Auswirkungen der durch die Pflegeversicherung geschaffenen Rahmenbedingungen im Pflegealltag

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Pflege, wie sie durch die Pflegeversicherung und die Preisaushandlungen mit der Pflegekasse determiniert werden, sind den Beschäftigten in ihrer täglichen Arbeit immer präsent und im hohen Maße handlungsleitend. Dies gilt sowohl für Situationen, in denen Arbeit als nicht Teil des von den Klienten eingekauften Care-Pakets abgelehnt wird, und umso mehr für die Situationen, in denen ebensolche Arbeit ausgeführt wird, teils

„auf eigene Rechnung“ in der Freizeit, teils um den Preis eines erheblichen Zeitdrucks bei der Durchführung folgender Tätigkeiten. Dabei unterlaufen die Beschäftigten die wirtschaftlichen Interessen ihrer Arbeitgeber, die zur Steigerung von Umsatz und Gewinn darauf angewiesen sind, den Klienten zusätzliche Leistungspakete zu verkaufen. „Also es gibt auch manchmal Anforderungen, die die Klienten stellen, wo ich dann auch eigentlich sagen müsste, nee tut mir leid, da müssen sie ihre Kinder oder sonst wen fragen oder Leistungen dazu kaufen, irgendwas. Das gehört dann nicht in meinen Aufgabenbereich. Aber wenn dann mal die Birne kaputt ist, dann steige ich auch auf die Leiter, was wir eigentlich auch nicht sollen wegen Arbeitsschutz. Aber ich kann die Frau ja auch nicht im Dunkeln sitzen lassen. Also es, es muss jeder für sich selbst irgendwie so ein bisschen abwägen können” (Pflegehilfskraft eines gemeinnützigen Anbieters). Der Kleinteiligkeit der einzukaufenden Leistungspakete, die ebenfalls ein Resultat der Pflegeversicherung sind, steht dabei in diametralem Widerspruch zu einer am Klienten orientierten Bezugspflege (siehe zum besseren Verständnis beispielhaft die Vergütungsvereinbarung eines ambulanten Anbieters in BadenWürttemberg im Anhang). Aber nicht nur potenzielle zusätzliche Gewinne des Arbeitgebers werden damit unterlaufen, auch ein System, das auf einem durchaus strittigen, auf körperliche Bedürfnisse reduzierten, Pflegebedürftigkeitsbegriff basiert und quasi qua Gesetz unterfinanziert ist, wird damit manifestiert.

Die von nahezu allen Befragten als körperlich und mental belastend erlebten Arbeitsbedingungen wurden in den Interviews offen thematisiert. Zurückhaltender und deutlich weniger wertend waren die Äußerungen der Gesprächspartner jedoch hinsichtlich der Zufriedenheit mit der Bezahlung. Kommentare wie „Ich finde, wir verdienen alle zu wenig. Die sollten mal lieber uns mehr Geld geben, anstatt ständig die Diäten zu erhöhen, also ehrlich. Absolute Frechheit!“ (Pflegehelferin eines privaten Anbieters) haben in diesem Zusammenhang fast singulären Charakter.

Es zeigte sich in den Gesprächen, dass sich die Beschäftigten mit ihrer finanziellen Situation arrangiert, ihre eigenen Erwartungen und Ansprüche zurückgeschraubt und neue Vergleichsmaßstäbe entwickelt hatten. Bewertet wurde nicht mehr die absolute Höhe des eigenen Verdienstes, sondern das Gehalt im Vergleich zu dem, was man in anderen Einrichtungen bzw. der „Branche an sich“ erhalten könnte. Wobei der Vergleich in der Regel auf „Hörensagen“ beruhte, nicht auf einer systematischen Einschätzung der Zahlungsbedingungen im gesamten Sektor. Ein interviewter Betriebsrat äußerte sich so: „Genau, es gibt welche, die zahlen mehr, es gibt aber auch genug ambulante Pflegedienste, die weitaus weniger als wir zahlen. Und ich muss gestehen, auch da habe ich als Betriebsrat schon oft zu den Mitarbeitern gesagt, Mensch Mädel, es gibt viele, die zahlen weitaus weniger, also wir stehen schon gar nicht schlecht da. Aber natürlich, jeder Mensch möchte mehr Geld haben, gerade weil der Druck auch auf die Pflegekräfte immer steigt, und da möchten sie auch irgendwann mal was für sehen. Also das kann ich auch schon verstehen” (Betriebsrat eines gemeinnützigen Anbieters).

Unmutsäußerungen über die eigene Bezahlung und Situation finden häufig ihren Weg darüber, dass „die ganze Branche unterbezahlt“ sei, dass generell „zu wenig Anerkennung da“ sei und „dass es allen so gehe“. Zweifel dahingehend, dass der Betrieb mehr zahlen könnte, wenn er nur wollte, wurde dagegen zu keiner Zeit und auch nicht andeutungsweise geäußert.

Trotz der schwierigen Arbeitsbedingungen, des geringen Gehalts und teils familienunfreundlicher Arbeitszeiten zeigt sich der überwiegende Anteil der Beschäftigten zufrieden mit dem gewählten Beruf. Die Arbeit wird als sinngebend und wichtig angesehen. Dies zeigte sich in den eigenen Befragungen, spiegelt sich aber auch in quantitativen Erhebungen wider. In der Untersuchung von Theobald et al. (2013, S. 80) stimmten über 90% der Befragten der Aussage zu, dass die Altenpflege eine interessante und bedeutungsvolle Arbeit sei, knapp zwei Drittel der Befragten gaben an, „eine Menge von den Pflegebedürftigen zurückzubekommen“, rund 58% der Pflegenden im ambulanten Sektor berichteten, eine sehr hohe Wertschätzung von Pflegebedürftigen zu erfahren. Deutlich weniger (37%) gaben jedoch an, die gleiche Wertschätzung auch von den Angehörigen der Pflegebedürftigen zu erhalten.

 
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