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2 Merkmale finanzmarktorientierter Unternehmenssteuerung

Um die potenziellen Effekte finanzmarktorientierter Steuerungskonzepte auf die Arbeitsfähigkeit und Gesundheit von Beschäftigten zu analysieren, reicht es nicht aus, börsennotierte Unternehmen mit eigentümergeführten Unternehmen zu vergleichen. Wie Faust et al. (2011) in Fallstudien herausfanden, nutzen auch eigentümergeführte Unternehmen nicht selten Instrumente finanzmarktorientierter Steuerung. Umgekehrt ist in börsennotierten Unternehmen eine hohe Diversität in der Nutzung finanzmarktorientierter Steuerungsinstrumente zu beobachten. Diesen Umstand erklären Dörre/Brinkmann (2005) wie auch Kädtler (2009a) damit, dass es sich bei der Finanzmarktlogik um eine neue Begründungsordnung wirtschaftlichen Handelns handelt, mit der versucht wird, Machtinteressen des Managements durchsetzbar zu gestalten. Dies knüpft an den Gedanken von Boltanski/Thévenot (1991) an, dass es sich bei der Finanzmarktrationalität in erster Linie um eine neue Begründungsordnung unter anderen handelt, mit der Akteure versuchen, ihren Interessen und ihrem Handeln den Anschein einer ökonomischen Rationalität zu geben. Unternehmen sind dem Ansatz zufolge nicht per se den Zwängen des Finanzmarktes ausgesetzt.

Auch Ansätze des Neo-Institutionalismus in der Organisationsforschung gehen davon aus, dass Organisationen aufgrund von Unsicherheit nicht zwangsläufig effiziente, sondern eher legitime Strukturen implementieren (siehe hierzu Hertwig in diesem Band). Folgt man dieser Argumentation, so ist die Verbreitung finanzmarktorientierter Formen der Unternehmensführung nicht aus einem nachgewiesenen betriebswirtschaftlichen Nutzen heraus erklärbar, sondern stellt lediglich eine Orientierung an aktuelle Managementmoden und -mythen dar.

Diesem Ansatz zufolge orientieren sich Unternehmen aufgrund von Unsicherheit oder zur Legitimation ihres Handelns häufig in ihrer Strategiewahl an bereits institutionalisierten Praktiken. Verschiedene Studien können zeigen, dass Unternehmen andere Unternehmen der gleichen Branche oder Unternehmensgröße zum Vorbild nahmen, um als erfolgreich agierende Wettbewerber zu erscheinen (Branchenprimus), obwohl die ökonomischen Effekte dieser Imitation fraglich blieben (Boxenbaum/Jonsson 2008).

Dass auch die Finanzmarktlogik in der Unternehmenssteuerung unter Umständen als scheinbar rationaler Begründungszusammenhang vom Management genutzt wird, um seine Interessen und Machtansprüche durchzusetzen, wird auch von verschiedenen empirischen Studien zu diesem Thema nahegelegt. So finden Faust et al. (2011) in Fallstudien mit börsennotierten Unternehmen heraus, dass eine drohende Übernahme zwar als Argumentationsmuster (um beispielsweise Sparmaßnahmen durchzusetzen) genutzt wird, dies aber nur in sehr wenigen Fällen auch real stattfindet. Sie kommen zu dem Schluss, dass in solchen Fällen

„kommunikative Konstruktionen“ (Dörre/Brinkmann 2005) zum Tragen kommen, die auch bei anderen Akteuren innerhalb eines Unternehmens wie Betriebsräten und Beschäftigten als Begründungen anschlussfähig sind und in der Auseinandersetzung als Bedrohungspotenzial genutzt werden.

