dadurch erhöhe sich der Druck insbesondere auf die Leistungs- und Rationalisierungsbereitschaft der Beschäftigten[1].

Anschlussfähig an die Finanzialisierung der Unternehmenssteuerung (vgl. dazu den Beitrag von Haipeter in diesem Band) wird dies über das Prinzip der Berechenbarkeit, das auf Basis einer datentechnischen Abbildung und Bewertung aller betrieblichen Aktivitäten umgesetzt wird: „Vermarktlichung unterstellt und zielt auf Rechenbarkeit und Kalkulierbarkeit aller unternehmensinterner Vorgänge“ (Minssen 2012, S. 28; ähnlich Boes/Bultemeier 2008, S. 63), die wiederum durch geeignete Indikatoren vom Management überwacht werden können. So wird es möglich, die von den Finanzmärkten ausgehenden Anforderungen ‚top-down' über die Kennzahlensysteme auf das Unternehmen bzw. die gesamte Produktionskette zu übertragen.

Dieses Erklärungsmuster hat allerdings zwei Unschärfen: Es wird, erstens, in der Regel nicht geklärt, wie und auf welcher bzw. bis zu welcher Ebene des Unternehmens finanzmarktbezogene Kennziffern umgesetzt werden. Plausibel ist, dass diese für das leitende Management der Unternehmen von Relevanz sind; auf dieser Managementebene wird über die strategische Ausrichtung des Unternehmens entschieden. Dort werden externe Anforderungen adressiert und in unternehmensbezogene Ziele übersetzt, die dann mit Hilfe einer geeigneten Strategie erreicht werden sollen; die Kennzahlen dienen dann der Kontrolle der Zielerreichung. Ziele und Indikatoren müssen dafür in einem „Kaskadierungsprozess“ (Kocyba/Vormbusch 2000, S. 85) über alle Ebenen des Unternehmens in konkrete Steuerungsvorgaben heruntergebrochen werden[2]. Ob und wieweit dies geschieht, welche anderen Ziele und Kennziffern hier einfließen, wird in der Diskussion bisher nicht thematisiert. Um dem näher zu kommen, wird im Folgenden zunächst dargestellt, welche Kennziffern aktuell für die Unternehmens- und die Produktionssteuerung genutzt werden (vgl. Kap. 3). Dabei zeigt sich schnell, dass die Kennziffern für die Produktionssteuerung in der Regel eher aus Kundenoder Zuliefererperspektive definiert sind: Solche produktmarktbezogenen Ziele und Kennziffern lassen sich, so die These, im Produktionsbereich nicht beliebig durch finanzmarktbezogene Vorgaben überformen oder forcieren.

Zweitens ist nicht davon auszugehen, dass Finanzialisierung und indirekte Steuerung mit Kennzahlen so eng und notwendigerweise miteinander verkoppelt sind, wie dies die bisherigen Diskussionen nahelegen. Kennziffern können unterschiedlichsten Zwecken dienen: Sie können für eine eigenständige Organisation der Arbeitsprozesse durch die Beschäftigten (also in diesem Sinn: erweiterte Autonomie) ebenso genutzt werden wie für eine rigide Kontrolle durch das Management und den Aufbau von Leistungsdruck. Dies ist letztlich eine arbeitspolitisch zu klärende Frage[3]. Deshalb sollten in der konzeptionellen Diskussion indirekte Steuerung und Finanzialisierung unabhängig voneinander begriffen und untersucht werden, denn indirekte Steuerung hat möglicherweise unterschiedliche Auswirkungen, je nach den konkreten Rahmenbedingungen: Im Produktionsbereich wird bereits durch produktmarktbezogene Kennziffern und Indikatoren die Grundlage für eine (technisch mögliche) lückenlose Steuerung und Kontrolle sowie kontinuierliche Rationalisierung geschaffen.

