< Zurück   INHALT   Weiter >

6 Diskussion

Im Rahmen der explorativen Fallanalyse stand die Fragestellung im Vordergrund, inwieweit finanzmarktorientierte Unternehmenssteuerungskonzepte einen Einfluss auf das Beanspruchungserleben haben. Zunächst wurde untersucht, welche Elemente finanzmarktorientierter Unternehmenssteuerung in den beiden Fallunternehmen zu beobachten sind. Obwohl beide Unternehmen sich in den Ertragszielen deutlich unterscheiden, greifen sie beide auf Instrumente der radikalisierten Personalkostenreduzierung zurück. Das börsennotierte Fallunternehmen A nutzt hierzu finanzmarktorientierte Managementinstrumente wie Costcutting, Nearshoring, kontinuierliche Reorganisation und den Abbau nicht wertschöpfender Bereiche. Dagegen realisiert das Fallunternehmen B die Einsparpotenziale über Altersteilzeitregelungen und eine rigide Einstellungspraxis. Beide Unternehmen nutzen wiederum finanzmarktorientierte Kennzahlensysteme, um ihre Organisationen zu steuern. In Tabelle 4 sind die Ähnlichkeiten und Differenzen der Unternehmensführung dargestellt:

Tabelle 4: Anzeichen finanzmarktorientierter Unternehmensführung im Fall A und B

Indikatoren

Fall A

Fall B

Unternehmensziele

Hohe Renditevorgaben Erhöhung des Unternehmenswertes an der Börse

Koppelung variabler Entgeltanteile an das Erreichen bestimmter Ertragsziele

Ja Ja

Ja

Nein Nein

Ja

Steuerungskennzahlen

Verwendung finanzmarktbezogener Kennzahlensysteme Internes und externes Benchmarking

Messung von Ertragsanteilen bis auf die Mitarbeiterebene (z. B. Vorgabe und Messung von Fakturierungsquoten)

Ja

Ja Ja

Ja

Ja Ja

Strategien

radikalisierte Personalkostenreduzierung

Ja

Ja

Managementinstrumente

Kontinuierliche Reorganisation Offshoring

Ja

Ja

Nein

Nein

Indikatoren

Fall A

Fall B

Reduzierung nicht

Ja

Nein

produktiver Bereiche

Kontinuierliches Cost-

Ja

Nein

cutting

Abbau nicht

Ja

Nein

wertschöpfender

Tätigkeitsbereiche

Make-or-buy-

Ja

Nein

Entscheidungen

Als Zwischenfazit lässt sich zunächst bestätigen, dass originär finanzmarktorientierte Elemente der Unternehmensführung auch in Unternehmen Eingang finden, die nicht an der Börse agieren. Für die weiteren Analysen war es von Interesse herauszufinden, ob sich in den beiden Fallunternehmen Zusammenhänge zwischen der betrieblichen Nutzung finanzmarktorientierter Steuerungsinstrumente und dem Beanspruchungserleben der Beschäftigten finden lassen.

Betrachtet man die Einschätzungen der Mitarbeiter und Führungskräfte des börsennotierten Fallunternehmens A, so bringen diese verschiedene psychische Belastungen mit den in ihrem Unternehmen praktizierten finanzmarktorientierten Managementinstrumenten in Verbindung. Ihrem subjektiven Empfinden nach liegen die Ursachen von hohem Zeitdruck unter anderem im systematischen Cost-Cutting zur Verminderung von Personalkosten. Mehrstellenarbeit infolge einer stärkeren Spezialisierung aufgrund von Standardisierungsbestrebungen wird ebenfalls als Ursache von erhöhtem Zeitdruck angesehen. Einen deutlich erhöhten Zusatzaufwand bringen sie mit dem Wegfall nicht produktiver Bereiche wie etwa Teamassistenten in Verbindung, die früher viele administrative Aufgaben übernommen haben. Auch das Nearshoring und eine stärkere Einbeziehung der Beschäftigten bei Controlling-Aufgaben beurteilen die Befragten in den Gruppendiskussionen als Quelle erhöhten Zusatzaufwandes. Neben verschiedenen psychischen Belastungen, die offenbar zu einer deutlich erhöhten Arbeitsintensivierung führen, berichten die Beschäftigten aber auch von Formen interessierter Selbstgefährdung. Sie verzichten auf Pausen, arbeiten am Wochenende und schreiben Arbeitsstunden nicht auf, weil sie sich wegen Krankheitszeiten oder Ermüdungssymptomen als nicht ausreichend ‚ertragreich' für das Unternehmen bewerten.

Neben einer Steigerung der Belastungen (Arbeitsintensivierung) betrachten viele Beschäftigte aber auch die ständigen Restrukturierungen als Ursache schwindender stressreduzierender Ressourcen. Der Verlust eines stabilen Sozialgefüges durch die Abwesenheit lokal ansprechbarer Führungskräfte wurde dabei als stark belastungsverstärkend erlebt.

Zusammenhänge zwischen den betrieblichen Unternehmensstrategien und dem Wohlbefinden der Beschäftigten fanden sich auch im Fall B. Die ambivalente Strategie, einerseits maßgeschneiderte Systeme von Kunden zu betreuen, andererseits trotz des damit verbundenen höheren Personalaufwandes ein günstiger Anbieter zu sein, führte dort zu erheblichen Belastungen. Diese beruhten unter anderem darauf, dass aus Kostengründen nicht ausreichend Personal zur Bewältigung der Aufgaben rekrutiert wurde. Dieses wäre unabdingbar, um die bestehenden Spezialisierungsrisiken zu vermeiden.

