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2.2 Arbeitsbelastung und Beschäftigtensituation in der ambulanten Altenpflege

Die aktuelle Pflegestatistik des Statistischen Bundesamts zählt für das Jahr 2011 insgesamt 2,5 Millionen Pflegebedürftige im Sinne der Pflegeversicherung. Die überwiegende Mehrheit (70%) von ihnen wird zu Hause gepflegt, davon nimmt wiederum knapp ein Drittel die Unterstützung von Pflegediensten in Anspruch, zwei Drittel werden ausschließlich durch Angehörige unterstützt und gepflegt, wofür sie Pflegegeld erhalten. Dabei ist die Anzahl derjenigen, die zumindest teilweise durch einen Pflegedienst gepflegt werden, seit 1999 um 39% gestiegen. Hinsichtlich der Anteile jedoch haben sich im Zeitverlauf kaum Veränderungen ergeben (+ 2 Prozentpunkte zwischen 1999 und 2011 von 21% auf 23%, Statistisches Bundesamt 2001 und 2013, eigene Berechnungen).

Parallel haben sich jedoch deutliche Verschiebungen bei der Versorgungsstruktur ergeben. Kurz vor der Jahrtausendwende befand sich noch knapp jeder zweite Anbieter ambulanter Pflege entweder in freigemeinnütziger (47%) oder öffentlicher (2%) Trägerschaft. Etwas mehr als eine Dekade später befinden sich 63% der ambulanten Dienste in privater Trägerschaft, der Anteil der freigemeinnützigen liegt bei 36%, während sich der Anteil öffentlicher Träger weiter verringert hat und nur noch 1% beträgt. Der Rückzug der öffentlichen Träger ist dabei nicht Resultat eines Verdrängungswettbewerbs, sondern kann durchaus als politisch intendiert interpretiert werden (Rothgang 1997).

Zu dem Tätigkeitsfeld von Pflegekräften gehören die grund- und behandlungspflegerische Versorgung, hauswirtschaftliche Leistungen sowie die von allen Gesprächspartnern beklagten und stark anwachsenden Dokumentationsanforderungen („Was nicht dokumentiert ist, ist auch nicht geschehen“, Aushang in einem privaten Pflegeunternehmen). Untersuchungen belegen immer wieder, dass Pflegende unter starken physischen und psychischen Belastungen leiden (Simon et al. 2005; Zellhuber 2003; Zimber et al. 2000)[1]. Starke physische Anforderungen in der ambulanten Pflege resultieren typischerweise aus der Situation, „Wind und Wetter ausgesetzt zu sein“ (Pflegehilfskraft eines gemeinnützigen Anbieters) und in der Wohnung der Pflegebedürftigen nicht immer geeignete technische Hilfen wie Pflegebetten oder Hebehilfen vorzufinden. Entsprechend leidet ein nicht unbeträchtlicher Teil der Pflegekräfte unter muskuloskelettalen Beschwerden (Knie, Rücken, Schultern). Zudem zweifeln fast drei Viertel der in der Altenpflege Beschäftigten daran, bis zur Rente durchhalten zu können (DGB-Index Gute Arbeit Sonderauswertung 2010). Auch die mentalen Belastungen speisen sich aus unterschiedlichen Quellen. Das Begleiten von Krankheit und Siechtum und die Tatsache, dass – anders als bei der Krankenpflege – nicht die ‚Gesundung' des Patienten das Ziel ist, wird insbesondere von jüngeren Beschäftigten oftmals als Belastung erlebt. Belastend wird auch der Umgang mit schwierigen, unzufriedenen und aggressiven Klienten (bzw. ihren Angehörigen) erlebt. Zudem erschweren demenzielle Erkrankungen Pflegebedürftiger zunehmend die Arbeit. Die tägliche Arbeit ist durch hohen Zeitdruck geprägt, der u.a. aus zu knappen Zeitvorgaben für Anfahrtswege, Durchführung der Pflege und Dokumentation entsteht. „Knappe Zeitvorgaben für die direkte Pflege, Arbeitsverdichtung und dauerhafte personelle Unterbesetzung lassen die Wahrnehmung von Zeitdruck zu einem stressauslösenden Faktor werden, wobei diese Wahrnehmung seit den 1990er Jahren zugenommen hat“ (Theobald et al. 2013, S. 41).

„Da bekommt man für die Morgentoilette 16 Minuten – und da muss ich das Badezimmer vorbereiten, den Kunden ins Badezimmer bringen, ihn ausziehen, waschen, ihn anziehen, eventuell Zähneputzen – und das in 16 Minuten. Und das soll Laienpflege schaffen! Dann kriege ich noch mal drei Minuten fürs Frühstückmachen bezahlt. Wie soll das gehen?“ (Pflegedienstleitung eines privaten Anbieters).

