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2 Generation, Herkunftsmilieu, Herkunftsfamilie

Uwe Böhnhardt wird 1977 in Jena (DDR) geboren. Sein Vater, Jahrgang 1944, ist Ingenieur. Seine Mutter, 1948 geboren, erlernt den Beruf einer Unterstufenlehrerin und arbeitet im Bereich der Sonderschulpädagogik. Uwe Böhnhardt hat zwei ältere Geschwister. Jan, der älteste Bruder, wird 1969 geboren, Peter, der zweitälteste Bruder, 1971.

Uwe Böhnhardt gehört einer Generation an, deren Angehörige zum Zeitpunkt ihrer Adoleszenz, die sie etwa zwischen 1992 und 1996 erleben, von den Erwachsenen sich selbst überlassen bleiben. Eltern, Lehrer und staatliche Akteure befinden sich infolge der Transformation der ostdeutschen Gesellschaft in einer Orientierungslosigkeit. Sie üben ihre Korrektivfunktion im Falle adoleszenzbedingter Normenüberschreitung nur eingeschränkt aus, weil sie selbst nicht wissen, was in der neuen Gesellschaft als richtig oder falsch gilt. Die Identitätsentwürfe der heranwachsenden Generation gestalten sich infolgedessen diffus. Während die sogenannte Wendegeneration (1970-1975 geboren) ihre Kindheit und Jugend vollständig in der DDR erlebt, was größtenteils noch eine Identifizierung als DDRBürger zur Folge hat, ist die Phase der primären Sozialisation bei der hier in Frage stehenden Generation fragmentiert. Jana Hensel, Jahrgang 1976, beschreibt sie in ihrem Roman „Zonenkinder“ als „zwittrige Ostwestkinder“, die im Verschwinden aufwuchsen, die weder Ostdeutsche noch Westdeutsche waren und deren Leben aus Abschieden und Brüchen, aber nicht aus Übergängen, bestand (Hensel, 2003, S. 74, 160). Die Generation Böhnhardts ist zu jung, um in das sozialistische System verstrickt gewesen zu sein und zu alt, um nichts mehr mit der DDR zu tun gehabt zu haben. Sie befindet sich damit in einer ähnlichen Lage wie ihre Großeltern nach dem Krieg, die den Nationalsozialismus zwar miterlebten, aber zu jung waren, um darin verwickelt gewesen zu sein (vgl. Bürgel, 2006, S. 171). Die sogenannte Flakhelfer-Generation kennzeichnet einen Habitus des äußerlichen Mitmachens bei innerer Gleichgültigkeit. Diese Indifferenz gegenüber gesellschaftlichen Erwartungen kennzeichnet auch die Generation Böhnhardts. Sie erlebt die Entund Abwertung ostdeutscher Biografien, die Deklassierung der Ostdeutschen zu Bürgern zweiter Klasse und den darauffolgenden Rückzug ihrer Eltern in eine romantisierte Ostalgie. Dieses einschneidende Erlebnis lässt ihnen eine pessimistische Grundstimmung zu eigen werden und erschwert ihnen die Ablösung aus der Herkunftsfamilie. Die Kinder der Einheitsverlierer rebellieren nicht gegen ihre niedergeschlagenen Eltern, sondern solidarisieren sich mit ihnen. Ihr Generationshabitus der Indifferenz bedeutet für die Eröffnung und Schließung zukünftiger Handlungsräume eine schwache pflichtenethische und solidarische Bindung an die staatsbürgerliche Gemeinschaft.

Die Eltern von Böhnhardt sind Bildungsaufsteiger ins sozialistische Establishment. Die Mutter gehört als Lehrerin dem (bürgerlich-) humanistischen Untermilieu an, welches durch Tugenden der protestantischen Ethik, durch gesellschaftliche Verantwortungsübernahme, Familienund Traditionsbezogenheit und eine stark ausgeprägte sozialistische Grundhaltung gekennzeichnet ist (vgl. Hofmann 2010, S. 11). Der Vater ist dem technokratischen Untermilieu angehörig. Effizienzund Erfolgsorientierung, Streben nach Perfektion und ein technokratisches Weltbild kennzeichnen dieses Submilieu (vgl. ebd.). Als Angehörige der sozialistischen Funktionselite fühlen sich die Eltern der DDR verpflichtet und verhalten sich deshalb bis mindestens in die 1980er Jahre äußerlich systemloyal. Zumindest für den Vater ist aufgrund seiner noch bürgerlichen Erziehung – er verlässt die Schule noch vor der grundlegenden Schulreform 1959 – und seiner Zugehörigkeit zur Schicht der ideologisch distanzierten technischen Intelligenz von einer nach innen gekehrten systemskeptischen Haltung auszugehen. Nach der „Wende“ bricht das Herkunftsmilieu der Eltern weg. Damit entfällt für Uwe Böhnhardt die privilegierte Chance, im Milieu der sozialistischen Elite zu verbleiben. Das sozialistische Establishment rekrutierte sich ab Mitte/Ende der 1960er Jahre zunehmend aus sich selbst (vgl. Geißler, 2008, S. 289).

Als Letztgeborenen kommt Uwe Böhnhardt in seiner Herkunftsfamilie die Position des Benjamins zu, der von hohen Erwartungen der Eltern weitgehend verschont bleibt und verwöhnt wird. Aufgrund des großen Altersabstands zu seinen Brüdern wächst er eher als ein Einzelkind auf. Die Geschwister sind für ihn weder Spielkameraden noch Konkurrenten, sondern tendenziell Identifikationsund Bezugspersonen.

 
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