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Erschöpft, unterbezahlt und ohne Lobby – Beschäftigte in der Altenpflege

1 Einleitung

Die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind schlecht. Diese Feststellung allein hat heute keinen Neuigkeitswert mehr. In vielen Publikationen sind die Arbeitsbedingungen Pflegender analysiert worden (u.a. Berger/Zimber 2004; BGW-DAK 2006; Holtgrewe/Sardadvar 2012; Rothgang et al. 2011; Sardadvar et al. 2012; Theobald et al. 2013). Wer heute als Beruf „AltenpflegerIn“ angibt, dem ist das Mitleid, oftmals gepaart mit einem gewissen Unverständnis seiner GesprächspartnerInnen, gewiss (vgl. Kümmerling 2012a; Noelle/Goesmann 2009). In der stationären und in der ambulanten Altenpflege kommen viele der Arbeitsbedingungen zusammen, die unter dem Begriff „bad jobs“ subsumiert werden. Dies betrifft die Arbeitszeit (Dauer, Lage und Verteilung), physische und psychische Anforderungen, die Arbeitsintensität (Zeitdruck), die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten und nicht zuletzt das Einkommen. Vor diesem Hintergrund ist es zunächst nicht sonderlich erstaunlich, dass der seit Jahren drohende Pflegenotstand nun tatsächlich akut geworden zu sein scheint. Allerdings sind Fachkräftemangel und schlechte Arbeitsbedingungen bei gleichzeitig schlechter Entlohnung Komponenten, von denen man erwarten könnte, dass sie sich gegenseitig ausschließen: Die von der Einführung der Pflegeversicherung ausgelöste Verschiebung vom Nachfragemarkt zum Angebotsmarkt (IAW 2011, S. 236) und die Wahrnehmung, dass die eigene Qualifikation und Arbeitskraft ein knappes Gut darstellen, müsste die Verhandlungsmacht von Pflegekräften eigentlich erhöhen und mittelbis langfristig zu einer Verbesserung der Arbeitssituation führen. Vergleicht man jedoch die Ergebnisse früherer Untersuchungen zu den Arbeitsbedingungen von Pflegekräften mit denjenigen aktueller Studien, so lassen sich keine grundsätzlichen Veränderungen in dieser Richtung feststellen. Im Gegenteil, viel spricht dafür, dass die Verschiebung von einem Nachfragemarkt zu einem Angebotsmarkt paradoxerweise die Situation für die Beschäftigten noch verschlechtert hat (Slotala 2011; Theobald et al. 2013).

Warum nehmen Pflegekräfte ihre Verhandlungsmacht nicht wahr? Dieser Frage gehe ich im vorliegenden Aufsatz am Beispiel der ambulanten Altenpflege nach. In der Literatur werden bislang zwei Erklärungen angeboten: erstens mangelnde Mitbestimmungsstrukturen, und zweitens ein starkes berufliches Engagement, dem nur geringe (gesellschaftliche und individuelle) Wertschätzung gegenübersteht. Ich knüpfe im Folgenden an diese beiden Erklärungsansätze an, vertrete darüber hinaus jedoch die These, dass beide Komponenten ihre eigentliche Wirkung erst unter den Bedingungen des öffentlichen Diskurses über Sparzwänge und Finanznot entfalten konnten. Es sind diese für das Zeitalter des Finanzmarktkapitalismus typischen Legitimationsmuster, die dazu beitragen, dass die Folgen der mit der Pflegeversicherung verbundenen Kostendeckelung von den Beschäftigten als gegeben und unabänderlich interpretiert werden. Dabei machen sich Beschäftigte wie Arbeitgeber offensichtlich die Begründungszusammenhänge und Argumentationslogiken zu eigen, die Faust et al. (2011) in ganz anderen Wirtschaftsbereichen als kennzeichnend für finanzmarktorientierte Logiken herausgearbeitet haben. Als Folge dieser Übernahme von Begründungsmustern, die mit der eigenen Branche auf den ersten Blick nichts zu tun haben, werden die Bedürfnisse Dritter (der Klienten, der Arbeitgeber oder des Staates) über die eigenen gestellt und Alternativen zu der aktuellen Arbeits- und Beschäftigungssituation nicht mehr gedacht oder verhandelt[1].

Der Beitrag ist wie folgt strukturiert: In Kapitel 2 werden zunächst die Rahmenbedingungen der ambulanten Altenpflege, wie sie durch die Pflegeversicherung abgesteckt werden, beschrieben und der Bezug zum Konzept „Finanzmarktkapitalismus“ hergestellt. Es wird aufgezeigt, dass die Pflegeversicherung nicht nur einen operativen Rahmen bildet, sondern mehr noch ein komplexes logisches Begründungsgefüge darstellt (Kädtler 2009), das Ansprüche nicht nur der betroffenen Pflegebedürftigen, sondern auch der Pflegenden ordnet und regelt. Somit wird die Logik der Pflegeversicherung zum Rahmen eines branchentypischen Narrativs[2]. Die darauf folgenden Abschnitte befassen sich mit der Entwicklung der Beschäftigtensituation und den Arbeitsbedingungen in der Altenpflege vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels. In Kapitel 3 kommen die Beschäftigten selbst stärker zu Wort. Es werden die Mechanismen aufgezeigt, die dazu führen, dass Pflegende trotz objektiv steigender Verhandlungsmacht weiterhin schlechte Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten akzeptieren. Zum Abschluss des Beitrages wird die vor dem Hintergrund des Materials entfaltete These diskutiert.

  • [1] Die folgenden Analysen basieren auf drei Fallstudien, die im Rahmen des Projektes WALQING (walqing.eu) durchgeführt wurden. Die Fallstudien fanden in ambulanten Pflegeeinrichtungen unterschiedlicher Größe in Ost(1) und Westdeutschland (2) statt. Zwei der besuchten Unternehmen gehörten privaten Trägern, eines war freigemeinnützig. Auch die Betriebsgröße variierte. Der freigemeinnützige Anbieter gehörte mit rund 400 Beschäftigten zu den wenigen großen Anbietern in der ambulanten Pflege, bei den beiden privaten Einrichtungen handelte es sich jeweils um einen überdurchschnittlich großen Betrieb (ca. 100 Beschäftigte und einen kleinen Betrieb mit acht Beschäftigten). Insgesamt wurden 20 leitfadenbasierte Interviews mit Beschäftigten geführt, sieben Interviews mit dem Management und ein Gespräch mit einem Betriebsrat. Von den drei Fallunternehmen hatte nur das freigemeinnützige einen Tarifvertrag (Hausvertrag) und Betriebsrat. Zum Zeitpunkt der Befragung hatten alle Unternehmen Stundenlöhne vereinbart, die mindestens dem zum 1.8.2010 eingeführten Branchenmindestlohn entsprachen (zum Zeitpunkt der Befragung lag dieser bei 7,75 EUR in Ost- und 8,75 EUR in Westdeutschland). Keines der Unternehmen gab an, von der Mindestlohneinführung betroffen gewesen zu sein. Zusätzlich zu den Interviews mit in der Pflege Tätigen wurden noch vier Interviews mit Vertretern von Gewerkschaften (2), kirchlichen (1) und Arbeitgeberverbänden (1) geführt
  • [2] Zur Bedeutung von Narrativen für die Finanzmarktrationalität siehe Froud et al. (2006).
 
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