< Zurück   INHALT   Weiter >

II. Finanzmarktkapitalismus: Auswirkungen auf Arbeit und Arbeitsbedingungen

Wissensarbeit im Finanzmarktkapitalismus Wann geht den Beschäftigten die Puste aus?

1 Problemstellung

In der Diskussion um die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland wird dem „Humankapital“, dem Wissen und den Kompetenzen jetziger und zukünftiger Generationen eine zentrale Bedeutung beigemessen. Das Wissen von Beschäftigten aus den Köpfen zu bergen – ähnlich wie seltene Rohstoffe –, gilt auch im Hinblick auf einen drohenden Fachkräftemangel durch demografische Veränderungen als zentrale Herausforderung zukunftsfähigen Wirtschaftens. Einigkeit besteht darin, dass es hierzu vor allem einer nachhaltigen Personalpolitik in Unternehmen bedarf, die auf die Erhaltung und Weiterentwicklung individueller Ressourcen setzt und einem Verschleiß menschlichen Arbeitsvermögens entgegenwirkt (Gerlmaier/Latniak 2014; Becke et al. 2009).

Ein prognostizierter Mangel an hoch qualifizierten Fachkräften stellt jedoch nur eine wichtige Veränderung in der Arbeitswelt dar. Durch den zunehmenden Bedeutungsgewinn internationaler Finanzmärkte und einer generellen Internationalisierung von Absatzsowie Arbeitsmärkten haben sich die Rahmenbedingungen von Arbeit in den letzten Jahren dramatisch verändert. Diese Umwälzungen vollzogen sich in den Industrieländern zunächst primär im Produktionsbereich, greifen inzwischen aber auch auf Bereiche der Wissensarbeit über (Boes et al. 2008).

Die beschriebenen Entwicklungen lassen sich am Beispiel der IT-Industrie, die in Deutschland als wichtiger Motor für Innovation und Beschäftigung gilt, gut beobachten. Als Pionierbranche gilt sie bis heute, da von ihr im Zuge technischer Innovationen immer wieder neue Konzepte der Unternehmensführung und Arbeitsgestaltung ausgehen, z. B. verteilte Arbeit oder Crowd Working (ver.di 2013).

Aufsehen erregte die IT-Branche Anfang der 2000er Jahre durch den Boom der sogenannten „New Economy“. Wie Boes et al. (2011) beschreiben, wurde hier einer staunenden Öffentlichkeit ein bisher unbekannter Prototyp finanzmarktorientierten Wirtschaftens vorgeführt, der nach gänzlich anderen Mechanismen als den tradierten Formen der Unternehmenssteuerung und –organisation funktionieren sollte. „Schnelles Geld“ (Huffschmid 2009) von Anlegern sorgte dafür, dass kleine Start-ups im IT- und Mobilfunkbereich rasant wuchsen und zum Teil von Finanzmarktakteuren Unternehmenswerte zugewiesen bekamen, die mit den Erträgen der Realökonomie bei weitem nichts mehr zu tun hatten. Mit der neuen Form der Finanzierung schienen aber auch gänzlich neue Formen der Unternehmensführung verbunden zu sein. Um die maximale Leistungsverausgabung und Innovationsbereitschaft der Mitarbeitenden zu erreichen, wurden diese zu „Mit-Unternehmern“. Anstelle von Anweisung und Hierarchie nutzten viele New Economy Unternehmen neue mitarbeiterorientierte Managementmethoden. Zielorientierte Führung in eigenverantwortlich gesteuerten Teams, leistungsabhängige variable Entgeltanteile und Aktienbeteiligungen gehörten hierzu ebenso wie Vertrauensarbeitszeit (u.a. Mayer-Ahuja/Wolf 2005; Ahlers/Trautwein-Kalms 2002).

