Dynamiken, Mythen und Paradoxien von Leiharbeit und Werkverträgen Personalwirtschaftliche Strategien im Finanzkapitalismus.

Einleitung: Zum Zusammenhang von Finanzmarktkapitalismus und betrieblicher Personalwirtschaft

Der Bedeutungsgewinn des Finanzmarktkapitalismus ist im Wesentlichen ein Ergebnis politischer Deregulierungen, im Zuge derer frühere Beschränkungen für Entwicklung und Handel risikoreicher Finanzprodukte immer weiter gelockert wurden. Eine Folgewirkung dieser Entwicklung besteht darin, dass realwirtschaftliche Prozesse sich in weiten Teilen an den Rationalitätsprinzipien und Bewertungskriterien der Sphäre der Finanzmärkte orientieren (müssen) (Kädtler 2010; Faust et al. 2011; zu einer kritischen Diskussion der einschlägigen Literatur vgl. das Einleitungskapitel von Haipeter in diesem Buch). Diese Verschiebung, die auch als ‚Finanzialisierung' der Steuerung von Unternehmen bezeichnet wird, schlägt sich ebenso im Erwerbssystem und der betrieblichen Organisation von Arbeit nieder. So sieht Dörre die Zunahme prekärer Beschäftigungsformen als „Folge einer finanzgetriebenen Landnahme, welche marktbegrenzende Institutionen und Regulationssysteme umformt, aushöhlt und schwächt“ (Dörre 2009, S. 54). Finanzialisierung wird hier verstanden als Strategie eines gewandelten Akkumulationsregimes, das neue Bereiche für die kapitalistische Verwertungsmaschinerie erschließen soll und dabei gravierende Auswirkungen auf Arbeit und Beschäftigte hat. Prekäre Beschäftigungsformen wie Leiharbeit oder die in jüngster Zeit verstärkt diskutierte Werkvertragsarbeit lassen sich so als eine Facette dieser übergreifenden sozio-ökonomischen Entwicklungen verstehen (ebd.).

Obgleich (oder gerade weil) die Zwänge der Finanzmärkte nur schwer messbar sind, erhalten sie durch ihre scheinbare Allgemeingültigkeit den Charakter unumstößlicher Wahrheiten. Finanzialisierung ist so auch ein Mythos (Kädtler 2010), der abstrakte Glaubenssätze – nach dem Muster: „Kosten senken und flexibilisieren ist immer richtig“ – transportiert, welche die Wahrnehmungen und Handlungen betrieblicher Akteure prägen. Auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene dominiert der Finanzmarktkapitalismus zentrale Debatten, und so erscheinen Kostensenkung und Flexibilisierung im ‚hegemonialen Diskurs' als objektive Sachzwänge, die im Zusammenspiel z. B. mit Kräften der Globalisierung auf der betrieblichen Ebene in entsprechende Strategien zu transformieren sind. An diese Überlegungen knüpfen die folgenden Ausführungen an.

Der Beitrag thematisiert mögliche Zusammenhänge zwischen Finanzialisierung und betrieblichen Personalstrategien der Flexibilisierung und Kostensenkung am Beispiel von Leiharbeit und Werkverträgen. Die Nutzung gewerbsmäßiger Leiharbeit verzeichnete in Deutschland seit den 1990er Jahren bis zur letzten ökonomischen Krise erhebliche Zuwächse und stieg auch nach 2009 wieder an. Erst seit 2011 ist die Zahl der Leiharbeitskräfte rückläufig. Als Ursache werden zum Teil die jüngeren Re-Regulierungen der Leiharbeit vermutet, angesichts derer neuerdings vielerorts davon ausgegangen wird, dass Werkverträge als funktionale Äquivalente eine lukrative Ausweichoption für Unternehmen darstellen.

