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2 Ausgangspunkt Gesundheit

Das Thema Gesundheit betrifft jedes Unternehmen und jeden Beschäftigten. Die Diskussion um den demografischen Wandel und seine Auswirkungen auf Gesellschaft, Staat und Wirtschaft tragen zur wahrgenommenen Relevanz des Themas bei. Für die Beschäftigten geht es beim Erhalt ihrer Gesundheit auch um die Nachhaltigkeit der eigenen Arbeitsfähigkeit und damit um ihre beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten. Für die Verantwortlichen in den Betrieben geht es um den Erhalt der Leistungsfähigkeit der Beschäftigten sowie um die langfristige Bindung von Fachkräften, deren Kompetenzen und Know-how an das eigene Unternehmen. Hohe Krankenstände oder der Verlust von betrieblichem Fachwissen z. B. durch Frühverrentungen schlagen sich negativ auf die wirtschaftliche Leistung eines Unternehmens nieder. Die Gesundheit der Beschäftigten ist somit nicht alleine aus ethischen Gründen relevant, sondern ist zudem ein wesentlicher Faktor im Wettbewerb, den es im Sinne der Nachhaltigkeit weiterhin zu erhalten und zu fördern gilt. Dies ist soweit Konsens in den öffentlichen Diskussionen (s. BMAS et al. 2013). Doch wie sieht es in der Realität aus?

Einerseits ist der Schutz der physischen Gesundheit mit Hilfe gesetzlicher Regelungen sowie der Initiativen von Berufsgenossenschaften, Unfallkassen und staatlichen Aufsichtsbehörden zu einem verbreiteten Element betrieblicher Arbeitsgestaltung und Entscheidungsfindung geworden. Physische Erkrankungen befinden sich daher auf einem relativ stabilen Niveau und die Anzahl von Arbeitsunfällen ist in der Tendenz seit Jahren rückläufig. Gewerkschaften und Betriebsräte konnten diese Entwicklung maßgeblich fördern, da der Betriebsrat durch das Betriebsverfassungsgesetz ein explizites Mitbestimmungsrecht bei Themen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes hat. Andererseits ist der Umgang mit der in den Medien, in der Politik, aber auch in den Unternehmen viel diskutierten psychischen Gesundheit häufig mit Unkenntnis bis hin zu Verharmlosung und Ignoranz gekennzeichnet. Betriebsräte und Führungskräfte berichten übereinstimmend von Unsicherheit im Umgang mit psychischen Belastungen sowie über eine generell eher geringe Bedeutung des Themas, was dazu führt, dass in den Unternehmen nur wenige Ressourcen für die Prävention psychischer Beanspruchung zur Verfügung gestellt werden (Ahlers 2011; ESENER 2010). Dabei zeigen Auswertungen von Arbeitsunfähigkeitsdaten der Krankenkassen seit Jahren ein deutliches Ansteigen gerade der psychischen Erkrankungen (s. z. B. Meyer et al. 2014; DAK 2014). Die Anzahl entsprechender Arbeitsunfähigkeitstage nehmen mittlerweile in den Statistiken der Krankenkassen die zweithöchsten Werte nach Muskel-Skelett-Erkrankungen ein (s. z. B. DAK 2014). Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin schätzt die volkswirtschaftlichen Kosten aufgrund von psychischen Erkrankungen und Störungen auf 22,5 Milliarden Euro im Jahr 2013 (BAuA 2014).

Die möglichen Ursachen für das Ansteigen psychischer Erkrankungen sind vielfältig und nicht unbedingt ausschließlich auf die Arbeit zurückzuführen. Neue oder steigende Anforderungen im privaten Bereich – z. B. durch familiäre Belastungen wie Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen – aber auch ungünstige Konstellationen von Belastungen aus verschiedenen Lebensbereichen können zu psychischen Erkrankungen beitragen (Gerlmaier 2015). Zu bedenken ist dabei auch, dass es sich hierbei nicht um einseitige Wirkungsbeziehungen handelt, sondern Wechselwirkungen zwischen privaten und arbeitsbedingten Belastungen und Ressourcen vorliegen – im positiven wie im negativen Sinne (Pangert et al. 2015). So können beispielsweise Ressourcen aus der Arbeitswelt (u.a. strukturierte Arbeitsweise, Konfliktmanagement-Kenntnisse) einen positiven Einfluss im privaten Leben haben, Ressourcen aus dem privaten Lebensbereich können Belastungen im beruflichen Alltag bewältigen helfen, und Belastungen in einem Lebensbereich können sich negativ auf den anderen auswirken (z. B. familiäre oder berufliche Krisen).

Im Kontext dieser Wechselwirkungen spielen Arbeitsbedingungen eine wichtige Rolle bei psychischen Erkrankungen. Verschiedene Untersuchungen legen dies nahe (z. B. Angerer et al. 2014; de Lange et al. 2004). Eine Expertise zu psychosozialen Arbeitsbelastungen und Erkrankungsrisiken (Angerer et al. 2014) verdeutlicht den Einfluss arbeitsinduzierter psycho-sozialer Belastung auf psychische als auch physische Krankheiten und Beschwerden: Obwohl individuelle Prädispositionen und außerhalb der Arbeit liegende Ursachen in die Auswertungen eingeflossen sind, kann ein erheblicher Anteil nur mit arbeitsplatzinduziertem Stress erklärt werden. Angerer et al. (2014) kommen zu dem Schluss, dass „die Häufigkeit krankheitswertiger psychosozialer Arbeitsbelastungen […] in einem Bereich von 20 bis 30 % [liegt]. Somit ist etwa jede vierte beschäftigte Person […] betroffen“ (S. 138 f.).

Arbeitsbedingungen und hier speziell die Arbeitsintensität, also die Arbeitsmenge, die in einer bestimmten Zeit zu erledigen ist, hat einen nicht unerheblichen Einfluss auf die psychische Gesundheit von Beschäftigten (z. B. Angerer 2014). Bei einem weiteren Ansteigen der Arbeitsintensität ohne eine Anpassung der Arbeitsbedingungen und insbesondere der verfügbaren Ressourcen kann daher von einer Zunahme psychischer Beeinträchtigungen ausgegangen werden. Auch wenn der individuelle Nachweis eines kausalen Zusammenhangs zwischen Arbeitsintensität und Gesundheit schwierig ist und auch aufgrund außerhalb der Erwerbsarbeit liegender Einflüsse nicht in jedem Einzelfall zutreffend sein muss, so ist die empirische Evidenz der ermittelten Zusammenhänge nicht von der Hand zu weisen (z. B. Angerer et al. 2014).

 
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