Die konkrete Auswahl und Nutzung finanzmarktorientierter Steuerungsinstrumente wird nicht, wie dies manchmal mit dem Begriff von ‚Neuen Eigentümern' (Huffschmid 2009) suggeriert wird, unmittelbar durch externe Akteure wie Fondsmanager oder Großaktionäre vorgegeben, sondern obliegt dem Management. Zweifellos besitzt die Finanzmarktlogik aber erhebliche Durchschlagskraft. Für die IT-Branche kann festgehalten werden, dass viele Prinzipien finanzmarktorientierter Steuerung auch in Unternehmen Eingang gefunden haben, die nicht börsennotiert sind, was insgesamt auf eine branchenweite Durchdringung hindeutet.

An welchen Merkmalen lässt sich nun festmachen, inwieweit ein Unternehmen eine finanzmarktorientierte Steuerungslogik aufweist? Fasst man die Befunde bisheriger Studien zusammen, so lassen sich Merkmale einer finanzoder kapitalmarktorientierten Unternehmensführung auf verschiedenen Ebenen beobachten: (1) der Ebene der Unternehmensziele, (2) der Steuerungskennzahlen, (3) der Strategie sowie (4) der Managementinstrumente, mit denen die Unternehmensstrategien umgesetzt werden sollen.

1. Unternehmensziele: Ein charakteristisches Kennzeichen finanzmarktorientierter Steuerung stellen nach Dörre/Brinkmann (2005) wie auch Faust et al. (2011) hohe Renditeziele dar. Diese bewegen sich nicht selten im Bereich über 20% und orientieren sich häufig an den Renditevorgaben des jeweiligen Branchenprimus. Faust et al. stellten in ihren Studien fest, dass in börsennotierten Unternehmen in zunehmendem Maße bestimmte Kapitalmarktverzinsungen erzielt werden müssen. Die Gewinnziele werden damit in finanzmarktorientierten Unternehmen häufig höher angesetzt als in Unternehmen mit traditionellen Produktionskennzahlen, die ihre Ertragsziele meist erfüllt sehen, wenn sie ‚schwarze Zahlen' im einstelligen Bereich erzielen. Im Unterschied zu Unternehmen mit traditionellen Steuerungskennzahlen stellt bei börsennotierten Unternehmen zudem die Erhöhung des Unternehmenswertes ein wichtiges Ziel dar.

2. Steuerungskennzahlen: Die Verwendung spezifischer Kennzahlensysteme kann als ein weiteres Merkmal finanzmarktorientierter Unternehmenssteuerung angesehen werden. In finanzmarktorientierten Unternehmen erfolgt die Messung der Ertragsziele häufig auf Basis sogenannter KPI-Kennzahlen („key performance indicator“). Hierbei handelt es sich um vom Unternehmen zu erreichende Leistungsgrößen wie Ergebniskennzahlen, Rentabilitätskennzahlen oder Liquiditätskennzahlen (Perspektive des Rechnungswesens), Projektstatus, Projektauslastung oder Qualitätskenngrößen (Perspektive des Managements), Kundenbeziehungskennzahlen, Kommunikationskennzahlen oder Preismanagement-Kenngrößen (Perspektive des Marketings) (vgl. Springer Gabler 2013).

Die enge Verzahnung des Erreichens der Key Performance-Indikatoren mit hohen variablen Gehaltsanteilen des oberen Managements, die an die gesetzten Ziele gekoppelt sind, gehört in diesem Zusammenhang zu einem weiteren Merkmal finanzmarktorientierter Unternehmensführung (vgl. Slomka/Haipeter in diesem Band; Dörre/Brinkmann 2005). Die Durchdringung der Unternehmenseinheiten mit ertragsorientierten Kennzahlensystemen – wie etwa der Fakturierungsquoten der Bereiche bis hin zu mitarbeiterbezogenen Ertragsmessungen – kann ebenfalls als ein mögliches Merkmal von Finanzmarktorientierung sein. Ein weiteres Anzeichen finanzmarktorientierter Kennzahlensteuerung stellt schließlich auch das Benchmarking mit Branchenwettbewerbern dar (Faust et al. 2011). Häufig werden dabei die Bereiche nicht nur einem internen Benchmarking-Prozess ausgesetzt, in dem ihr Beitrag zum Unternehmensertrag offengelegt wird; auch der Vergleich der Unternehmensbereiche mit Wettbewerbern gehört in vielen finanzmarktorientierten Unternehmen zur Steuerungslogik (vgl. Peters 2011).