Vorliegende Studien stützen den Verdacht, dass die Nutzung von Leiharbeit und Werkverträgen nicht allein auf betriebswirtschaftliches Kalkül zurückzuführen ist (Hertwig et al. 2015). Im Zentrum des Beitrags steht deshalb die Frage nach der Umsetzung von Finanzialisierung in betriebliches Handeln: Wie werden die mit der stärkeren Finanzmarktorientierung einhergehenden Anforderungen und Erwartungen an Unternehmen in personalwirtschaftliche Strategien, insbesondere in den Einsatz von Leiharbeit und Werkverträgen übersetzt? Umgekehrt wird gefragt, auf welche Weise die betrachteten personalwirtschaftlichen Strategien von Leiharbeit und Werkverträgen dazu beitragen, den Mythos der Finanzialisierung – als Rückwirkung der betrieblichen auf die gesamtgesellschaftliche Ebene – zu reproduzieren. Empirische Basis der Überlegungen sind Studien zur Leiharbeit und zu Werkverträgen sowie Befunde eigener Untersuchungen über

„Flexible Personaleinsatzstrategien“ und zu „Praktiken der Onsite-Werkvertragsvergaben in Deutschland“[1].

Gestützt auf den soziologischen Neo-Institutionalismus und eine strukturationstheoretische Konzeption wird von einem Wechselverhältnis zwischen betrieblicher Personalpraxis und gesamtgesellschaftlichem Diskurs ausgegangen. Dabei wird die These begründet, dass Finanzialisierung als übergeordneter Mythos Einfluss auf die Auswahl personalwirtschaftlicher Instrumente in Betrieben ausübt. Leiharbeit und Werkverträge werden so oft unreflektiert übernommen, weil ihnen positive Effekte zugeschrieben werden. Da eine Kausalität der Wirkungen personalwirtschaftlicher Instrumente jedoch kaum nachprüfbar ist und zudem Dysfunktionalitäten in der betrieblichen Praxis oft ignoriert werden, wandeln sich die Personalstrategien selbst zu Mythen, die unterschiedliche Akteure in ihrem absichtsvollen und unintendierten Handeln reproduzieren und stabilisieren.

In Abschnitt 2 wird ein Überblick über empirische Befunde zu Charakteristika, Einsatzlogiken und Entwicklungsdynamiken von Leiharbeit und Werkverträgen gegeben. Abschnitt 3 präsentiert ein theoretisches Konzept, mit dessen Hilfe mögliche Wechselwirkungen zwischen den Ebenen (gesamtgesellschaftlicher Mythos und betriebspraktische ‚Operationalisierung') verstanden werden können. Darauf aufbauend wird sowohl auf theoretischer als auch auf empirischer Basis diskutiert, wie die Finanzialisierung die betriebliche Strategiewahl beeinflusst (Abschnitt 4) und auf welche Weise betriebliche Strukturen und Praktiken das Finanzialisierungsparadigma auf gesamtgesellschaftlicher Ebene reproduzieren (Abschnitt 5). Es wird argumentiert, dass Finanzialisierung vor allem über kollektive Vorstellungen finanzmarktkonformer Unternehmensstrategien – als kognitiver Zwang – auf Unternehmen bzw. Entscheider einwirkt. In Abschnitt 6 werden Paradoxien thematisiert, die die Grenzen des Mythos aufzeigen. Tatsächlich verbleiben auf betrieblicher Ebene erhebliche Spielräume, die von Akteuren beispielsweise für eher beschäftigungsorientierte Strategiealternativen genutzt werden können (Abschnitt 7).

  • [1] Das Verbundprojekt „FlexStrat“ erforschte nicht-gewerbsmäßige Formen der Arbeitnehmerüberlassung in Unternehmensnetzwerken – Arbeitskräftepools in Form der tarifvertraglichen Arbeitnehmerüberlassung und sog. Arbeitgeberzusammenschlüsse –, die zum Teil als Alternativen zur gewerblichen Leiharbeit diskutiert werden. Das wissenschaftliche Teilprojekt wurde zwischen 2009 und 2013 am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität DuisburgEssen durchgeführt und mit Mitteln des BMBF und ESF gefördert (Förderkennzeichen 01FH09065; flexstrat.de; vgl. Hertwig/Kirsch 2013). Das Projekt „Praktiken der OnsiteWerkvertragsvergabe“ wurde durch die Hans-Böckler-Stiftung gefördert und im Jahr 2014 am IAQ und an der Hochschule Darmstadt durchgeführt (vgl. Hertwig et al. 2015)
 
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