Arbeitszeitstandards, Tarifverträge und Staat

Der Konflikt um die Arbeitszeit ist fast so alt wie der Kapitalismus, und die Verkürzung des Arbeitstages gehörte seit dem 19. Jahrhundert zu den identitätsstiftenden Anliegen der Gewerkschaftsbewegung. Stets ging es dabei um die Verankerung von Standards. Das Wort „Standard“ hat jedoch zwei unterschiedliche Bedeutungen. Es kann eine per Gesetz oder Tarifvertrag etablierte rechtliche Norm ausdrücken, die allein deshalb aber noch keine breit verankerte soziale Norm sein muss. Auch Letzteres – also eine im betrieblichen und häuslichen Alltag gelebte Praxis großer Teile der Gesellschaft – kann als Standard verstanden werden, und zwar im Sinne einer gesellschaftlichen Normalität. Wenn also zum Beispiel in Dokumenten der ILO von „Arbeitszeitstandards“ als „Begrenzungen der üblichen Arbeitszeiten“ (Lee et al. 2007) die Rede ist, wird implizit immer davon ausgegangen, dass gesetzliche Normen zu sozialen Normen werden, es mithin eine gesellschaftliche Übereinkunft darüber gibt, die gesetzlichen oder kollektivvertraglichen Normen als Richtschnur für die Alltagspraxis zu verwenden.

Diese Übereinkunft bedarf der Akteure. Dies sind zunächst natürlich die Tarifvertragsparteien, aber ebenso die vielen Arbeitgeber und betrieblichen Interessenvertretungen. Mitbedacht werden müssen solche sozialen Akteure wie kommunale Einrichtungen, die zum Beispiel mit Öffnungszeiten von Kindertagesstätten oder Fahrplänen des ÖPNV eine bestehende soziale Norm festigen helfen, aber auch deren Wandel fördern oder behindern können (Mückenberger 2000). Nicht zuletzt aber sind es Millionen von Haushalten, die sich auf eine bestimmte Arbeitszeitpraxis einstellen müssen. So wichtig deshalb die staatliche Intervention auch ist – sie muss einen sozialen Prozess auslösen oder unterstützen, an dem unzählige Akteure beteiligt sind, damit rechtliche zu sozialen Normen, also Normen zur Normalität werden. Wie wird aber ein rechtlicher Standard zu einem den Alltag prägenden Standard? Diese Frage lässt sich am Beispiel des säkularen Übergangs zum Achtstundentag und zur 40-Stunden-Woche beantworten.

Von der Norm zur Normalität

Der Achtstundentag gehörte zu den zentralen Forderungen der internationalen Gewerkschaftsbewegung in den Jahrzehnten vor dem 1. Weltkrieg, aber erst die politischen Erschütterungen und Revolutionen in vielen europäischen Ländern unmittelbar nach dem Krieg brachten den Durchbruch zu seiner gesetzlichen Verankerung als Normalarbeitstag. Mit geringerem Aufwand als einer Revolution war dies offenbar nicht durchsetzbar. Es dauerte dann aber noch Jahrzehnte, bis diese Norm in der Alltagspraxis großer Teile der Wirtschaft verankert war (zur Analyse dieses Prozesses in Deutschland vgl. Deutschmann 1985; zu Frankreich vgl. Lallement 2003 und Fridenson/Reynaud 2004; zu Großbritannien und Frankreich vgl. Cross 1989).

Diese schrittweise Verallgemeinerung wurde im Wesentlichen von drei Kräften vorangetrieben: Grundlegend war der anhaltende politische Druck der Arbeiterbewegung, gespeist aus dem Bedürfnis, „einen klaren Trennungsstrich zwischen Arbeit und persönlicher Sphäre zu ziehen, die Arbeit aus dem Leben so auszuklammern, dass vom Leben auch noch etwas blieb“ (Deutschmann 1985, S. 197). Unterstützt wurde dies auch durch öffentliche Einrichtungen des Arbeitsschutzes, die auf die negativen gesundheitlichen Folgen langer Arbeitszeiten aufmerksam machten. Die politischen und sozialen Konflikte führten zunächst zu Kompromissen, dann im Zuge ihrer gesellschaftlichen Bearbeitung zu Symbiosen. Die „gewaltsame Verkürzung des Arbeitstages“, so formulierte es Marx (1968,

S. 432, 456) bereits im Zusammenhang mit dem Kampf um den Zehnstundentag, gab „der Entwicklung der Produktivkraft und der Ökonomisierung der Produktionsbedingungen“ einen „ungeheuren Anstoß“.