Die „New Economy“ war es letztlich aber auch, die mit dem Platzen der Spekulationsblase im Jahr 2001 die Schattenseiten eines finanzmarktorientierten Wirtschaftens aufzeigte (Mayer-Ahuja/Wolf 2005). Auch nach einer Neuordnung der Branche um die Jahre 2003 und 2004, die vor allem mit Restrukturierungen und einer weiteren Stärkung der Branchenriesen einherging, hat sich eines jedoch nicht geändert: Weiterhin richten viele, insbesondere größere ITKonzerne wie IBM oder HP ihre Unternehmensfinanzierung und -steuerung an den Mechanismen des internationalen Finanzmarktes aus. Das gilt für ‚Global Player', die schon lange auf der Bühne des Finanzmarktes fest verankert sind, ebenso wie für viele mittelständische IT-Unternehmen (Boes/Schwemmle 2005). Eine weitere zentrale Entwicklung innerhalb der IT-Branche stellt die zunehmende Globalisierung von IT-Dienstleistungen dar. Mit der Entwicklung technischer Lösungen stellt sie, Boes et al. (2012) zufolge, einen ‚Enabler' für die Internationalisierung von Finanz- und Warenströmen dar. Diese Möglichkeiten begünstigen auch das Off- und Nearshoring von IT-Dienstleistungen, was insbesondere in Hochlohnländern wie Deutschland Folgen für die Beschäftigung und Konkurrenzfähigkeit der IT-Anbieter mit sich bringt. Gewerkschaftsvertreter gehen deshalb davon aus, dass die Verbreitung international gängiger Unternehmenskennzahlen unter diesen Bedingungen dazu beiträgt, durch die Vergleichbarkeit dieser Controlling-Kennzahlen den Wettbewerbsdruck in einem zunehmend internationalisierten Markt weiter zu erhöhen und hierdurch die Beschäftigungsbedingungen in den Unternehmen zu verschlechtern (Boes/Schwemmle 2005).

Wie lässt es sich also heute, in einer von steigendem internationalen Konkurrenzdruck und Shareholder-Value-Denken geprägten IT-Branche arbeiten? Inwieweit wirken sich neue finanzmarktorientierte Formen der Unternehmenssteuerung auf die Arbeit in der operativen Ebene aus? Und gelingt es den HighTech-Unternehmen, in einem Spannungsfeld von Fachkräftemangel und hohem Kostendruck, das Know-how ihrer Beschäftigten nachhaltig zu nutzen und zu erhalten? Welche Folgen haben insbesondere die neuen Formen finanzmarktorientierter Steuerung auf die Gesundheit, Motivation der Beschäftigten und letztlich auf den Erhalt ihres Arbeitsvermögens?

Im nachfolgenden Beitrag soll der Versuch unternommen werden herauszufinden, in welcher Weise vor allem finanzmarktorientierte Steuerungsinstrumente in IT-Unternehmen einen Einfluss auf die erlebte Belastungs- und Stresssituation von IT-Fachkräften ausüben. Mithilfe kontrastierender Fallbeschreibungen zweier IT-Unternehmen, der IT-Tochter eines börsennotierten Konzerns und eines gesellschaftergeführten mittelständischen IT-Unternehmens, soll dabei exemplarisch untersucht werden, ob es einen Zusammenhang zwischen der Nutzung finanzmarktorientierter Steuerungsinstrumente und dem Auftreten psychischer Belastungen und Stressreaktionen bei den Beschäftigten gibt. Dazu wird ein multimethodaler Mehrebenen-Ansatz verwendet, der betriebliche Experteninterviews, schriftliche Mitarbeiterbefragungen sowie Gruppendiskussionen als Datenbasis nutzt.

Der Beitrag gliedert sich in vier Abschnitte: Nach einer Beschreibung der aktuellen Entwicklungen in der Wissensökonomie wird in einem ersten Teil zunächst versucht, charakteristische Merkmale einer Finanzmarktrationalität in der Unternehmensorganisation herauszuarbeiten. Diese Merkmale sollen als Beschreibungsbasis für die Beantwortung der Frage dienen, in welchem Maße die beiden untersuchten Fallunternehmen finanzmarktorientierte Steuerungselemente aufweisen. Der zweite Teil widmet sich dem wissenschaftlichen Stand der Forschung im Hinblick auf die Wirkung neuer betrieblicher Steuerungsmethoden und ihrer Folgen für die Arbeitsfähigkeit von Beschäftigten. Anhand zweier Unternehmensfälle wird dabei untersucht, ob neue Belastungskonstellationen durch finanzmarktorientierte Steuerungsinstrumente für das Stresserleben der Beschäftigten verantwortlich sind, beziehungsweise, ob es insbesondere durch selbstgefährdendes Verhalten (zum Beispiel unbezahlte Mehrarbeit am Wochenende) zu Gesundheitsbeeinträchtigungen kommt. Der Beitrag schließt mit einer Diskussion der Ergebnisse.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >