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3 Finanzmarktrationalität und Gesundheit – Befunde und Erklärungsansätze

Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass Wissensarbeit in einem Sektor wie der IT-Branche beste Voraussetzungen für die Entfaltung und Weiterentwicklung individueller Kompetenzen und ein gesundheitsgerechtes Arbeitsumfeld bietet.

Geistig-schöpferische Tätigkeiten weisen in der Regel einen hohen Anregungsbzw. Autonomiegrad und arbeitsimmanente Lernanreize bei geringen physikalischen Belastungen auf (Hacker/Scheuch 2005). Sie finden meist in Teamarbeit statt und sind darüber hinaus auch gut dotiert im Vergleich zu anderen Tätigkeiten. Auch der Umstand, in eher finanzmarktorientierten Branchen zu arbeiten, bietet zunächst einmal keinen Anlass anzunehmen, dass die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich kritisch wären. Denn folgt man den theoretischen Annahmen finanzmarktorientierter Wirtschaftskonzepte, gelten gerade die hoch qualifizierten Wissensarbeiter in einem Unternehmen aufgrund ihres Know-hows als

„intellectual properity“ für ihr Unternehmen (Kädtler 2009a). Dieses gilt, Kädtler zufolge, als Ressource, die sich günstig auf die Unternehmensbewertung auswirken sollte. Daraus könnte geschlossen werden, dass Unternehmen ein Interesse haben, gerade dieses Humankapital in besonderem Maße zu pflegen und dessen Arbeitsfähigkeit auf Dauer zu erhalten.

Aus verschiedenen Forschungsprojekten ist allerdings bekannt, dass insbesondere im Bereich der hochqualifizierten Innovationsarbeit in den letzten Jahren das Ausmaß psychischer Belastungen und gesundheitlicher Beeinträchtigungen zugenommen hat. Ergebnisse des BMBF-geförderten Forschungsprojektes DIWA-IT zufolge weist etwa jeder Dritte IT-Beschäftigte Anzeichen psychischer Erschöpfung auf (Gerlmaier/Latniak 2011) und mehr als die Hälfte der Befragten arbeitet ständig an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit (Kämpf et al. 2011). Vergleichbare Befunde finden sich für IT-Fachleute auch im Rahmen von Befragungen zum DGB-Index „Gute Arbeit“ (z.B. Input Consulting 2008) sowie im Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz 2013. (BAUA 2013)

Insbesondere die wachsende Durchdringung der Unternehmen mit finanzmarktorientierten Steuerungskonzepten in Verbindung mit Internationalisierungstendenzen in der Branche wird dabei als Ursache für diese Entwicklung angenommen (Flecker 2005; Boes et al. 2012; Kädtler 2009b). Über die Art und Weise, in der sich die Ausbreitung finanzmarktorientierter Unternehmenssteuerungskonzepte auf die Arbeitsbedingungen und letztlich die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten auswirkt, gibt es im Wesentlichen zwei Erklärungsansätze: das Konzept der interessierten Selbstgefährdung und das der Arbeitsintensivierung durch neue Steuerungsansätze.

 
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