Unter dem Druck dieser „Gewalt“ entwickelte sich also – und dies war die zweite große Kraft – eine Wechselwirkung, die ihren prägnantesten Ausdruck im Taylorismus, der „wissenschaftlichen Betriebsführung“ der industriellen Massenproduktion fand. Der Achtstundentag wurde im 20. Jahrhundert der verbindliche Rahmen für die organisatorische und technische Rationalisierung von miteinander verketteten, hochgradig zerlegten und standardisierten Einzeltätigkeiten.

Drittens verkörperten die Bewegungen für (und Kompromisse über) den Achtstundentag stets auch die gesellschaftlichen Leitbilder ihrer Zeit. So waren in den meisten Ländern die Bewegungen für den Achtstundentag und die 40Stunden-Woche aufs engste mit dem in der Gesellschaft breit verankerten Ideal des Arbeiters verwoben, der ein Familieneinkommen erzielt, mit dessen Hilfe die von der Mühsal des Erwerbslebens befreite Ehefrau sich ungeteilt dem Haushalt und der Kinderbetreuung widmen könne. Dieses bürgerliche Leitbild findet sich bereits implizit in dem von dem britischen utopischen Sozialisten Robert Owen im frühen 19. Jahrhundert geprägten, ausschließlich die männliche Perspektive widerspiegelnden Slogan „Eight hours labour, Eight hours recreation, Eight hours rest“ (Cross 1989), und es wurde von der Arbeiterbewegung bis in die 1950er Jahre weitergetragen, als der DGB für die 40-Stunden-Woche mit dem bekannten Plakat „Samstags gehört Vati mir“ warb. So wurden der Achtstundentag und später die 40-Stunden-Woche zu tragenden Säulen des „Normalarbeitsverhältnisses“, in dem der männliche Alleinoder Hauptverdiener Leitbild des konservativen Wohlfahrtsstaats und Ankerpunkt für das System der sozialen Sicherung war.

Die Wechselwirkungen zwischen diesen politischen, wirtschaftlichen und sozial-kulturellen Grundströmungen fanden nach dem 2. Weltkrieg in der Durchsetzung der 40-Stunden-Woche und der „Erfindung des Wochenendes“ (Lallement 2003, S. 36) ihren Höhepunkt und Abschluss. Ermöglicht durch rasches Wirtschaftswachstum und politisch begünstigt durch den Kalten Krieg verlief dieser Prozess zumeist weniger konfliktreich als in früheren Jahrzehnten (Frankreich war hier eine Ausnahme – s.u.). Als besonders wichtig erwies sich die Symbiose von Massenproduktion und freiem Wochenende, von „Zeit und Geld“ für die Ausbreitung der „Konsumentenkultur“ (Cross 1993), die im „Goldenen Zeitalter“ des Nachkriegskapitalismus (Hobsbawm 1995) ihren Siegeszug begann. Anders als beim Achtstundentag setzte staatliche Regulierung bei der Durchsetzung der 40-Stunden-Woche zumeist nicht mehr die Wegmarke. Doch in etlichen europäischen Ländern vollzog sie die Etablierung dieses neuen gesellschaftlichen Standards zumindest nach und trug damit zu dessen Festigung bei (Hermann 2015).

Nachdem die 40-Stunden-Woche in den meisten (west)europäischen Ländern verankert war, erlahmte das gewerkschaftliche Drängen auf weitere Arbeitszeitverkürzungen. In vielen Ländern ist seit den 1980er Jahren die Konzentration der tatsächlichen (und teils auch vertraglichen) Wochenarbeitszeiten von Vollzeitbeschäftigten auf die 40-Stunden-Woche weitgehend unverändert, in den mittel- und osteuropäischen Ländern sowie in Portugal wurde dies in den zurückliegenden 20 Jahren nachvollzogen. Nur in wenigen Ländern wurden seitdem Arbeitszeiten unterhalb des 40-Stundenstandards für die ganze Wirtschaft vereinbart, häufiger waren sektorale oder gruppenspezifische Arbeitszeitverkürzungen (vgl. den Europa-Überblick in Lehndorff et al. 2010).

Das vorläufige Ende der säkularen Arbeitszeitverkürzung in Europa markiert aber zugleich den Beginn eines neuen Basistrends, der allmählichen Entstandardisierung, Ausdifferenzierung und Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Die erreichte Verbindung von Norm und Normalität wird dadurch gelockert und teilweise aufgebrochen.

 
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