Zur Wechselwirkung zwischen dem „Mythos der Finanzialisierung“ und betrieblichen Personalpraktiken

Um Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlicher und betrieblicher Ebene (Finanzmarktdiskurs und personalwirtschaftliche Strategien) analysieren zu können, beziehe ich mich in zweierlei Hinsicht auf strukturationstheoretische Überlegungen zum Dualismus von Struktur und Handeln (Giddens 1984). Erstens kann davon ausgegangen werden, dass Strukturen auf unterschiedlichen Ebenen

– also z. B. von Gesellschaften, Regionen, Wirtschaftssektoren, oder auch von Organisationen und ihrer Teilsysteme – Einfluss auf individuelles Handeln nehmen (Sewell 1992). Umgekehrt wird jedoch unterstellt, dass die Wirkungskette Struktur-Handeln keine Einbahnstraße ist. Vielmehr produziert erst individuelles Handeln die Strukturen, die es später beeinflussen. Im Handeln erfolgen so die Produktion und Reproduktion, mitunter aber auch eine Transformation vorhandener Strukturinhalte. Zweitens wird angenommen, dass in der bezeichneten Art und Weise zum einen kulturelle Muster, Wahrnehmungen, Erwartungen oder Gerechtigkeitsvorstellungen, zum anderen aber auch Machtbeziehungen auf verschiedenen Ebenen produziert und reproduziert werden. Diskurse oder Herrschaftsverhältnisse auf der Ebene der Gesellschaft transformieren sich über individuelle Handlungen und deren unintendierte Nebenfolgen in soziale Phänomene. So kann beispielsweise davon ausgegangen werden, dass Diskurse der Finanzialisierung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene betriebliches Handeln beeinflussen, welches in aggregierter Form sozio-ökonomische Entwicklungen wie die zunehmende Prekarisierung befördert. Produktion und Reproduktion sind dabei immer auch eine Frage von Macht(quellen), die Akteure nutzen können, um Gegebenes ihren Interessen oder Vorstellungen entsprechend zu formen (Lawrence 2008).

Ein Vorteil der Giddens'schen Konzeption liegt darin, dass sie den Blick einerseits auf Strukturen und damit das abstrakte ‚System' lenkt, andererseits aber auch die (strukturell beeinflussten) Wahrnehmungen, Interessen und Handlungsressourcen von Individuen betrachtet. Denn oft entsteht der Eindruck, Finanzialisierung und deren Folgen seien unmittelbare Konsequenzen der kapitalistischen Systemlogik (‚Prekarität wird vom System erzeugt'). Die Giddens'sche Konzeption legt hier eher die Frage nahe, wer bzw. welche Akteure in welcher Weise vom ‚System' – von sozialen Strukturen auf verschiedenen Ebenen – beeinflusst werden und wie ihr Handeln auf diese Systeme zurückwirkt.

Im vorliegenden Beitrag gehe ich von der These aus, dass es eine Gleichzeitigkeit von und Wechselwirkungen zwischen gesamtgesellschaftlichem Diskurs und betrieblichen Strategien gibt. Um dies zu untersuchen, frage ich erstens, in welcher Weise Finanzialisierung (auf der Strukturebene) Handeln (auf der individuellen Ebene) beeinflussen könnte; zweitens soll gezeigt werden, wie Handeln zu Strukturen gerinnt und somit auf Finanzialisierung zurückwirkt, deren Prinzipien reproduziert oder aber verändert. Gerade letzterer Punkt erscheint für Fragen nach den Gestaltungsoptionen von hoher Relevanz.

Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass Unternehmen per se unter hoher Unsicherheit hinsichtlich der Auswahl geeigneter betrieblicher Strategievarianten agieren (Simon 1957). Vor allem im soziologischen Neo-Institutionalismus der Organisationsforschung besitzt die Idee einen prominenten Stellenwert, dass Organisationen aufgrund von Unsicherheit nicht zwangsläufig effiziente, sondern eher legitime Strukturen implementieren. Wegen der „bounded rationality“, zu Legitimationszwecken oder weil institutionelle Mythen dies nahelegen, orientieren sie sich in ihrer Strategiewahl an institutionalisierten Praktiken – und vernachlässigen dabei zum Teil bewusst alternative Strategien, die eine höhere Effizienz versprechen (Dimaggio/Powell 1983; Meyer/Rowan 1977; Scott 1987). In zahlreichen theoretischen und empirischen Studien wurde herausgearbeitet, wie sich Unternehmen als erfolgreich wahrgenommene Wettbewerber, „peers“ bzw. Unternehmen der gleichen Sparte, Region oder Größe selbst dann zum Vorbild nahmen, wenn die positiven Effekte der Imitation organisationaler Modelle mehr als fraglich waren (Boxenbaum/Jonsson 2008; Walgenbach/Meyer 2007; ein Beispiel bei: Hertwig 2012). Viele Unternehmen folgen der „Herde“ (Rook 2006); sie orientieren sich an den vorherrschenden Normen und institutionellen Mythen. Im strukturationstheoretischen Konzept lassen sich derartige Mythen den Regeln der Signifikation und Legitimation zuordnen, die die Deutungen, Wahrnehmungen und Angemessenheitsvorstellungen von Akteuren prägen.