Die Beschäftigten erlebten resultierend daraus eine massive Durchmischung von Support-, Programmier- und Projektaufgaben, was wiederum eine deutliche Zunahme von Zeitdruck, Arbeitsunterbrechungen und Zusatzaufwand bewirkte. Besonders Beschäftigte, die einzelne Systeme alleine betreuen, wiesen häufig gesundheitsgefährdende Belastungsmuster auf. Die Strategie, über Personalverknappung die Kostenziele zu erreichen, behinderte so letztlich den Aufbau einer funktionalen und an die Unternehmensgröße angepassten Arbeitsorganisation.

Ein Unternehmensvergleich zeigt, dass die Beschäftigten im börsennotierten Fallunternehmen A im Vergleich zum eigentümergeführten Fallunternehmen B wesentlich mehr Zeitdruck und Lernbehinderung in der Arbeit erlebten, weniger Erholungsmöglichkeiten innerhalb und außerhalb der Arbeit angaben und ein höheres Maß an interessierter Selbstgefährdung zeigten. Im Fallunternehmen A konnten auch deutlich erhöhte Erschöpfungssymptome beobachtet werden, während sich die Beschäftigten in den beiden Unternehmen im Hinblick auf das aktuelle Stresserleben und die arbeitsbedingte Motivierung nicht voneinander unterschieden. Im Fallunternehmen B gaben die Beschäftigten im Vergleich zum Fallunternehmen A deutlich häufiger ungeplanten Zusatzaufwand und Arbeitsunterbrechungen als psychische Belastungen an. Interessierte Selbstgefährdung fand sich hier in deutlich geringerem Maße.

Die durchgeführten Regressionsanalysen zeigen darüber hinaus, dass im börsennotierten Fallunternehmen A andere Wirkfaktoren bei der Entstehung von Beanspruchung zum Tragen kommen als im Fallunternehmen B. Sicherlich können aus nur zwei Fallbeispielen keine generalisierbaren Aussagen über kausale Zusammenhänge abgeleitet werden. Jedoch zeigte sich in beiden Unternehmen, dass insbesondere die Nutzung finanzmarktorientierter Managementinstrumente sowohl in Zusammenhang mit der Entstehung psychischer Belastungen als auch selbstgefährdender Verhaltensweisen zu stehen scheint.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass in den beiden Fällen und unabhängig von den Eigentumsverhältnissen eine durchgängige Strategie der Ertragsverbesserung verfolgt wird, in deren Zentrum Personalkosteneinsparungen stehen. Die angewendeten Instrumente unterliegen nicht der gleichen Begründungslogik, erzielen aber mit einem die Arbeitsfähigkeit bedrohenden Ausmaß an Stress die gleichen, unerwünschten Nebenfolgen.

Die Frage, welche Mechanismen zwischen Unternehmenssteuerungskonzepten und gesundheitlichen Effekten bei den Beschäftigten wirksam sind, ließ sich nicht eindeutig klären. In den Gruppendiskussionen kamen in beiden Unternehmen sowohl Anzeichen von Arbeitsintensivierung wie auch von interessierter Selbstgefährdung zur Sprache, wobei Letzteres im eigentümergeführten Fallunternehmen B weniger berichtet wurde.

Vor diesem Hintergrund sind Analysen weiterer Fallunternehmen notwendig, um gesicherte und systematische Erkenntnisse zu diesem Zusammenhang zu erzielen. Allerdings deuten die zwei Fälle darauf hin, dass beide Wirkmechanismen ineinander zu greifen scheinen und sich gegenseitig verstärken könnten. So erzeugt Personalabbau unter Belegschaften nicht nur Mehrarbeit, sondern auch Ängste, bei der nächsten Entlassungswelle selbst betroffen zu sein. Besonders das aus der Finanzmarktrationalität entspringende Prinzip des kontinuierlichen Cost-cuttings scheint bei vielen IT-Beschäftigten subjektiv wirksame Ängste auszulösen und Formen interessierter Selbstgefährdung zu befördern. Boes et al. (2011) sprechen in diesem Zusammenhang von einem „System permanenter Bewährung“. Die Wirksamkeit dieses Mechanismus könnte wiederum begünstigen, dass objektive Belastungen infolge einer unzureichenden Personalbemessung oder gesundheitswidrigen Arbeitsorganisation ertragen werden, ohne Schutzrechte geltend zu machen.

Wann den modernen Wissensarbeitern in der heutigen digitalen Arbeitswelt auch einmal wieder Zeit zum Verschnaufen gegeben wird, bleibt abzuwarten. Neue Konzepte der Leistungsbemessung und Personalplanung wären ein fruchtbarer Ansatzpunkt, das intellektuelle Kapital in den Unternehmen besser vor dem Verschleiß und einer totalen Verausgabung zu bewahren, und so eine nachhaltigere Nutzung dieser wertvollen Ressourcen zu erzielen. Dies läge nicht allein im Interesse der Beschäftigten, sondern würde auch zukünftige Belastungen der Sozialsysteme angesichts steigender Quoten der Erwerbsunfähigkeit vermeiden helfen. Und betriebswirtschaftlich sinnvoll wäre es allemal…

 
< Zurück   INHALT   Weiter >