Arbeitsintensivierung als (unerwünschte) Nebenfolge finanzmarktorientierter Managementkonzepte

Ein weiterer Erklärungsansatz zum Zusammenhang zwischen finanzmarktorientierter Steuerung und der Gesundheit von Beschäftigten fokussiert die Ressourcenverknappung als Folge eines zunehmenden Shareholder-Value-Denkens in der Unternehmensführung. Es wird davon ausgegangen, dass es infolge des Shareholder-Value-Ansatzes in Betrieben zu einer (kontinuierlichen) Verknappung von Personalressourcen kommt und die damit hervorgerufene Arbeitsverdichtung dafür verantwortlich ist, dass psychische Beanspruchungen zunehmen (u.a. Kratzer et al. 2011). Ein solcher Zusammenhang zwischen Personalabbau, der damit verbundenen Ressourcenverknappung und der Zunahme von Arbeitsintensität erscheint zunächst einmal plausibel. Internationale Befragungen zur Qualität der Arbeit deuten darauf hin, dass seit Jahren die erlebte Arbeitsintensität und das Stresserleben gleichförmig steigen (u.a. European Foundation 2002). Auch die regelmäßig durchgeführten Betriebsrätebefragungen des WSI ergeben, dass die Betriebsräte in Betrieben mit finanzmarktorientierten Steuerungsformen und den damit verbundenen organisationalen Veränderungen wie Restrukturierungen, der Einführung von Profitcentern o.ä. von zunehmender Arbeitsverdichtung berichten (Ahlers 2011).

Fasst man die bisherigen Erklärungen und empirischen Befunde zu Effekten finanzmarkorientierter Steuerung und der Wirkung auf die Arbeits- und Leistungsfähigkeit von Beschäftigten zusammen, so geben beide genannten Erklärungskonzepte Hinweise auf einen empirisch nachvollziehbaren Zusammenhang. Inwieweit dieser jedoch kausal ist und nicht eventuell andere Effekte wie z. B. in der Person oder Umwelt liegende Faktoren eine Rolle spielen, bleibt bei den genutzten Forschungsdesigns unklar. Kratzer et al. (2011) betonen hier die Notwendigkeit weiterer Fallstudien zur Ergründung der Wirkzusammenhänge.

Ein solches Fallstudiendesign soll im Rahmen der nachfolgenden empirischen Untersuchung beispielhaft anhand zweier Unternehmensfälle aus dem ITBereich angewandt werden. Ziel ist es dabei zu überprüfen, ob die Nutzung finanzmarktorientierter Steuerungsinstrumente und Kennzahlen einen Einfluss auf das Beanspruchungserleben von IT-Spezialisten hat. In einem ersten Schritt wird dabei untersucht, welche Instrumente und Steuerungskennzahlen in den beiden Fallbetrieben vorzufinden sind. In einem zweiten Schritt wird dann überprüft, inwieweit Beschäftigte und Führungskräfte einen Zusammenhang zwischen der betrieblichen Nutzung finanzmarktorientierter Steuerungsinstrumente und der Entstehung psychischer Belastung (Intensivierungshypothese) sehen. Weiterhin wird darauf geachtet, inwieweit von gesundheitsgefährdendem Bewältigungsverhalten (These der interessierten Selbstgefährdung) als Folge finanzmarktorientierter Kennzahlensysteme oder Managementinstrumente berichtet wird. In einem dritten Schritt soll anschließend analysiert werden, ob sich in den beiden Fallunternehmen Unterschiede im Hinblick auf das Ausmaß psychischer Belastung, arbeitsbezogener Ressourcen und interessierter Selbstgefährdung finden lassen bzw. welche dieser drei Faktoren bedeutsam für die Stressentstehung sind.

Folgende Fragestellungen stehen bei der Analyse im Vordergrund:

Inwieweit schreiben Beschäftigte unterschiedlicher Unternehmensebenen finanzmarktorientierten Formen der Unternehmensführung in ihren Organisationen Effekte auf ihre Arbeitssituation (psychische Belastung, arbeitsbezogene Ressourcen) bzw. ihr Gesundheitsverhalten (interessierte Selbstgefährdung) zu?

Inwieweit unterscheiden sich die Unternehmen im Hinblick auf das Ausmaß psychischer Belastungen und arbeitsbezogener Ressourcen?

Inwieweit sind in den beiden Fallunternehmen Anzeichen interessierter Selbstgefährdung zu beobachten?

Gibt es in den beiden Unternehmen Unterschiede im Stresserleben und der Arbeitsmotivation?

Welche der beiden Faktoren „psychische Belastung“ oder „interessierte Selbstgefährdung“ tragen zur Stressentstehung bei?

 
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