Ein Merkmal von Mythen liegt darin, dass die in ihnen enthaltenen UrsacheWirkungsbeziehungen vage bleiben; sie suggerieren bestimmte Effekte, entziehen sich jedoch oft einer empirisch-rationalen Überprüfung; sei es, weil eine eindeutige Verifizierung der behaupteten Ursache-Wirkungszusammenhänge schwierig oder aufgrund von Komplexität und Multikausalität nicht möglich ist, sei es, weil eine strenge Prüfung (mikro-)politisch oder ideologisch nicht gewollt ist. Ein weiteres Merkmal liegt darin, dass Mythen Macht entfalten: Akteure verhalten sich selbst dann dem Mythos entsprechend, wenn die suggerierten Kausalzusammenhänge und (positiven) Effekte nicht belegt sind (Meyer/Rowan 1977).

Die Annahme, dass manche Unternehmen Prinzipien der Finanzialisierung übernehmen, ohne unmittelbare (Effizienz-)Vorteile zu realisieren, dokumentieren mittlerweile einige wissenschaftliche Befunde. Ein Indikator ist die zunehmende Nutzung verschiedenster Kennziffern, die ein finanzmarktorientiertes Wirtschaften ermöglichen, jedoch nicht zwangsläufig Belege für Effizienz sind (vgl. Latniak sowie Haipeter/Slomka in diesem Band). Wie stark der Mythos der Finanzialisierung betriebliche Praktiken prägt illustriert vor allem auch der Befund, dass selbst solche Unternehmen, die nicht an Börsen notiert sind, Prinzipien der Finanzmarktsteuerung wie selbstverständlich implementieren (s. Gerlmaier in diesem Band). Gerade Letzteres deutet darauf hin, dass Finanzialisierung zu einer Institution wird, die Unternehmen unhinterfragt übernehmen. Strategien, die für finanzmarktnotierte Unternehmen sinnvoll erscheinen, werden so generalisiert; sie geraten zum Sinnbild effizienten und innovativen Wirtschaftens per se und damit zum Vorbild für Unternehmen, die sich eigentlich gar nicht an den entsprechenden Zielsystemen orientieren müssten. Die legitimatorische Übernahme institutioneller Mythen ist hier paradox, denn die Unternehmen streben nach einer Form der Konformität, die weder von Anspruchsgruppen gefordert noch auf irgendeine Art belohnt werden könnte. Sie verweist aber auf die hohe Strukturierungskraft des diffusen sozialen Drucks organisationaler Mythen, die eine derartige institutionelle Adoption notwendig erscheinen lassen.

Dennoch ist es nicht zwangsläufig irrational, Mythen zu folgen: Gezeigt wurde in neo-institutionalistischen Studien auch, dass die positiven Effekte der Konformität mit institutionellen Vorgaben – Legitimitätserhalt, Ressourcenstabilität, eine positive Außenwahrnehmung und Bewertung durch Stakeholder, Märkte oder Kunden usw. – erreicht werden können, wenn die Übernahme einer legitimen (als erfolgreich, sinnvoll oder notwendig geltenden) Strategie nur vorgetäuscht wurde (exemplarisch Walgenbach/Meyer 2007). Unternehmen erscheinen z. B. auch dann als (wahlweise) legitim, modern, kostenbewusst oder effizient, wenn sie institutionalisierte Modelle nur vordergründig implementieren und nutzen, in Wahrheit aber anders handeln oder die Vorgaben so transformieren, dass sie in ihre alten Strukturen passen. Auf die komplexen und zum Teil widersprüchlichen Erwartungen, mit denen sich Unternehmen konfrontiert sehen, können sie mit der Entkopplung von Struktur und Handeln (Meyer/Rowan 1977), einer aktiv-interpretierenden Aneignung oder „Übersetzung“ institutioneller Vorgaben in ihre eigenen Kontexte (Sahlin-Andersson 1996) oder auch mit Abwehr und Manipulation reagieren (Oliver 1991). Diese Konzepte verweisen allesamt auf den bereits beschriebenen Umstand, dass Akteure anders handeln können, als Strukturen es nahelegen, und damit Strukturen (neu) produzieren können: In Form von „institutional work“ (Lawrence 2008) gelingt es mächtigen Akteuren so mitunter, institutionelle Erwartungen – und damit auch Mythen – ihren Interessen entsprechend zu gestalten oder zu modifizieren und so aktiv auf Strukturen Einfluss zu nehmen.

Nachfolgend soll die Wirkung des Mythos der Finanzialisierung am Beispiel der personalwirtschaftlichen Instrumente Leiharbeit und Werkvertragsarbeit untersucht werden.

 
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