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5 Ausblick

Was bedeutet dies nun für die eingangs aufgeworfenen Fragen der Finanzialisierung und der indirekten Steuerung?

Fasst man die ausgeführten Argumente zusammen, so wird zunächst deutlich, dass sich für den hier fokussierten Produktionsbereich bisher eine Finanzialisierung der Unternehmen nicht als durchgängige Tendenz über alle Unternehmensebenen abzeichnet. Hinweise auf Finanzialisierung finden sich für die Ebene der Unternehmenssteuerung – sie ist damit quasi Sache des leitenden Managements. Der in der Diskussion immer wieder auftauchende enge Zusammenhang von Finanzialisierung mit Vermarktlichung und indirekter Steuerung über Kennziffern ist in der Produktion anhand der bisher verfügbaren Daten nicht zu erkennen. Hier wird vielmehr eine Öffnung der Produktionsbereiche gegenüber den Produktmärkten deutlich, die sich in einer entsprechenden Orientierung der genutzten Steuerungsparameter und Kennzahlen in den Unternehmen niederschlägt.

Angesichts der in vielen Unternehmen ausgebauten datentechnischen Infrastruktur, die eine Transparenz der Produktionsprozesse und die wertmäßige Kalkulation einzelner Prozessschritte ermöglicht, ist zu erwarten, dass die Nutzung dieser Potenziale für Steuerung und Kontrolle sowie zur weiteren Rationalisierung der Unternehmen und Produktionsabläufe in den kommenden Jahren Fahrt aufnehmen und vermutlich intensiviert wird. Diese Infrastruktur stellt eine Grundlage für eine umfassende indirekte Steuerung der Unternehmen dar, bei der die zu erreichenden Ziele und Aufgaben, damit aber auch die Leistungsanforderungen und Handlungsmöglichkeiten zunehmend technisch vermittelt an die Arbeitsplätze gelangen.

Das verfügbare Potenzial an Prozesstransparenz kann vom Management in produzierenden Unternehmen für eine erweiterte „systemische Kontrolle“ und optimierte Steuerung der Prozesse genutzt werden. Dies eröffnet tendenziell auch die Möglichkeit einer erweiterten Integration ausgewählter Finanzialisierungsaspekte in die betriebliche Steuerung. Die ‚Märkte' drängen insofern nicht von selbst in die Unternehmen, sondern werden seitens des Managements interpretiert, gefiltert und zu Steuerungs- und Kontrollzwecken in entsprechende Kennzahlen und Vorgaben übersetzt. (vgl. Lehndorff/Voss-Dahm 2006) Dabei spielen die produktmarktbezogenen Indikatoren für die operative Steuerung bisher die primäre Rolle, während finanzmarktbezogene Indikatoren kaum bis auf die operative Handlungsebene durchgeschaltet werden.

Angesichts der dargestellten Trends sind für die weitere Forschung zu „indirekter Steuerung“ weitere Differenzierungen angebracht. Dass indirekte Steuerung immer erweiterte Handlungsspielräume eröffnet, ist für den Produktionsbereich unter Bedingungen zunehmender „systemischer Kontrolle“ zumindest anzuzweifeln: Bisher zeichnet sich eher die Möglichkeit einer weiteren Intensivierung der Arbeit ab, die durch die erreichte Transparenz der Prozesse und engere Vorgaben weiter vorangetrieben werden kann. Insofern stellen sich arbeitspolitisch hier die Fragen nach erwarteter Leistung und Leistungsbegrenzungen, die in den Unternehmen und auf tarifvertraglicher Ebene zu beantworten sind. Diese Aspekte und ihre Verankerung in der IT-Infrastruktur sind arbeitspolitisch verstärkt zu thematisieren. Insofern ist es für die arbeitspolitische Diskussion notwendig, die Potenziale einer – auch unternehmensübergreifend möglichen – Steuerung und systemischen Kontrolle der Prozesse verstärkt in den Blick zu nehmen, um hier zu realistischen Einschätzungen der arbeitspolitischen Handlungsmöglichkeiten zu kommen.

Drei Differenzierungen erscheinen dafür zweckmäßig und weiterführend: Erstens ist nicht jede Kennzahlennutzung ein Indikator oder gar Beweis für eine zunehmende Finanzialisierung der Unternehmenssteuerung. Entscheidend ist, warum wer welche Indikatoren erhebt und überwacht. Zweitens sollte nicht vorschnell die Unterscheidung der Handlungslogiken von Controlling, IT-Infrastrukturentwicklung und Produktionssteuerung unter dem Dach einer „Finanzialisierung“ aufgegeben werden. Trotz enger Bezüge und wechselseitiger Verstärkung handeln die betroffenen Fachebenen in den Betrieben nach eigenen Logiken – auch gegeneinander. Dies bietet Spielräume für arbeitspolitische Gestaltung, die es im Interesse der Beschäftigten zu erschließen und zu nutzen gilt. Drittens darf die Rede von der indirekten Steuerung nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade für viele Tätigkeiten im Produktionsbereich enge Vorgaben bestehen, von denen die Beschäftigten nicht abweichen können, und dass zudem die erbrachte Leistung über abrufbare Systemzustände individuell und zeitnah kontrolliert werden kann – Handlungsspielräume bestehen dort eher für größere dezentrale Organisationseinheiten als an einzelnen Arbeitsplätzen. Die scheinbare Anonymität der Leistungsvorgaben setzt eine alte Frage neu auf die Tagesordnung: Wer ist eigentlich der Verhandlungspartner für die Leistungsbedingungen? Mit einem IT-System kann man ebenso wenig verhandeln wie mit einem abstrakten Markt. Es bleibt das leitende Management des Unternehmens, das hier Auskunft geben und zur Verhandlung bereitstehen muss.

 
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