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5.4 Begründungsordnungen

Mit welchen Begründungen legitimieren die betrieblichen Akteure die Erfolgsentgelte? Welche Rolle spielt dabei das Begründungsmuster der Finanzialisierung? Die Interessenvertretungen stellen, wenig überraschend, verteilungspolitische Begründungen in den Vordergrund. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn Erfolgsentgelte als Gegenleistung für materielle Konzessionen vereinbart werden oder damit übertarifliche Leistungen der Unternehmen abgesichert werden sollen. In diesen Fällen werden die Unternehmen von den Interessenvertretungen häufig ermahnt, ihre verbindlichen Verpflichtungen gegenüber den Beschäftigten auch einzuhalten. Diese verteilungspolitischen mischen sich aber zumeist mit leistungspolitischen Begründungen. So begründet bei Limousine der Betriebsrat die hohen Erfolgsentgelte mit zwei Argumenten: erstens, dass sich die Beschäftigten das Erfolgsentgelt durch ihre harte Arbeit und ihren Einsatz für das Unternehmen erarbeitet haben und dass es daher leistungsgerecht ist; und zweitens, dass es als Ausgleich für die Tarifabweichung bei der ERA-Einführung eine kompensatorische Leistung für den Verzicht ist, den die Belegschaft Jahr für Jahr hinnimmt. Auch bei PKW vermischen sich verteilungs- und leistungspolitische Begründungen. Dabei betonen die Betriebsräte im Falle schwacher Ergebnisse, dass die Ergebnisbeteiligung eine Kompensation für die unbezahlte Arbeitszeitverlängerung ist und dass sie deshalb nicht zu knapp ausfallen darf. In Phasen guter Ergebnisse hingegen legitimieren sie ihre Forderungen vor allem mit dem Arbeitsaufwand der Beschäftigten, der sich insbesondere in Mehrarbeit und Arbeit außerhalb des Rahmens der Normalarbeitszeiten ausdrückt.

Ähnliche Verknüpfungen gelten innerhalb der Leistungsbegründungen auch für input- und outputbezogene Begründungsmuster. Wenig überraschend stehen für die Unternehmen outputbezogene, und darunter wirtschaftliche und marktorientierte Begründungsmuster im Vordergrund, beispielsweise die Flexibilisierung und die Ankoppelung der Personalkosten an das Marktergebnis. Über diese Marktorientierung soll zugleich die Arbeitsleistung der Beschäftigten positiv beeinflusst werden. Diese Umdeutung der Leistungsbegründung von Outputin Inputbezug ist aber problematisch, und die betrieblichen Akteure sind sich dessen bewusst. In fast allen Fällen wird auch von der Personalseite die fehlende kausale Bindung zwischen Markterfolg und individueller Leistung beklagt. Zugleich wird nur bei Fahrzeug die Einführung der Erfolgsentgelte ausdrücklich in einen Rahmen der Finanzialisierung und Wertorientierung gestellt. In allen anderen Fällen spielt die Wertorienterung als Begründungsordnung zumindest für die Erfolgsentgelte – sehr wohl aber hingegen für die Entscheidungen über Investitionen – keine Rolle.

In den leistungspolitischen Begründungen der Interessenvertretungen dominiert eindeutig der Inputbezug. Erfolgsentgelte sind demnach dadurch legitimiert, dass sie den Aufwand widerspiegeln, den die Beschäftigten betrieben haben und der als entscheidend für den Markterfolg betrachtet wird. Dieses Argument spielt in allen Fällen eine große Rolle, in denen die Erfolgsentgelte nachverhandelt werden. Die Betriebsräte begründen Forderungen nach höheren Erfolgsentgelten damit, dass die Beschäftigten viel Aufwand durch Zusatzschichten oder hohe Taktgeschwindigkeiten betrieben haben und dass ihnen deshalb ein höherer Anteil an den Erfolgen zusteht, als er durch die Kennziffern eigentlich errechnet würde. Trotz der Existenz einer kollektiven Regelung, einer eindeutigen Kennziffer und einer mathematischen Formel für Berechnung der Höhe der Erfolgsbeteiligung bleibt das Erfolgsentgelt damit eine politisch umkämpfte Größe.

Die Begründungen der Betriebsräte sind insofern ambivalent. Auf der einen Seite sind sie eindeutige Unterstützer von Leistungsentgelten. Dies lässt sich als Ausdruck der Übernahme finanzialisierter Begründungsordnungen deuten und zeigt, dass diese auch unter den Interessenvertretungen inzwischen akzeptiert und ein unhinterfragtes Element ihrer Wirklichkeitsdeutungen sind. Dafür sprechen auch die Ergebnisse des Beitrags von Bromberg und Haipeter in diesem Band, die festgestellt haben, dass finanzwirtschaftliche Ziele und Begründungen auch bei Tarifabweichungen oder Konflikten um strategische Wettbewerbskonzepte nicht kritisch hinterfragt werden. Auf der anderen Seite aber vermischen die Betriebsräte die finanzwirtschaftlichen Begründungsmuster konsequent mit einem aufwandsbezogenen Leistungsbegriff, der nicht auf die Marktbewertung von Leistung, sondern auf die Arbeitszeiten oder die Arbeitsintensität abzielt. Ganz verlassen haben die Betriebsräte ihre traditionelle Sicht auf Leistung also nicht, und gerade die Vermengung beider Konzepte eröffnet Ansatzpunkte der Politisierung der Erfolgsentgelte im Betrieb.

 
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