3. Strategie: Aufgrund der starken Shareholder-Value-Orientierung, die am Prinzip einer schnellen Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, neigen finanzmarktorientierte Unternehmen häufig dazu, sich permanent auf den Abbau von Personalkosten zu fokussieren (vgl. Hertwig in diesem Band).

4. Managementinstrumente: Nach Kädtler (2009a) lassen sich in finanzmarktorientierten Unternehmen gehäuft Managementinstrumente finden, die zu einer systematischen Reduzierung von Personalkosten beitragen sollen. Dazu zählt etwa der Umbau des Unternehmens in Cost- und Profitcenter, die ihren Beitrag am Gewinn des Unternehmens ausweisen müssen und Center bezogene Renditevorgaben haben. Weitere genutzte Instrumente stellen Make-or-buy-Entscheidungen, der Abbau von nicht-wertschöpfenden Funktionseinheiten und ein kontinuierliches Cost-cutting dar. Bei letzterem werden Organisationseinheiten unabhängig von der Auftragslage Vorgaben zum Abbau von Personal gemacht. Auch das Off- und Nearshoring gehört gerade in der IT-Wirtschaft zu häufig genutzten Managementmethoden, um Personal in Unternehmensbereichen mit hohen Personalkosten einzusparen.

Einschränkend für diese Merkmalssammlung finanzmarktorientierter Managementinstrumente muss erwähnt werden (vgl. auch Faust et al. 2011), dass viele dieser Methoden auch bei anderen Ausrichtungen des Managements als Rationalisierungsmethoden genutzt werden. So ist beispielsweise die Reduzierung nichtwertschöpfender Produktionsbereiche auch ein zentraler Bestandteil des Konzeptes „Ganzheitlicher Produktionssysteme“ (GPS, vgl. Gerst 2012). Allein die Nutzung eines solchen Managementinstruments lässt folglich nicht den Rückschluss zu, dass es sich damit um ein finanzmarktorientiert gesteuertes Unternehmen handelt. Um von einer finanzmarktorientierten Unternehmensführung sprechen zu können, müssten folglich mehrere dieser Merkmale auffindbar sein. Folgende Tabelle fasst die Merkmale finanzmarktorientierter Steuerung im Überblick zusammen. Sie ist das Ergebnis einer Literaturanalyse (insb. Faust et al. 2011; Dörre /Brinkmann 2005), dient für diesen Beitrag als Indikatorensammlung und stellt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Tabelle 1: Indikatoren finanzmarktorientierter Unternehmensführung

Indikatoren

Unternehmensziele

Erfüllung hoher Renditevorgaben

Erhöhung des Unternehmenswertes an der Börse

Steuerungskennzahlen

Verwendung finanzmarktbezogener Kennzahlensysteme

Internes und externes Benchmarking Messung von Ertragsanteilen bis auf die

Mitarbeiterebene (z. B. Vorgabe und Messung von Fakturierungsquoten)

Strategien

Personalkostenreduzierung als Strategie schneller Gewinnmaximierung

Managementinstrumente

Kontinuierliche Reorganisation Offshoring

Reduzierung nicht produktiver Bereiche Kontinuierliches Cost-Cutting

Abbau nicht wertschöpfender Tätigkeitsbereiche Kopplung variabler Entgeltanteile an Ertragsziele Make-or-buy-Entscheidungen

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass finanzmarktorientierte Formen der Unternehmensführung zunächst einmal eine neue Form der Rationalität des Wirtschaftens darstellen. Diese zeichnet sich durch eine veränderte unternehmerische Strategieausrichtung aus und agiert dabei zum Teil mit neuartigen Kennzahlensystemen und Instrumenten der Gewinnmaximierung.

 
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