Im Folgenden wird deshalb die These entwickelt, dass einerseits durchaus eine weitere „Vermarktlichung“ der Produktion stattfindet, allerdings bisher nicht in Form einer umfassend umgesetzten Finanzialisierung, sondern primär als engere Produktmarktorientierung, die die Rationalisierung und Effektivierung der Produktion vorantreibt. Diese „Vermarktlichung“ führt durchaus – im Gegensatz zu tayloristischer direkter Anweisung und Kontrolle – zu einer „indirekten Steuerung“, die allerdings „systemisch“, in den betrieblichen IT-Systemen verankert ist. Mit dieser Datengrundlage bekommt das Management weitreichende Kontrollmöglichkeiten an die Hand; gleichzeitig bleiben geringe Spielräume für die Beschäftigten, die die im System eingeplanten und geregelten Produktionsaufträge in vorgegebener Form abarbeiten. Insofern ist hier sinnvollerweise von einer „systemischen Kontrolle“ (Hildebrand/Seltz 1989; Manske 1991) des Produktionsprozesses auszugehen. Die der indirekten Steuerung zugeschriebenen Autonomiegewinne (vgl. o.) sind dabei weniger Zugewinne in Folge eines neuen post-tayloristischen Kontrollmodus als möglicherweise tätigkeitsbedingte Aspekte, die bei hochqualifizierten und kreativen Dienstleistungsaufgaben (wie im IT-Sektor)[4] anzutreffen sind, und die so im Produktionsbereich nicht vergleichbar vorkommen. Dort bleiben Abläufe und Ausführung der Tätigkeit weitgehend vorgegeben bzw. sie ergeben sich aus den Produktionsabläufen, bei (je nach Tätigkeitsfeld) geringen Variationsmöglichkeiten.

Dafür soll ein Verständnis betrieblicher Steuerungs- und Kontrollprozesse genutzt werden, das zwei Aspekte analytisch unterscheidet, die in der Bedeutung des englischen Ausdrucks ‚control' zusammenfallen: Dies ist einerseits der Herrschafts- und Machtaspekt betrieblicher Kontrolle durch das Management, wie er etwa in der ‚Labour process'Debatte in der Nachfolge von Braverman (1977) entfaltet wurde. Andererseits thematisiert ‚Steuerung' bzw. ‚Regelung' eher den Sachaspekt der Produktionssteuerung: Gemeint ist die produktionsnotwendige Koordination von arbeitsteiligen Aktivitäten der Beschäftigten im betrieblichen Umfeld. Dabei dienen in den Ingenieurwissenschaften häufig kybernetische Regelkreise als Modell: Information und Rückkoppelung über Veränderungen des (Produktions-)Systemzustands werden zur Steuerung des Gesamtsystems genutzt. (u.a. Zelewski et al. 2008, S. 29; jüngst: Kuz et al. 2014) Ähnlich wurde dies in der älteren industriesoziologischen Kontrolldiskussion in der Unterscheidung von ‚funktionaler' und ‚sozialer' Kontrolle bei Pries et al. (1990, S. 141) dargestellt: „Dies ist die Schneidung in solche Kontrollansprüche, die aus den Funktionserfordernissen des kapitalistischen Industriebetriebs herrühren, und in solche, die auf darüber hinausgehende Aspekte der Herrschaftssicherung, Machtspiele und Sozialkontrolle der Beschäftigten abzielen.“ Entsprechend liegt es nahe, für die Ebene des Produktionssystems eher von „Steuerung“ und für die Ebene der Personal- und Leistungspolitik eher von „Kontrolle“ zu sprechen.