Arbeitsverdichtung und Zeitdruck führen dazu, dass nach Wahrnehmung der Beschäftigten oftmals nicht ausreichend Zeit für Bezugspflege bleibt, das heißt, dass vor lauter auszuführenden Tätigkeiten die eigentliche Pflege zu kurz kommt. Dies widerspricht in hohem Maße nicht nur pflegetheoretischen Inhalten, sondern auch dem professionellen Selbstverständnis der Beschäftigten und führt zu kognitiver Dissonanz bei den Befragten. Zudem zeigen die Ergebnisse einer quantitativen Befragung von Pflegekräften in ambulanten und stationären Einrichtungen, dass bezahlte oder unbezahlte Überstunden bzw. die Verkürzung oder der Ausfall von Mittagspausen (mindestens einmal pro Woche) ungefähr bei jedem zweiten in der Pflege Beschäftigten vorkommen (Theobald et al. 2013,

S. 75; zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Bispinck et al. 2012, S. 22). Insgesamt gesehen fordert die Pflegetätigkeit ein nicht unbeträchtliches Ausmaß an arbeitgeberinduzierter Flexibilität von den Beschäftigen. Diese Flexibilität betrifft auch die Arbeitseinsätze, weil aufgrund vieler Krankheitsausfälle Dienstpläne häufig erst kurzfristig erstellt oder verändert werden. In der Folge sind

„Arbeit auf Abruf“, ungeplanter Schichtwechsel, geteilte Dienste und Überstunden weit verbreitet (Hieming et al. 2005). Kennzeichnend für die Tätigkeit in der ambulanten Altenpflege ist auch, dass die Beschäftigten regelmäßig mit unvorhersehbaren Ereignissen konfrontiert werden, die schnelle und spontane Reaktionen verlangen und vor dem Hintergrund streng regulierter Tätigkeitsinhalte den gesamten Tagesablauf durcheinanderbringen können.

Den Arbeitsbedingungen in der Pflege entsprechend weisen Pflegekräfte eine überdurchschnittlich hohe Anzahl Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) auf[2].Die Anzahl der Krankheitstage ist in der Altenpflege mit 19,6 Tagen sogar deutlich höher als in der Krankenpflege (16,7 AU-Tage). Zum Vergleich: Die durchschnittliche Anzahl der Krankheitstage aller abhängig Beschäftigten liegt bei 11,8 Tagen (Kumbruck 2012, S. 13; BGW 2007). Wie verschiedene Untersuchungen zeigen, hat sich der Gesundheitszustand der Beschäftigten mit Einführung der Pflegeversicherung signifikant verschlechtert (Zimber et al. 2000, zit. n. Theobald 2013, S. 42)[3]. Entsprechend fallen die subjektiven Beurteilungen zur Arbeitsbelastung von Beschäftigten in Pflegeberufen in wichtigen Kategorien schlechter aus als im Durchschnitt aller Beschäftigten. Beschäftigte in der Pflege bewerten ihre Arbeit als stressiger als Beschäftige insgesamt und geben deutlich

häufiger die Antwort, dass sie „geistig bzw. psychisch erschöpft nach Hause“ kommen bzw. körperlich erschöpft sind (Bispinck et al. 2012, S. 23)[4].

  • [1] Im Mittelpunkt dieser wie auch anderer Studien steht Personal in der stationären Pflege. Eine aktuelle quantitative Untersuchung von Theobald et al. (2013) zeigt, dass Beschäftigte in der stationären Pflege stärkere Belastungen berichten als Pflegepersonal in der ambulanten Pflege. Zudem verteilen sich die Belastungen unterschiedlich nach Qualifikationsgruppen. Körperliche Belastungen werden vor allem von Geringqualifizierten und Pflegehelfern berichtet (Kümmerling 2012b)
  • [2] Dabei ist zu beachten, dass das Durchschnittsalter von Pflegebeschäftigten überdurchschnittlich hoch ist, was zusätzlich zu der hohen Anzahl Krankheitstage beitragen kann
  • [3] In diesem Sinne beurteilte eine ostdeutsche Befragte die Effekte der Einführung der Pflegeversicherung auf ihre Arbeit als dramatisch stärker als die mit der Wiedervereinigung verbundenen Auswirkungen (Kümmerling, 2012b).
  • [4] Vgl. hierzu auch die Ergebnisse von Fuchs (ohne Jahr), die in einer Sonderauswertung des DGB-Index „gute Arbeit“ fand, dass 52% der befragten AltenpflegerInnen ihre Arbeits- und Einkommensbedingungen als so stark belastend beschrieben, dass sie in die Kategorie schlechte Arbeit fallen nur 12% der Beschäftigten arbeiteten unter guten Arbeits- und Einkommensbedingungen. Zum Vergleich: Auf alle Arbeitsplätze bezogen entfallen in Deutschland 13% in die Kategorie „gute Arbeit“, 54% in die Kategorie mittelmäßige Arbeit und 33% in die Kategorie schlechte „Arbeit“
 
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