Ziel der folgenden Überlegungen ist es, ein differenzierteres Verständnis der aktuellen arbeitspolitischen Möglichkeiten und Alternativen im Produktionsbereich zu erreichen, das einerseits in der Lage ist, empirische Befunde zu Steuerungs- und Kontrollprozessen und deren technischen Grundlagen differenzierter als bisher zu erfassen. Andererseits soll damit auch vorschnellen Verallgemeinerungen und Wirkungsannahmen von Finanzialisierung entgegengewirkt werden: Es gibt bislang keine empirischen Belege dafür, dass Finanzmarktimperative betrieblich via indirekter Steuerung quasi ‚durchexekutiert' werden können. Auch eine durchgängige Finanzialisierung aller Unternehmensbereiche ist derzeit nicht wahrscheinlich. Insofern wird die kurzfristige Wirkung der Finanzmärkte bzw. der Finanzialisierung auf die Produktion und die Arbeitsbedingungen bisher in der Diskussion tendenziell eher überschätzt. Gleichzeitig eröffnet die überbetrieblich vernetzte Infrastruktur Steuerungs- und Kontrollpotenziale und verbessert so auch die Grundlagen für die Durchsetzung finanzialisierter Ziele in den Unternehmen. (vgl. dazu Kap. 4.1) Kennziffern wirken insofern in beiden angesprochenen Bedeutungen von ‚control' als Verstärker: Eine ITInfrastruktur und weitreichende Datennutzung bieten die Basis für eine engere und zeitnähere Steuerung, mit dem Ziel, die Unternehmen schneller und marktreagibler zu machen, und sie bieten gleichzeitig die Möglichkeit für eine technisch vermittelte Kontrolle der Prozesse, die weiterhin zentral beim Management stattfinden kann.

Dies hat auch Konsequenzen für die arbeitspolitische Diskussion: Betrieblich auftretende Widersprüche zwischen Produktions- und Finanzmarktlogik bieten für Akteure wie Beschäftigte oder Gewerkschaften, die an einer nachhaltigen Entwicklung des Arbeitsvermögens interessiert sind, Ansatzpunkte z.B. zur Thematisierung von Leistungsanforderungen. Es werden andere Handlungsmöglichkeiten erkennbar, als wenn Finanzialisierung und indirekte Steuerung als quasi homogener und in sich geschlossener Zusammenhang gesehen werden. Ein Verweis auf den Finanzmarkt als externem Sachzwang, an dem nichts mehr geändert werden könne, verstellt gerade den Blick auf die im Unternehmen zu treffenden strategischen Entscheidungen, die dann noch operativ umgesetzt werden müssen: Jede betriebliche Kennzahl ist aus soziologischer Sicht ein soziales Konstrukt, in das Interessen eingehen. Dies vorausgesetzt bestehen auch unter schwierigeren Rahmenbedingungen Aushandlungsspielräume, die arbeitspolitisch nutzbar sind, und insofern ist die Kenntnis der angesprochenen Zusammenhänge eine Voraussetzung, um arbeitspolitische Handlungsfähigkeit zu erschließen.

  • [1] Vgl. zusammenfassend u.a. Marrs 2010, S. 341-343; Minssen 2012, S. 25-28. Auf der Personalebene korrespondiert dies dann z. B. mit einer Finalisierung des Leistungsbegriffs, der weggehe vom Aufwandsbezug in der Produktion; stattdessen komme es hier zur Übersetzung von Marktunsicherheit in individuelle Unsicherheit, die die Beschäftigten selbst zu bewältigen haben
  • [2] Dies gilt nicht nur für Aktiengesellschaften, sondern auch in kleinen und mittleren Unternehmen; Reichweite und Durchsetzungsformen dürften sich hier aber unterscheiden
  • [3] Zum Begriff Arbeitspolitik vgl. zuerst Naschold 1984
  • [4] Vgl. etwa Glißmann/Peters 2001; Boes/Bultemeier 2006, S. 70 ff.; die IT-Branche wird teilweise als neue Leitbranche für ein postfordistisches Produktionsmodell gesehen (z. B. Boes 2003, S. 136), in der durch die spezifische Form der Autonomie im Arbeitsprozess und einer zunehmenden Ökonomisierung eine neue Form der Kommodifizierung des Subjekts angelegt sei
 
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